Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 11.08.2026 - London Review of Books

James Butler schreibt über J.D. Vances zweites Buch "Communion", in dem der US-Vizepräsident über seine Bekehrung zum Katholizismus berichtet. Butler kann sehr wenig mit einem Buch anfangen, das offensichtlich vor allem dazu dienen soll, Vances kommende Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten. Am ehesten sind noch jene Passagen in "Communion" lesenswert, findet er, die sich mit zentralen Konzepten der katholischen Theologie beschäftigen. "Vances Innenwelt bekommt man in 'Communion' nur selten zu Gesicht, aber er schreibt mit Bezug auf eine Begegnung mit einem Therapeuten, dass 'der Gedanke daran, ein Opfer zu sein, mich zum Kotzen brachte'. Stattdessen findet er Befreiung durch Schuld. Für nichtkatholische Ohren klingt das paradox, doch Schuld bewahrt ihn sowohl vor der Passivität, die er in psychologischen Traumamodellen findet, als auch vor dem protestantischen Modell einer einmaligen, endgültigen göttlichen Gnade: Für Katholiken offenbart sich Gnade in der Beschaffenheit eines individuellen Lebens, in Fehlern, Reueakten und Versuchen, etwas wieder gutzumachen. Generationen katholischer Neurotiker könnten gegen den vermeintlichen Nutzen von Schuld Einspruch erheben, aber zumindest dürfte Vance kaum das Rohmaterial dafür ausgehen. Interessanter ist seine heftige Reaktion darauf, als Opfer wahrgenommen zu werden. Der Skandal des Christentums, der bei seinen heidnischen Kritikern Spott und Unverständnis hervorrief, bestand gerade darin, dass es die Opferrolle als Triumph darstellte: die Hinrichtung des menschgewordenen Gottes wie einen gewöhnlichen Verbrecher, gedemütigt und verlassen. Zweitausend Jahre später preist die Liturgie, die Vance jeden Sonntag hört, 'dieses reine Opfer, dieses heilige Opfer, dieses makellose Opfer'. Es kommt selten vor, dass ein Leben gelebt wird, ohne dass ein Mensch sich irgendwann als Opfer von Kräften wiederfindet, die außerhalb seiner Kontrolle liegen - eine Tatsache, über die ein katholischer Politiker an der Spitze des mächtigsten Imperiums, das je existiert hat, eigentlich nachdenken sollte."

Anahid Nersessian beschäftigt sich mit dem Werk Catherine Breillats, einer Regisseurin, deren Filme regelmäßig sexuelle und moralische Transgressionen thematisieren. In einem Interviewbuch, das Nersessian als Anlass für ihren Text nimmt, spricht Breillat mit der Filmkritikerin Murielle Joudet nicht nur über ihre eigenen Filme, sondern auch über Bernardo Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris", in dem sie selbst als Schauspielerin zu sehen ist. Dabei geht es auch um eine vieldiskutierte Sexszene mit Marlon Brando und Maria Schneider, die inzwischen oft als Beispiel für übergriffiges Verhalten an Filmsets benutzt wird. Breillat hält nichts von der Lesart, dass es sich bei dieser Szene, wie teils zu lesen ist, um "echten Missbrauch" handelt, weil Bertolucci und Brando Schneider angeblich vorab nicht in Details der Szene (Butter als Hinweis auf Analsex) einweihten: "Am Set sei nichts passiert, betont Breillat, doch nachdem der Film herausgekommen war, wurde Schneider in der Presse und von der Öffentlichkeit verspottet, die 'glaubten, sie dürften ganz offen über sie lachen'. 'In Restaurants legten die Leute regelmäßig ein Stück Butter vor ihr auf den Tisch', sagt Breillat. 'Das war es, was sie zerstörte. Nicht die Dreharbeiten zu dem Film.'" Gegen Vorwürfe, dass es am Set ihres eigenen Films "Romance" zu Übergriffen gekommen sei, wehrt Breillat sich ebenfalls. Nersessian hält fest: "Heute könnte ein Film wie 'Romance' wahrscheinlich nicht mehr ohne Intimitätskoordinatoren gedreht werden - oder, in Breillats Worten, ohne jene 'kleinen Ayatollahs, die auf den Wellen unseres gegenwärtigen Puritanismus surfen'. Aus ihrer Sicht sind die Menschen, die Schneider Butterpäckchen an ihren Tisch schickten, und jene, die wollen, dass Liebesszenen bis zum letzten Wimpernschlag durchgeplant werden, zwei Seiten derselben Medaille. Sie alle halten Sex für etwas Schmutziges und Abstoßendes, dem sich keine tugendhafte Frau aussetzen würde und vor dem sie geschützt werden müsse. Da dürfte etwas dran sein. Überzeugender wäre eine solche Haltung allerdings, wenn Breillat bereit wäre, die Lehre anzunehmen, die ihre eigenen Filme vermitteln: Das Innenleben anderer Menschen mag uns verschlossen bleiben, aber das bedeutet nicht, dass wir es als Erfindung oder Fantasie abtun sollten."

