Magazinrundschau

Harte Arbeit ist nutzlos

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
04.08.2026. Für eine Supermacht steht China auf ganz schön wackeligen Füßen, meint der New Yorker mit Blick auf die geplatzte Immobilienblase. Die Novaja Gazeta Europe blickt bang auf die große Zahl russischer Veteranen. Die London Review denkt am Beispiel der Höhlenmalereien von Chauvet über Sprache und Kunst nach. In Grand Continent erklärt Roberto Saviano, wie leicht die Mafia in Europa Geld wäscht. Die New York Times fürchtet, dass ein einziger Investor die ganze KI-Blase zum Platzen bringt.

New Yorker (USA), 03.08.2026

Die Zeit zwischen zwei Weltordnungen hat Gramsci 1930 als "Zeit der Monster" bezeichnet und in einer solchen befinden wir uns auch gerade wieder, denkt Evan Osnos. Denn die USA als Weltmacht liegen spätestens seit Trump im Sterben. China schickt sich an, Nachfolger zu werden, strauchelt aber auch: "Die chinesischen Leader scheinen darauf zu setzen, in die Zukunft zu rasen, um die Fehler der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Quer durchs Land verteilt werden die Städte von lanweilou gesäumt, Bauruinen, Betonhülsen nie fertig gestellter Türme und Villen, deren Bauherren das Geld ausgegangen ist. Über Jahre hinweg haben lokale Behörden das exzessive Bauen ermutigt, weil es die Infrastruktur finanziert und das Wirtschaftswachstum angeheizt sowie ihre Posten gesichert hat. Entwickler haben Häuser an die Öffentlichkeit verkauft, bevor sie überhaupt gebaut waren. Aber der Immobilienmarkt ist 2021 zusammengebrochen - letztlich ist der Verkauf neuer Häuser bis zur Hälfte eingebrochen - und China hatte plötzlich circa 90 Millionen leere Häuser, genug, um die Bevölkerung Russlands zu beheimaten. Nachdem bankrotte Baufirmen die Bauruinen aufgegeben hatten, haben sich einige der Käufer trotzdem arrangiert - sie sind in die unfertigen Häuser gezogen und haben sich angewöhnt, auf Kohlen zu kochen und Wasser die Treppen hochzuschleppen. China hat nun eine Reihe paralleler Wirtschaften vorzuweisen: Neben dem Wrack des Immobilienmarktes und den blühenden neuen Technologien gibt es ganze Legionen von Uni-Absolventen, die für traditionelle White-Collar-Jobs ausgebildet wurden, aber nun einen Arbeitsmarkt betreten, der sich zunehmend den High-Tech-Firmen zuwendet. (Die offizielle Zahl der Jugendarbeitslosigkeit kletterte auf über 21 Prozent, bevor die Regierung beschloss, die Art der Berichterstattung über diese Zahlen zu ändern.) Eine Studie der öffentlichen chinesischen Meinung, durchgeführt von Forschern in Stanford und Harvard hat einen seltenen Einblick ermöglicht und einen eindeutigen Schwung 'von Optimismus zu Pessimismus' festgestellt. Die Anzahl der Bürger, die erwartet, dass ihr Lebensstandard sich verbessern wird, ist auf 28 Prozent gesunken, das sind nur halb so viel, wie zu Beginn dieses Jahrhunderts. Xu Zhiyuan, ein einflussreicher Autor, hat diese Zeit 'eine grundlegend verwirrte Ära' genannt, geprägt von 'einem ökonomischen Abwärtstrend, unsicherer Geopolitik und auch noch dem enormen Effekt von KI.' Letzten Herbst haben die Zensoren der Regierung eine Kampagne lanciert gegen 'exzessive pessimistische Äußerungen' online, die sich auch gegen Kommentare wie 'harte Arbeit ist nutzlos' richtet.

