Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

593 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 60

Magazinrundschau vom 06.10.2026 - London Review of Books

Sheila Fitzpatrick bespricht ein Buch der Literaturwissenschaftlerin Irina Paperno über Olga Freudenberg, eine russische Philologin, die während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit ein Tagebuch führte, in der sie das stalinistische Regime hart kritisierte - während der Blockade von Leningrad, die sie selbst miterlebte, setzte sie Stalin mit Hitler gleich und machte beide im selben Maße für ihre fürchterliche Lebenssituation verantwortlich. Fitzpatrick ist sich nicht sicher, ob sie Freudenberg in dieser Hinsicht komplett folgen möchte, gleichwohl kann sie einiges mit Papernos Ausführungen anfangen, die die Tagebücher der Autorin im Kern als politische Theorie lesen: "In Freudenbergs Theorie stehen Hitler und Stalin für ein 'doppeltes Barbarentum', in dem 'zwei Tyrannen ein neues Regierungssystem schufen, das Aristoteles unbekannt war'. Der Führerkult, der insbesondere in der Nachkriegszeit eine große Rolle spielte und Freudenberg ständig ärgerte, wird in den Vordergrund gerückt und anhand einer bahnbrechenden linguistischen Analyse - seitdem sind viele weitere hinzugekommen - sorgfältig untersucht. Dazu gehört die interessante Feststellung, dass die Menschen nicht nur Stalins Wortschatz übernahmen, sondern auch einige seiner sprachlichen Eigenheiten. Der Sowjetstaat ist für sie ein urzeitliches Ungeheuer - Freudenberg verwendete, wie die deutschen Philosophen, das Bild der babylonischen Göttin Tiamat aus der antiken Mythologie -, das die Menschen zusammenpresst, sodass sie jede Individualität verlieren und in Hannah Arendts Worten in 'organisierter Einsamkeit' leben müssen. Die marxistisch-leninistische Ideologie selbst ist für Freudenberg von keinerlei intellektuellem Interesse; umso genauer beobachtet sie jedoch die Methoden ihrer Vermittlung und rituellen Befolgung. Paperno erkennt bei Freudenberg sogar einen 'biopolitischen' Aspekt, der Michel Foucault und Giorgio Agamben vorwegnimmt: Freudenberg Aufmerksamkeit für die Auswirkungen von Kontrolle auf den individuellen menschlichen Körper."

Magazinrundschau vom 08.09.2026 - London Review of Books

Asim Munir ist unangefochten der starke Mann Pakistans, schreibt Owen Bennett-Jones in einem dichten, vielschichtigen Porträt des Feldmarschalls und seiner bisherigen politischen Karriere. In Pakistan mischt sich die Armee traditionell in zivile Angelegenheiten ein und lässt immer mal wieder Premierminister verhaften - zuletzt unter anderem den zuvor außerordentlich populären Populisten Imran Khan. Inzwischen hat sich das Machtgefüge im Land in vorher unbekanntem Ausmaß allerdings zugunsten des Militärs verschoben. "Die Generäle argumentieren, dies sei geschehen, weil zivile Regierungen immer wieder versagt hätten, ihre Aufgaben zu erfüllen. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Pakistans Politiker sind derart korrupt, dass ihr offiziell ausgewiesenes Vermögen in Milliarden Dollar gemessen wird. Seit Jahrzehnten zeigen sie wenig Interesse daran, schwierige Probleme anzugehen, und überlassen solche Aufgaben stattdessen dem Militär. Zum Beispiel das Problem der sogenannten Geisterschulen: 1998 wurde bekannt, dass Verwaltungsbeamte gefälschte Unterlagen erstellt hatten, um staatliche Gelder für Schulen zu erhalten, die überhaupt nicht existierten. Die tatsächliche Zahl der Schulen in einem Bezirk zu ermitteln, sollte eine einfache Aufgabe sein. Doch Pakistans zivile Bürokratie ist derart dysfunktional und korrupt, dass dies nicht bewerkstelligt werden konnte. Stattdessen bat der damalige Premierminister Nawaz Sharif die Armee, eine Erhebung durchzuführen. In jüngerer Zeit wurden in den sogenannten Stammesgebieten im Nordwesten des Landes erneut Verwaltungsaufgaben an die Armee übertragen. Die halbautonomen Grenzgebiete waren nach dem 11. September 2001 zu einem Rückzugsgebiet für Dschihadisten geworden. 2018 wurde ihr verfassungsrechtlicher Status geändert, um das Gebiet zu befrieden und in das pakistanische Stammland einzugliedern, sodass dort nun Bundesgesetze gelten. So weit, so gut. Doch die Übergabe an zivile Verwaltungsbehörden ist noch immer nicht abgeschlossen. Beamte, Richter und andere Funktionsträger wollen dort nicht leben: zum einen, weil die Region so arm ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, durch Bestechung Geld zu verdienen, zum anderen aber auch, weil sich dort weiterhin Dschihadisten aufhalten, die zivile Verwaltungsbeamte als mögliche Attentatsziele betrachten. Selbst wenn sie dorthin entsandt werden, erscheinen viele Beamte nicht zur Arbeit, sodass die Armee schließlich grundlegende Verwaltungsaufgaben übernehmen musste. Im Gegensatz zu Zivilisten tun Soldaten, was man ihnen zu tun vorgibt."

