Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 18.08.2026 - Eurozine

Barbara Gregov entdeckt erste Fältchen in ihrem Gesicht und nimmt das zum Anlass, gründlich über Schönheitsideale, Verjüngungsmethoden und Botoxspritzen nachzudenken. Auf ihrem Streifzug kommt sie an Literarischem und Profanem vorbei, Reality-Shows und Schauspieler(innen)gesichtern. Vor allem aber erinnert sie daran, wie Botox eigentlich entdeckt wurde. Die Geschichte beginnt beim Arzt Justinus Kerner, der während der Zeit der Napoleonischen Kriege zu einem Bakterium forschte, dass sich in kontaminierten Blutwürsten verbarg (wie Gregov schreibt, waren Blutwürste gerade in Zeiten der Lebensmittelknappheit sehr beliebt, weil man alle Teile eines Tieres darin verwursten konnte). Doch in den bei Raumtemperatur gelagerten Würsten konnte sich leicht das Bakterium Clostridium botulinum entwickeln, dass Botulinumtoxin verursachte, was für den Blutwurst-Verzehrer schlechte Folgen hatte: "Das Toxin wirkte schnell und heimtückisch. Das Opfer wirkte plötzlich verdächtig lethargisch, mit einem leeren, ausdruckslosen Gesicht - wie ein gelangweilter Leser! Doch unter der teilnahmslosen Oberfläche, bei vollem Bewusstsein, verfiel es langsam in einen Zustand der Lähmung. Zuerst fielen die Augenlider herab, die Sicht verschwamm und verdoppelte sich. Dann wurden Schlucken und Sprechen zunehmend schwieriger. Und sobald die Lähmung die Lunge erreichte, erstickte das Opfer qualvoll. Es gab so viele solcher Fälle, dass man zunächst eine Epidemie vermutete. Doch der skeptische Kerner testete unzählige Wurstrezepte, untersuchte über hundert Patienten und tötete unzählige unschuldige Tiere in Experimenten, bevor er zu dem Schluss kam, dass der Übeltäter tatsächlich ein biologisches Toxin war. Erst als er einen Tropfen des giftigen Wurstfetts auf seine Zunge gab, die daraufhin sofort taub wurde, erkannte er, dass das Toxin medizinisch genutzt werden könnte. Kerners Vorhersage bewahrheitete sich, allerdings erst anderthalb Jahrhunderte später, im selbstfinanzierten Labor des kalifornischen Augenarztes Alan B. Scott, der versuchte, das Toxin zur Behandlung von Schielen einzusetzen. Die Injektion einer tödlichen Substanz in den Augapfel beeindruckte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) zunächst nicht, doch Scotts Engagement und Weitsicht führten schließlich zu dem, was wir heute als Botox kennen. Botox wirkt, indem es die Nervenimpulse zu den Muskeln vorübergehend blockiert und so deren Kontraktion verhindert. Heute wird es in verschiedenen medizinischen Bereichen eingesetzt, von der Augenheilkunde und Neurologie bis hin zur ästhetischen Medizin."
Stichwörter: Botox