Fairfield Porter: "Islands". 1968. Collection of Helene B. and J. Whitney Stevens

Ob der 1907 geborene Maler und Grafiker Fairfield Porter der bedeutendste amerikanische Maler des 20. Jahrhunderts war, wie sein enger Freund, der Dichter John Ashbery, schrieb, möchte Zachary Fine dahingestellt lassen. Welch einzigartigen Beitrag Porter der Kunstwelt hinterließ, erkennt Fine allerdings in einer aktuellen Ausstellung in der New Yorker Art Students League, an der Porter neben Jackson Pollock studierte. Zum einen ist es der außergewöhnliche Umgang mit Farbe. Vor allem aber bemerkt Fine, wie Porter, beeinflusst von den Impressionisten Pierre Bonnard und Edouard Vuillard sowie dem abstrakten Expressionisten Willem de Kooning, zu einer ganz eigenen Subjektivität in der Malerei gelangte: "Porter schaffte es irgendwie, durch das Nadelöhr der Abstraktion zu schlüpfen und auf der anderen Seite zu seinem eigenen exzentrischen Realismus zurückzukehren, wobei er Bilder von förmlichen Innenräumen in Southampton und der Penobscot Bay schuf. Es gibt Werke in der Ausstellung, wie 'Islands' (1968) und 'View from the Front' (ca. 1969), in denen man erkennen kann, wie Porter das anwendet, was er als die 'trockene Schnelligkeit' von de Koonings Pinselführung bezeichnete. In 'Islands' gibt es einen hervorragenden himmelblauen Pinselstrich, der den grünen Busch (oder ist es ein Baum?) etwa in der Mitte des Gemäldes horizontal durchschneidet. Dieser einzelne Strich deutet entweder darauf hin, dass sich das Wasser hinter dem Strauch befindet und nur stellenweise durch die Blätter hindurch sichtbar ist, oder dass wir ein Nachbild des Wassers über dem Strauch vor Augen haben, während der Maler seinen Kopf zwischen der Landschaft und der Leinwand hin und her dreht. Ganz links ist außerdem ein kleiner Geysir zu sehen, der wie der vertikale Farbstrahl in de Koonings 'Merritt Parkway' (1959) nach oben schießt. Meeresgischt sieht zwar nicht so aus, aber sie fühlt sich so an."
Archiv: New Yorker

Novaja Gazeta Europe (Russland / Lettland), 30.07.2026

Wieviele russische Soldaten werden wohl nach dem Ende des Ukraine-Kriegs ins zivile Leben zurückkehren? Diese Frage stellt sich Sonya Richter, denn es existiert kein genaues Kataster. Stattdessen sammeln russische Medien wie Mediazone und Meduza Daten über mobilisierte Soldaten, addieren Freiwillige und ziehen die Toten - auch hier gibt es keine offiziellen Zahlen - ab. "Rechnet man diese Kategorien zusammen, lässt sich ein grober Überblick darüber gewinnen, wer bereits zurückgekehrt ist: rund 300.000 schwer verwundete oder behinderte Soldaten, etwa 30.000 begnadigte Gefangene, die vor August 2023 rekrutiert wurden, 50.000 oder mehr Freiwillige von Wagner, Akhmat und BARS sowie eine unbekannte Anzahl von Personen, die entweder vor der Mobilmachung abgereist sind oder vor der Änderung der Vorschriften das Dienstalter überschritten haben. Es handelt sich um ein Flickwerk, das aus den wenigen Quellen zusammengestellt wurde, für die zufällig unabhängige Daten vorliegen. Wie viele Soldaten müssen noch zurückkehren? In den letzten Jahren entsprach die Rekrutierungsrate den russischen Verlusten auf dem Schlachtfeld oder übertraf diese sogar. Dadurch konnte die russische Armee eine stabile Truppenstärke von 700.000 Soldaten in der Ukraine aufrechterhalten. Sofern sich die Art der Kämpfe nicht dramatisch ändert, bedeutet dies, dass nach Kriegsende noch weitere 700.000 Menschen nach Hause kommen könnten. ... Es ist unklar, ob Veteranen tatsächlich Unterstützung bei der Wiedereingliederung erhalten oder ob häusliche Gewalt und das Risiko der Veteranen, Opfer von Straftaten zu werden, gestiegen sind. Das bislang deutlichste Signal geht von Gerichtsdaten aus. Novaya Gazeta Europe hat rund 8.000 strafrechtliche Verurteilungen identifiziert, an denen Veteranen des Krieges in der Ukraine beteiligt waren. Unter den wegen Mordes und schwerer Körperverletzung Verurteilten sind ehemalige Soldaten weitaus häufiger vertreten als in der männlichen Gesamtbevölkerung. Das wirft ernsthafte Fragen hinsichtlich der Herausforderungen auf, denen sich Russland stellen muss, wenn immer mehr Veteranen nach Hause zurückkehren."
Stichwörter: Russland, Ukrainekrieg

