9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2026 - Geschichte

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"Forschung findet nicht auf einer Insel von autonomen Seligen statt, um die herum ein Meer des Bösen tobt", hält der Medizinhistoriker Volker Roelcke, der zu Hirnforschung im Nationalsozialismus forscht, im Zeit-Online-Interview fest. Renommierte Mediziner forschten damals vor allem im Bereich der Eugenik an Gehirnen und profitierten von der Euthanasie-Politik der Nazis: "Gehirne von kranken Menschen wurden auch vor dem Nationalsozialismus für wissenschaftliche Zwecke untersucht, allerdings erst nach dem Tod durch Krankheit oder Alter. Für die Forschung war deshalb der entscheidende, beschleunigende Schritt, dass von politischer Seite, aber mit Zustimmung relevanter Mediziner im Jahr 1939 entschieden wurde, psychiatrisch kranke und behinderte Menschen in großer Zahl töten zu lassen. Die Menschen wurden ermordet, und ihre Gehirne konnten zum frischen Forschungsmaterial werden. Als man Julius Hallervorden in der Nachkriegszeit nach diesem Umstand fragte, antwortete er, ihn habe nur die Qualität des Forschungsmaterials interessiert, nicht aber die Herkunft der Gehirne: 'Es gab wunderbares Material unter diesen Gehirnen'. Wir haben unserem Buch deshalb dieses erschütternde Zitat als Titel gegeben. Das ist die empirische Ethik eines deutschen Spitzenwissenschaftlers: Der Kontext war ihm egal."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2026 - Geschichte

Viel zu viele Studenten sind damals auf Maos Kulturrevolution reingefallen, die Millionen das Leben kostete, schreibt Arno Widmann in der FR. Widmann selber sei auf diese Versprechen hereingefallen und leistet nun Abbitte. "Ich bin Jahrgang 1946 (...) Jeder, der sich gegen eine Autorität wehrte, verdiente meine Unterstützung. Ich ging dem Betrug gewaltig auf den Leim. Die Kulturrevolution war die autoritärste Aktion, die es damals auf der Welt gab. Alles wurde Mao Zedong unterworfen. Nicht versteckt, nicht im Geheimen. Überall hingen Mao-Plakate. In jedem Winkel der Volksrepublik. In Millionen Ecken auch im Rest der Welt. Auch ich hatte eines in meinem Schlafzimmer. Ich hatte nicht einmal zwei Jahre zuvor Hannah Arendts 'Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft' begeistert gelesen. Und als ich die Bilder aus China sah, war ich nicht etwa blind, sondern hingerissen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2026 - Geschichte

Klaus Hillenbrand bespricht in der taz die Ausstellung "wir haben uns widersetzt, wie wir nur konnten" in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand - die Ausstellung ist dem Widerstand im Frauen-KZ Ravensbrück gewidmet. "Der Widerstand von Frauen in Konzentrationslagern ist nach der Befreiung lange kleingeredet worden. Den in Ravensbrück inhaftierten Frauen wurde in der DDR die 'Hingabe für die nächste Generation' zugeschrieben, nicht aber der Kampf gegen ihre Unterdrücker, so Andrea Genest, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte im ehemaligen KZ. Die Reduzierung auf die Mutterrolle wird dem Einsatz der Verfolgten nicht gerecht... Oft verbergen sich hinter dem großen Wort Widerstand vermeintlich kleine Aktionen. Doch das waren sie nicht. Unter den brutalen Haftbedingungen war jede noch so kleine Tat mit extremen Risiken verbunden. Dass sie trotzdem durchgeführt wurden, zeigt eindrücklich, dass sich diese Frauen nicht von ihren Peinigern bezwingen ließen." In Ravensbrück sind 28.000 Frauen ums Leben gekommen, so Hillenbrand.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2026 - Geschichte