Magazinrundschau vom 15.09.2026 - London Review of Books

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Seit 2000 ist die Zahl der Menschen, die in Großbritannien Englische Literatur studieren, um rund ein Drittel auf etwa 36.000 gesunken, und auch Verlage haben wenig Interesse daran, Literaturkritiken zu veröffentlichen, seufzt der in Oxford lehrende Literaturwissenschaftler Colin Burrow. Der Grund: zu wenig Geld. Aber was mit dem Schwinden brillanter Kritiken verloren geht, zeigt der im vergangenen Jahr erschienene Band "Inhabit the Poem: Last Essays", der amerikanischen Literaturkritikerin Helen Vendler, die hier Texte zu Gedichten von John Donne bis Ocean Vuong versammelt, versichert Burrow. Literaturkritik "erfordert die Bereitschaft, nachzudenken und umzudenken, einen Gedanken aufzunehmen und ihn weiterzuverfolgen, bis er entweder nicht mehr tragfähig ist oder (im Idealfall) seinen eigenen inneren Antrieb entwickelt. Es erfordert die Akzeptanz, dass man sich manchmal irrt und dass sich manchmal auch andere irren. Man muss eine ganze Bandbreite chaotischer menschlicher Bruchstücke zusammenführen - von Autobiografie über Philologie bis hin zum Zählen von Zeilen, Unterstreichen von Buchstaben und Erkennen fast unsichtbarer Muster, durch die Geschichte einzelner Menschen und ganzer Völker hindurch. All dies kann dazu beitragen, zu verstehen, wie ein Gedicht zusammenhängt - oder interessanterweise gerade nicht zusammenhängt. (...) Literaturkritik erfordert die äußerst vereinzelte Fähigkeit, mutig genug zu sein, sich in einem Bereich zu bewegen, in dem es keine klaren Regeln gibt oder sich eigene Regeln schaffen. Man muss selbst entscheiden, was man denkt, und dies vielleicht dem gegenüberzustellen, was andere, klügere Menschen gedacht haben. Vielleicht kommt jemand anderes vorbei und sieht das anders, aber wenn du ihn dazu gebracht hast, mit dir zu diskutieren, dann hast du etwas Sinnvolles geleistet. Wenn das an sich keinen Sinn hat, dann hat wahrscheinlich auch das Leben keinen Sinn..."