Eurozine (Österreich), 03.08.2026

In Russland überwacht der Staat immer stärker die Fruchtbarkeit von Frauen, berichtet Olga Borisova, Autorin und ehemaliges Mitglied von Pussy Riot, in einem Artikel, der ursprünglich bei Index on Censorship erschienen ist. Denn die Geburtenrate sinkt wegen des Krieges in der Ukraine und aufgrund der schlechten wirtschaftliche Lage, der Staat wird nervös. Zwar ist Abtreibung weiterhin legal, doch lässt eine Rhetorik der nationalen Mobilisierung" Schwangerschaften zunehmend "als patriotische Pflicht" erscheinen. Der Druck geht von Behörden aus, die unter anderem über ein Gesetz diskutieren, das "Anstiftung zur Abtreibung" unter Strafe stellen soll. Es ist so vage formuliert, das darunter auch eine ärztliche Beratung fallen könnte. Gleichzeitig machen rechtsextreme Aktivisten Druck auf Abtreibungsbefürworter und medizinische Einrichtungen, so Borisova, auch die orthodoxe Kirche spielt das Spiel mit: "Parallel dazu haben die Behörden seit September 2024 Initiativen zur Überwachung der weiblichen Fruchtbarkeit gestartet. In Moskau erhalten Frauen über das digitale Gesundheitssystem der Stadt Einladungen zu Bluttests zur Bestimmung des Anti-Müller-Hormons - einem Maßstab für die Anzahl der vorhandenen Eizellen und damit für die potenzielle Fruchtbarkeit." Offiziell dient das der Gesundheitsfürsorge. "Doch vor dem Hintergrund der aktuellen demografischen Politik des Staates wirken diese Tests wie ein Versuch, die reproduktive Kapazität von Frauen genauer zu erfassen. Wenn die Aufrechterhaltung der Geburtenrate zum nationalen Anliegen erklärt wird, beginnt man allmählich, die weibliche Fruchtbarkeit als staatliche Ressource zu betrachten. Frauen, die Einladungen zu Fruchtbarkeitsuntersuchungen erhalten haben, bezeichnen diese bereits als 'Grüße aus The Handmaid's Tale'."
Archiv: Eurozine

The Atlantic (USA), 02.08.2026

Die Krise von Ceuta ist vorüber, aber die Bilder werden bestehen bleiben, und das ist ja gerade im Interesse derer, die sie mit größter Begeisterung weiterverbreiteten, nämlich der Rechtspopulisten und -extremisten aller Länder, konstatiert Anne Applebaum. Sie fügt all den Spekulationen darüber, wer diesen Massenansturm befeuert haben könnte, noch eine durchaus plausibel klingende hinzu. Man sagt Marokko war's. Aber was ist, wenn Trump und Co. nachgeholfen haben? "Die Trump-Regierung, die auch die britische Herrschaft über die Falklandinseln und die dänische Herrschaft über Grönland in Frage gestellt hat, könnte auch hieran interessiert sein. Kürzlich bezeichnete ein Bericht des Kongresses die Städte Ceuta und Melilla als 'unter spanischer Verwaltung' stehend, anstatt als Teil Spaniens. Trump selbst hat Grund, mit Marokko zufrieden zu sein, das seinem Friedensrat beigetreten ist und eine Autobahn nach ihm benannt hat. Er hat aber auch Grund, den spanischen Premier Sánchez nicht zu mögen, der sich weigerte, den USA die Nutzung spanischer Militärstützpunkte für Trumps Krieg im Iran zu gestatten, und der erklärt hat, dass er die Verteidigungsausgaben seines Landes nicht - wie der Rest der NATO - auf 5 Prozent des BIP anheben werde."
Archiv: The Atlantic
Stichwörter: Applebaum, Anne, Ceuta

