Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2026. Zeit online denkt über die Exklusivität des "Mekka-Verteidigungspakts" nach. Der Sicherheitsexperte Peter R. Neumann erklärt in der SZ, warum Islamismus sowohl links als auch rechts ist. Die NZZ besucht in Korea buddhistische Hotspots der Partnersuche. Die taz fürchtet die neue Macht der Geheimdienste in Deutschland.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Peter R. Neumann, Professor für Sicherheitsstudien, antwortet in der SZ auf die Frage: Ist der Islamismus links oder rechts? Die Antwort: beides. Der Islamismus verbinde ein konservatives Menschenbild mit einem revolutionären Bestreben - und ist damit dem Faschismus nicht unähnlich. Die frühen Islamisten der Muslimbruderschaft "Hassan al-Banna und später der Ideologe Sayyid Qutb wollten keineswegs lediglich traditionelle Gesellschaften bewahren. Sie wollten sie revolutionieren. Qutb erklärte selbst die muslimischen Gesellschaften seiner Zeit zu heidnischen Gebilden, die zunächst überwunden werden müssten, bevor ein wahrhaft islamischer Staat entstehen könne. Die Revolution richtete sich also ebenso gegen die eigene Gesellschaft wie gegen den Westen. Besonders deutlich wurde diese Verbindung 1979 in der iranischen Revolution. Auf der einen Seite stand Ayatollah Khomeinis Ablehnung von Verwestlichung und Liberalismus. Auf der anderen Seite wirkten Denker wie Ali Schariati, der in Frankreich promoviert hatte und Elemente westlicher Revolutions- und Befreiungstheorien mit schiitischem Denken verband. Das Ergebnis war weder eine klassische konservative noch eine klassische linke Revolution, sondern eine eigentümliche Synthese aus beiden."
Dem symbolischen Gehalt des "Mekka-Verteidigungspakts" zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan, widmet sich Omid Rezaee bei Zeit Online. Das Makkah Joint Defence Agreement besagt nach dem Vorbild der Nato, dass die drei Staaten im Kriegsfall zur gegenseitigen Verteidigung verpflichtet sind: "Die Heiligkeit des Ortes soll moralischen Druck auf die Unterzeichner ausüben, Gewalt innerhalb der beschworenen Gemeinschaft als 'unislamisch' zu brandmarken und das Bündnis sakral zu verankern. Zugleich kehrt der Pakt die frühere Bewegung um: Ein Verteidigungsbündnis kann nicht universal sein. Es muss zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern unterscheiden, zwischen denen, denen Beistand versprochen wird, und jenen, vor denen es schützen soll. Selbst, wenn es sich gegen keinen bestimmten Staat richtet, produziert es ein Innen und ein Außen. Ausgerechnet der Name jenes Ortes, an dem nationale und konfessionelle Grenzen für einige Tage zurücktreten sollen, bezeichnet nun einen exklusiven Kreis dreier Staaten."
Donald Trump bietet Aktionären einen Premiumzugang zu seinen Social Media Posts an, berichtet Felix Stephan in der SZ (mehr bereits hier), denn jedes Mal, wenn der Präsident dort eine politische Aussage tätigt, beeinflusst das die Aktienkurse: "Für eine monatliche Gebühr von 100.000 Dollar bekommen sie vorrangigen Zugang zu börsenrelevanten Posts. Bevor also beispielsweise die Iraner selbst erfahren, dass neue Bombardements bevorstehen, können Investoren schon Wetten darauf platzieren, bei denen das Verlustrisiko gegen null geht. Wie viel Zeit Trump seinen zahlenden Kunden einräumen will, ist noch nicht bekannt, aber einige Millisekunden werden es schon sein." Selbstverständlich sei das "Insiderhandel, das weiß niemand besser als er selbst. Aber seine Immunisierungsstrategie, das Verwerfliche konsequent zur Tugend und das Illegale zu einer wilden Obsession seiner Gegner umzuwidmen, hat bislang verlässlich die Welt gezwungen, sich seinen Begierden anzupassen, nicht andersherum. Und so könnte es auch hier laufen."