Neulich atmete die deutsche Öffentlichkeit auf. Endlich schien der Anschlag auf das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde in München im Jahr 1970 geklärt. Sieben Bewohner, Holocaust-Überlebende, sind bei diesem Anschlag ermordet worden. Nachdem sich eine Zeugin vom Hörensagen gemeldet hatte, identifizierte die Polizei einen Rechtsextremisten, der vor einigen Jahren gestorben ist. Aber Wolfgang Kraushaar, der lange zu dem Fall recherchiert hat, ist sich im Perlentaucher sicher: "Der Fall Reichenbachstraße darf auch heute noch nicht zu den Akten gelegt werden." Er hält den von der Staatsanwaltschauft heute geschilderten Tathergang für äußerst unplausibel. Der Täter soll unmittelbar vor der Brandstiftung im jüdischen Altenheim einen Juwelierladen in der Nähe überfallen haben. "Nach Darstellung der Justizbehörde soll das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde bereits 15 Minuten nach dem erfolglosen Überfall auf das Juweliergeschäft in Flammen gestanden haben. Von der Entfernung her, die sich in nur wenigen Minuten zurücklegen lässt, wäre das durchaus machbar. Aber auch vorstellbar? Zunächst einmal dürfte es ziemlich unwahrscheinlich sein, dass jemand, der gerade von einem Überfall kommt und sich danach wohl schleunigst in Sicherheit zu bringen versucht, sich nun gleich in sein nächstes Abenteuer stürzt." Und "Nach allem, was den Ermittlern der damaligen Sonderkommission bekannt war... ist die Brandstiftung von langer Hand geplant gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2026 - Geschichte

In ihrer aktuellen Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im Deutschen Historischen Museum in Berlin stellen deren Präsident Raphael Gross und der die Ausstellung kuratierende Historiker Stephan Malinowski die Frage, ob sich nationalsozialistische und koloniale Gewalt vergleichen lassen. Methodisch ziele man auf die Unterscheidungsfähigkeit, erklärt Gross im FAS-Gespräch mit Andreas Kilb und Tania Martini: "Zwangsarbeit und extreme Formen der Ausbeutung finden wir in beiden Gewaltzusammenhängen. Dann gibt es aber Punkte, an denen die Parallelen aufhören. Die Ausstellung erzählt, wie etwa fünfzehnhundert Juden aus Rhodos gemeinsam mit der jüdischen Bevölkerung anderer griechischer Inseln noch im Sommer 1944 über Tausende von Kilometern per Schiff und mit Zügen nach Auschwitz gebracht werden, um dort ermordet zu werden. Dafür gibt es keine ökonomische, militärische oder wie auch immer geartete Erklärung außer dem schieren Vernichtungswillen." Und Malinowski ergänzt: "Mir erscheint der von Claus Leggewie geprägte Begriff des Extraktivismus hilfreich, um die koloniale Logik zu beschreiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2026 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Ekkehard Kraft daran, dass es Sklaverei auf der ganzen Welt lange vor dem westlichen Kolonialismus gab: "So kannte man sie auch auf der Arabischen Halbinsel schon vor der Entstehung des Islams im 7. Jahrhundert. Während der raschen Expansion strömte eine große Zahl Kriegsgefangener als Sklaven in das neu entstandene Großreich." Die meisten kamen übrigens aus Osteuropa. "Griechisch 'sklavos' beziehungsweise lateinisch 'sclavus' bezeichnete ursprünglich als Volksname die Slawen, bevor das Wort einen Bedeutungswandel durchmachte, der von den meisten europäischen Sprachen übernommen wurde. Selbst im Arabischen bezeichnete 'saqaliba' nicht nur - bis heute - die Slawen als Volksgruppe, sondern diente auch als Synonym für Sklaven. Der Sklavenhandel mit Osteuropäern lag anfangs in der Hand von Wikingern, später dann von Genuesen und Venezianern. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts führte das Khanat der Krimtataren, ein Vasallenstaat des Osmanischen Reichs, im Durchschnitt fast alle zehn Jahre große Menschenjagden und Plünderungszüge in den angrenzenden Gebieten durch, die bis weit in die heutige Ukraine und nach Polen führten. Bis zu zweieinhalb Millionen Osteuropäer wurden auf diese Weise vom Ende des 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in den muslimischen Raum verschleppt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2026 - Geschichte