Magazinrundschau vom 04.08.2026 - Eurozine

In Russland überwacht der Staat immer stärker die Fruchtbarkeit von Frauen, berichtet Olga Borisova, Autorin und ehemaliges Mitglied von Pussy Riot, in einem Artikel, der ursprünglich bei Index on Censorship erschienen ist. Denn die Geburtenrate sinkt wegen des Krieges in der Ukraine und aufgrund der schlechten wirtschaftliche Lage, der Staat wird nervös. Zwar ist Abtreibung weiterhin legal, doch lässt eine Rhetorik der nationalen Mobilisierung" Schwangerschaften zunehmend "als patriotische Pflicht" erscheinen. Der Druck geht von Behörden aus, die unter anderem über ein Gesetz diskutieren, das "Anstiftung zur Abtreibung" unter Strafe stellen soll. Es ist so vage formuliert, das darunter auch eine ärztliche Beratung fallen könnte. Gleichzeitig machen rechtsextreme Aktivisten Druck auf Abtreibungsbefürworter und medizinische Einrichtungen, so Borisova, auch die orthodoxe Kirche spielt das Spiel mit: "Parallel dazu haben die Behörden seit September 2024 Initiativen zur Überwachung der weiblichen Fruchtbarkeit gestartet. In Moskau erhalten Frauen über das digitale Gesundheitssystem der Stadt Einladungen zu Bluttests zur Bestimmung des Anti-Müller-Hormons - einem Maßstab für die Anzahl der vorhandenen Eizellen und damit für die potenzielle Fruchtbarkeit." Offiziell dient das der Gesundheitsfürsorge. "Doch vor dem Hintergrund der aktuellen demografischen Politik des Staates wirken diese Tests wie ein Versuch, die reproduktive Kapazität von Frauen genauer zu erfassen. Wenn die Aufrechterhaltung der Geburtenrate zum nationalen Anliegen erklärt wird, beginnt man allmählich, die weibliche Fruchtbarkeit als staatliche Ressource zu betrachten. Frauen, die Einladungen zu Fruchtbarkeitsuntersuchungen erhalten haben, bezeichnen diese bereits als 'Grüße aus The Handmaid's Tale'."

Magazinrundschau vom 21.07.2026 - Eurozine

Miriam Țepeș-Handaric blickt auf rechtsextreme Desinformationskampagnen in Rumänien und Bulgarien, die sich gezielt an die Roma-Bevölkerung der Länder richtet. In Bulgarien gibt es diese Strategie schon seit 2019, als rechtsextreme politische Kräfte und Organisationen das geplante Kinderschutzgesetz der Regierung sabotieren wollten und zu diesem Zweck das Netz mit Fake News fluteten: Die bulgarische Regierung plane, Kinder aus ihren Familien zu nehmen, damit sie von homosexuellen Paaren in Norwegen adoptiert werden könnten. So absurd das klingt, löste die Kampagne geradezu eine Panikwelle aus, berichtet die Autorin, vor allem in Roma-Familien. Der Anteil von Fällen, in denen Kinder von Behörden aus Familien genommen werden, ist in der Roma-Community viel höher als anderswo, erklärt Țepeș-Handaric, teilweise wegen struktureller Probleme innerhalb der Community, aber auch wegen staatlicher Willkür und Diskriminierung. Auch in Rumänien, beziehungsweise in der rumänischen Diaspora, versuchen Rechtsextreme immer wieder, mit diesem Thema Wählerstimmen unter den Roma zu fischen: "Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2024 besuchte George Simion, Vorsitzender der AUR, mehrere Mitglieder der rumänischen Diaspora: sowohl Rumänen, die von den Überschwemmungen in Spanien betroffen waren, als auch die Roma-Familie, deren Zwangstrennung gewaltsame Proteste in Großbritannien ausgelöst hatte (mehr hier). Aufnahmen, die zeigten, wie Kinder von britischen Behörden zwangsweise abgeführt wurden, einige von ihnen in Handschellen, gingen viral. Während zivilgesellschaftliche Akteure die Vorgehensweise der Sozialdienste in diesem Fall verurteilten und Roma-Aktivisten in beiden Ländern mit den Behörden zusammenarbeiteten, um die Spannungen abzubauen, löste die Situation laut Anda Constantin von der Stiftung 'Roma für Demokratie' eine neue Welle der Angst in den Roma-Gemeinschaften aus. Obwohl es sich um einen Einzelfall handelte, der die Diaspora und das britische Rechtssystem betraf, befürchteten manche Menschen, dass ihnen ihre eigenen Kinder weggenommen werden könnten - 'weil diese Angst ständig geschürt wird', so Constantin." (Allerdings berichtete die BBC schon 2012, dass "Kommunalbehörden wie Rotherham und Sheffield eine steigende Zahl von Roma-Eltern gemeldet hätten, für die Kinderschutzmaßnahmen gelten oder deren Kinder sogar in Pflege genommen wurden".)

