Magazinrundschau - Archiv

Dekoder

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Magazinrundschau vom 18.08.2026 - Dekoder

Uladsimir Karatkewitsch (geboren 1930) gilt als einer der einflussreichsten belarussischen Schriftsteller des sowjetischen Belarus, schreibt Jakob Wunderwald. Mit seinen Werken erinnerte er nicht nur an die Aufstände gegen das russische Zarenreich im 19. Jahrhundert, sondern auch an die Besatzung durch die Nazis. 1984 stirbt er. "Seine Geschichtsvisionen bleiben indes zentrale Bezugspunkte für belarussische Nationaldiskurse. Erst heute werden sie in ihrer ganzen Fülle zugänglich. Aktuell erscheint eine fünfundzwanzigbändige Gesamtausgabe inklusive aller gekürzten Textstellen, die einst den Zensoren zum Opfer fielen. In Kyjiw, wo er studierte, trägt seit 2023 eine Straße seinen Namen - in der Ukraine, die ihr Territorium und ihr kulturelles Erbe gegen Russland verteidigt, wird Karatkewitsch für seinen Beitrag zur Popularisierung der Nationalkultur des nördlichen Nachbarlandes Belarus geehrt, das ja von russischer Seite wie die Ukraine als unablösbares 'Brudervolk' verstanden wird. In Minsk, der Hauptstadt des autoritär regierten Belarus, findet sich dagegen keine Karatkewitsch-Straße - und, wie eingangs beschrieben, wird das Werk des Schriftstellers zumindest teilweise aus den Schulen verbannt. Das heutige offizielle Belarus findet seine historischen Orientierungspunkte lieber in einem unkritischen Bezug auf sowjetische Geschichtsnarrative rund um den 'Großen Vaterländischen Krieg' und bietet keinen Raum für divergierende nationale Erzählungen. (...) Vielleicht hat es die Vergangenheit, von der er schreibt, nie genau so gegeben - doch seine romantischen Visionen etablieren Belarus, dessen Geschichte jahrhundertelang von imperialen Herrschern unterdrückt wurde, als widerständige Nation in Europa. Gleichzeitig sind sie so offen und verspielt, dass sie zum Weiterdenken einladen. Wie es der belarussische Schriftsteller Alhierd Bacharevič zusammenfasst: 'Er hat für uns den Ort erfunden, an dem wir leben.'" Karatkewitschs Opus Magnum "Kalassy pad sjarpom twaim" (Ähren unter deiner Sichel) wurde 2023 aus dem Literaturkanon der belarusischen Schulen verbannt.

Magazinrundschau vom 11.08.2026 - Dekoder

Szene aus "Pad scherym nebam" (Under the grey sky) von Mara Tamkovich


Im belarusischen Kino tobt ein Kampf um die Erinnerungskultur, schreibt Irena Kazjalowitsch für Reformation (deutsche Übersetzung von Tina Wünschmann bei Dekoder). Die staatlichen Filme sind sehr von russischen Narrativen abhängig, während die unabhängige Filmbranche Differenzierungen sucht: "Die staatliche Filmindustrie fördert aktuell offen die russische Perspektive und heroisiert die Sowjetära, was eher Russland nützt, das die Sowjetunion mit dem Russischen Imperium gleichsetzt und ihrem Zerfall nachtrauert. Durch die Zusammensetzung der Filmcrews, durch die Bezeichnung Belorusia im Abspann, durch ein positives, idealisiertes Bild der Sowjetmacht und der Sowjetarmee zieht das nationale Filmstudio zwischen den Zeilen Belarus an Russland und dessen Gefühlswelt heran. Dazu passt als trauriges Beispiel der Film 'Shisn posle shisni' (Das Leben nach dem Leben) des russischen Regisseurs Dmitri Astrachan, produziert von Belarusfilm, in dem der Protagonist auf Kosten unser aller Steuergelder nicht einmal korrekt [den Namen des Nationalschriftstellers - dek] Jakub Kolas aussprechen kann." Filme über den Zweiten Weltkrieg und nostalgische Erinnerungen dominieren die Produktionen des staatlichen Monopolisten Belarusfilm. "Die unabhängige Filmbranche zeigt dagegen ein ganz anderes Bild der belarusischen Sicherheitsstrukturen - statt edler Helden sehen wir die Auslöser von Terror und Angst. (...) Der unabhängige Film transportiert auch ein anderes Konzept des Heldentums, so frei von Pathos, dass man 'Heldentum' besser in Anführungsstriche setzt. Helden sind hier nicht die Vertreter der Macht und der Sicherheitskräfte, sondern alle, die sich gegen ihre Unterdrückung zur Wehr setzen. Der asketische Film 'Pad scherym nebam' (Under the grey sky) von Mara Tamkovich zeigt, wie eine Journalistin in politischer Gefangenschaft Entscheidungen treffen muss, getreu ihren Werten, aber auch unter den Bedingungen von Haft und psychologischem Druck."