Magazinrundschau vom 21.07.2026 - London Review of Books

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Clare Jackson schwelgt in der Farbpracht amerikanischer Flora und Fauna dank des Buches "A Golden World" der britischen Historikerin Lauren Working, die hier erzählt, wie die indigenen Völker Amerikas die Renaissance in England prägten. Ob Robbenfell-Parkas, Biberhüte, Smaragden aus Kolumbien, Seide oder Perlen - das Tudor-England wäre ein anderes ohne die indigenen Einflüsse, zeigt Working: "Auch die 'unglaublich schillernde Wirkung' amerikanischer Federkopfschmuckstücke, Kunstwerke, Schilde und Wandbehänge zog jakobinische Sammler in ihren Bann. Im frühneuzeitlichen England 'waren die Menschen ständig von Federn umgeben', denn 'der Adel ließ seine Falken fliegen, die Bediensteten rupften Vögel für die Mahlzeiten und die Sekretäre spitzten Federkiele, um Briefe zu schreiben'. Bei den Tupi sprechenden Völkern Brasiliens hingegen wurden Vögel als 'Brücke zwischen irdischem Wissen und dem himmlischen Reich' verehrt. Auch südamerikanische Papageien und Aras wurden einem als 'Tapirage' bekannten Verfahren zur Farbveränderung unterzogen: Federn in kühleren Farbtönen wurden lebenden Vögeln gezupft, deren Haut anschließend mit Salben aus pflanzlichen Farbstoffen, tierischen Sekreten oder tierischen Fetten eingerieben wurde, um das natürliche Melanin der Vögel zu unterdrücken. Danach, wie Working beschreibt, 'wuchsen neue Federn in wärmeren Gelb- und Orangerottönen nach, schimmernde Kanäle zum goldenen Licht der Sonne.' Moderne ethnozoologische Forschung hat die Bedeutung des Tapirage in indigenen künstlerischen und rituellen Praktiken untersucht, wobei die Federbearbeitungstechniken der Tupi möglicherweise eine mimetische Funktion in Zeremonien hatten, die mit der Identifikation von Vögeln verbunden waren."

Magazinrundschau vom 04.08.2026 - London Review of Books

Höhlenmalerei in Chauvet. Foto: Ancient Art Archive

Warum sind die Zeichnungen in der Höhle von Chauvet so viel großartiger als alle späteren Höhlenmalereien, fragt sich der Kunsthistoriker T.J. Clark, beeindruckt von der "unverkennbaren Arroganz der Leistung" der Chauvet-Künstler: "Den Malern von Chauvet ist vollkommen bewusst, dass sie eine Welt erschaffen, anstatt eine zu reproduzieren. Zunächst einmal wird an jeder Stelle der Wand mit dem Unterschied zwischen zwei und drei Dimensionen gespielt. Doch offensichtlich wollten diese Künstler, wie die meisten Künstler, dass die von ihnen geschaffene Welt der Welt da draußen ähnlich genug war, damit die Veränderungen, die sie an ihr vornahmen - die Verschmelzungen und Idealisierungen -, ihre Wirkung entfalteten." Vielleicht hat die hohe Kunst dieser Malerei etwas damit zu tun, dass die Menschen in dieser Zeit anfingen, Sprache zu erfinden. Vielleicht gab es eine Art Konkurrenz zwischen Zeichnung und Sprache, überlegt Clark, auch wenn er dabei etwas unklar bleibt: "Wurde das Sprechen in der Welt der Höhlen eher als etwas wie Träumen denn als 'Kommunikation' empfunden (erlebt)? Vielleicht. Die beiden Zustände mussten erst noch voneinander getrennt werden - sprachlich, konzeptuell. ... Vielleicht ebneten Bildsequenzen im Schlaf den Weg für Klangsequenzen, für Aussagen. Doch das Träumen ist eine ständige Verzerrung dessen, 'wie die Dinge sind'. Als die Sprache aufkam, mag sie fast wie das Instrumentarium des Traums gewirkt haben, wie dessen Eindringen in den wachen Tag." Bei den Malereien hingegen dominiert "das Fehlen einer hierarchischen Ordnung, weder ausdrücklich noch als zugrunde liegendes Strukturprinzip. Die Auflösung jedes einzelnen 'Phonems' des visuellen Satzes durch Überlagerung, Durchsichtigkeit, Überfrachtung, syntaktischen Unsinn. Ungehorsam, Auslaufen, Unschärfe dort, wo Klarheit erwartet wird, und gestochener Fokus dort, wo das Feld eigentlich ein Verblassen zu verlangen scheint, Mehrdeutigkeit, Distanz."

