Magazinrundschau

Um die 50 000 Zivilisationen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
18.08.2026. Dekoder stellt den belarusischen Schriftsteller Uladsimir Karatkewitsch vor, dessen Bücher 42 Jahre nach seinem Tod in Belarus verboten werden. Foreign Affairs fordert die Vereinten Nationen auf: Hört auf die afghanischen Frauen. Das lyrische Ich ist immer eine Konstruktion, erinnert die Autorin Krisztina Tóth in Elet es Irodalom, auch in der Autofiktion. Eurozine erklärt den Zusammenhang zwischen Blutwurst und Botox. Der New Yorker erzählt eine Geschichte von Kuru, Kolonialismus und Kannibalismus, von Päderastie ganz zu schweigen.

Dekoder (Deutschland), 11.08.2026

Uladsimir Karatkewitsch (geboren 1930) gilt als einer der einflussreichsten belarussischen Schriftsteller des sowjetischen Belarus, schreibt Jakob Wunderwald. Mit seinen Werken erinnerte er nicht nur an die Aufstände gegen das russische Zarenreich im 19. Jahrhundert, sondern auch an die Besatzung durch die Nazis. 1984 stirbt er. "Seine Geschichtsvisionen bleiben indes zentrale Bezugspunkte für belarussische Nationaldiskurse. Erst heute werden sie in ihrer ganzen Fülle zugänglich. Aktuell erscheint eine fünfundzwanzigbändige Gesamtausgabe inklusive aller gekürzten Textstellen, die einst den Zensoren zum Opfer fielen. In Kyjiw, wo er studierte, trägt seit 2023 eine Straße seinen Namen - in der Ukraine, die ihr Territorium und ihr kulturelles Erbe gegen Russland verteidigt, wird Karatkewitsch für seinen Beitrag zur Popularisierung der Nationalkultur des nördlichen Nachbarlandes Belarus geehrt, das ja von russischer Seite wie die Ukraine als unablösbares 'Brudervolk' verstanden wird. In Minsk, der Hauptstadt des autoritär regierten Belarus, findet sich dagegen keine Karatkewitsch-Straße - und, wie eingangs beschrieben, wird das Werk des Schriftstellers zumindest teilweise aus den Schulen verbannt. Das heutige offizielle Belarus findet seine historischen Orientierungspunkte lieber in einem unkritischen Bezug auf sowjetische Geschichtsnarrative rund um den 'Großen Vaterländischen Krieg' und bietet keinen Raum für divergierende nationale Erzählungen. (...) Vielleicht hat es die Vergangenheit, von der er schreibt, nie genau so gegeben - doch seine romantischen Visionen etablieren Belarus, dessen Geschichte jahrhundertelang von imperialen Herrschern unterdrückt wurde, als widerständige Nation in Europa. Gleichzeitig sind sie so offen und verspielt, dass sie zum Weiterdenken einladen. Wie es der belarussische Schriftsteller Alhierd Bacharevič zusammenfasst: 'Er hat für uns den Ort erfunden, an dem wir leben.'" Karatkewitschs Opus Magnum "Kalassy pad sjarpom twaim" (Ähren unter deiner Sichel) wurde 2023 aus dem Literaturkanon der belarusischen Schulen verbannt.
Archiv: Dekoder