Außerdem: Vor sechs Jahren klaute Alexander Lukaschenko 2020 die belarussischen Präsidentschaftswahlen und regiert seither das Land noch autoritärer als vor 2020, ist bei Dekoder zu lesen. Dort wird auch eine Bildstrecke mit den Wegmarken der belarusischen Opposition seither gezeigt und auf die Stärke der belarusischen Protestkultur verwiesen.
Stichwörter: Belarus, Belarusisches Kino

Magazinrundschau vom 04.08.2026 - Dekoder

In der Ukraine kommt es aktuell zu sogenannten "Papp-Protesten", die sich zuerst gegen Selenskis im Alleingang getroffene Entscheidung, den beliebten Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zu entlassen, richteten, schreibt Olexandra Jefymenko für das Menschenrechtszentrum ZMINA (hier die deutsche Übersetzung auf Dekoder). Jetzt setzen sich die Demonstranten vor allem für allgemeine Verbesserungen im Militär ein. Jefymenko spricht zum Beispiel mit Tetjana Kopajhorodska und Marija Melnyk, Ehefrauen von Soldaten. Der Protest biete "eine gute Möglichkeit für einen gewaltfreien Austausch zwischen der Gesellschaft und der politischen Führung. Die Menschen kämen hierher, um einander zu sehen und zu begreifen, dass sie mit ihren Sorgen und ihrer Unzufriedenheit nicht allein sind, sagt Kopajhorodska: 'Vielen Menschen lag das Thema auf der Seele, und nun sehen wir, dass wir nicht allein sind, dass es viele Gleichgesinnte gibt und dass wir unsere Probleme und Ängste nicht für uns behalten müssen, sondern hierherbringen können, um unsere Führung zu ermutigen mit uns zu kommunizieren.' Marija Melnyk ist bereits zum zweiten Mal beim Protest: 'Der Hauptgrund hierherzukommen, ist die Entscheidung, meinen Mann zu unterstützen, denn er ist bereits seit zwei Jahren in der Armee. Zuletzt habe ich bei ihm eine gewisse Hoffnung und Zuversicht gespürt, denn er hat die Veränderungen gesehen. Als er von Fedorows Rücktritt erfuhr, fiel es ihm sehr schwer zu sprechen, hatte fast Tränen in der Stimme', erzählt Marija. (...) In Kyjiw, Charkiw, Odessa und anderen Städten sprechen die Menschen weiter über die Notwendigkeit systemischer Veränderungen: über die Arbeit des Parlaments, Transparenz bei Personalentscheidungen, die Rolle der Zivilgesellschaft und den Umgang mit Soldaten und Veteranen. Wer durch die russische Besatzung das Zuhause verloren hat, fordert, dass der Staat strategisch weiterhin dafür arbeite, dass sie eines Tages zurückkehren können. Das ist die ukrainische Gesellschaft: Menschen, die mit Pappschildern ihre Stimme erheben, wenn es ihnen wichtig ist, gehört zu werden."
Stichwörter: Ukraine, Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - Dekoder