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Die Welt veröffentlicht Briefe von Holocaustüberlebenden, die direkt nach  1945 geschrieben wurden - die Veröffentlichung basiert auf einem Band der Gedenkstätte Yad Vashem, der demnächst auf deutsch erscheint. Die Überlebende Syme Zosim Rysav schreibt am 13. Oktober an ihren Bruder: "Nadénko wir haben keine Mutter - sie ist vergast - das herrlichste u. göttlichste ist uns auf so bestialische Art genommen worden. Dann ging ich mit Fritz ab - u. zw. [und zwar] nach Auschwitz. Bei d. Ankunft wurden wir separiert - u. Fritz, der Mann den ich so unendlich liebte - lebt nicht mehr - vergast - - - (...) Ich kam auf d. lebende Seite - von Auschwitz wo man uns ganz kahl den Kopf abrasierte - Holzpantoffeln ohne Strümpfe, ohne Wäsche, nur in Häftlingskleidung, ohne Taschentuch - ohne Seife u. Handtuch, kurz nackt wie das Vieh wurden wir verschickt."
Stichwörter: Holocaust

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2026 - Geschichte

Nach Jahrzehnten der Verweigerung hat das Schweizerische Bundesarchiv Akten über Josef Mengele endlich freigegeben (unser Resümee) - aber nur zum Teil. So spät und dann auch noch unvollständig? In der NZZ ist Urs Hafner empört: "In seiner Medienmitteilung schreibt der Nachrichtendienst, er habe im Mengele-Dossier - so wenig wie möglich - geschwärzt, um 'Personendaten von früheren und heutigen Angestellten der Bundesverwaltung mit Bezug zum NDB und zu seinen Vorgängerorganisationen' zu schützen. Das klingt nach Respektierung der Privatsphäre und Achtung der Menschenwürde, doch faktisch zensuriert die Verwaltung historische Dokumente in ihrem Interesse: Das mögliche Fehlverhalten einstiger Mitglieder soll im Dunkeln bleiben. Dabei sind öffentliche Archive ja geradezu dafür eingerichtet worden, damit Bürger und Historikerinnen das Handeln früherer Amtspersonen überprüfen können. Das unterscheidet den liberalen Rechtsstaat vom Ancien Régime und von Regimen wie der DDR oder den USA unter Trump, der die Archive unter seine Kontrolle bringen will."
Stichwörter: Mengele, Josef

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2026 - Geschichte

Michael Rühle, einst hoher Nato-Funktionär, vergleicht in der FAZ auf der "Gegenwart"-Seite die Angriffe von Pearl Harbor und vom 11. September, mit nicht allzu viel Sympathie für die Amerikaner übrigens. In beiden Fällen hätten die Amerikaner "das Narrativ einer im Grunde unverschuldeten Opferrolle" verbreitet. Die meisten Publikationen zu den Ereignissen seien "verschwörungstheoretische Machwerke". "Während Pearl Harbor die Reaktion Amerikas - das militärische Niederringen des Angreifers - nahezu unausweichlich machte, war die Situation bei '9/11' eine andere. Die Mischung aus Angst, Patriotismus und dem Wunsch nach Rache ließ sich gegen einen gesichtslosen Feind nicht in gleicher Weise kanalisieren wie 1941. Die moralische Überhöhung der eigenen Ziele wie auch die Dämonisierung des Gegners sind fester Bestandteil des amerikanischen politischen Diskurses. Sie dienen dazu, einem außenpolitisch wenig interessierten Kongress und einer noch weniger interessierten Öffentlichkeit komplexe Sachverhalte in möglichst plakativer Sprache zu vermitteln."
Stichwörter: 11. September

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2026 - Geschichte

In der taz erinnert Irina Scherbakowa an den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei im August 1968 und die Niederschlagung des Prager Frühlings. In Russland wird die Erinnerung an der Prager Frühling allerdings immer unbequemer, schreibt sie: "Als zwei noch lebende Teilnehmer von 1968 zum 45. Jahrestag der Demonstration zu einer Gedenkaktion auf den Roten Platz gingen, wurden sie von der Polizei festgenommen. Zwar ließ man sie später wieder frei, doch es wurde klar, dass Proteste in Russland wieder gefährlich sind. Vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine wird der sowjetische Einmarsch in die Tschechoslowakei einer historischen Revision unterzogen. Im neuen Geschichtsbuch für Schulen heißt es, dass der Prager Frühling unter dem Einfluss des Westens stattfand und dass erst die Bedrohung des sozialistischen Lagers die sowjetische Führung zum Einmarsch zwang. Kein Ende der Geschichte."
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