9punkt - Die Debattenrundschau

Das ist Mediengold

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.08.2026. Die SZ gruselt sich vor den antiisraelischen "Vibeshifts" bei amerikanischen Demokraten und deutschen Linken. Die FAZ diagnostiziert einen Tea-Party-Moment bei den Demokraten. Die Zeit lernt aus dem Parteiprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt, dass diese den "Schuldkult" der Deutschen für eine "Identitätsstörung" verantwortlich macht. In der taz warnt Andreas Petrik, Professor für Politikdidaktik, vor linker Gewaltromantik. In der FR erzählt der Historiker Martin Sabrow, warum die DDR unbedingt eine Mauer bauen wollte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.08.2026 finden Sie hier

Politik

Der politische "Vibeshift" in der amerikanischen Linken, aber nicht nur dort, macht Claudius Seidl in der SZ fassungslos. Wie muss sich ein liberal gesinnter amerikanischer Jude angesichts der antiisraelischen Positionen bei den Demokraten heute eigentlich fühlen, fragt er und stellt fest, dass es keine Mitte mehr gibt. Donald Trump mag Israel noch unterstützen, "aber sein Lager, das rechte, all die Maga-Leute und Menschenrechtsverächter, von Elon Musk bis Steve Bannon, ist ein politisch so abstoßendes und dem Antisemitismus so aufgeschlossenes Milieu, dass sich die Hoffnungen der Liberalen (und eigentlich aller anständigen Menschen) auf jene Demokratische Partei richten, deren prominente Linke sich jetzt nicht einmal mehr zum Existenzrecht Israels bekennen wollen." In Deutschland ist es leider nicht anders, so Seidl: Der Linkspartei-Vorsitzende Luigi Pantisano sagt auf die Frage, wie er mit den Antisemiten in seiner Partei umgehe, dass er mit ihnen "ins Gespräch gehen" will, und spricht "über den Krieg, der am 7. Oktober in Israel begonnen hat und dann fortgeführt wurde von der rechtsextremen israelischen Regierung", ohne die Hamas auch nur zu erwähnen.

Unterdessen hat bei den Vorwahlen im Bundesstaat Michigan der linke Demokrat Abdul El-Sayed gegen die gemäßigte Demokratin Haley Stevens gewonnen. Es "war der bislang bemerkenswerteste Erfolg der propalästinensischen Bewegung", kommentiert Sofia Dreisbach in der FAZ. "Der Senatskandidat hatte gesagt, Israel solle nicht als explizit jüdischer Staat existieren. Er 'glaube nicht an ethnische Staaten' und schon gar nicht, dass Amerika solche Staaten unterstützen müsse." Ob El-Sayed eine Chance hat, wenn es gegen einen republikanischen Kandidaten geht? Das bezweifelt der politische Analyst Geoff Kabaservice, den Dreisbach befragt: Die Demokraten seien immer mehr zu einer "Partei der akademisch gebildeten, wohlhabenderen Wähler" geworden. Trotz seiner Fokussierung auf Sozialleistungen verdanke El-Sayed "seinen Sieg vor allem jenen Wahlbezirken, in denen mindestens ein Drittel der Erwachsenen einen Bachelor-Abschluss hat". Für Kabaservice erleben die Demokraten gerade ihren ganz eigenen Tea-Party-Moment.

Dass die Grenzen aufgehoben und die Nationalstaaten abgeschafft werden, gehört zu den Forderungen der linken Demokraten in den USA. Im Gegensatz dazu ist der Philosoph Kwame Anthony Appiah im Interview mit Zeit online ganz zufrieden mit der Art, wie die Welt organisiert ist: "Eine Welt, in der unterschiedliche Gesellschaften verschiedene politische Modelle ausprobieren und Macht nicht an einem einzigen Ort konzentriert ist, sondern innerhalb und zwischen Staaten verteilt bleibt. Solange diese Welt besteht, werden wir Grenzen brauchen, um die Bewegung von Menschen über sie hinweg zu regeln. Denn Staaten als politische Gemeinschaften beruhen auf Zugehörigkeit."
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Stichwörter: Demokratische Partei