Magazinrundschau vom 14.07.2026 - London Review of Books

Was hat es mit Palantir auf sich, fragen Peter Geoghegan und Lucas Amin. Die beiden Investigativjournalisten untersuchen die Art und Weise, wie das Unternehmen in Großbritannien Fuß fasst - insbesondere im Gesundheitswesen, in Form einer "federated data platform" (FDP), die von einer von Palantir geführten Unternehmensgruppe entwickelt wird. Allzu gut scheint die Implementierung nicht zu laufen: "Hinter verschlossenen Türen räumen führende Manager des NHS ein, dass es Probleme mit Palantirs Technologie gibt - nicht zuletzt, weil sie bei Datenanalystinnen und -analysten äußerst unbeliebt ist. In einem Briefing für leitende NHS-Verantwortliche vom Februar heißt es, die FDP sei 'langsam und schwerfällig'. Die Bearbeitung von Datenabfragen dauere 'Berichten zufolge vier bis fünf Minuten statt dreißig Sekunden' wie bei den bisherigen Systemen. Ein NHS-Datenanalyst, der täglich mit der FDP arbeitet, sagte uns, selbst diese Angabe sei noch zu optimistisch. 'Mit vier oder fünf Minuten wäre ich schon zufrieden', sagte er. 'Meistens warte ich eher zehn Minuten.'" Hinzu kommt, dass das britische Gesundheitssystem sich nun ein proprietäres Softwaresystem aufgehalst hat, das nur von Palantir-Mitarbeitern gewartet werden kann. Insgesamt erscheint das Unternehmen bei näherem Hinsehen weniger spektakulär und bahnbrechend, als man angesichts mancher Medienberichte denken könnte. "So sehr die Palantir-Chefs Peter Thiel und Alex Karp auch mit Allwissenheit, KI-gestützter Kriegsführung und einem Kampf der Zivilisationen prahlen - im Kern ist Palantir ein Softwareunternehmen. Es verfügt weder über ein grundlegendes KI-Modell wie OpenAI oder Anthropic, noch baut es Raketen oder Überwachungsdrohnen wie Elon Musk. Was die Unternehmensführung jedoch verstanden hat, ist, dass es im Zeitalter eines revanchistischen Nationalismus von Vorteil sein kann, die eigene Gefährlichkeit zu überhöhen. Wie der Technologiejournalist James Ball argumentiert hat, verdeckt die von Palantir gepflegte Selbstmythologisierung 'was letztlich ein ziemlich banales Produkt ist'."

