Einen Jahrestag haben die sonst so jubiläumsseligen Zeitungen in diesem Jahr verpasst: den weltweiten Streit um die
dänischen Mohammed-Karikaturen im Februar 2006. Vor etwas mehr als zwanzig Jahren also entstand ein Riesenaufruhr um diese eigentlich harmlosen Pressekarikaturen, weil sie von interessierten islamistischen Kreisen mit tatsächlich beleidigenden Zeichnungen (Muslime als Schweine) vermengt und in Umlauf gebracht wurden. Das europäische Publikum konnte sich damals
kein Bild von den dänischen Karikaturen machen, weil
keine Zeitung sie zu drucken wagte und kein Sender sie zeigte - mit zwei Ausnahmen in Deutschland, der
Welt und dem
Perlentaucher (
hier). Im folgenden Video kann man sehen,
welchen Schrecken die Drohung mit "blasphemischen" Zeichnungen bis heute auslöst, geschehen im
Debattierclub Oxford Union. Die Briten kriegen es noch hin, in solchen Formaten extreme Diskursgegner ins Gespräch zu bringen, etwa propalästinensische Studenten und rechtspopulistische Politiker, hier zur Frage, ob der Westen zurecht Verdacht gegen den Islam hege. Bei dieser Veranstaltung trat übrigens der konservative Politiker
Jacob Rees-Mogg als Verteidiger des Islams auf. Der rechtspopulistische Politiker Laurence Fox drohte, eine
Zeichnung zu zeigen - und sofort entstand im Saal
große Nervosität. Rees-Mogg machte den formalistischen Einwand, man dürfe bei solchen Debatten
keine Gegenstände ("props") zeigen. Gegen Ende der Szene zeigt er dann
ein Kreuz herum, als habe er es mit Leibhaftigen zu tun gehabt (
hier zu sehen).
Die Philosophieprofessorin
Sabine Döring kommt in der
FAZ nochmal auf die fast schon wieder begrabene Debatte zur
Leihmutterschaft zurück und antwortet auf Befürworter wie
Frauke Brosius-Gersdorf, der die Freiwilligkeit der Leihmutterschaft bereits ausreicht, um sie zu legalisieren. Aber nicht jede "freiwillige und informierte Selbstbindung" ist deshalb schon legitim, argumentiert Döring mit den Klassikern Harriet Taylor Mill und John Stuart Mill, die zum Beispiel eine
freiwillige Selbstversklavung ablehnten: "Das Prinzip der Freiheit könne nicht verlangen, dass der Einzelne die Freiheit erhält, seine künftige Freiheit aufzugeben. Die Selbstversklavung ist dabei kein isolierter Ausnahmefall, sondern veranschaulicht ein allgemeines Prinzip: Entscheidend ist, ob freiwillige Selbstbindung die
Bedingungen künftiger Selbstbestimmung untergräbt. Die dafür maßgeblichen Gründe seien offensichtlich noch viel weiterer Anwendung fähig, schreiben die Mills. Im deutschen Recht findet ein vergleichbarer Gedanke im Institut der Sittenwidrigkeit seinen Ausdruck."
Eine erstaunliche Nähe zwischen dem ökologischen Denken
Martin Heideggers und
Joseph Beuys'
beobachtet Klaus Englert in einem kleinen
taz-Essay - aber ist sie bei näherem Hinsehen wirklich so überraschend? "Für die außerparlamentarische Bewegung dürfte auch Martin Heidegger große Sympathien aufgebracht haben, mehr noch aber für eine Aktion, mit der Joseph Beuys 1982 auf der Documenta 7 in Kassel eine monatelange Debatte provozierte: '
7000 Eichen:
Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung'. Diese Aktion bediente eine nicht von der Hand zu weisende
deutschtümelnde Naturromantik. Ungewöhnlich für Beuys' Kunstaktion war die enge Zusammenarbeit von Behörden, Bürgervereinen, Landschaftsarchitekten und Kuratoren. Am Ende war es ein organisatorischer Kraftakt von erstaunlicher Breitenwirkung. Heideggers Gedanken zu einer ökologischen Philosophie, die sich mit denen von Beuys treffen sollten, entstanden in einer Zeit, als die Vorbereitungen zu Massenvernichtung und Krieg im vollen Gange waren. Um 1938 gehörte er zu den ersten Kritikern einer der kapitalistischen Wirtschaftsweise
inhärenten Verschwendungssucht, einer Mentalität, die nicht aufbauend, sondern primär nihilistisch und destruktiv ist."