Elet es Irodalom (Ungarn), 31.07.2026

Seit knapp einem Monat senden die öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn Ton- und Filmaufnahmen aus den letzten 16 Jahren, die kaum oder überhaupt nicht gespielt worden waren, weil sie angeblich auf "schwarze Listen" gestanden haben sollen. Zwar stellte die Parlamentswahl vom 12. April auch für die Medien eine Zäsur dar, jedoch ist auch im August nicht klar, was diese für die öffentlich-rechtlichen Sender bedeutet, mit welchem Personal sie welche Sendungen produzieren. Der Publizist László Szále wüsste gern, was abläuft: "Was in den letzten sechzehn Jahren nicht gespielt wurde, war nicht unbedingt alles 'verboten'. Die Sendungen wurden für eine einmalige Ausstrahlung produziert - da das Radio im Grunde so etwas wie eine Tages- und Wochenzeitung in einem ist -, dann wurden sie ins Archiv gelegt und die schönsten Gedichte, die besten Hörspiele, Serien, Dokumentarsendungen usw. wurden bei Gelegenheit ein- oder mehrmals wiederholt. Es wäre jedoch schwer zu unterscheiden, ob etwas in den vergangenen sechzehn Jahren aufgrund einer Sperre nicht wiederholt wurde oder weil keine Nachfrage oder kein Anlass dafür bestand. Freilich bin ich bereit an schwarze Listen zu glauben - wenn ich sie sehe. Wenn sie veröffentlicht werden. Wenn es aber keine Listen gibt, soll man nicht behaupten, es gäbe welche. Nichtsdestotrotz habe ich mich in den vergangenen Wochen an den Köstlichkeiten ergötzt. Noch nie habe ich im öffentlich-rechtlichen Radio so viel gute Literatur, kluge Gespräche und brillante Zusammenstellungen in solcher Dichte gehört. Nur ist das Radio eben kein Tonmuseum. Von seinen vielen Aufgaben ist die wichtigste die Verbreitung aktueller Nachrichten und Informationen von öffentlichem Interesse. Dies erfüllt es derzeit nicht. Die neuen Redakteure beweisen vorerst, dass sie gut aus dem unschätzbaren und scheinbar unerschöpflichen Archiv des Radios auswählen können. Sie haben versprochen, nicht mehr zu lügen, und dass ihre Berichterstattung unabhängig und glaubwürdig sein wird. Es ist ein Kinderspiel, nicht zu lügen, wenn man gar nichts sagt."

