9punkt - Die Debattenrundschau

Mit der Kraft der Verstörung

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.08.2026. Die Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa liest für die SZ im "Wörterbuch des Krieges" von grausigen Verbrechen innerhalb der russischen Armee. Irina Scherbakowa erzählt in der taz, wie in Russland die Kategorie der "Rechtlosen" wieder eingeführt wird. Der Politikwissenschaftler Monty Ott sucht in der FAZ nach einem linken Zionismus. Außerdem fordert die FAZ den Historiker Götz Aly auf zu erklären, warum er nun doch für ein AfD-Verbot wäre. KI regiert uns schon seit dem 18. Jahrhundert, behauptet Peter Sloterdijk im Tagesspiegel: Man nannte sie nur anders. Der neue Antisemitismus ist der alte Neid auf Juden, meint Michael Wolffsohn in der NZZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2026 finden Sie hier

Europa

Grausame Geschichten aus dem "Wörterbuch des Krieges" erzählt die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa in der SZ. Die Anthropologin Alexandra Archipowa und der Psychologe Jurij Lapschin haben es basierend auf rund 7000 Beschwerden russischer Soldaten und ihrer Angehörigen an die russische Ombudsfrau Tatjana Moskalkowa verfasst, erklärt die Autorin. Es geht um "Verbrechen gegen die Menschlichkeit innerhalb der russischen Armee selbst", um Korruption und Betrug. Die Zahl 0 steht im Armee-Jargon zum Beispiel dafür, vom eigenen Kommandanten umgebracht zu werden, oft weil dieser sich am Tod des Soldaten bereichern will: Es ist "eine ganze Industrie des Betrugs und der Erpressung entstanden - sowohl innerhalb der Armee als auch im zivilen Bereich. Aus dem Wörterbuch: 'Man könnte daraus eine Art 'Preisliste' rekonstruieren. Zum Verkauf steht: die Möglichkeit, nicht in den Sturmangriff geschickt zu werden, Urlaub, medizinische Versorgung, eine Versetzung ins Hinterland oder ein Platz im Bunker. Sogar ein Anruf nach Hause hat seinen Preis.' Viele Offiziere bevorzugen es, tote Soldaten auszurauben. Das ist einfacher, als sich mit Lebenden herumzuschlagen, die sich widersetzen oder sogar beschweren könnten."

In der taz erinnert Irina Scherbakowa von Zukunft Memorial an die Millionen "Lischenzy" (Rechtlose), denen nach der sowjetischen Verfassung von 1918 die Bürgerrechte entzogen worden waren. Und jetzt passiert es wieder: "Hundert Jahre später greift die Staatsduma auf diese Praktiken zurück. Zu den neuen 'Rechtlosen' erklärt sie jene Menschen, die ihr Vorsitzender Wolodin als 'Verräter' und 'Verbrecher' bezeichnete - politische Emigranten, die Russland verlassen haben, darunter solche, die das Justizministerium in das Register der sogenannten 'ausländischen Agenten' aufgenommen hat." Nach diesem neuen Gesetz "dürfen die Betroffenen weder kandidieren noch an Bildungs- oder Aufklärungsarbeit teilnehmen; ihre finanziellen Aktivitäten unterliegen staatlicher Kontrolle. Mit den verabschiedeten Änderungen kommt die weitreichendste Einschränkung der Rechte politischer Emigranten hinzu: Der russische Staat behält seine Jurisdiktion über die Betroffenen, entzieht ihnen jedoch nahezu alle Rechte, die mit der Staatsbürgerschaft verbunden sind."

Der Historiker Götz Aly hat lange einen Vergleich der AfD mit der NSDAP abgelehnt, weil er letztere verharmlose. Doch die "identitär-nationalistischen Obsessionen" der AfD lassen ihn inzwischen zweifeln, ob der Vergleich wirklich so weit hergeholt und ein Verbot der AfD nicht doch nötig sei, bekannte er kürzlich in einem Interview mit der FAS (unser Resümee). In der FAZ fordert ihn heute Karl Adam etwas herrisch auf, sich näher zu erklären: "Die erste umfassende Materialsammlung des Bundesamts für Verfassungsschutz wurde 2019 publiziert. Schon 2017 strengte die AfD selbst ein Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke mit dem Hinweis auf dessen 'übergroße Nähe zum Nationalsozialismus' an. Neu ist weniger das verfügbare Material als dessen Bewertung. Sollte Aly seine neue Einschätzung dauerhaft vertreten, wäre zu erwarten, dass er sie ebenso öffentlich erläutert wie zuvor seine skeptische Haltung gegenüber einem Parteiverbot. Gerade Stimmen seines wissenschaftlichen Gewichts prägen die politische Debatte."