Magazinrundschau vom 14.07.2026 - Eurozine

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Die amerikanische Osteuropahistorikerin Marci Shore erinnert sich an die Ende Juni im Alter von 77 Jahren verstorbene kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić. Schon als junge Studentin war Shore beeindruckt von Drakulics Texten, die sich mit dem Krieg und den ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzen, später machte sie die Bekanntschaft der Autorin und freundete sich mit ihr an. Draculic "stellte Fragen, auf die es keine bequemen Antworten gab", so Shore: "Wie fühlte sich Radko Mladić, der 'Schlächter von Bosnien', nachdem seine dreiundzwanzigjährige Tochter Suizid mit seiner Pistole begangen hatte? Kann ein Schlächter dieselben Gefühle empfinden wie seine Opfer?" In ihrem Buch "Keiner war dabei" über die Prozesse gegen serbische Kriegsverbrecher in Den Haag "schreibt Drakulić über Zoran Vuković, einen bosnischen Serben, der sich wegen der Massenvergewaltigung bosnisch-muslimischer Frauen in der Stadt Foča vor Gericht verantworten musste. Slavenka hört zu, wie er aussagt: Nach der Vergewaltigung eines fünfzehnjährigen Mädchens habe er ihr erklärt, er habe sich entschieden, nicht so brutal gegen sie vorzugehen, wie es möglich gewesen wäre - in Anbetracht der Tatsache, dass seine eigene Tochter im selben Alter sei. Dies war im Grunde seine Verteidigung: Ich hätte schließlich noch grausamer sein können. Slavenka, deren Texte maßgeblich dazu beitrugen, das Ausmaß der Grausamkeit serbischer Kriegsverbrechen zu vermitteln, wurde zur Zielscheibe einer Hasskampagne kroatischer Nationalisten. Man bezeichnete sie als Hexe - weil sie Feministin, Antinationalistin und eine Humanistin war, die nach universellen Kategorien des Verstehens strebte. Auch darin erinnerten ihre Haltung und ihre Sensibilität an Hannah Arendt. Sie sah die Wurzel des Bösen nicht in einer genetischen Veranlagung der Serben, sondern in den Verwundbarkeiten, die der menschlichen Existenz innewohnen. Sie war der Überzeugung, dass 'die Dehumanisierung der Täter nur dazu beiträgt, das Kernproblem zu verkennen: Wir alle tragen das Potenzial für das Gute wie für das Böse in uns. In kritischen Situationen gibt es keine Gewissheit darüber, für welche Seite wir uns entscheiden werden.'" Einen weiteren Nachruf schreibt die Literaturkritikerin und Essayistin Marija Ott Franolić.