Irozhlas (Tschechien), 04.08.2026

"Aus dem Schatten ins Licht" im Prager Klementinum: Ausstellungsansicht

Die Tschechische Nationalbibliothek präsentiert im Prager Klementinum vom 4. August bis 4. Oktober die Ausstellung "Aus dem Schatten ins Licht": eine Auswahl von 700 Büchern aus jüdischen Bibliotheken und jüdischem Privatbesitz, die die Nationalsozialisten in ganz Europa beschlagnahmten und raubten. Wie diese Bücher in den Wirren der Nachkriegszeit im Prager Klementinum landeten, ist nicht völlig geklärt, und jahrzehntelang blieben sie dort vergessen, wie der Kurator der Ausstellung, der Judaist Jiří Blažek, Michaela Vetešková vom tschechischen Rundfunk berichtet. 'Im Nachkriegschaos, als Millionen von Menschen in Europa umherzogen, die obdachlos waren und Hilfe brauchten, gab es bereits erste Bemühungen um die Rückgabe von Eigentum, das während des Zweiten Weltkriegs geraubt worden war. Dieses Vermögen war riesig, natürlich standen Bücher dabei ein wenig im Hintergrund. Ich persönlich bin der Meinung, dass die Bücher, die ursprünglich vom Rat der jüdischen Religionsgemeinden in der Tschechoslowakei verwaltet werden sollten, versehentlich im Klementinum gelandet sind', sagt er. Aus den Texten auf den hohen Tafeln erfahren die Ausstellungsbesucher, welche Arten von Büchern die Nationalsozialisten beschlagnahmten, was sie damit vorhatten, und sie erfahren auch, wie es den Historikern gelang, die Herkunft der einzelnen Bände zu bestimmen. ... Einige Institutionen haben bereits Anspruch auf die Bücher erhoben, und die Nationalbibliothek hat sie ihnen zurückgegeben. Einige Drucke warten jedoch noch immer auf ihre Rückgabe, und tschechische Forscher versuchen herauszufinden, wem sie gehörten. 'Zum Beispiel wurden die Bücher, die der jüdischen Gemeinde in Wien gehörten, bereits zurückgegeben', ergänzt Blažek."
Archiv: Irozhlas

London Review of Books (UK), 23.07.2026

Höhlenmalerei in Chauvet. Foto: Ancient Art Archive

Warum sind die Zeichnungen in der Höhle von Chauvet so viel großartiger als alle späteren Höhlenmalereien, fragt sich der Kunsthistoriker T.J. Clark, beeindruckt von der "unverkennbaren Arroganz der Leistung" der Chauvet-Künstler: "Den Malern von Chauvet ist vollkommen bewusst, dass sie eine Welt erschaffen, anstatt eine zu reproduzieren. Zunächst einmal wird an jeder Stelle der Wand mit dem Unterschied zwischen zwei und drei Dimensionen gespielt. Doch offensichtlich wollten diese Künstler, wie die meisten Künstler, dass die von ihnen geschaffene Welt der Welt da draußen ähnlich genug war, damit die Veränderungen, die sie an ihr vornahmen - die Verschmelzungen und Idealisierungen -, ihre Wirkung entfalteten." Vielleicht hat die hohe Kunst dieser Malerei etwas damit zu tun, dass die Menschen in dieser Zeit anfingen, Sprache zu erfinden. Vielleicht gab es eine Art Konkurrenz zwischen Zeichnung und Sprache, überlegt Clark, auch wenn er dabei etwas unklar bleibt: "Wurde das Sprechen in der Welt der Höhlen eher als etwas wie Träumen denn als 'Kommunikation' empfunden (erlebt)? Vielleicht. Die beiden Zustände mussten erst noch voneinander getrennt werden - sprachlich, konzeptuell. ... Vielleicht ebneten Bildsequenzen im Schlaf den Weg für Klangsequenzen, für Aussagen. Doch das Träumen ist eine ständige Verzerrung dessen, 'wie die Dinge sind'. Als die Sprache aufkam, mag sie fast wie das Instrumentarium des Traums gewirkt haben, wie dessen Eindringen in den wachen Tag." Bei den Malereien hingegen dominiert "das Fehlen einer hierarchischen Ordnung, weder ausdrücklich noch als zugrunde liegendes Strukturprinzip. Die Auflösung jedes einzelnen 'Phonems' des visuellen Satzes durch Überlagerung, Durchsichtigkeit, Überfrachtung, syntaktischen Unsinn. Ungehorsam, Auslaufen, Unschärfe dort, wo Klarheit erwartet wird, und gestochener Fokus dort, wo das Feld eigentlich ein Verblassen zu verlangen scheint, Mehrdeutigkeit, Distanz."