Heute will die Bundesregierung eine Reform der Nachrichtendienste beschließen. Deren Befugnisse sollen erweitert werden: "Agenten sollen aktiv eingreifen, statt nur zu beobachten wie bisher. Sie sollen in Wohnungen einbrechen dürfen, Fabriken im Ausland sabotieren und automatisiert das Netz durchsuchen. Kommt das Gesetz wie bisher geplant, haben die Geheimdienste so viel Macht wie nie zuvor", fürchtet Frederik Eikmanns in der taz. Einerseits. Andererseits: "Tatsächlich haben die deutschen Geheimdienste, verglichen mit anderen, Aufholbedarf. Sinnbildlich für deren bisherige Arbeit ist die Episode, in der der damalige BND-Chef im Februar 2022 mit einem Auto aus Kyjiw fliehen musste, weil der Dienst bis zur letzten Sekunde nicht an einen russischen Einmarsch geglaubt hatte. Und im Inland können viele Anschläge nur deshalb vereitelt werden, weil zuvor Tipps von anderen Diensten kommen, meist aus den USA oder Israel. Mit der Reform soll sich das ändern."
Eine Reform der Geheimdienste braucht es schon, meint auch Konstantin von Notz (Grüne) im Interview mit der taz. Die geplante Reform findet er jedoch "rechtsstaatlich bedenklich", vor allem mit Blick auf den Verfassungsschutz: "Das Bundesamt für Verfassungsschutz soll nun auch selbst operativ tätig werden, also nicht nur Informationen sammeln, sondern selbst einwirken, zum Beispiel, indem man aktiv in IT-Systeme eindringt und dort Informationen verändert. Befugnisse, die aus gutem Grund der Polizei vorbehalten sind, halte ich für undurchdacht und gefährlich."
Tyler Austin Harper war Professor für Literaturwissenschaften am Bates College in Maine, USA. In einem Artikel in Atlantic erklärte er kürzlich, warum er dort gekündigt hat: Das progressive College ändere mit seinem Diversity-Programm an den Machtstrukturen genau gar nichts. Das sei alles nur Show. Es habe zum Beispiel kein Problem damit, die Gründung einer Gewerkschaft am College zu hintertreiben. In der FAZ winkt Frauke Steffens ab: Zu allgemein, längst bekannt und andere haben das schon viel besser begründet, gähnt sie. "Harpers Text handelt von Rassismus, von der Prekarisierung der Arbeit und dem Zusammenbruch des Tenure-Systems. Die online zirkulierenden Schlagwörter sind sein unglücklicher Vergleich der DEI-Maßnahmen mit 'Jim Crow', die 'racial monomania' und 'ideologische Verrücktheit', die er dem College vorwirft. Aber mit Táíwò und anderen kann man auch nach der Lektüre der anekdotischen Evidenz weiter fragen: Hat wirklich 'progressiver Extremismus' die Krise der Universität hervorgebracht? Oder hat eine als Investment-Modell funktionierende Hochschule progressive Sprache über- und Forderungen aufgenommen, weil sie ihr moralische Legitimation bieten, ohne die Machtverhältnisse zu bedrohen?" Womöglich denkt Harper, beides ist der Fall? Und vielleicht ist das - auch mit Blick auf den Skandal um den britischen Pädagogikprofessor Jason Arday (unsere Resümees) - gar nicht so falsch?
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Rechtsphilosoph Christoph Möllers gibt in der Welt das xte Interview zu seinem Buch "Autoritäre Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit". Hier antwortet er konkret auf die Frage, ob und wie eine AfD-Regierung beispielsweise in Sachsen-Anhalt die Wissenschaften beschneiden könnte: "Sie könnte kofinanzierte Förderung einstellen. Wir haben eine Menge an Instituten, Max-Planck-Institute und andere, die von Bund und Ländern finanziert werden. Das Land kann damit beginnen, diese Finanzierung auszutrocknen. Da gibt es Kündigungsfristen, aber Länder können aus dieser Zusammenarbeit aussteigen. Und damit die außeruniversitäre Forschung infrage stellen, die eine Bund-Länder-Forschung ist. Für die Universitäten kann ein einziges Land die gesamte Bund-Länder-Zusammenarbeit für die Zukunft killen. So hängt die Exzellenzinitiative am Konsens von Bund und Ländern. Es ist natürlich fatal, weil ein einziges Land genügt, um die ganze Kooperationsstruktur infrage zu stellen."
