Der Neuköllner Bezirksbürgermeister
Martin Hikel (SPD) tritt bei der kommenden Berlin-Wahl nicht mehr an - seine Partei habe ihm nicht die nötige Unterstützung gegeben (
unsere Resümees). Ein mutmaßlicher Grund dafür war, dass er den Begriff des "
antimuslimischen Rassismus" nicht benutzt, was er im
Tagesspiegel-Interview mit Madlen Haarbach folgendermaßen begründet: "Weil ich ihn inhaltlich falsch finde. Er funktioniert nur, wenn ich jemandem aufgrund seiner ethnischen Herkunft dem muslimischen Glauben zuordne. Wenn ich jemanden
aufgrund seines Aussehens einer Religion zuordne, ist das purer Rassismus. Das schreibt rassistische Muster fort. Denn eine Religion kann ich mir aussuchen, die Hautfarbe nicht. Dadurch
relativiert man faktisch echten Rassismus, das finde ich falsch. Außerdem wird der Begriff im politischen Kontext genutzt, um Kritik am Islamismus als rassistisch zu markieren."
In Ostdeutschland wird
Kulturinstitutionen inzwischen häufig ebenso misstraut wie Politikern. Was tun? Eine Wagenburg bilden, bringt es jedenfalls nicht,
meinen der Dramaturg
Aljoscha Begrich und der Theaterregisseur
Christian Tschirner in der
taz. Ins Gespräch kommen, ist aber auch schwierig: "Es ist, als versuche man einen Ort des Austauschs und Dialogs zu schaffen und befinde sich dabei in einem
conspiracy room, wie man ihn aus alten Kriminalfilmen kennt, wenn die Polizei endlich den Unterschlupf des paranoiden Täters gefunden hat: Alle Wände sind mit Bildern, Zeitungsschnipseln, Studien, Parolen, Fakten und einem
wirren Netz von Zusammenhängen bedeckt. Wenn wir auf dem Festival OSTEN (Kulturfestival in Bitterfeld-Wolfen, das diesen September wieder stattfindet; d. Red.) trotzdem versuchen, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, dann mit dem Hinweis, den Blick doch bitte
immer schön auf den Boden zu richten. Auf das Naheliegende. Wo stehen wir, was ist der gemeinsame Grund? Und dann: Immer schön einen Fuß vor den anderen setzen, so weit der gemeinsame Boden eben reicht. Vielleicht eine
Wasserrutsche bauen, weil es im Sommer heiß ist und ein Freibad fehlt."
Nikolai Klimeniouk hat einen Faktencheck zu einem kürzlich in der
taz erschienenen
Artikel des Deutsch-Palästinensers
Mohamed Ibrahim durchgeführt und eine Reihe Fehler gefunden, wie er in der
FAZ berichtet: So erzähle Ibrahim, sein Vater hätte wegen der Nakba 1948 nicht geimpft werden können und sei deshalb an Polio erkrankt. Das kann nicht stimmen, weil es die Polio-Impfung erst seit 1955 gibt. Auch erzähle Ibrahim, er sei als Dreijähriger mit seiner Familie
1973 vor dem
Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen, der begann aber erst
1975. "Wozu diese kleine Lüge? Vielleicht, um schon im nächsten Satz eine Anhörung zum Asylantrag zu erwähnen, 'die eher einem Verhör glich'". Ibrahims Vater habe seine Geschichte in einem Buch ganz anders erzählt: "Er sei
wegen seiner Erkrankung nach Deutschland gekommen und als Erstes zum Knochenarzt gegangen. 'Solange ich im Libanon lebte, war es ruhig, die Lebensbedingungen waren sehr schlecht, die Sicherheit war in Ordnung.' Offenbar geht es dem Autor darum, die Geschichte seiner Familie noch dramatischer darzustellen, als sie schon war, und dabei Deutschland und Israel die Schuld für ihre Leiden zu geben. Deutschland erscheint von den ersten Zeilen an vor allem als ein Land, das die Familie schlecht behandelt hat - und nicht als eines, das
ihr Zuflucht gewährte." Die
taz hatte Klimeniouks Artikel übrigens abgelehnt,
taz-Redakteur Daniel Bax habe dafür den Ibrahim-Kritikern auf Facebook
Rassismus vorgeworfen.