Außerdem: In der taz schreibt Anita Kugler den Nachruf auf den Historiker Marģers Vestermanis, "der letzte Überlebende von Ghetto, KZ und Waldbrüderzeit in Lettland".
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Stichwörter: Aly, Götz, AfD-Verbot

Ideen

"Zionistisch zu sein, bedeutet nicht, die israelische Regierung zu unterstützen", stellt der Politik- und Religionswissenschaftler Monty Ott, der nach einer linken Deutung sucht, auf der Medienseite der FAZ klar. "In einer Welt, in der Massaker an Juden verübt werden, ist ein jüdischer Staat unverzichtbar. Doch es gilt zu verhindern, dass der 'revolutionäre Aspekt', dass das emanzipatorische Potenzial verloren geht. Und hier gehen die Meinungen in den zionistischen Bewegungen weit auseinander." Die einen träumten von "jüdischer Stärke" und Vorherrschaft, die anderen, Ott nennt sie "progressive Zionisten", denken über die Verantwortung nach, die mit einem jüdischen Staat einhergeht: "Verantwortung zu übernehmen heißt, sich kritisch mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen - ohne in paternalistische Haltungen gegenüber Palästinensern und Israelis zu verfallen, sondern nach Wegen zu suchen, wie jüdische Sicherheit und palästinensische Selbstbestimmung zusammengebracht werden können."

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Im großen Interview im Tagesspiegel, ursprünglich erschienen im Handelsblatt, unterhalten sich Hans-Jürgen Jakobs und Sven Prange mit Peter Sloterdijk über sein im Frühjahr erschienenes Buch, Donald Trump, die Apokalypse und KI: "Eine meiner Thesen lautet, dass die KI bei uns ja schon seit dem 18. Jahrhundert regiert. Man hat sie damals nur anders benannt: Bürokratie. Alexis de Tocqueville verdankt man den Nachweis, dass die bürgerliche Revolution lediglich die Tendenz des alten Staates vollendet hat, sich selbst allgegenwärtig zu machen. Nach der Revolution konnte er um ein Vielfaches besser durchgreifen als zuvor, er war nun bis hinunter ins kleinste Dorf präsent. Plötzlich waren die Polizei und die Steuerbehörden überall um die Ecke. Die ältere KI regierte im Modus von staatlichen Institutionen. Über dieser Basis stocken wir eine weitere Stufe auf. Und plötzlich sehen wir uns selbst und unsere Seelen im Spiegel und fühlen uns anfangs nicht recht wohl. Irgendwann lesen wir einen KI-generierten Entwurf, den ein Computer im Nu ausspuckt, und geben zu: 'Das könnte fast von mir selbst stammen.'"

Auf den Geisteswissenschaftenseiten der FAZ schreibt Mathias Meyer über die Philosophie der Kunst, die Albert Camus beim Nachdenken über die Todesstrafe entwickelte. Die Todesstrafe setze für Camus "absolute Wahrheit" voraus, über die niemand verfüge. Das habe Folgen auch für die Kunst: "Anders als der religiöse oder politische Prophet kann der Künstler gerade kein unbedingtes Urteil abgeben, denn dann würde er 'ohne Abstufung die Wirklichkeit in Gut und Böse aufteilen', wie Camus 1959 in Uppsala sagte. Der Künstler ist nicht Richter, sondern Rechtfertiger, 'der unermüdliche Fürsprecher des lebendigen Geschöpfes, eben weil es lebendig ist'. Er ist 'Zeuge des Fleisches, nicht des Gesetzes', und damit auch der Verletzlichkeit, der Schmerzfähigkeit des Menschen, weshalb der Schritt zum Mitleid naheliegt." Entsprechend gebe sich Camus literarisches Werk "als eine Poetik der offenen Relativität zu erkennen, die sich mit der Kraft der Verstörung gegen ideologische Fixierungen wendet".
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Wissenschaft