Zixuan Liu ergründet das rebellische Potential von Popkultur-Phänomenen in China am Beispiel der Pop-Punk-Band "The Flowers", die von 1998 bis 2008 existierte. Die Band wurde mit dem Debütalbum "On the Other Side of Happiness" (幸福的旁边, 1999) berühmt und sprach das Lebensgefühl vieler junger Chinesen an, lesen wir, "eingängig statt aggressiv, aber dennoch verwurzelt im DIY-Ethos des Punk und in jugendlicher Aufrichtigkeit." Obwohl "The Flowers" nicht explizit politisch waren, besaßen ihre Texte ein gewisses subversives Moment, so Liu, das sich jedoch mit zunehmendem Erfolg der Band immer weiter abschwächte. Nach ihrer Auflösung, startete der Sänger Da Zhang Wei nun unter dem Namen Wowkie Zhang eine Solo-Karriere. Mit ihm feierte nun eine neue Musikrichtung Erfolge: der sogenannte "Happyisme" bietet bunte, knallige Ablenkung, "eine Utopie der Flucht, die Fans in eine Blase einlädt, in der alles hell, rhythmisch und unbeschwert ist." Vom "kantigen Pop-Punk der Flowers bis zu Wowkie Zhangs neonfarbenem Happyism treten zwei aufeinanderfolgende utopische Logiken in der chinesischen Musik des 21. Jahrhunderts zutage. Die erste Phase - von 1999 bis 2005 - entwarf eine Jugend-Utopie des Widerstands: schnelle Akkorde, DIY-Stil und spielerische Respektlosigkeit eröffneten kurzzeitig einen Raum jenseits staatlich verordneter Gefühle und des aufkommenden Konsumismus. Doch wie Marcuse vielleicht vorausgesagt hätte, wurde dieser Funke vom Markt schnell aufgesogen: 'Xi Shua Shua' wurde zur Gala-Unterhaltung, Rebellion kommerzialisiert und entpolitisiert. Zhangs Solokarriere nach 2007 zeigt die zweite Mutation dieser Utopie: eine eskapistische Utopie der Freude. Der 'Happyism' verkauft hyperpositive Gefühle - Regenbögen, EDM-Beats, einprägsame Slogans - die sofort den Druck mildern und fügt sich nahtlos in Chinas Diskurs über 'positive Energie' ein. Glück wird zum Simulakrum, zum Produkt, das Erlösung verspricht, während Kritik hinausgezögert wird. Fans finden in dieser bonbonfarbenen Blase dennoch kurzzeitige Freiheit, während Zyniker nur Ablenkung sehen. Die beiden Phasen offenbaren eine Dialektik, die heute typisch für den chinesischen Mainstream ist: Alternative Impulse tauchen ständig auf, werden monetarisiert und kehren dann in neuen Formen zurück. Kurzvideo-Plattformen mögen diesen Zyklus beschleunigen, doch jede Runde hinterlässt Spuren - Punk-Ikonografie, Meme-Ästhetik -, die den Nährboden für zukünftige Experimente bilden."

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - Eurozine

Genaue Zahlen, wie viele Frauen derzeit in russischen Gefängnissen sitzen, gibt es nicht, erklärt Eilish Hart in einem Artikel, der ursprünglich in New Eastern Europe erschienen ist. Experten sind sich allerdings sicher, dass die Anzahl weiblicher Gefangener steigt, dafür spricht auch die Zahl der gegen Frauen verhängten Urteile, die laut Hart in den letzten fünf Jahren stetig gestiegen ist: "Im Jahr 2025 machten diese ein Fünftel (87.000) aller Verurteilungen aus - ein Rekordwert für das moderne Russland, wie aus Daten der Justizabteilung des Obersten Gerichtshofs hervorgeht, die von dem unabhängigen Medium Verstka veröffentlicht wurden. Die Partnerzeitschrift von Eurozine, New Eastern Europe, konnte diese Zahlen nicht unabhängig überprüfen; Ende April entfernte die Justizabteilung sämtliche Statistiken zu Verurteilungen von ihrer Website." Seit dem Krieg gegen die Ukraine hat sich der Kurs des Kremls auch gegen Mütter verschärft, Frauen, denen politische Dissidenz vorgeworfen wird, konnten früher mit mildernden Umständen rechnen, wenn sie beispielsweise ein minderjähriges Kind großzogen. Das hat sich geändert, so Hart, gleichzeitig steigt der Anteil von Straftaten, die aus wirtschaftlicher Not begangen werden: "Laut der Soziologin Olga Zeveleva von der Universität Utrecht deutet dies auf zwei gleichzeitige Entwicklungen im Russland der Kriegszeit hin: die Feminisierung der politischen Verfolgung und der Armut. 'Auch wenn es in Russland viele politische Gefangene gibt, sind die Gefängnisse im Grunde Verwahrorte für Arme; das Gefängnis dient als Mittel zur Kontrolle von Armut', erklärt sie. 'Es gibt zahlreiche Verurteilungen, die auf wirtschaftliche Not zurückzuführen sind', fährt sie fort und nennt Diebstahl und Kleinkriminalität als Beispiele (...) Während offizielle Statistiken zum russischen Gefängnissystem entweder unzuverlässig, unvollständig oder nur eingeschränkt zugänglich sind, ist dies nicht der einzige Grund, warum so wenig über die inhaftierten Frauen bekannt ist. 'Es hat auch damit zu tun, , wie sehr die inhaftierten Frauen abgeschottet sind", erklärt Zeveleva. Russische Frauengefängnisse gelten als strenger reglementiert als Männergefängnisse, die bisweilen faktisch von Gefängnisgangs oder kriminellen Netzwerken kontrolliert werden. Da die Gefängnisverwaltung die volle Kontrolle ausübt, leben die Frauen unter ständiger Überwachung und strengen Vorschriften. 'Viele ehemalige Häftlinge berichten, dass ein durchschnittliches russisches Frauengefängnis ebenso streng geführt wird wie die Männergefängnisse mit den härtesten Haftbedingungen', sagt Zeveleva."