Foreign Affairs (USA), 01.09.2026

Rina Amiri, ehemalige amerikanische Sondergesandte für afghanische Frauen, Mädchen und Menschenrechte, fordert die internationale Gemeinschaft auf, Frauen in Afghanistan in ihrem Widerstand gegen das Taliban-Regime zu unterstützen: "Trotz des außergewöhnlichen Engagements afghanischer Frauen hat das internationale Engagement in Kabul ihre Bemühungen kaum anerkannt oder unterstützt. Stattdessen sind mehrere ausländische Regierungen zu dem Schluss gekommen, dass eine Art transaktionsorientierte Beziehung zu den Taliban der sicherste Weg ist, Extremismus einzudämmen, Migration zu steuern und das Land zu stabilisieren. Obwohl Russland als einziges Land die Taliban-Regierung formell anerkannt hat, hat China die Beglaubigungsschreiben eines von den Taliban ernannten Botschafters akzeptiert, und mehrere Länder der Region bauen ihre diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Kabul aus. Selbst die Europäische Kommission lud kürzlich Taliban-Vertreter nach Brüssel ein, um in Gesprächen mit 15 EU-Mitgliedstaaten über Migrationsfragen zu beraten. Ausländische Beamte thematisieren und verurteilen in solchen Gesprächen die Unterdrückung von Frauen und Mädchen, doch den Taliban ist oft klar, dass diese Anliegen nicht die obersten Prioritäten ihrer Gesprächspartner sind." Amiri fordert "die sinnvolle Einbeziehung afghanischer Frauen in die internationale Diplomatie. Das Taliban-Regime schließt systematisch die Hälfte der Bevölkerung von jeglicher politischen Repräsentation aus; der Rest der Welt sollte diesem Beispiel nicht folgen. Diplomatische Bemühungen räumen den Taliban heutzutage allzu oft einen formellen Platz am Verhandlungstisch ein, während der Kontakt mit afghanischen Frauen auf informelle Konsultationen beschränkt bleibt. In anderen Fällen, in denen eine Regierung einem erheblichen Teil ihrer Bevölkerung systematisch die politische Teilhabe verweigert hat, wie beispielsweise im Fall des Apartheidregimes in Südafrika, haben internationale Institutionen innovative Wege gefunden, diese Bevölkerungsgruppen einzubeziehen. Dasselbe ist auch für Afghanistan möglich. Die Vereinten Nationen sollten einen formellen Mechanismus einrichten, der afghanische Frauen in formelle, substanzielle Beratungen über die Zukunft Afghanistans einbindet."
Archiv: Foreign Affairs
Stichwörter: Afghanistan, Taliban, Frauenrechte

Elet es Irodalom (Ungarn), 14.08.2026

Die Dichterin und Schriftstellerin Krisztina Tóth spricht im Interview mit Claudia Hegedűs über das "Ich" als Quelle der Lyrik und der Prosa sowohl in der Postmoderne als auch in der gegenwärtigen "Bekenntnislyrik" oder Autofiktion. "Das Schreiben ist immer persönlich, doch damit meine ich nicht die Subjektivität und in der Prosa oder die Autofiktion, ich versuche stattdessen die Fragen, die mich intensiv beschäftigen, in die Geschichten einzubauen beziehungsweise in den Gedichten zu umkreisen. Es scheint, als hätten sich nach dem Abklingen der postmodernen Welle in der Lyrik die neue Bekenntnisliteratur und in der Prosa die Autofiktion verstärkt. Daran ist nichts auszusetzen, wenn die persönliche, gut geschriebene Geschichte über sich hinauswachsen kann, wenn es ihr gelingt, etwas von unseren allgemeinen menschlichen Qualen einzufangen. Ich persönlich bevorzuge beispielsweise ein gewisses Maß an Distanz. Meiner Meinung nach wäre es an der Zeit, das Persönliche neu zu definieren und zur Kenntnis zu nehmen, dass das lyrische Ich immer eine Konstruktion ist. Vielleicht werden wir uns mit der Zeit wieder von der unmittelbaren Subjektivität entfernen, und es wird nicht mehr so viel Autofiktion entstehen. Derzeit erzählen viele das Echte, aber nur wenige die Wahrheit. Und im poetischen Sinne ist nur Letzteres interessant. (...) Die extrem selbstironischen Texte der Neunzigerjahre und die aktuellen 'ehrlichen' Werke zur Traumaverarbeitung spielen im Schreiben gleichermaßen mit dem Ich. Sie wollen nicht aus einer erfundenen Figur, sondern direkt aus dem Ich des Autors aus Fleisch und Blut einen poetischen Orgasmus herauskitzeln, während die objektive Dichtung sagte: 'Pah, das reicht jetzt, wir spielen nicht mit dem Ich, Hände über die Decke!' Selbstironie und Selbstanalyse, Bekenntnischarakter und - in noch extremerer Ausprägung - das virtuose Selbstmitleid des traurigen subjektiven Dichters sind nur verschiedene Varianten davon."

