
James Butler
schreibt über
J.D. Vances zweites Buch
"Communion", in dem der US-Vizepräsident über seine
Bekehrung zum Katholizismus berichtet. Butler kann sehr wenig mit einem Buch anfangen, das offensichtlich vor allem dazu dienen soll, Vances kommende Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten. Am ehesten sind noch jene Passagen in "Communion" lesenswert, findet er, die sich mit zentralen Konzepten der katholischen Theologie beschäftigen. "Vances Innenwelt bekommt man in 'Communion' nur selten zu Gesicht, aber er schreibt mit Bezug auf eine Begegnung mit einem Therapeuten, dass 'der Gedanke daran, ein Opfer zu sein, mich
zum Kotzen brachte'. Stattdessen findet er Befreiung durch Schuld. Für nichtkatholische Ohren klingt das paradox, doch Schuld bewahrt ihn sowohl vor der Passivität, die er in psychologischen Traumamodellen findet, als auch vor dem protestantischen Modell einer einmaligen, endgültigen göttlichen Gnade: Für Katholiken offenbart sich
Gnade in der Beschaffenheit eines individuellen Lebens, in Fehlern, Reueakten und Versuchen, etwas wieder gutzumachen. Generationen katholischer Neurotiker könnten gegen den vermeintlichen Nutzen von Schuld Einspruch erheben, aber zumindest dürfte Vance kaum das Rohmaterial dafür ausgehen. Interessanter ist seine heftige Reaktion darauf, als Opfer wahrgenommen zu werden. Der Skandal des Christentums, der bei seinen heidnischen Kritikern Spott und Unverständnis hervorrief, bestand gerade darin, dass es die
Opferrolle als Triumph darstellte: die Hinrichtung des menschgewordenen Gottes wie einen gewöhnlichen Verbrecher, gedemütigt und verlassen. Zweitausend Jahre später preist die Liturgie, die Vance jeden Sonntag hört, 'dieses reine Opfer, dieses heilige Opfer, dieses makellose Opfer'. Es kommt selten vor, dass ein Leben gelebt wird, ohne dass ein Mensch sich irgendwann als Opfer von Kräften wiederfindet, die
außerhalb seiner Kontrolle liegen - eine Tatsache, über die ein katholischer Politiker an der Spitze des mächtigsten Imperiums, das je existiert hat, eigentlich nachdenken sollte."
Anahid Nersessian
beschäftigt sich mit dem Werk
Catherine Breillats, einer Regisseurin, deren Filme regelmäßig sexuelle und moralische Transgressionen thematisieren. In einem
Interviewbuch, das Nersessian als Anlass für ihren Text nimmt, spricht Breillat mit der Filmkritikerin Murielle Joudet nicht nur über ihre eigenen Filme, sondern auch über
Bernardo Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris", in dem sie selbst als Schauspielerin zu sehen ist. Dabei geht es auch um eine vieldiskutierte Sexszene mit
Marlon Brando und Maria Schneider, die inzwischen oft als Beispiel für übergriffiges Verhalten an Filmsets benutzt wird. Breillat hält nichts von der Lesart, dass es sich bei dieser Szene, wie teils zu lesen ist, um "echten Missbrauch" handelt, weil Bertolucci und Brando Schneider angeblich vorab nicht in Details der Szene (Butter als Hinweis auf Analsex) einweihten: "Am Set sei nichts passiert, betont Breillat, doch nachdem der Film herausgekommen war, wurde Schneider in der Presse und von der Öffentlichkeit verspottet, die 'glaubten, sie dürften
ganz offen über sie lachen'. 'In Restaurants legten die Leute regelmäßig ein Stück Butter vor ihr auf den Tisch', sagt Breillat. 'Das war es, was sie zerstörte. Nicht die Dreharbeiten zu dem Film.'" Gegen Vorwürfe, dass es am Set ihres eigenen Films "Romance" zu Übergriffen gekommen sei, wehrt Breillat sich ebenfalls. Nersessian hält fest: "Heute könnte ein Film wie 'Romance' wahrscheinlich nicht mehr
ohne Intimitätskoordinatoren gedreht werden - oder, in Breillats Worten, ohne jene '
kleinen Ayatollahs, die auf den Wellen unseres gegenwärtigen Puritanismus surfen'. Aus ihrer Sicht sind die Menschen, die Schneider Butterpäckchen an ihren Tisch schickten, und jene, die wollen, dass Liebesszenen bis zum letzten Wimpernschlag durchgeplant werden, zwei Seiten derselben Medaille. Sie alle halten
Sex für etwas Schmutziges und Abstoßendes, dem sich keine tugendhafte Frau aussetzen würde und vor dem sie geschützt werden müsse. Da dürfte etwas dran sein. Überzeugender wäre eine solche Haltung allerdings, wenn Breillat bereit wäre, die Lehre anzunehmen, die ihre eigenen Filme vermitteln: Das
Innenleben anderer Menschen mag uns verschlossen bleiben, aber das bedeutet nicht, dass wir es als Erfindung oder Fantasie abtun sollten."