Vor fünf Jahren hatte der nigerianische Schriftsteller Adewale Maja-Pearce in der LRB argumentiert, dass die Benin-Bronzen erst dann zurückgegeben werden sollten, wenn ihr Verbleib in Nigeria geklärt ist. Er gehört damit zu den ganz wenigen Stimmen, die eine bedingungslose Rückgabe kritisch sahen (unsere Resümees). In Benin ist zwar das fünfzehn Hektar große Museum of West African Art (MOWAA), entworfen von dem ghanaisch-britischen Architekten David Adjaye, fertiggestellt worden, die Eröffnung des Museums wurde allerdings von Demonstranten vereitelt, die das Museum als Beleidigung des Oba von Benin ansehen, erinnert Maja-Pearce. Wo die Benin-Bronzen verblieben sind, geschweige denn aufbewahrt werden sollen, ist nach wie vor ein Rätsel, hierzulande scheint das auch niemanden mehr zu interessieren. Maja-Pearce versuchte indes, den Oba persönlich zu sprechen: "In Benin-City besuchte ich den Palast, doch mir wurde mitgeteilt, ich könne niemanden sprechen: Der Oba bereitete sich gerade darauf vor, 'wichtige' Delegierte zu empfangen. Ich wurde in die staubige, schummrig beleuchtete Bibliothek weitergeleitet, wo mich ein Mann abwimmelte, der gerade eine Mitarbeiterin beschimpfte. Hochmütiges Auftreten auf allen Ebenen ist tief in der Palastkultur verwurzelt, besonders an der Spitze. Zwei Wochen nach meiner Rückkehr nach Lagos wurde ein Schauspieler namens Don Pedro, der Bruder des ehemaligen Gouverneurs von Edo - Godwin Nogheghase Obaseki, der sich stets für die Rückkehr der Bronzen in das neue Museum eingesetzt hatte - von bewaffneten Männern angegriffen, während er Fußball spielte: 'Ich wurde … schwer verprügelt, misshandelt … nackt ausgezogen und in den Palast des Oba von Benin gebracht … wo man mich zwang, öffentlich niederzuknien.' Sein Vergehen? 'Ich war in London und sagte in einer öffentlichen Erklärung: 'Mögen die Menschen von Edo lange leben und gedeihen.' Ich hätte sagen sollen: 'Möge der Oba lange leben und gedeihen.'' Weder der Palast noch die Polizei haben sich zu dem Übergriff geäußert. Am Tag nach dem Protest vor dem MOWAA drohte Monday Okpebholo, der derzeitige Gouverneur von Edo, damit, die dem Museum gewährte Grundbesitzurkunde 'im übergeordneten öffentlichen Interesse' zu widerrufen, und bekräftigte seine Loyalität gegenüber dem Oba, 'um sicherzustellen, dass der Monarch seine Rolle als Hüter des reichen kulturellen Erbes des Volkes von Benin wahrnimmt'."

Magazinrundschau vom 30.06.2026 - London Review of Books

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Zehn Jahre lang war die britische Malerin Celia Paul eine der vielen Geliebten Lucian Freuds, beide haben einen gemeinsamen Sohn. Paul, die vierzig Jahre lang überwiegend verletzliche Porträts ihrer Mutter schuf, saß Freud nicht nur Modell, er lernte auch von ihr, wie Marina Warner erzählt. Sie nimmt den vergangenes Jahr erschienenen Band zu Pauls Werk, der auch Essays von Karl Ove Knausgard, Rachel Cusk und Edmund de Waal enthält, zum Anlass um zu erzählen, wie sich die Künstlerin von Freud, der sie weder als Frau noch als Modell besonders gut behandelte, emanzipierte: "Im Laufe der Jahrzehnte, in denen sie sich von Freud distanzierte, hat sich Paul zu einer zurückhaltend metaphysischen Künstlerin entwickelt, die in ihren Motiven eine Tiefe und ein Geheimnis entdeckt, das den Betrachter dazu einlädt, hinter den Schein zu blicken. Sie lässt immer mehr weg - Zeit, Umstände, Schauplatz, Objekte. Der asketische Habitus ihrer Werke steht in meinen Augen in Verbindung mit ihrem kirchlichen Hintergrund und dem Schock, den ihre Begegnung mit Freuds antinomistischer Teufelei bei ihr ausgelöst hat. Er rückte sie in einigen denkwürdigen, wenn auch von Qual geprägten Gemälden, die er von ihr schuf, besonders in den Vordergrund; insbesondere im letzten, das Angus Cook, einen gemeinsamen Freund, auf einem Bett ausgestreckt und mit entblößten Genitalien zeigt, während Paul mit dem Pinsel in der Hand dasteht und eine Farbtube unter ihrem nackten Fuß zerdrückt (hier zu sehen). Es wurde als Moment triumphaler Selbstverwirklichung interpretiert - von Paul als Künstlerin, nicht als Muse, als Malerin, nicht als Modell. Auch dieses Gemälde hat sie in einer geisterhaften Variation wieder aufgegriffen und die rechte Seite der Leinwand, wo Cook gelegen hatte, mit graubraunen Farbstrichen ausgefüllt. Es gibt Erinnerungen, die sie nicht vergessen kann, auch wenn sie versucht, sie auszulöschen." Mehr darüber, wie Freud sie behandelte, erzählte Paul vergangenes Jahr dem Guardian.
Stichwörter: Paul, Celia, Freud, Lucian