Wird Russlands territoriale Größe im Ukrainekrieg zum Nachteil, fragt sich der russische Historiker und Politologe Sergej Medwedew in einem Kommentar für Radio Svoboda (deutsche Übersetzung bei Dekoder durch Anselm Bühling). "Jahrhundertelang herrschte im Einklang mit den klassischen Militärtheorien und geopolitischen Vorstellungen die Überzeugung, dass gerade die ungeheuren territorialen Ausmaße und die strategische Tiefe des russischen Imperiums, das Land quasi unverwundbar machten. Verstärkt wurde diese Überzeugung der Unverwundbarkeit durch Faktoren wie das raue Klima, die Unwegsamkeit und Unterentwicklung des Raums sowie den Mangel an Straßen und Infrastruktur. Die Niederlagen der Armeen Napoleons und Hitlers galten als der beste Beweis dafür. Doch in Zeiten neuer Technologien wie Drohnen, autonomen Waffen, Satellitenkommunikation und künstlicher Intelligenz schrumpfen Entfernungen. Der Raum wird durchsichtig, durchlässig und verwundbar - und je weiter der Raum, desto verwundbarer ist er. Russlands riesiger, über einen Zeitraum von fünfhundert Jahren herangewachsener Territorialkörper, in dessen Namen unzählige Opfer gebracht wurden, ist nicht länger ein Vorteil, sondern wird zur Schwäche: Es lässt sich praktisch nicht schützen und verteidigen. Die über das ganze Land verteilte Öl- und Gasinfrastruktur, die langen Verkehrswege, inklusive dem schmalen Band der Transsibirischen Eisenbahn mit ihren hunderten von Brücken, die sich an der chinesischen Grenze entlangzieht, die verstreute Rüstungsindustrie (als Erbe der planwirtschaftlichen sowjetischen Produktionsverteilung), die Militärlager und Flugplätze, (die als Erbe der Konfrontation mit der gesamten übrigen Welt an entlegenen Orten errichtet wurden) - all das ist den Angriffen durch unauffällige, geräuschlose Drohnen, die überallhin vordringen können, praktisch schutzlos ausgeliefert. Und wie die jüngsten ukrainischen Angriffe gezeigt haben, sind selbst die besonders geschützten Gebiete wie Moskau und Petersburg nicht mehr unverwundbar."

Magazinrundschau vom 30.06.2026 - Dekoder

Viele Russen sind komplett apathisch, wenn es um Politik geht und treffen dabei vor allem bei Belarusen einen Nerv, meint Olga Loiko auf Plan B (deutsche Übersetzung bei Dekoder von Ruth Altenhofer). Denn genau diese Ausblendung politischer Entwicklungen führe dazu, dass Russen nicht verstehen würden, warum Belarusen und Ukrainer (und andere Bürger postsowjetischer Staaten) sie so hassen. "Und unterdessen staunen die Guten: Woher kommt dieser Hass? Warum erzählt die ukrainische Mama ihren Kindern so scheußliche Dinge über Putin? Was soll die Schadenfreude über Benzinmangel auf der besetzten Krim? Und nennenswertes Mitleid für 'eure Jungs', die sich an der Front eine goldene Nase verdienen wollten, haben nicht mal die Belarusen, die ihr für eure kleinen Brüder haltet. Was sie in Rage bringt. Genau wie die belarusische Sprache und dass man euch permanent an die korrekte Bezeichnung des Landes erinnern muss: Belarus." Spannungen gibt es auch zwischen Belarusen und Ukrainern, wofür Loiko Folgendes empfiehlt: "Das Gespräch (meistens auf Englisch) mit dem 'Glaubensbekenntnis' jedes vernünftigen Menschen zu beginnen, ist ein Anfang: Die Krim ist ukrainisch. Putin hat einen blutigen Krieg in der Ukraine begonnen und muss dafür die Verantwortung tragen. Ich unterstütze diesen Krieg nicht und weiß genau, wer ihn vom Zaun gebrochen hat. Mir ist bewusst, dass ich als belarussische Staatsbürgerin für die Mitwirkung meines Landes an diesem Krieg Verantwortung trage. Und ich weiß, von wo aus die russischen Truppen am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert und sie mit Raketen beschossen haben. Dann können wir zu Russisch wechseln, wenn sich alle Gesprächsteilnehmende damit wohlfühlen. Wir können auch auf Englisch weitersprechen, auf Ukrainisch und Belarusisch, wie es uns beliebt. Wir stehen auf derselben Seite. Auf der, wo man nicht seine Nachbarn bedroht, wo man nicht mit Oreschnik-Raketen herumwedelt, wo man sich nicht herausnimmt, seinem Nachbarland vorzuschreiben, ob es Mitglied der EU oder der Eurasischen Wirtschaftsunion sein darf. Wo man fremde Sprachen und die freie Wahl respektiert."