Guardian (UK), 18.08.2026

Shaun Walker rekonstruiert mit Hilfe vieler Seiten Gerichtsakten und zahlreicher Interviews den Fall eines vermeintlichen russischen Oppositionellen, der vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB als Informant angeworben wurde und in der russischen Exil-Community in Polen aktiv war. Ein Super-Spion war dieser Igor Rogow - inzwischen zu sieben Jahren Haft verurteilt - wohl nicht, eher ein naiver und überforderter junger Mann, der sich erpressbar gemacht hatte und auch seine Frau Irina in seinen Verrat involvierte. Seine Geschichte erlaubt Rückschlüsse darauf, wie die russischen Geheimdienste Oppositionsgruppen infiltrieren: "Aus den Akten geht nicht klar hervor, ob der ursprüngliche Impuls, sich in der Oppositionspolitik zu engagieren, von Rogow oder von (seinem FSB-Kontakt) Jewgeni ausging. Doch nachdem Rogow seine politische Aktivität aufgenommen hatte, drängte ihn der FSB-Mann, möglichst viele Kontakte zu knüpfen. 'Ich sollte einfach weiter die Dinge tun, die ich ohnehin tun wollte: in Oppositionskreisen aufsteigen, neue Leute kennenlernen, Menschen helfen - und dann am Ende dem FSB über alles Bericht erstatten', erinnerte sich Rogow. Wann immer er von einer Reise zu einer Oppositionskonferenz in Moskau oder im Ausland zurückkehrte, erzählte er Irina, er müsse einige Zeit darauf verwenden, einen Bericht für Jewgeni auszuarbeiten. Das ideale Szenario, erklärte Jewgeni Rogow, wäre es, wenn er auf einer dieser Auslandsreisen von einem westlichen Geheimdienst angesprochen und als Mitarbeiter angeworben würde. 'Der Plan war, dass ich ein Doppelagent werden sollte', sagte Rogow. Dazu kam es nie, doch der Plan deutet darauf hin, dass Jewgeni große Pläne für seinen Agenten hatte. In jeder russischen Region gebe es, wie mir ein europäischer Geheimdienstmitarbeiter sagte, zahlreiche FSB-Offiziere, die sich darauf konzentrierten, Oppositionsgruppen zu infiltrieren, und diese Beamten suchten nach Möglichkeiten, ihre Fälle über das bloß lokale Interesse hinauszuheben. 'Der Beamte auf niedriger Ebene, der die Anwerbung vorgenommen hat, wird versuchen, sich zu profilieren, indem er den Fall so weit wie möglich vorantreibt', sagte die Quelle."

Sind wir doch allein da draußen? Adam Kirsch befasst sich mit der Frage, weshalb es der Wissenschaft bislang nicht gelungen ist, intelligentes Leben aufzuspüren, das seinen Ursprung nicht auf der Erde hat. Und das, obwohl Astronomen in den 1960er Jahren spekuliert hatten, dass es in unserer Galaxie um die 50 000 Zivilisationen geben müsse, die, ähnlich wie unsere eigene, lesbare Signale ins All entsenden. Konkret beschäftigt sich Kirsch mit der Drake Equation, die sieben verschiedene Faktoren identifiziert, die zusammenspielen müssen, damit auffindbares extraterrestrisches Leben entsteht. Soweit sich diese Faktoren auf die Entstehung erdähnlicher Planeten außerhalb unseres Sonnensystems beziehen, die theoretisch die Voraussetzung für die Enstehung von Leben erfüllen, hat die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten entscheidende Fortschritte gemacht. Mehr Probleme bereiten Faktoren, die sich auf die tatsächliche Entstehung intelligenten Lebens beziehen. Besonders heikel ist der siebte Faktor, der angibt, wie alt eine Zivilisation werden kann, die fähig ist, Signale ins All zu senden: "Solange unsere technologische Zivilisation die einzige ist, von der wir wissen, haben wir keine Möglichkeit, die Lebensdauer solcher Zivilisationen zu schätzen. Wir können nur überlegen, wie lange unsere voraussichtlich bestehen kann. Und es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass dies keine sehr lange Zeit sein könnte. Die Entstehung der Radioastronomie und der Raumfahrt fiel mit der Erfindung der Atomwaffen zusammen; dieselbe Raketentechnologie, die Astronauten zum Mond brachte, wurde auch zum Bau interkontinentaler ballistischer Raketen eingesetzt. Die Menschheit hat es in den vergangenen 80 Jahren geschafft, sich nicht selbst in einem Atomkrieg zu vernichten, doch es müsste schon ein sehr kühner Prophet sein, der garantieren wollte, dass uns dies auch in den nächsten 80 Jahren gelingt - ganz zu schweigen von den nächsten 800. Möglicherweise ist technologischer Fortschritt selbstbegrenzend: Jede Spezies, die mächtig genug ist, ihrem Planeten zu entkommen, ist auch mächtig genug, ihn zu zerstören."
Archiv: Guardian