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - London Review of Books

Jeremy Harding beschäftigt sich mit Nicolas Sarkozys Gefängnistagebuch. "Le Journal d'un prisonnier" entstand im Anschluss an eine Haftstrafe, die womöglich nicht die letzte sein wird, die der ehemalige französische Präsident absitzen muss. Harding rekonstruiert ausführlich die Ermittlungen in der Korruptionsaffäre um Sarkozy, die sich insbesondere um Kontakte des Politikers nach Libyen drehen - der Verdacht steht im Raum, dass Sarkozys Präsidentschaftswahlkampf 2007 teilweise von Gaddafi finanziert worden war. Beziehungsweise - der Fall ist kompliziert -, dass Sarkozy sich zumindest mit unlauteren Mitteln um Gelder aus Libyen bemühte. Was hat es nun mit dem Gefängnistagebuch auf sich? "'Le Journal d'un prisonnier' erschien nur drei Wochen nach Sarkozys Freilassung - vermutlich die kürzeste Veröffentlichungszeit in der Geschichte der Gefängnismemoiren. Das Buch wurde vom Verlag Fayard in Auftrag gegeben, der heute dem französischen Medienmogul Vincent Bolloré gehört - dessen Vermögen auf 10 Milliarden Dollar geschätzt wird und weiter wächst, der die Partei von Marine Le Pen unterstützt und derzeit die letzten Überreste republikanischer Pressefreiheit beseitigt, während er Redakteure und Mitarbeiter austauscht, die dagegen protestieren. Bolloré ist außerhalb des Gerichtssaals ein einflussreicher Fürsprecher Sarkozys." Sarkozy sucht nun seinerseits den Schulterschluss mit Rechtsaussen: "Er erhielt Unterstützung von Chiracs Ehefrau sowie tröstende Worte am Telefon von Marine Le Pen und einem Vertrauten Javier Mileis in der Pariser Botschaft Argentiniens. Dass Macron die Entscheidung, Sarkozy die Ehrenlegion abzuerkennen, an einen nachrangigen Würdenträger des Ordens delegierte, ist für Sarkozy eine Quelle der Verbitterung, obwohl er sich selbst als einen ausgesprochen sanftmütigen Menschen beschreibt. 'Verbitterung war nie ein Wesenszug meines Charakters und wird es niemals sein.' Oder: 'Ich gehöre nicht zu den Menschen, die gern klagen … und werde es auch nie tun.' Dennoch enthält das Buch eine schonungslose Abrechnung mit Freunden und Feinden. Zu den Freunden zählt er das Rassemblement national von Le Pen, das, wie er seinen Lesern erklärt, zur politischen Familie der Rechten gehöre. Er fordert die Anhänger seiner einstigen Mitte-rechts-Partei auf, für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr die größtmögliche Allianz zu schmieden - 'ohne Ausgrenzung und ohne Verdammung'. Mit anderen Worten: ein deutlicher Aufruf, sich hinter Jordan Bardella zu versammeln - oder hinter Le Pen, falls ihre Berufung gegen die Verurteilung wegen Veruntreuung von Geldern des Europäischen Parlaments Erfolg haben sollte und sie erneut kandidieren darf."