Magazinrundschau vom 30.06.2026 - Eurozine

Saleem Vaillancourt beschäftigt sich mit einer Online-Umfrage der niederländischen Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran, an der im Jahr 2020 mehr als 50 000 Iraner teilnahmen. Im Zentrum stand die Rolle der Religion im Leben der Befragten - tatsächlich bekannte sich lediglich ein knappes Drittel der Teilnehmer zum Shia-Islam, der offiziellen Staatsreligion. Fast die Hälfte der Befragten gab hingegen an, vom Glauben abgefallen zu sein. Vaillancourt gesteht zwar ein, dass derartige Online-Umfragen durchaus ihre Schwäche haben und nicht allzu zuverlässige Daten liefern. Dennoch weist einiges darauf hin, dass sich immer mehr Iraner nach einem Leben ohne Religion sehnen: "Die Gamaan-Umfrage ergab, dass inzwischen neun Prozent der Iranerinnen und Iraner Atheisten und sechs Prozent Agnostiker sind, wobei jüngere Befragte ein höheres Maß an Religionsferne aufweisen. Allerdings kann Atheismus 'mit dem Tod bestraft werden kann', so Arash Azizi, Dozent an der Yale University und Atheist. Dies habe 'offensichtlich Auswirkungen' darauf, wie Atheisten ihr Leben führen. ... Vor 1979 hätten zudem Hunderttausende Marxisten im Iran eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Atheismus gespielt, ergänzt Azizi. Nach der Revolution wurden marxistische Führungspersönlichkeiten verhaftet und gefoltert, und 1988 wurden Tausende wegen ihres Atheismus hingerichtet. Dennoch gebe es in der iranischen Gesellschaft bis heute 'ein Verlangen' nach Atheismus, sagt Azizi, 'und das schon seit geraumer Zeit. Die Menschen hassen die Islamische Republik und suchen nach Antworten', die viele in einer atheistischen und mitunter auch humanistischen Weltsicht gefunden hätten."