Le Grand Continent (Frankreich), 14.08.2026

Die Zeitschrift Le Grand Continent, die an die höchst renommierte Ecole Normale Supérieure angeschlossen ist, beschäftigt sich sehr intensiv mit den aktuellen Diskursen der extremen Rechten. Im Ferienmonat August erscheinen einige Artikel zu Zentralbegriffen der heutigen Rechtsextremen. Der junge Zeithistoriker Sergi Soler López widmet sich dem Begriff des "Grand Remplacement", der in kürzester Zeit eine ungeheure Karriere durchlaufen hat: "In fünfzehn Jahren hat er den Weg vom radikalen Slogan zu den Organigrammen der amerikanischen Bundesregierung geschafft." Wie so häufig, wenn es um fatale Theorien geht, ist ein Franzose Erfinder des Begriffs, Renaud Camus, der den Begriff des "Großen Austauschs" 2011 zum Titel eines Bestsellers machte. Auch andere französische Autoren wie Alain de Benoist und der Romancier Jean Raspail spielten bei der Verbreitung des Begriffs eine Rolle. Das Bestechende an dem Begriff ist seine Anschlussfähigkeit, so López: Es gibt ihn in extrem antisemitischen Ausprägungen, wo Juden wie George Soros für den "großen Austausch" verantwortlich gemacht werden, und in milderen Varianten, wo man lieber von der "Finanzelite" oder Ähnlichem spricht. "Die Auswirkungen dieser Theorie im 21. Jahrhundert sind gut dokumentiert. Die schwerwiegendsten Anschläge weißer Supremacisten dieser Zeit beriefen sich darauf. Der Täter des Massakers von Christchurch übernahm 2019 den Titel seines Manifests direkt aus dieser Fantasiegeschichte, der Attentäter von El Paso berief sich auf eine 'Invasion' von Texas, und der Täter des Anschlags von Buffalo im Jahr 2022 griff die Argumentation weitgehend auf." Das gleiche gilt für den Attentäter auf die Synagoge von Pittsburgh, so López. "Im Jahr 2026 ist diese Überzeugung keineswegs mehr eine Randerscheinung. Eine Umfrage aus dem Jahr 2022 ergab, dass ein Drittel der Amerikaner und zwei Drittel der republikanischen Wähler einer der zentralen Thesen dieser Theorie zustimmten; eine wenige Tage nach dem Anschlag in Buffalo durchgeführte Umfrage bezifferte den Anteil der Trump-Wähler, die den Kern der Argumentation teilten, auf 61 Prozent. Im selben Jahr dokumentierte eine journalistische Untersuchung, dass der Moderator Tucker Carlson in Sendungen für ein breites Publikum regelmäßig Varianten dieser These vertrat. Meinungsumfragen ergaben zudem, dass die Zustimmung zu den Thesen der 'Austauschtheorie' mit einer deutlich stärkeren Neigung einhergeht, politische Gewalt als gerechtfertigt zu betrachten."