Magazinrundschau vom 22.06.2026 - London Review of Books

Seit fast hundert Jahren gibt es nun schon Fußballweltmeisterschaften. Eine lange Zeit, der Jonathan Wilson ein dickes Buch gewidmet hat. "The Power and the Glory" umfasst 608 Seiten und widmet sich der gesamten wechselhaften Geschichte des Wettbewerbs. Simon Skinners Besprechung des Buches ist auch ziemlich ausführlich geraten und geht auf alle entscheidenden Wegmarken der WM-Geschichte ein. Wie aber steht es um die aktuelle WM? Sie "wird für immer mit einem neuen, geradezu obszönen Ausmaß der Ausbeutung von Fans verbunden bleiben. Die erbarmungslose Kommerzialisierung des Volkssports durch die FIFA droht in einem abgeschotteten Turnier zu münden, das nur den wenigen zugänglich ist, die über das nötige Einkommen, den passenden Visastatus und die entsprechende Social-Media-Vergangenheit verfügen. Bei früheren Weltmeisterschaften waren Wiederverkaufspreise auf den ursprünglichen Ticketpreis begrenzt. Für 2026 jedoch hat die FIFA diese Beschränkung aufgehoben und unter dem Vorwand der 'marktüblichen Praktiken' in Nordamerika eine dynamische Preisgestaltung eingeführt. Gleichzeitig ist sie selbst in den Zweitmarkt eingestiegen und hat eine Wiederverkaufsplattform gestartet, die sowohl vom Verkäufer als auch vom Käufer jeweils 15 Prozent Provision einbehält - also insgesamt ein schwindelerregendes Drittel jedes Verkaufs. Damit schafft sie einen direkten Anreiz für mehrfache Weiterverkäufe. Nur die FIFA konnte es schaffen, Ticketmaster und StubHub im Vergleich geradezu philanthropisch erscheinen zu lassen. Ein Ticket für das Finale in der niedrigsten Preiskategorie, ursprünglich für 2.030 US-Dollar angeboten, wurde bereits am folgenden Tag für 25.000 US-Dollar erneut eingestellt."

Roby Hamilton denkt darüber nach, was den auch heute noch nachfühlbaren Reiz der Screwball-Komödie ausmacht; also jener Form des Kinolustspiels, die im Hollywoodkino der 1930er und 1940er ihre Blütezeit erlebte und von maschienengewehrschnellen Dialogen sowie einer Vorliebe für abstruse Liebesgeschichten geprägt war: "'Some Like It Hot' funktioniert nicht nur deshalb, weil Tony Curtis und Jack Lemmon Männer sind, die sich als Frauen ausgeben (auch wenn sie dabei stets urkomisch sind), sondern weil eben das niemandem auffällt oder niemanden interessiert. Lüge und Wahrheit haben dieselben Auswirkungen - also warum der ganze Aufruhr? Screwball-Komödien sind keine melancholisch-humanistischen Komödien darüber, wie man lernt, menschliche Unvollkommenheit zu akzeptieren und zu feiern. Sie sind Komödien der Fantasie und der Willenskraft. Mit genügend innerer Überzeugung beginnt selbst der Wahnsinn Sinn zu ergeben. Man denke an Cary Grant, der sich in 'Bringing Up Baby' Katherine Hepburns Verrücktheit ergibt; oder an Barbra Streisand, die in 'What's Up, Doc?' über Ryan O'Neal triumphiert; oder an Carole Lombard - die wohl schrägste aller Screwball-Heldinnen, für die der Begriff ursprünglich geprägt wurde -, die am Ende von 'My Man Godfrey' sagt: 'Es hat keinen Sinn, gegen etwas anzukämpfen, wenn es einen bereits gepackt hat. Es hat dich gepackt, und damit hat es sich - es hat dich gepackt!' Genau darin liegt der Kern dieser Komödien: Nicht die Vernunft siegt über das Chaos, sondern das Chaos wird mit solcher Entschlossenheit gelebt, dass es seine eigene Logik entwickelt."

Schnallen Sie sich an, hier kommt ein Beispiel:

Magazinrundschau vom 09.06.2026 - London Review of Books

David Runciman bespricht das Buch "The Score: How to Stop Playing Someone Else's Game", in dem C. Thi Nguyen eine Lanze bricht für das Spiel als Aktivität, die die menschliche Kreativität entfesselt - solange es als ein zweckfreies Vergnügen konzipiert ist und die Artifizialität seiner eigenen Kategorien offen ausstellt. Deutlich weniger hält er von jener Sorte Spiel, die ganz im Gegenteil so tut, als wäre sie gar kein Spiel, sondern besäße einen Wert in der echten Welt - als Beispiel nennt Nguyen Universitätsrankings. Runciman ist zwar ebenfalls fasziniert von der um sich greifenden "gamification" unserer Gegenwart; mit Nguyens Unterscheidung ist er dennoch nicht einverstanden. Nguyen ist laut Runciman "ein großer Verfechter der befreienden Kraft von Spielen wie Dungeons & Dragons, die ihre Spieler dazu ermutigen, sich selbst neu zu erfinden. Gleichzeitig verabscheut er die neue Generation von Überwachungskapitalisten aus dem Silicon Valley, die sich in unser Leben eingeschlichen haben. Doch viele der Monster unserer von Kennzahlen beherrschten Welt - von Elon Musk über Peter Thiel bis hin zu Reid Hoffman - sind mit D&D aufgewachsen und werden sagen, dass sie dort alles gelernt haben, was sie wissen. Menschen verändern sich, doch das Problem der Neuerfindung besteht darin, dass sie nicht nur in Richtung Befreiung führt. Nguyen stellt Glaubenssysteme, die für die Komplexität der Welt offen sind, solchen gegenüber, die diese Komplexität auf eine leichter handhabbare Form des Verstehens reduzieren wollen. Als Beispiel für Letztere nennt er Verschwörungstheorien, die - ähnlich wie viele oberflächliche Kennzahlen - 'eine besser handhabbare, intellektuell leichter erfassbare Version der Welt präsentieren'. Wie er jedoch selbst einräumt, haben Verschwörungstheorien viel mit Fantasy-Rollenspielen gemeinsam. Sie ermöglichen es Menschen, eine Version der Welt unter selbst festgelegten Einschränkungen durchzuspielen - denn Verschwörungstheoretiker sind diejenigen, die bestimmen, was als relevant gilt und was nicht."

Magazinrundschau vom 16.06.2026 - London Review of Books

Rahmane Idrissa hat für die London Review "A Human History of the Sahara" gelesen, in dem die Autorin, die Anthropologin Judith Scheele, aufzeigt, dass die Sahara nie menschenleer war und auch heute noch als Lebensraum für eine große Anzahl an Volksgruppen dient. Überhaupt ist in der größten Wüste der Welt vieles anders als man denkt. Ausgerechnet Wasser gibt es dort zuhauf. Wenn auch nicht an der Erdoberfläche: "Die mineralischen Tiefen der Sahara sind voller riesiger Wasservorkommen. Sie werden nicht wirklich wieder aufgefüllt, obwohl Niederschläge im Süden sie in gewissem Maße speisen. Einer dieser fossilen Seen, der größte der Welt, entspricht etwa zwei Dritteln der Fläche des Mittelmeers. Er trägt den eher nüchternen Namen Nubischer-Sandstein-Aquifer (NSAS) und erstreckt sich unter dem Norden des Tschad, dem Norden des Sudan, dem Südosten Libyens und dem Süden Ägyptens. Fast drei Viertel des in Libyen genutzten Süßwassers werden aus dem NSAS gefördert und über Tausende von Kilometern nach Norden geleitet, um die Küstenstädte zu versorgen. Erdöl wurde auf der Arabischen Halbinsel von amerikanischen Geologen entdeckt, die eigentlich nach fossilem Wasser suchten; fossiles Wasser in Libyen wurde dagegen von Firmen gefunden, die nach Erdöl bohrten." Wenn die Sahara heutzutage ein ausgesprochen unwirtlicher Ort geworden ist, lernt Idrissa von Scheele, dann ist das mithin nicht die Schuld der Natur. Vielmehr ist die Wüste "zu einer Art Abladeplatz geworden, auf dem entfernte Mächte und Staaten ihre Probleme entsorgen. Algerien hat seine islamistischen Kämpfer nach Süden verdrängt - zum Nachteil der Sahelländer; Europa drängt Migranten zurück in die Wüste, indem es nordafrikanische Staaten dafür bezahlt; die Emirate verfolgen in den östlichen Randgebieten der Wüste ihre politischen und militärischen Interessen; und die Militärjuntas in Mali und Niger haben die Politik des Dialogs und der Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften der Sahara beendet, wodurch sich die dschihadistische Krise in der Region weiter verschärft hat. Der Begriff 'Terrorismus' reicht bei Weitem nicht aus, um das allgegenwärtige Gefühl von Unsicherheit und die ständige Bedrohung durch verschiedene bewaffnete Gruppen zu beschreiben."
Stichwörter: Sahara, Scheele, Judith