Dekoder (Deutschland), 30.07.2026

In der Ukraine kommt es aktuell zu sogenannten "Papp-Protesten", die sich zuerst gegen Selenskis im Alleingang getroffene Entscheidung, den beliebten Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zu entlassen, richteten, schreibt Olexandra Jefymenko für das Menschenrechtszentrum ZMINA (hier die deutsche Übersetzung auf Dekoder). Jetzt setzen sich die Demonstranten vor allem für allgemeine Verbesserungen im Militär ein. Jefymenko spricht zum Beispiel mit Tetjana Kopajhorodska und Marija Melnyk, Ehefrauen von Soldaten. Der Protest biete "eine gute Möglichkeit für einen gewaltfreien Austausch zwischen der Gesellschaft und der politischen Führung. Die Menschen kämen hierher, um einander zu sehen und zu begreifen, dass sie mit ihren Sorgen und ihrer Unzufriedenheit nicht allein sind, sagt Kopajhorodska: 'Vielen Menschen lag das Thema auf der Seele, und nun sehen wir, dass wir nicht allein sind, dass es viele Gleichgesinnte gibt und dass wir unsere Probleme und Ängste nicht für uns behalten müssen, sondern hierherbringen können, um unsere Führung zu ermutigen mit uns zu kommunizieren.' Marija Melnyk ist bereits zum zweiten Mal beim Protest: 'Der Hauptgrund hierherzukommen, ist die Entscheidung, meinen Mann zu unterstützen, denn er ist bereits seit zwei Jahren in der Armee. Zuletzt habe ich bei ihm eine gewisse Hoffnung und Zuversicht gespürt, denn er hat die Veränderungen gesehen. Als er von Fedorows Rücktritt erfuhr, fiel es ihm sehr schwer zu sprechen, hatte fast Tränen in der Stimme', erzählt Marija. (...) In Kyjiw, Charkiw, Odessa und anderen Städten sprechen die Menschen weiter über die Notwendigkeit systemischer Veränderungen: über die Arbeit des Parlaments, Transparenz bei Personalentscheidungen, die Rolle der Zivilgesellschaft und den Umgang mit Soldaten und Veteranen. Wer durch die russische Besatzung das Zuhause verloren hat, fordert, dass der Staat strategisch weiterhin dafür arbeite, dass sie eines Tages zurückkehren können. Das ist die ukrainische Gesellschaft: Menschen, die mit Pappschildern ihre Stimme erheben, wenn es ihnen wichtig ist, gehört zu werden."
Archiv: Dekoder
Stichwörter: Ukraine, Ukrainekrieg

Le Grand Continent (Frankreich), 02.08.2026

Roberto Saviano klingt bitter in diesem ausführlichen Gespräch. Würde er nochmal beginnen, dann würde er "Gomorrha" nicht nochmal schreiben, sagt er. Zu umdüstert ist sein Leben im Versteck. Und der Stadt Neapel wirft er vor, ihn verraten zu haben. Aber was er über die Mafias in dieser Welt sagt, bleibt äußerst lesenswert. Der Erfolg einer Mafia, lehrt er, bemisst sich nicht nach dem Ausmaß der Gewalt, das sie über die Gesellschaft bringt, sondern nach dem Grad, in dem sie sich unauffällig in die legale Wirtschaft integriert. Dies ist in Ländern wie Frankreich oder Deutschland laut Saviano längst geschehen. Als Beispiel erzählt er von einem Geldwäschefall, der in Frankreich aufflog. Involviert waren scheinbar ganz normale Baufirmen: "Bei den als Scheinfirmen genutzten Unternehmen handelte es sich um Bauunternehmen aus Perpignan, Narbonne und Béziers, die eine echte wirtschaftliche Tätigkeit ausübten und einen echten Umsatz erzielten. Keine Scheinfirmen auf den Seychellen: französische Baustellen, auf denen tatsächlich gebaut wurde. Der Vorsitzende des Bauverbands des Departements Bouches-du-Rhône räumt ein, dass diese Unternehmen Ausschreibungen mit Angeboten gewinnen, die 25, 30 oder sogar 40 Prozent unter dem Marktpreis liegen, und dass die Branche im Zusammenhang mit der Personalbeschaffung auf Baustellen rund um Marseille Drohungen und Erpressungen ausgesetzt ist. Mit anderen Worten: Drogengeld gewinnt französische öffentliche Ausschreibungen mit Bewerbungen unter Preis. Es verdrängt legale Unternehmen genau aus diesem Grund: Seine Rentabilität hat es bereits anderswo erzielt."