The Insider (Russland), 10.08.2026

Wie geht es eigentlich der zeitgenössischen Kunst in Russland, fragt sich Vlad Gagin. Sehr schlecht, wie man sich denken kann, und das liegt auch am Kulturbetrieb: Oppositionelle Künstler werden verhaftet, Ausstellungen einen Tag vor der Eröffnung abgesagt und es herrscht ein Klima der Denunziation und des Duckmäusertums. Dem russischen Kurator Dmitry zufolge "haben Institutionen jedoch unterschiedlich auf die neue Realität reagiert: 'Es gibt auch unangenehmere Fälle von institutioneller Selbstzensur. So bereitete beispielsweise im Jahr 2025 der Künstler Blue Pencil eine Ausstellung im Arsenal-Museum in Nischni Nowgorod vor, doch die Institution bekam solche Angst, dass sie seinen Namen nirgendwo erwähnte. Doch einige Zeit später veröffentlichte ein Individuum Blue Pencils Buch, ein Manifest, das sich mit Zensur befasst. Und es passierte nichts! Das ist ein immer wiederkehrendes Muster: Institutionsleiter versuchen, die Risiken abzuschätzen, und reagieren oft übertrieben.' "In einem Kommentar zur Entlassung eines Mitarbeiters des Moskauer Kulturzentrums GES-2, sagte die Gründerin der Moskauer Kunstgalerie, Aleksandra, dass große Kulturinstitutionen angesichts staatlichen Drucks zögern, sich entweder für ihre Mitarbeiter oder für Künstler einzusetzen: 'Institutionen verhalten sich nach dem Prinzip: 'Ich bin nur ein kleines Kätzchen - was kann ich schon ausrichten?' Meiner Ansicht nach ist GES-2 heute das deutlichste Beispiel dafür, wie Institutionen, die sich der Kultur und den Künsten verschrieben haben, unter Putin aussehen. Künstler, die, sagen wir mal, keine klare öffentliche Haltung einnehmen, wollen unbedingt dort mitmachen, weil es dort Geld, Ausstellungen und Chancen gibt. Aber auch bei anderen großen Institutionen ist die Situation ähnlich. Die Leute klammern sich an ihre Gehälter, und man kann verstehen, warum - eine Institution wird einen ihrer Mitarbeiter nicht verteidigen, selbst wenn er schon seit tausend Jahren dort arbeitet. Man sollte kein Gefühl für Anstand erwarten.'"
Archiv: The Insider

Eurozine (Österreich), 17.08.2026

Barbara Gregov entdeckt erste Fältchen in ihrem Gesicht und nimmt das zum Anlass, gründlich über Schönheitsideale, Verjüngungsmethoden und Botoxspritzen nachzudenken. Auf ihrem Streifzug kommt sie an Literarischem und Profanem vorbei, Reality-Shows und Schauspieler(innen)gesichtern. Vor allem aber erinnert sie daran, wie Botox eigentlich entdeckt wurde. Die Geschichte beginnt beim Arzt Justinus Kerner, der während der Zeit der Napoleonischen Kriege zu einem Bakterium forschte, dass sich in kontaminierten Blutwürsten verbarg (wie Gregov schreibt, waren Blutwürste gerade in Zeiten der Lebensmittelknappheit sehr beliebt, weil man alle Teile eines Tieres darin verwursten konnte). Doch in den bei Raumtemperatur gelagerten Würsten konnte sich leicht das Bakterium Clostridium botulinum entwickeln, dass Botulinumtoxin verursachte, was für den Blutwurst-Verzehrer schlechte Folgen hatte: "Das Toxin wirkte schnell und heimtückisch. Das Opfer wirkte plötzlich verdächtig lethargisch, mit einem leeren, ausdruckslosen Gesicht - wie ein gelangweilter Leser! Doch unter der teilnahmslosen Oberfläche, bei vollem Bewusstsein, verfiel es langsam in einen Zustand der Lähmung. Zuerst fielen die Augenlider herab, die Sicht verschwamm und verdoppelte sich. Dann wurden Schlucken und Sprechen zunehmend schwieriger. Und sobald die Lähmung die Lunge erreichte, erstickte das Opfer qualvoll. Es gab so viele solcher Fälle, dass man zunächst eine Epidemie vermutete. Doch der skeptische Kerner testete unzählige Wurstrezepte, untersuchte über hundert Patienten und tötete unzählige unschuldige Tiere in Experimenten, bevor er zu dem Schluss kam, dass der Übeltäter tatsächlich ein biologisches Toxin war. Erst als er einen Tropfen des giftigen Wurstfetts auf seine Zunge gab, die daraufhin sofort taub wurde, erkannte er, dass das Toxin medizinisch genutzt werden könnte. Kerners Vorhersage bewahrheitete sich, allerdings erst anderthalb Jahrhunderte später, im selbstfinanzierten Labor des kalifornischen Augenarztes Alan B. Scott, der versuchte, das Toxin zur Behandlung von Schielen einzusetzen. Die Injektion einer tödlichen Substanz in den Augapfel beeindruckte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) zunächst nicht, doch Scotts Engagement und Weitsicht führten schließlich zu dem, was wir heute als Botox kennen. Botox wirkt, indem es die Nervenimpulse zu den Muskeln vorübergehend blockiert und so deren Kontraktion verhindert. Heute wird es in verschiedenen medizinischen Bereichen eingesetzt, von der Augenheilkunde und Neurologie bis hin zur ästhetischen Medizin."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Botox