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - London Review of Books

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Der russische Historiker Greg Afinogenov liest drei aktuelle Bücher, mit Marlène Laruelles "Ideology and Meaning-Making under The Putin Regime", Paul Robinsons "Russia's World Order: How Civilisationism explains the Conflict with the West" und Jeremy Morris' "Everyday Politics in Russia: From Resentment to Resistance" drei Bücher, die sich mit der aktuellen politischen und ideologischen Landschaft Russlands beschäftigen. Ein wichtiger Begriff, auf den er dabei immer wieder stößt, ist "Zivilisationismus", eine Ideologie, die nicht den Nationalstaat, sondern einen vermeintlich übergeordneten Kulturkreis als primäre politische und moralische Identität definiert. Afinogenov ist sich nicht sicher, wie einflussreich ein solches Konzept tatsächlich ist. Zwar sind Denker in dieser Traditionslinie wie etwa Nikolai Danilevsky, der einen ewigen Konflikt zwischen der Slawischen und der Römisch-Deutschen Zivilisation heraufbeschwört, in Putins Russland tatsächlich en vogue; aber auch ganz andere ideologische Projekte können im Land florieren, solange sie der Regierung nicht gefährlich werden. Afinogenov beschreibt den politischen Diskurs im Land als "das staatlich kontrollierte Simulakrum eines vielfältigen ideologischen Spektrums - allerdings eines, aus dem Liberale zumindest auf der Ebene der öffentlichen politischen Debatte ausgeschlossen wurden. Zu den verbliebenen Strömungen zählen rechtsgerichtete Sozialdemokraten, die mit der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation verbunden sind, stärkere sozialstaatliche Schutzmaßnahmen fordern und sowohl eine patriotische Nostalgie für die Sowjetunion als auch eine ablehnende Haltung gegenüber Einwanderung zeigen; nationalistische Z-Patrioten, die eine vollständige Mobilisierung für einen umfassenden Konflikt mit dem Westen befürworten; sowie religiöse Konservative, die mit der Russisch-Orthodoxen Kirche oder muslimischen Organisationen verbunden sind. Diese Gruppen teilen einen gemeinsamen Gegner - den liberalen Westen -, jedoch nicht zwangsläufig eine gemeinsame Vorstellung von Russlands Zukunft. Ihre Deutungen der Vergangenheit unterscheiden sich erheblich. So weist Laruelle beispielsweise darauf hin, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zu den wenigen Organisationen gehört, denen es weiterhin öffentlich gestattet ist, die Repressionen der Stalin-Ära zu kritisieren."

Nach dem Krieg kommt der Goldrausch. Jedenfalls, berichtet Claire Wilmot, in Tigray, jener Region Äthiopiens, in der zwischen 2020 und 2022 ein brutaler Bürgerkrieg wütete. Derzeit wird die Gegend von Goldsuchern bearbeitet - wobei die Profite meist an vermeintliche "Investoren" abfließen, die teils mit dem Versprechen angetreten waren, das weitgehend zerstörte Tigray wieder aufzubauen. Wilmot schlüsselt die ökonomischen Hintergründe auf: "Zum Zeitpunkt des Waffenstillstands im Jahr 2022 wurde eine Unze Gold für rund 1600 US-Dollar gehandelt. In den Jahren danach hat sich ihr Wert mehr als verdoppelt. Im Januar überschritt der Goldpreis die Marke von 4600 US-Dollar, nachdem das US-Justizministerium den Vorsitzenden der US-Notenbank vorgeladen hatte. Im Februar stieg er auf über 5000 US-Dollar, bevor er im Zuge des Kriegs mit dem Iran leicht nachgab. Ein weiterer Anstieg erscheint möglich: Die geopolitischen Faktoren, die die Preise nach oben treiben, zeigen bislang keine Anzeichen einer Abschwächung. Untersuchungen des Weltwirtschaftsforums und anderer Institutionen weisen seit der Rückkehr Trumps ins Präsidentenamt auf eine deutliche Zunahme globaler finanzieller und politischer Instabilität hin. Goldkäufer, darunter auch Zentralbanken, hoffen, diese Unsicherheit zu überstehen, indem sie ihr Vermögen in einem greifbaren Sachwert anlegen. Andere Käufer versuchen, ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern. China beobachtete, wie Russland nach dem Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 den Zugang zu Vermögenswerten in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar verlor, und begann daraufhin, seine Goldkäufe deutlich auszuweiten. Ende 2025 waren Chinas Goldreserven auf mehr als 2300 Tonnen angewachsen - etwa sechs Prozent der weltweiten Bestände."