Magazinrundschau vom 09.06.2026 - Dekoder

Die russische Gesellschaft soll so früh wie möglich militarisiert werden. Um das zu erreichen werden im ganzen Land Trainingslager mit den Namen "Avantgarde" oder "Woin" (Krieger) errichtet, in denen 16-17-Jährige ausgebildet werden, die möglichst früh an die Front gehen sollen, schreibt Andrej Satirko bei Vot Tak (Dekoder-Übersetzung ins Deutsche durch Jennie Seitz und Ruth Altenhofer). Die Zentren dienen aber auch dazu, ukrainische Kinder aus den besetzten Gebieten frühstmöglich in die russische Armee zu integrieren. "Die ukrainischen Regionen stehen bei Woin besonders im Fokus. Im besetzten Mariupol wird die 'russlandweit größte' Filiale aufgebaut. Vorstandsvorsitzender des Zentrums ist Wiktor Wodolazki, Abgeordneter der Staatsduma, der allein in den Jahren 2022 und 2023 mindestens 40 Mal dort war - das weiß Vot Tak aus Datenlecks des Grenzschutzes. Die ukrainischen Kinder werden bei Woin nicht nur in den besetzten Gebieten innerhalb der Ukraine trainiert, sondern auch nach Russland verschleppt. Zwölf Mal seien im Jahr 2025 ukrainische Kinder zu militär-patriotischen Trainingslagern in die RF gebracht worden, teilt die Juristin Xenija Kornijenko Vot Tak mit." Wieviele es genau waren, wisse man nicht, doch "allein das Wolgograder 'Avantgarde' habe seit 2024 bereits mehr als 5500 Kinder trainiert, die aus ukrainischen Regionen stammen wie aus den Oblasten Wolgograd und Belgorod, teilte im März 2026 Wiktor Wodolazki mit. Was die Russen über diese Trainingslager denken, lässt sich nicht sagen, Satirko lässt aber die russische Mutter Tatjana Jarowaja zu Wort kommen. "'Wir brauchen Trainingslager wie 'Avantgarde', um die Jugendlichen auf den richtigen Weg zu bringen. Weil es ja alle möglichen Organisationen gibt und sie so oder so unter irgendeinen Einfluss geraten. Da sollen sie lieber in diesen Lagern eine patriotische Prägung erfahren, als auf der Straße und keine Ahnung für was …', meint heute Tatjana Jarowaja, die zwei ihrer vier Söhne im Krieg verloren hat."
Stichwörter: Ukrainekrieg, Russland