ČT Art (Tschechien), 11.08.2026

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Erika Zlamalová unterhält sich mit dem slowakischen Schriftsteller Michal Hvorecký über allgemeine Bedrohungen der Demokratie und wie in heutigen Zeiten Widerstand aussehen kann. Hvorecký, der auch Autoren wie W. G. Sebald oder Robert Walser übersetzt hat, hat sein neues Buch "Dissident" erstmals direkt auf Deutsch geschrieben. Er schildert darin seine Erlebnisse von 1989 bis zum Herbst 2025, wie sich die Gesellschaft in der Slowakei und in Osteuropa radikalisiert hat und wie es dazu kam, dass die rechtspopulistische Kulturministerin Martina Šimkovičová ihn anzeigte. (Hvorecký hatte sie als "Neofaschistin" bezeichnet.) Das Deutsche habe es ihm ermöglicht, Distanz zu dem Thema zu gewinnen, meint Hvorecký. Er selbst betrachte sich nicht als Dissidenten, möchte jedoch diesen Begriff wieder in die öffentliche Debatte einbringen: "Dissidenten gehören nicht nur in die Ära des Kalten Krieges. Der Begriff ist aktuell. (…) Widerstand muss heute innovativ sein und auch Menschen ansprechen, die kaum noch Vertrauen haben. Manchmal ist das eine geradezu übermenschliche Aufgabe. Die Botschaft meines Buches lautet, dass jeder von uns etwas tun kann, um Freiheit und Demokratie zu stärken. Als Bürger haben wir immer noch große Macht. Im 21. Jahrhundert ist es an der Zeit, über eine neue Form des Dissenses zu sprechen. Auch Péter Magyar ist für mich ein Beispiel für jemanden, der aus dem Dissens innerhalb seiner Partei hervorging und einen politischen Kampf im digitalen Zeitalter führte - einer Zeit, in der die Algorithmen sozialer Netzwerke ebenfalls zu Feinden der Demokratie geworden sind. In meinem Buch erwähne ich slowakische Beispiele für einen neuen Dissens und erinnere daran, dass wir in Mitteleuropa über ein kostbares Erbe verfügen: Superhelden ihrer Zeit wie Wassyl Stus, Václav Havel, Adam Michnik, Jacek Kuroń und andere - darunter auch viele Dissidentinnen, an die heute endlich viel stärker erinnert wird." Noch sei die Slowakei eine parlamentarische Demokratie - wenn auch eine deutlich geschwächte -, und Hvorecký ist zuversichtlich, dass die derzeitige Regierung wieder abgewählt werde. "Das Land hat Besseres verdient als hasserfüllte Barbaren wie Fico und Šimkovičová. Man muss keine Angst vor ihnen haben, auch wenn sie selbst nichts anderes können, als Angst zu verbreiten. Mit Mut können wir sie abwählen und eine neue Ära einleiten. Lassen wir uns von Ungarn und Polen inspirieren. Ich bin überzeugt, dass auch junge Frauen den Wandel herbeiführen werden."
Archiv: ČT Art