In der FAZ verteidigt der Ethnologe Martin Zillinger die Kölner Museumsdirektorin Nanette Snoep, deren Vertrag für ihre Leitung des Rautenstrauch-Joest Museums nicht verlängert werden soll. Sie war unter anderem wegen ihres radikalen postkolonialen Ansatzes, sinkender Besucherzahlen und ihres Führungsstils in die Kritik geraten (hier ein KI-Resümee). Für Zillinger setzt sie sich dagegen schlicht nur mit dem Kolonialismus auseinander, ihre Kritiker hingegen würden der AfD in die Hände spielen: "Was sich bei Mitgliedern der Museumsgesellschaft als Sehnsucht nach einer Vergangenheit noch unschuldiger Museen und gesicherten Wissens artikuliert, wird von der AfD in Sachsen-Anhalt bedient, indem sie einen 'Stolz-Pass' vorschlägt, über den deutsches Kulturgut ohne den Ballast ihrer Gewaltgeschichte vermittelt werden soll. Eine internationale Bühne erhielten diese Wünsche, als der amerikanische Außenminister Marco Rubio forderte, Europa müsse aufhören, seine imperiale Geschichte kritisch zu hinterfragen, und solle diese stolz verteidigen."
In der tazfragt sich Charlotte Wiedemann staunend, warum die "Bewegung für palästinensische Rechte und Selbstbestimmung" trotz immenser Präsenz in den Medien kaum etwas für ihre Sache erreicht hat: "Die Mehrheit der Deutschen lehnt Israels Unrechtspolitik ab, ein passiver Dissens, ohne Bewusstsein für die deutsche - und damit die eigene - Mitverantwortung. Die Zahl prominenter Stimmen, die das Massensterben und die Strangulierung palästinensischen Lebens als Genozid verurteilen, ist kaum gestiegen, obwohl sich alle relevanten internationalen Menschenrechtsorganisationen nach und nach dem Befund Völkermord anschlossen." Vielleicht ist die "Mehrheit der Deutschen" der Ansicht, das sei Sache der Gerichte und außerdem längst kein Grund für Attacken der "Bewegung" auf hier lebende jüdische Menschen, wie sie Clara Nack - ebenfalls in der taz - beschreibt.
Buddhistische Tempel sind in Korea "zum Hotspot der Partnersuche" geworden, berichtet Hoo Nam Seelmann in der NZZ. Der größte Zen-buddhistische Orden Koreas organisiert seit 2023 sogenannte "Matchmaking"-Programme, in denen Heiratswillige nach einem Partner Ausschau halten können: "Als Anfang Juli der Tempel Naksansa, der schön an der Ostküste liegt, ein Programm ankündigte, bewarben sich 4225 Personen für 20 Plätze. Die hohe Erfolgsquote hat sich herumgesprochen. 2024 zum Beispiel nahmen bei insgesamt sechs Templestay-Events 114 Personen teil, von denen 56 glücklich die Tempel verließen. Yu Cheol Ju, der beim Orden für das Programm zuständig ist, verriet in einem Interview, nach welchen Kriterien er die Teilnehmer aussucht. Wichtig sei die Ernsthaftigkeit, mit der jemand nach einem Partner suche, und zwar einem fürs Leben. Ob dies der Fall sei, spüre er, wenn er die schriftliche Bewerbung durchlese. Ist die Zahl der Kandidaten auf 50 reduziert, müssen sie ein einminütiges Video von sich schicken. Erforderlich ist ebenso eine Berufsbescheinigung. Danach erfolgt die endgültige Kür der Kandidaten."
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