Medien

Das New York Magazine feiert in seiner neuen Ausgabe Hipster, Unternehmer und Künstler aus SWANA (steht für Südwestasien und Nordafrika) in New York, die so sichtbar seien wie nie zuvor. Das ist erfreulich, auch wenn es der Artikel selbst nicht ist, meint Frauke Steffens in der FAZ. Laut Autorin Zaina Arafat gehört man nämlich nur dann zur SWANA-Community, wenn man auch die "richtige politische Haltung" hat und dazu gehört, klarer Fall, "dass Israel in Gaza einen Genozid begehe. ... Jüdische Israelis oder Juden aus SWANA-Ländern könnten deswegen nicht ohne Weiteres zur Community gehören" (es sei denn, sie outen sich als Antizionisten). "Anders als der Bürgermeister: Zohran Mamdani stammt weder aus Südwestasien noch aus Nordafrika, ist nach Arafats Kulturlehre aber 'tief verwurzelt' in deren Welt und deshalb 'SWANA adjacent'. Bei Israelis funktioniert diese Logik genau umgekehrt."
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Europa

Warum ist die AfD so auf das Bauhaus fixiert, fragt sich Jörg Lau in der Zeit und studiert, nach Antworten suchend, das Parteiprogram der AfD für Sachsen-Anhalt. Dort findet er eine große Erzählung über eine nationale deutsche Kultur, die durch Internationalismus (Bauhaus!) und "durch die 'Verewigung eines Schuldkomplexes'" von den Altparteien zerstört werde: "Paradoxerweise ist die AfD-Erzählung von den durch einen 'Schuldkult' niedergehaltenen Deutschen von Selbsthass durchzogen. Durch die AfD-Programmatik strömt Verachtung für das deutsche Volk in seinem jetzigen Zustand, lässt es sich doch von dunklen Kräften schwächen, die angeblich "jede positive Bezugnahme auf unsere reiche Geschichte vor 1933" tabuisieren... Man muss den radikalen Anspruch der AfD ernst nehmen, hier eine Art Schubumkehr ins Werk zu setzen: Die Integration der deutschen Verbrechensgeschichte in die nationale Identität durch sukzessive Phasen der Auseinandersetzung muss rückgängig gemacht werden. Die Vergangenheitsaufarbeitung wird zu etwas erklärt, das den Deutschen aufoktroyiert wurde und von dem sie befreit werden müssen. Nur dann, so der Mythos, kann das Land wieder Dynamik entfalten."

Bisher war Nigel Farage der Clown in der britischen Politik. Nun hat er in seinem Wahlkreis Clacton aus einem taktischen Manöver Neuwahlen angesetzt, und der einzige, der gegen ihn antritt, ist tatsächlich ein Clown, erzählt die schottische Autorin A.L Kennedy in der SZ. Er heißt Count Binface, und das ist wirklich so gemeint: "Ein Mann mit einem Mülleimer über dem Kopf? Das ist Mediengold, das eine Flut von Klicks garantiert. (Gott, dieses Land ist deprimierend.) 'The Bin' passt perfekt in den politisch-medial-industriellen Komplex Großbritanniens. Da tanzt jemand herein, der die Schwäche unserer politischen Klasse ausnutzt, indem er alternative Denkweisen aufzeigt. 'The Bin' scheint sich langsam als Farages Kryptonit zu entpuppen - sofern das Farage nicht zu sehr in die Nähe des Superheldenstatus rückt."

Hier ein Interviewausschnitt mit Count Binface.

Archiv: Europa
Stichwörter: Farage, Nigel, Kennedy, A.l.

Ideen

In der taz warnt Andreas Petrik, Professor für Politikdidaktik, vor linker Gewaltromantik - auch wenn er die Gleichstellung von linker mit rechter Gewalt ablehnt: "Die doppelte Brandmauer ist kein Hufeisen. Linksextreme Gleichheitsutopien jenseits von Stalinismus haben Schnittmengen mit Demokratie und Grundgesetz; rechtsextreme Ungleichwertigkeitsvorstellungen nie, selbst wenn sie gewaltfrei bleiben", meint er. Dennoch gebe es kein Recht auf Gewalt in einer Demokratie: Die sei "erst dort legitimierbar, wo demokratische Strukturen systematisch beseitigt werden und andere Abhilfe nicht mehr möglich ist. Solange demokratische Institutionen noch tragen, bedeutet politische Gewalt fast immer, dass eine Minderheit sich über den Mehrheitswillen hinwegsetzt. Sie produziert so keine Aufklärung, sondern die sektenartige Selbstbestätigung einer Avantgarde des objektiven Interesses. So verliert sie den Anschluss an die Gesellschaft, die sie aus guten Gründen verändern will."
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Geschichte