New Criterion (USA), 06.08.2026

Enrico Baj. Fire! Fire!, 1963-64. Tate, Presented by Avvocato Paride Accetti 1973. Archivio Enrico Baj, Vergiate, Varese, Italy. © Enrico Baj. Photo: Tate

Schon wieder eine Surrealismus-Ausstellung? Unbedingt, ruft uns Leann Davis Alspaugh zu, denn die Schau "International Surrealism from Tate: Fifty Years of Dreams" im Fris Art Museum in Nashville wirft einen erfrischend weiten Blick auf den Surrealismus und präsentiert auch weniger bekannte, internationale Namen, etwa den kubanischen Maler Wifredo Lam, den indischen Bildhauer Krishna Reddy oder den mosambikanischen Maler Malangatana Ngwenya. "Die mexikanischen Fotografen Manuel und Lola Álvarez Bravo schufen Bilder, in denen sich Erwartungen und die Härten der Realität oft auf abrupte Weise vermischten. Lolas Fotografien für ihr 1951 erschienenes Buch 'Acapulco en el sueño' laden uns ein, uns unter die Schönen und Reichen in Mexikos glamourösem Ferienort zu mischen, während Werke wie Manuels 'Striking Worker Assassinated' (1934) uns daran erinnern, dass Blut und Tod nie weit unter der Oberfläche lauern. Die Fotografien der Bravos wurden von den Werken Walker Evans' und Henri Cartier-Bressons beeinflusst, doch Mexikos oft unvereinbare Kräfte von Licht und Schatten, Bauern und Jetsettern sowie Tradition und Modernisierung verliehen ihren Bildern einen surrealistischen Charakter. Diese Ausstellung zeigt zudem mehrere hervorragende Studien der argentinisch-britischen Malerin und Fotografin Eileen Agar, die massive Felsbrocken in der Bretagne zeigen, sowie wunderbare Zufalls-Gegenüberstellungen wie 'Photograph of a Figurehead and a Wheel' (1934)."
Archiv: New Criterion
Stichwörter: Surrealismus

New Yorker (USA), 31.08.2026

Der Arzt D. Carleton Gajdusek erhielt 1976 einen Medizin-Nobelpreis für seine Erforschung von "Kuru", wie die Einheimischen von Papua-Neuguinea diese Krankheit nannten, eine Form der spongioformen Enzephalopathien, von der vor allem das Volk der Fore im Hochland Papua-Neuguineas betroffen war. Die Krankheit ist tödlich. Gajdusek, der einige Jahre mit den Fore lebte, fand heraus, dass sie durch Kannibalismus verursacht wurde: Die Fore, die erst in den dreißiger Jahren von der Außenwelt "entdeckt" worden waren, aßen bei Begräbnisritualen vom Fleisch des Verstorbenen. Gajdusek rettete sicher viele Leben, aber er war auch ein Unglück für die Fore, lernt man aus einer episch langen Reportage von Rachel Aviv: Er adoptierte zahlreiche Kinder, die er nach Amerika brachte, um dort ihre Entwicklung zu studieren. Wie sich herausstellte, war er außerdem ein Päderast, dem die Kollegen mit unfassbarer Toleranz begegneten. Er wurde erst 1997 wegen Kindsmissbrauchs angeklagt und verurteilt. Die meisten Kinder kamen mit dem Leben in den USA nicht zurecht, er schickte sie dann einfach wieder zurück. Doch in Papua-Neuguinea waren sie jetzt auch Außenseiter. Auch wenn inzwischen mit dem Kannibalismus auch Kuru verschwunden war, gab es weiterhin unerklärliche Todesfälle, für die immer häufiger "Zauberer" verantwortlich gemacht wurden. Die ehemaligen Adoptivkinder von Gajdusek gehörten oft zu den ersten Beschuldigten, darunter Luwi, dem der Kopf mit einer Machete gespalten wurde: "Das Krankenhaus in Goroka, in dem Luwi behandelt wurde, veröffentlichte 2004 einen Bericht, in dem beschrieben wurde, wie immer mehr Familien Obduktionen verlangten, um festzustellen, ob Hexerei die Ursache für den Tod eines Angehörigen war (durch Organentnahme, Vergiftung oder andere Mittel). 'Wer die Anführer sind - wie wir unsere Toten bestatten - es ist an der Zeit, zu untersuchen, wie wir im Grunde leben', schrieb Luwi in sein Tagebuch. Er war der Ansicht, dass die Kuru-Forscher es versäumt hatten, das Problem anzugehen, das ihre Forschung eigentlich lösen sollte. 'Die weißen Männer haben nicht verstanden, wie tief die Hexerei im Lebensgefüge verwurzelt ist', sagte er. Die Kuru-Epidemie war zwar vorbei, doch es kam weiterhin zu vorzeitigen Todesfällen; einer Zählung zufolge starb jedes achte Kind im östlichen Hochland vor Erreichen des fünften Lebensjahres. Die Wissenschaftler hatten keine überzeugende Krankheitstheorie vorgelegt, die die alten Erklärungen hätte ersetzen können." Auch Gideon Waiwaime, der fünf Jahre lang mit Gajdusek in den USA gewesen war, wurde der Hexerei beschuldigt, so dass er schließlich nach Port Moresby fliehen musste, "der Hauptstadt des Landes, doch dort fand er keine Arbeit. Gideon und Luwi kam es so vor, als würden ungewöhnlich viele Jungen, die mit Gajdusek gearbeitet hatten oder von ihm aufgezogen worden waren, als Hexer abgestempelt. Vielleicht waren es gerade jene Eigenschaften, die Gajdusek an ihnen fasziniert hatten und die sie dann in den USA weiterentwickelt hatten - Ehrgeiz, Unabhängigkeit, Kühnheit -, die sie auch als Hexer erkennbar machten. 'Diejenigen, die sich nicht den Vorstellungen und Gedanken des Dorfes fügen - das Dorf muss einen Weg finden, sie zu beseitigen', sagte Luwi."