Multikulti hat sich irgendwie doch nicht als großer Vereiniger erwiesen, stellt Arundhati Virmani fest und macht das an einem Film von Payal Kapadia von 2024 deutlich, "All We Imagine as Light", in dem eine hinduistische Krankenschwester ihren muslimischen Liebhaber nur treffen kann, wenn sie sich in einer Burka durch die Stadt bewegt. "Intimität kann hier kein natürlicher Zustand menschlicher Verbundenheit sein. Sie kann nur das Ergebnis eines komplexen, kräftezehrenden logistischen Manövers sein, das im Schatten einer pluralistischen Gesellschaft vollzogen werden muss. Dieses eindrucksvolle Bild strategischen Überlebens stellt die bequemen, klassisch-liberalen Ideale des 'globalen Dorfes' in Frage, die den heutigen Mainstream-Diskurs prägen." Jahrzehntelang propagierten die Bollywood-Blockbuster der 1990er und 2000er Jahre eine Welt, in der Musik, Tanz und Liebe alle Vorurteile überwinden könne. Im 21. Jahrhundert jedoch hat das "alternative Kino aufgehört, die Illusion einer harmonischen, geeinten Nation zu kuratieren. Stattdessen richtet es sein Augenmerk auf die Spaltungen, die, wenn sie unbeachtet bleiben, eine Gesellschaft letztendlich auseinanderreißen können. Viele dieser Filme spiegeln eine Welt wider, in der gewöhnliche Menschen Wege finden müssen, mit den Vorurteilen umzugehen, denen sie im Alltag begegnen." Und mit der alltäglichen Überwachung in einer misstrauisch die sozialen und religiösen Grenzen kontrollierenden Gesellschaft. Im Film drängt eine Kollegin Prabha, Anus Vorgesetzte und Mitbewohnerin, "Anu 'im Auge zu behalten', weil diese sich mit einem muslimischen Mann trifft und alle über sie tratschen. Als Prabha erklärt, das sei nicht ihre Sache, entgegnet die Kollegin: 'Aber sie ist deine Mitbewohnerin. Du solltest ein Auge auf sie haben.' Das Gespräch zeigt, wie soziale Missbilligung eher über alltägliche soziale Bindungen als über formelle Verbote zirkuliert. Gerade diese informelle Kontrolle entspricht am ehesten Goffmans Beobachtung, dass das soziale Leben oft vom Management des Scheins abhängt."

Und Carl Henrik Fredriksson schreibt einen Nachruf auf die kämpferische feministische kroatische Autorin Slavenka Drakulić, die 1992 ihre Heimat wegen ihrer Kritik am nationalistischen Kurs Franjo Tudjmans verlassen musste: Ihre "Integrität war unerschütterlich. Wenn sie einen Konflikt, eine Gesellschaft oder eine menschliche Notlage beschrieb, war sie nicht bloß eine maßgebliche Beobachterin, sondern ein moralischer Kompass. Der Einfluss der kroatischen Schriftstellerin auf Generationen von Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten, Feministinnen - auf Frauen und Männer auf der ganzen Welt - kann kaum überschätzt werden. Kommunismus und Postkommunismus, Krieg und Nachkriegszeit, Verbrechen und Gerechtigkeit, selbstlose Güte und banales Böses, Feminismus und Gegenreaktion, Liebe und sexuelle Gewalt, Gesundheit und Krankheit: Sie half uns, all das zu verstehen. Nicht durch eine großartige Erzählung oder eine allumfassende Analyse, sondern durch eine akribische und einfühlsame Konzentration auf die Details: auf Tampons oder Toilettenpapier, ein Designerarmband oder den harten, kalten Boden neben einem Bett auf der Covid-Station. Und auf die Menschen.