Vor 65 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut, 28 Jahre lang hat sie bestanden, die Mauer fiel vor 37 Jahren. Im Gespräch mit der FR schildert der Historiker Martin Sabrow den Kontext, etwa die volkswirtschaftliche Krise, die zur Entscheidung für die Mauer führte: "Sie zeigte sich drastisch am 1959 beschlossenen Siebenjahrplan, der abgebrochen werden musste, weil er vollkommen unrealistisch war. Infolge der Zwangskollektivierung, die 1960 in ihre letzte Phase eingetreten war, fielen die Ernteausfälle 1960 und auch 1961 dramatisch aus. Viele Bauern waren geflohen, Höfe wurden nicht mehr bewirtschaftet. Das führte zu Lebensmittelknappheit, zu Hamsterkäufen, und das Regime sah sich wirtschaftlich kurz vor dem Ende." Übrigens hatte Ulbricht schon seit Jahren in der Sowjetunion die Idee des Mauerbaus verfochten, so Sabrow: "Als er sie dann bekam, markierte Chruschtschows Zustimmung den Wechsel des Projekts Sozialismus von der Offensive in die Defensive. Sie bedeutete das Ende der Hoffnung, dass sich die DDR-Bevölkerung in der direkten und unmittelbaren Konkurrenz zum Westen zum Sozialismus erziehen ließe."

Ukrainische Nationalhelden sind komplizierte Leute. Christian Thomas versucht der staunenden Leserschaft der FR zu erklären, wer der Kosakenführer "Ivan Mazeppa (1639-1709) oder auch Masepa, ukrainisch jedenfalls Mazepa geheißen", war. Jahrelang diente er dem Zaren treu, doch dann lief er zu den Schweden über, auch weil der Zar die Kosaken und die Ukraine verachtete. "Mazepas Kosakenaufstand 1708, zudem seine Kollaboration mit dem Feind, ist mit solcher Treuepflicht gegenüber einer unabhängigen Ukraine erklärt worden. Überdies dürfte der Nimbus der schwedischen Armee, ihre ungeheure Schlagkraft, den Übertritt schmackhaft gemacht haben - umso überraschender die vernichtende Niederlage von Poltawa, im Juni 1709, einem für Russland wegweisenden Datum, für das von Peter ausgerufene 'Russische Reich', das in der Ukraine eine aggressive Russifizierung exekutierte." In der Frankfurter Oper steht demnächst Tschaikowskis Oper "Mazeppa" auf dem Spielplan, daher dieser Hintergrund.
Archiv: Geschichte

Wissenschaft

Der Fall des woken Mythomanen Jason Arday, den die Cambridge Universität trotz überdeutlicher Plagiate zum jüngsten schwarzen Professor kürte, wo er am pädagogischen Fachbereich als Experte für "Critical Race Theory" brillierte, fasziniert die Medien nach wie vor. Der Guardian berichtet über Schulkameraden, die behaupten, Arday habe entgegen seiner Behauptung schon vor dem Alter von zwölf Jahren gesprochen. Aber eigentlich kommt es gar nicht so sehr auf Arday an, sondern auf jene Professoren, die ihn möglich machten, meint Malcolm Clark in Spiked online, zum Beispiel auf seine Dekanin Hilary Cremin, die Arday nach Cambridge geholt hatte. Sie ist Anhängerin der "Friedenspädagogik" von Johan Galtung, der in seinen späten Jahren ein ausgewiesener Antisemit und Holocaustrelativierer war, so Clark. "Hat Cremin Anstalten gemacht, sich von Galtung zu distanzieren? Leider nein. Stattdessen wird in ihrem 2017 mitverfassten Buch 'Positive Peace in Schools', durchgehend auf ihn Bezug genommen, und zwar bereits ab dem ersten Satz. Jason Arday mag wie ein Fantast wirken, doch möglicherweise hat er uns unwissentlich einen Gefallen getan, indem er die Wahnvorstellungen offenlegte, die ganz oben im Elfenbeinturm als Erkenntnisse durchgehen." Von Galtung müssten sich allerdings auch manche deutsche Größen distanzieren, hier ein KI-Resümee über seinen Einfluss in Deutschland.
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Galtung, Johan