Pope.L, Lumumba Self Portrait, 1990-95. Courtesy the Estate of Pope.L and Gladstone. Photo: Frankie Tyska © The Estate of Pope.L

Gesellschaftskritik oder Wahnsinn? Der vor drei Jahren gestorbene amerikanische Künstler Pope L. wurde mit Aktionen wie "Eating the Wall Street Journal" berühmt, während der er tagelang Zeitungen mit Ketchup und Milch aß. Nun widmet ihm das Drawing Center in New York eine Ausstellung und Zachary Fine erkennt, dass nicht nur Popes Performances, sondern auch dessen Papierarbeiten von seinem absurden Witz, Wahnsinn und seiner ungebremsten Neugier zeugen: "Das zeigt sich im gesamten Werk von Pope.L, aber auch innerhalb einzelner Serien, wie beispielsweise den 'Skin Set'-Zeichnungen, die er in den Neunzigern begann. Jede Zeichnung gibt eine Art Proklamation ab - manchmal unter Verwendung einer Kombination aus Kugelschreibern, Korrekturflüssigkeit, Filzstiften und Kaffeeflecken -, die so wirkt, als stamme sie von einem Kind oder einem durchgedrehten Rassisten: 'WEIßE MENSCHEN SIND GARNELEN BEI SONNENUNTERGANG'; 'ROTE MENSCHEN FICKEN DIE AUSTERN DER AUTOREN'; 'SCHWARZE MENSCHEN SIND DAS, WAS SCHWARZEN MENSCHEN FEHLT'; 'BLAUE MENSCHEN KÖNNEN SICH SELBST NICHT VORSTELLEN.' 'Unsinn' kann eine Sprache bezeichnen, in der Wortwahl und Syntax nicht den gewohnten Mustern entsprechen, aber es ist auch ein Begriff, den wir abwertend verwenden, um zu bekräftigen, dass wir wissen, was Sinn ist, um uns auf einem Stückchen Vernunft in Sicherheit zu wähnen. 'Oh, du weißt also, was weiße Menschen wirklich sind, wenn sie keine Garnelen sind?', spotten die Zeichnungen. 'Was sind sie denn?" Jede einzelne wirkt wie ein grobes Sandkorn, das die Gewissheiten und Stereotypen abträgt, die den Rassendiskurs verhärten."
Archiv: New Yorker