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - Dekoder

Humor war für die Belarussen schon in der Sowjetunion wichtig, unter Alexander Lukaschenko ist er zurzeit eine der beliebtesten und einer der letzten verbliebenen Protestformen, konstatiert Iryna Chalip für Nowaja Gazeta Europe (deutsche Übersetzung von Jenny Seitz auf Dekoder). "Seit 2020 sprießen in Belarus satirische Telegram-Kanäle: zum Beispiel Grustny Kolenka (dt. Armer kleiner Kolja), der von Lukaschenkos jüngstem Sohn Nikolai geführt wird (Ein Beispiel: 'Offizielle Meldung! Papa hat Prigoshin angerufen, der hat persönlich bestätigt, dass er bei dem Absturz ums Leben gekommen ist!') - oder der Kanal Sowjetisches Belarus, der die Propagandamedien parodiert. Erst kürzlich, am 13. März 2026, wurde Letzterer vom Bezirksgericht der Stadt Miory in der Oblast Witebsk als 'extremistisch' eingestuft. Daraufhin tauchte in dem Kanal ein reumütiger Brief des Herausgebers an das Gericht auf, ganz im Stil des Kanals: 'Als ich nach der Einstufung unseres Mediums als extremistisch halluzinierte, erschien mir mehrfach das Bild des jungen A. G. Lukaschenko. Er kam auf mich zu und sagte: 'Was hast du da nur angerichtet, Edelfeder? Ich werde dem Gericht in Miory sagen, es soll dir vergeben!' Es war so real, dass ich buchstäblich aufsprang und einen Freudentanz aufführte! So sehr vermischte sich bei mir die Realität mit dem Wahn!' In Belarus vermischt sich die Realität mit dem Wahn derweil nicht nur in satirischen Telegram-Kanälen. Aber es gibt Dinge, die unerschütterlich bleiben, und dazu gehört der Humor. Ein Tyrann kann einen oder eine halbe Million Menschen aus dem Land vertreiben. Er kann sie alle ins Gefängnis stecken, sie töten. Aber er kann ihnen nicht die Fähigkeit zu lachen nehmen. Und solange die Belarussen über den Tyrannen lachen, sind sie unsterblich. Im Gegensatz zu ihm, auch wenn er schon seit über 30 Jahren an der Macht ist."

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - Dekoder

Das Theater in der Ukraine befindet sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Wandel, konstatiert die ukrainische Theaterwissenschaftlerin Hanna Veselovska bei Dekoder. "Das gesellschaftliche Verständnis des Russisch-Ukrainischen Krieges als existenzielle Gefahr wies auch dem Theater einen Ausweg aus der Schaffenskrise, von der es nach der ersten Flut dokumentarischer Stücke im Jahr 2022 eingeholt worden war. Unter ständigem Druck lebend, wollten die Zuschauer keine Geschichten mehr sehen, die ihre tragische Gegenwart widerspiegelten. Als wollte man sich vor zusätzlichem Stress schützen, distanzierte sich das Publikum zunehmend von Erzählungen über die Schrecken des Krieges auf der Bühne. Gekränkt mussten dies beispielsweise die Autoren des eindringlichen und auch im Ausland gespielten Stücks 'Mariupol-Drama' durch das Akademische Dramentheater der Region Donezk aus Mariupol zur Kenntnis nehmen. Stattdessen wandten sich die Zuschauer als 'Schutzreaktion' wieder ukrainischen Klassikern zu, von denen sie sich Antworten auf die existenzielle Herausforderung erhofften. Die Wiederentdeckung der eigenen Geschichte, Literatur und Biografien weltbekannter Ukrainer - wie etwa des Bildhauers Alexander Archipenko, der Malerin Alexandra Exter, oder des Luftfahrtpioniers Igor Sikorsky verstärkte das Interesse an den Neufassungen von Werken, die vielen noch aus dem Schulunterricht bekannt waren. So verband beispielsweise der Regisseur Rostyslav Derzhypilsky Lesja Ukrajinkas Feenmärchen 'Das Waldlied auf dem Blutacker' mit ihrem lakonischen Poem über Judas Iskariot und das Wesen des Verrats. Doch auch im von der Front weit entfernten Iwano-Frankiwsk wird das Stück, bei dem die Zuschauer einem Ritual gleich an einem langen Tisch wie mit einer Kette miteinander verbunden sind, in einem improvisierten Schutzraum unter der Theaterbühne aufgeführt, als wolle es an die allgegenwärtige Gefahr erinnern."
Stichwörter: Ukraine, Ukrainisches Theater