Wired (USA), 30.07.2026

Wie sich Drohnenkrieg und Drohnenabwehr auch auf die zivile Luftfahre auswirken können, zeigt der Absturz eines Klein-Flugzeugs im medizinischen Notfalleinsatz im vergangenen Mai in den USA, nachdem eine nahe Militärbasis im Zuge einer Übung GPS-Signale sabotiert hat. Es ist der erste Unfall seiner Art auf US-amerikanischen Gebiet, schreibt Jeff Wise. "Die Art der Kriegsführung ändert sich grundlegend und schnell, da Drohnen günstiger, zahlreicher und tödlicher werden. Da sie schwerer zu orten und schwerer außer Gefecht zu setzen sind, bieten sie kleineren, weniger gut ausgestatteten Nationen die Möglichkeit, in der Auseinandersetzung mit mächtigeren Gegnern die eigene Position zu verbessern. ... Um zurückzukämpfen, können die Verteidiger versuchen, das Navigationssystem einer Drohne auszunutzen. Ein günstiger und einfacher Weg für Drohnen, ihr Ziel zu erreichen, ist GPS, welches mittels Satellitensignalen Positionen ermittelt. Wenn diese Signale blockiert werden, sind die Drohnen des Gegners mehr oder weniger blind. Aber auch der Gegner kann Gegenmaßnahmen ergreifen. Drohnen- und Antidrohnentechnologien befinden sich in einem ewigen Katz-und-Maus-Spiel und arbeiten kontinuierlich daran, die andere Seite auszutricksen. ... Ein Kollateralschaden dessen sind das zivile GPS und vor allem Flugreisen. Seit 2023 mussten Flüge über große Gebiete des Nahen Ostes, des Schwarzen Meers und der Ostsee mit Phasen von GPS-Störungen zurechtkommen. Fluglinien haben zwar gelernt, sich dem anzupassen, aber ein Preis dafür ist dennoch fällig. GPS hat die Flugsicherheit erheblich gestärkt und auch wenn Flugzeuge ohne GPS nicht sofort vom Himmel fallen, fehlt dadurch ein zusätzlicher Schutz für Passagier und Crew. Kommen noch weitere Stressoren hinzu - eine dunkle Nacht, eine unerfahrene Besatzung und eine schlechter ausgerüstete Backup-Technologie -, reicht dies schon aus, um ein Desaster heraufzubeschwören."
Archiv: Wired