Magazinrundschau vom 22.06.2026 - Eurozine

Welche Rolle können Literatur und Poesie im Krieg spielen? Als der Krieg begann, kam ihm seine Tätigkeit als Schriftsteller plötzlich völlig sinnlos vor, erzählt der fünfundzwanzigjährige ukrainische Autor und Soldat Artur Dron in einem Gespräch, das ursprünglich in The Ukrainian Media erschien. Dron hat für sein Buch "Hemingway hat keine Ahnung", das im Herbst 2026 auch auf Deutsch erscheinen wird, 2025 den Yuri Shevelov Preis erhalten. In der ersten Zeit des Krieges schrieb er gar nichts mehr, berichtet Dron, und gab allem Praktischen den Vorrang, dann jedoch merkte er, dass er die Literatur "unterschätzt" hatte und diese im Krieg ganz unterschiedliche Funktionen einnahm: Ein Gedicht "mag aus dem Wunsch heraus entstehen, etwas festzuhalten, das wir erlebt haben, damit es gegen die Zeit gefeit ist und für immer bleibt. Ein anderes entsteht, wenn einer meiner Kameraden etwas so Kraftvolles sagt, dass ich es nicht ertragen könnte, wenn es nur ausgesprochen würde und dann verginge - denn ich erkannte, dass er, ohne es selbst zu wissen, Literatur sprach. Manche Texte sind Abschiedsworte für Menschen, die nicht mehr unter uns sind, die gefallen sind. Ein Versuch, das Wesentliche, das man in ihnen gesehen hat, in eine andere Dimension zu übertragen. Wie in jenem Gedicht über meinen Kameraden Iwan und sein Fahrrad. Ich meine, ein Gedicht kann seinen Tod nicht wettmachen - wir sollten von der Lyrik nicht verlangen, irgendetwas auszugleichen -, aber es kann einen Bruchteil jener kindlichen Aufrichtigkeit dieses erwachsenen Mannes und seinen Traum von einem Fahrrad einfangen. Schließlich ist eines der Ziele dieses Buches, zu erzählen, was in uns vorgeht." Jedes Wort "in der Lyrik hat Gewicht, und beim Schreiben von Gedichten - besonders im Krieg - muss man jedes Wort so behandeln, als könnte es das letzte sein, das man je spricht. Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt oder was in dreißig Sekunden geschehen wird. Wenn man sich jedem Text mit der Haltung nähert, es sei das Letzte, was man im Leben schreibt und sagt, garantiert das ein Höchstmaß an Offenheit und Wahrhaftigkeit. Dieser Existenzialismus, dieser Zustand des Dazwischenseins, verleiht den Worten mehr Gewicht und lässt alles Überflüssige abfallen."
Stichwörter: Dron, Artur, Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - Eurozine

Die Welt war schon einmal mindestens so extrem in rechts und links geteilt wie heute. Die Ukrainer können ein Lied davon singen. Zu Beginn der dreißiger Jahre gab es in der Ukraine Massenerschießungen von Bauern, die sich gegen die Zwangskollektivierung durch die Sowjets sträubten - ein Vorspiel zum Holodomor. Viele flohen über den Dnjestr nach Rumänien. 1932 versuchte der Völkerbund den Flüchtlingen zu helfen, aber mit Hitlers Machtübernahme in Deutschland wurden sie vergessen, erzählt der Historiker Maksym Snihyr vom Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Sein Forschungsgebiet sind Flüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die in Rumänien aufgenommen wurden: Das Problem der Flüchtlinge vor Zwangskollektivierung und Holodomor wurde im Westen allerdings sehr schnell vergessen - denn die Nazis produzierten nach 1933 eine Flüchtlingswelle, die die westeuropäischen Länder direkter betraf. "Der Völkerbund musste Ad-hoc-Maßnahmen ergreifen, um diese neuen Flüchtlinge aufzunehmen." Die immer stärker werdenden Nazis machten "plötzlich einen anderen Paria-Staat - die Sowjetunion - zu einem akzeptableren politischen Partner. Mitteleuropäische Länder wie Polen und Rumänien hatten schon 1932 begonnen, die Lage zu sondieren, in der Hoffnung, einen Nichtangriffspakt mit den Sowjets auszuhandeln. 1933 zeigte die UdSSR Interesse an einem Beitritt zum Völkerbund, und im Vergleich zum aufstrebenden Dritten Reich wurden die Sowjets von Politikern der Mitte entweder als das kleinere Übel oder sogar als Vorbild dafür angesehen, wie man mit Massenarbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation umgeht. Unter diesen Umständen würde jede Rhetorik, die die sowjetischen Errungenschaften nicht lobte, geschweige denn die Handlungen der Bolschewiki verurteilte, als Spiel in Hitlers Hände wahrgenommen werden. ... Eine Gräueltat überschattete die andere. Hitler wurde zum Feind Nummer eins. Doch in diesem erzwungenen Wandel wurde das extreme Leid eines Volkes unter Stalins Herrschaft ignoriert, sodass Flüchtlinge auf beiden Seiten des Dnjestr mittellos blieben und totgeschwiegen wurden."
Stichwörter: Holodomor, Ukraine