Der Tod des Autors, den Erik Schilling heute in der FAZ schon für die Literatur prophezeit (siehe efeu), droht auch in der Mathematik, berichtet Ulf von Rauchhaupt, ebenfalls in der FAZ. Schuld ist natürlich auch hier KI. Anfang Juni haben nun rund 3.400 Mathematiker die "Leiden Declaration on Artificial Intelligence and Mathematics" veröffentlicht, die fordert, dass nur Menschen für mathematische Leistungen Anerkennung bekommen sollen. Das überzeugt Rauchhaupt nicht, er plädiert für eine kreativere Reaktion: Gewiss, "das trickreiche Ersinnen eleganter Beweise für wichtige Theoreme", könnte bald ganz die KI übernehmen, ähnlich erging es früheren Mathematikern mit dem Rechenschieber. Aber Beweisführung ist ja nicht alles: "Im schöpferischen Entwickeln neuer, potenziell fruchtbarer Konzepte, über die sich erst etwas vermuten lässt, was dann zu beweisen wäre, darin sind die KI-Systeme bislang noch nicht auffällig geworden."
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Gesellschaft

"Jeder Jude wird in eine seit rund 2.500 Jahren bestehende und seitdem ständig aktualisierte, hochgehaltene Bildungstradition und -infrastruktur hineingeboren", erklärt Michael Wolffsohn in der NZZ, während er sich Gedanken über die aktuelle Antisemitismus-Welle macht. In der Tora ergehe "an jeden Juden die strikte Anweisung, die eigenen Kinder (im Text: Söhne) in der Tora zu unterrichten. Hierfür muss jeder lesen und schreiben können. Das ist der Ursprung der Breitenbildung im Volk Israel. Viel früher und weitaus umfassender als bei anderen Völkern." Die "Folge als Karikatur: Alle jüdischen Eltern erwarten, dass ihre Kinder entweder einen Nobelpreis bekommen oder zumindest nobelpreisverdächtig werden. Dafür nehmen sie oft immense Opfer in Kauf. Das wiederum erklärt das im Vergleich zu (fast) allen Kollektiven historisch und gegenwärtig höhere Ausbildungsniveau der Juden sowie ihre Erfolge. Diese sind jeweils selbst hart erarbeitet und nicht Ergebnis göttlicher Erwählung. Aber sie erwecken den Neid der anderen, sprich: Antisemitismus."
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Geschichte

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In der SZ blickt Thomas Schuler auf die Geschichte des Juristen Martin Löffler, der "bis heute als liberaler Verteidiger der Pressefreiheit und Mitbegründer eines modernen, verfassungsorientierten Presserechts nach 1945" gilt. Löffler verteidigte den Verleger Rudolf Augstein in der Spiegel-Affäre und gewann, ein wegweisendes Urteil für die Pressefreiheit in einer einer Demokratie. Allerdings, die Biografie des Anwalts hat auch eine dunkle Seite, und die wurde lange verharmlost, erklärt Schuler mit Bezug auf den Historiker Daniel Siemens, der sich in einem Buch mit der Geschichte der SA auseinandersetzte: Löffler fungierte bei den Nürnberger Prozessen als Wahlverteidiger der SA: "Löffler sei, als er 1933 ein Rechtsanwaltsbüro eröffnet habe, selbst in die Reiter-SA eingetreten. 'In Nürnberg betrieb er also auch eine Verteidigung in eigener Sache.' Die Protokolle weisen Löffler zudem klar als Verteidiger der SA aus. Er habe die Bedeutung der SA so weit wie möglich heruntergespielt und laut Siemens versucht, 'das Gericht mit Zahlen zu beeindrucken, die niemand verifizieren konnte'. Höchstens zwei Prozent aller SA-Männer, so behauptete er, hätten an 'strafbaren, individuell zurechenbaren Handlungen teilgenommen", während die übrigen 98 Prozent sich "nichts zuschulden kommen lassen hätten'."
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