HVG (Ungarn), 30.07.2026

Der Schriftsteller András Cserna-Szabó spricht anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Romans ("Anya csak egy nincs" - Mutter gibt es nur eine nicht, Helikon 2026) im Interview mit Tamás Ligeti Nagy über die Erwartungen an einen Schriftsteller als öffentlichen Intellektuellen: "An Schriftsteller wird hierzulande die Mindestanforderung gestellt, dass wir die Zukunft kennen, dass wir Wahrsager und Propheten sind. Ich bin kein Wahrsager, ebenso wenig wie unser Nationalheld Petőfi, und ich werde es auch nie sein. Ich betrachte mich als Fachmann für Textgestaltung, als Handwerker, als Dienstleister, dessen Aufgabe es ist, Geschichten zu schreiben. Darin bin ich versiert, das tue ich Tag für Tag: Ich stehe an der Werkbank und feile, säge und schlage Nägel ein. Ich sehe die Zukunft nicht voraus, ich will nicht vorschreiben, wie dieses Land geführt werden sollte, und ich schreibe keine politischen Kommentare. Es gibt Leute, die sich damit auskennen, ich gehöre nicht dazu. Ich schreibe keine Gedichte und schaffe keine Skulpturen, weil ich mich auch damit nicht auskenne. Márai rät, der Schriftsteller solle hinter seinem Roman verschwinden, nicht politisieren, schon gar nicht auf kleinliche Weise. Ich versuche, mich daran zu halten. Márai sagt auch, der Schriftsteller solle nicht in Erscheinung treten, sich nicht in den Vordergrund drängen. Das ist für mich schon schwieriger einzuhalten. Der Schriftsteller ist ein Gefangener einer besonderen Schizophrenie: Er möchte sich einerseits hinter seinem Schreibtisch verstecken, brennt aber gleichzeitig vor dem Wunsch, seine Seele zu offenbaren. Ich koche gerne Letscho oder Kutteln, unterhalte mich mit Lesern über Bücher und Essen und lese Kurzgeschichten vor. Wenn das Selbstverherrlichung ist, dann bitte ich um Verzeihung. Vor allem bei Márai."
Archiv: HVG

New York Times (USA), 01.08.2026

Die Reportagen aus dem New York Times Magazine können sich schon recht öde lesen, detailhuberisch, wortreich, spät zur Sache kommend. Hier lohnt es sich trotzdem, bis zum Ende zu lesen (oder eine KI einzuspannen, die den Artikel resümiert). Vordergründig wird von einer Reportergruppe die Geschichte des Oracle-Gründers Larry Ellison erzählt, der spät in die KI einstieg und derart gigantische Investitionen tätigte, um Rechenzentren aufzubauen, dass nun die ganze Finanzwelt tatsächlich um einen Crash fürchtet. Ellison galt kurze Zeit angesichts seiner steil gestiegenen Aktien als der reichste Mann der Welt, aber nun sind die Aktien tief abgestürzt. Grund: Noch nie hat wohl ein einzelner Mensch derartige Schulden angehäuft, um seine Investitionen zu finanzieren. Bekannte Finanzanalysten rieten zum Shorten. "Noch auffälliger war die sogenannte Verschuldungsquote von Oracle, die bei rund 500 Prozent lag - das bedeutet, dass auf jeden Dollar Eigenkapital 5 Dollar Schulden entfielen." Ein weiteres Problem ist, dass die sogenannten Hyperscaler, also die Tech-Giganten, tendenziell finanzielle Pyramidenschemata oder Teufelskreise entwickeln, die einstürzen könnten: "Die Geschäfte basieren auf äußerst komplexen Fremd- und Eigenkapitalkonstruktionen, die eine zirkuläre Finanzierung beinhalten. Die Hyperscaler investieren massiv in genau jene Unternehmen, von denen sie dann Rechenleistung kaufen wollen. Dies bezeichnen Ökonomen als eine 'verflochtene Verbindlichkeitsstruktur' (interlocking liability structure)." Die Autoren schließen: "Kaum jemand bezweifelt, dass diese Technologie alles verändern wird. Weniger klar ist hingegen, wann die Gewinne fließen werden und wie hoch diese ausfallen. 'Für mich ist das eine mathematische Frage', sagt Asad Ramzanali, Leiter des Bereichs Künstliche Intelligenz an einem Politikforschungszentrum der Vanderbilt University. 'Wir tätigen Investitionen in Höhe von Billionen Dollar, um Einnahmen zu erzielen die bei mehreren zehn Milliarden Dollar liegen.' Es herrscht zunehmend Einigkeit darüber, dass solche Zahlen auf eine Blase hindeuten. Die wichtigere Frage ist vielleicht, wie groß diese Blase ist und was passieren wird, wenn sie platzt. Ein makroökonomisches Forschungsunternehmen, MacroStrategy Partnership, schätzt, dass die KI-Blase 17-mal so groß ist wie die Dotcom-Blase und viermal so groß wie die Immobilienblase von 2008."
Archiv: New York Times