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - Eurozine

Als "wegweisend und unvergesslich" bezeichnet Stefano Bottoni die Niederlage Victor Orbáns bei den ungarischen Wahlen. Möglich gemacht wurde dieser Umbruch nicht nur durch jahrelange strategische Arbeit der Tisza-Partei und Péter Magyars, sondern auch durch eine Graswurzelbewegung, die sich "in einem außergewöhnlichen Akt der Volksmobilisierung systematischer Einschüchterung entgegenstellte". Seit "2024 haben sich in Hunderten ungarischer Ortschaften spontan über zweitausend 'Thiza-Inseln' gebildet, darunter auch Dörfer, in denen es vermutlich seit 1945/46 oder den turbulenten Tagen des Aufstands von 1956 keine politische Aktivität mehr gegeben hat. Obwohl sich die genaue Zahl nicht schätzen lässt, kann man mit Sicherheit sagen, dass sich in den letzten zwei Jahren Hunderttausende Menschen aktiv in der Oppositionspolitik engagiert haben. Und das in einem Land mit kaum acht Millionen potenziellen Wählern. Die Thiza-Inseln haben keinen Rechtsstatus und sind nicht formell mit der kleinen Parteizentrale verbunden. Ihre Mitglieder bilden eine basisdemokratische Bürgergemeinschaft." Das beste Beispiel für Basisaktivismus lieferte Tisza am Wahltag, als sie 50.000 unbezahlte Freiwillige mobilisierte, die "in den Wahllokalen patrouillierten, die am stärksten vom Stimmenkaufsystem betroffen waren, das die Fidesz' etabliert hatte. Wie der Dokumentarfilm 'A szavazat ára' ('Der Preis der Stimme') aufdeckte, reichte dies vom Transport von Wählern zu den Wahllokalen bis hin zur Ausgabe von Alkohol und Drogen an Abhängige. ... In den Gebieten, in denen der 'Wahltourismus' am strengsten überwacht wurde, hinderten die Beobachter Zehntausende Menschen daran, ihre Stimme in betrügerischer Absicht abzugeben."

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - Eurozine

Der Politologe Hamit Bozarslan beleuchtet die komplexen geopolitischen Verschiebungen, die der Krieg der USA und Iran gegen den Iran zur Folge haben. Vor allem die israelischen Interessen stehen im Kontext einer langen Vorgeschichte, meint er: "Anders als viele andere Konflikte, darunter jener, der 2003 zum Einmarsch anglo-amerikanischer Streitkräfte in den Irak führte, weist dieser neue Krieg einen klaren historischen Zusammenhang auf und ist Teil zweier Ereignisketten: einer langen, die bis zur Islamischen Revolution von 1979 zurückreicht und die Zerstörung Israels als oberstes Ziel festlegte; und einer deutlich kürzeren, die mit den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 begann. Während der gesamten ersten Ereigniskette forderte Israel die Zerstörung der iranischen Militärkapazitäten, um sein eigenes Überleben zu sichern. Seit dem 7. Oktober macht Israel jedoch keinen Hehl mehr aus seinem Bestreben, bis in die 2030er-Jahre zum Machtzentrum des Nahen Ostens zu werden und die Region nach seinen eigenen Vorstellungen umzugestalten. Ein Beweis dafür ist der herzliche Empfang, der Narendra Modi im Februar 2026 zuteil wurde. Er schwärmte ausführlich von dem Bündnis zwischen den beiden 'Demokratien' und 'Zivilisationen'. Netanjahu strebt zudem danach, sein Land in internationale Bündnisse einzubinden, die weit über den Nahen Osten hinausreichen. Das mit Zypern und Griechenland geschlossene Militärbündnis hat Israel außerdem zu einer bedeutenden Seemacht im Mittelmeer gemacht. Schließlich hat sich die Koalition der nationalistischen Parteien unter Führung des israelischen Ministerpräsidenten, die den Krieg zur Marginalisierung jeglicher Opposition genutzt hat, zu einem echten Hegemonialblock entwickelt und dürfte bei den für Herbst 2026 geplanten Wahlen erneut an die Macht kommen."