Magazinrundschau vom 09.09.2025 - Dekoder

Dekoder veröffentlicht einen Briefwechsel des russischen Publizisten Andrej Archangelski und des russischen Historikers Sergej Medwedew, die versuchen herauszufinden, welche Denkmuster die russische Führung und russische Gesellschaft derart kriegerisch werden lässt, wie wir es heute in der Ukraine sehen. So schreibt Medwedew, die russische Propaganda hätte "den Mythos von der Größe Russlands und den Mythos vom Opfer des 9. Mai" kombiniert und miteinander verschränkt. "Herausgekommen ist eine explosive, atemberaubende Mischung: der Mythos vom Sieg als Hauptparadigma der russischen Geschichte. Oder noch weiter gefasst - der Mythos des Krieges als Basisontologie des russischen Lebens. (...)  Archangelski:  Aus dem von dir beschriebenen Mythos des 'Krieges als Religion' ergeben sich meiner Meinung nach zwei weitere wichtige Denkmuster: einerseits der Mythos, der uns zu Sowjetzeiten eingetrichtert wurde und der jetzt wiederkehrt - dass die UdSSR den Faschismus ganz allein besiegt habe (vor allem ohne Großbritannien und die USA). Was dem heutigen Russland und seiner Bevölkerung quasi das absolute moralische Recht für die Zukunft verleiht: 'Wir haben das Böse in der Welt besiegt, darum steht die ganze Welt für immer in unserer Schuld. Also dürfen wir alles.' Wohlgemerkt fehlt diesem 'Wir' der elementare Anstand allein schon dem früheren 'Wir' gegenüber, zu dem ja auch die Bürger der anderen Sowjetrepubliken gehörten. Und das zweite Denkmuster betrifft, was genau 'wir' als 'Unseres' betrachten: 'Uns gehört alles, wo wir jemals Blut vergossen haben' (und wir haben fast schon überall gekämpft). Wie der Dichter Boris Sluzki schrieb: 'In fünf Nachbarländern liegen unsere Leichen verscharrt.' Das entspricht Putins Formel: 'Russland hat kein Ende.' Die Verluste in den zahlreichen Kriegen über mehrere Jahrhunderte - enorme, unnötige und, wie die Geschichte oft gezeigt hat, sinnlose Opfer - werden jetzt zu einem blutigen, symbolischen Kapital des Putin-Regimes. Je mehr Tote, desto größere das moralisches Recht auf neue Eroberungen! Es ist zynisch, funktioniert aber."

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Dekoder

Foto © Max Sher


Die Stadt Kars wurde als Schauplatz in Orhan Pamuks Roman "Schnee" berühmt: In der langen Geschichte der heutigen ostanatolischen Provinz war Kars mal osmanisch, dann russisch und heute türkisch, lesen wir bei Dekoder. Der russische Fotograf Max Sher geht der Geschichte von Kars in einem neuen Bildband fotografisch nach, Dekoder zeigt eine Auswahl von Bilder, wie dies oben: Es zeigt "einen Gedenkmarsch anlässlich des 95. Jahrestags der Schlacht von Sarıkamış in den Allahuekber-Bergen. Diese Schlacht zwischen osmanischen und russischen Truppen im Ersten Weltkrieg forderte zwischen Dezember 1914 und Januar 1915 auf beiden Seiten zehntausende Todesopfer. Sie begann mit einer Offensive unter der Führung des osmanischen Oberbefehlshabers Enver Paşa, der versuchte, das Gebiet um Kars von Russland zurückzuerobern. Die Aktion endete in einer verheerenden Niederlage der türkischen Armee - verursacht durch strategische Fehlentscheidungen, schlechte Kommunikation zwischen den Truppenteilen und fehlende Vorbereitung auf winterliche Kämpfe im Gebirge. Allein am 13. Dezember 1914 erfroren tausende türkische Soldaten bei dem Versuch, die Berge auf dem Weg zur russisch kontrollierten Grenzstadt Sarıkamış zu überqueren. Auf russischer Seite kämpften auch mehrere tausend armenische Freiwillige, was Enver Paşa dazu veranlasste, seine Niederlage allein ihnen zuzuschreiben. Historikern zufolge führte dies zu Deportationen und Massakern an osmanischen Armeniern - geplant und durchgeführt durch Enver Paşa und seine Verbündeten - und mündete schließlich im Völkermord an den Armeniern von 1915."