Magazinrundschau vom 25.08.2026 - London Review of Books

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Anlässlich des Erscheinens zweier Kim Il-Sung-Biografien - Michael J. Seth' "Forever President" und Fyodor Tertitskiys "Accidental Tyrant" - zeichnet Ed Pulford nach, wie sich der ehemalige nordkoreanische Diktator und Begründer der Kim-Dynastie immer weiter von einem Sozialismus sowjetischer Prägung entfernte. Der Staat, den er schuf, basiert bis heute auf einer Verbindung von nationalistischer Mystik und Personenkult. "Viele bedeutende politische Ämter wurden Verwandten Kims übertragen, während seine väterliche Abstammungslinie zu einer über mehrere Generationen reichenden Saga heldenhafter Unabhängigkeitskämpfe umgeschrieben wurde - eine Saga, die in die Zukunft verlängert wurde, als er seinen Sohn zu seinem Nachfolger bestimmte. Eine ähnliche familiäre Logik setzte sich in der gesamten Gesellschaft fort, als Kim seinen Zugriff auf die Macht verschärfte. Bürger wurden wegen der angeblichen konterrevolutionären Taten ihrer Verwandten verfolgt, unter anderem während einer blutigen Säuberung von 1957 bis 1959, die sich vor allem gegen Chinesen und sowjetische Koreaner richtete. Ab 1959 konnten ganze Familien in eines der zahlreichen Arbeitslager verbannt werden, die euphemistisch kwanliso ('Verwaltungseinrichtungen') genannt wurden. Das revolutionäre inmin ('Volk') wurde in ein komplexes System erblicher sozialer Schichtung aufgespalten, von dem die Kim-Familie (die in den staatlichen Unterlagen nicht auftauchte) selbstverständlich ausgenommen war. Die drei Kategorien von Bürgern - 'Kern', 'Mittelschicht' und (in der unbeholfenen sowjetischen Terminologie) 'Menschen mit konterrevolutionären Bestandteilen' - hatten sich bis in die 1970er-Jahre auf 51 Kategorien ausgeweitet. Kims frühe Vorstellung von einer Partei, die den Massen eng verbunden blieb, wurde pervertiert und bedeutete nun, dass niemand der von oben verordneten 'Verwaltung' entkommen konnte: Nachbarschaftsorganisationen hielten Ausschau nach Anzeichen subversiver Aktivitäten und verliehen damit lokalen Tyrannen den staatlichen Segen, ihre persönlichen Feindschaften und Ressentiments zu verfolgen. Seit 1967 waren Sondergenehmigungen erforderlich, um das Land zu verlassen. Als Mitglieder verpflichtender politischer Organisationen - des Kinderverbands, des Frauenverbands, des Verbands der Landarbeiter und, für die Privilegierten, der Partei der Arbeit selbst - wurden sämtliche Bürger zu Schulungs- und Studiensitzungen gezwungen, die auf Kims 'monolithischem ideologischem System' beruhten. Dieses behauptete, dass die Menschen - womit die Koreaner gemeint waren - die prometheischen 'Herren über alle Dinge' seien."
Stichwörter: Kim Il-Sung

Magazinrundschau vom 11.08.2026 - London Review of Books

James Butler schreibt über J.D. Vances zweites Buch "Communion", in dem der US-Vizepräsident über seine Bekehrung zum Katholizismus berichtet. Butler kann sehr wenig mit einem Buch anfangen, das offensichtlich vor allem dazu dienen soll, Vances kommende Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten. Am ehesten sind noch jene Passagen in "Communion" lesenswert, findet er, die sich mit zentralen Konzepten der katholischen Theologie beschäftigen. "Vances Innenwelt bekommt man in 'Communion' nur selten zu Gesicht, aber er schreibt mit Bezug auf eine Begegnung mit einem Therapeuten, dass 'der Gedanke daran, ein Opfer zu sein, mich zum Kotzen brachte'. Stattdessen findet er Befreiung durch Schuld. Für nichtkatholische Ohren klingt das paradox, doch Schuld bewahrt ihn sowohl vor der Passivität, die er in psychologischen Traumamodellen findet, als auch vor dem protestantischen Modell einer einmaligen, endgültigen göttlichen Gnade: Für Katholiken offenbart sich Gnade in der Beschaffenheit eines individuellen Lebens, in Fehlern, Reueakten und Versuchen, etwas wieder gutzumachen. Generationen katholischer Neurotiker könnten gegen den vermeintlichen Nutzen von Schuld Einspruch erheben, aber zumindest dürfte Vance kaum das Rohmaterial dafür ausgehen. Interessanter ist seine heftige Reaktion darauf, als Opfer wahrgenommen zu werden. Der Skandal des Christentums, der bei seinen heidnischen Kritikern Spott und Unverständnis hervorrief, bestand gerade darin, dass es die Opferrolle als Triumph darstellte: die Hinrichtung des menschgewordenen Gottes wie einen gewöhnlichen Verbrecher, gedemütigt und verlassen. Zweitausend Jahre später preist die Liturgie, die Vance jeden Sonntag hört, 'dieses reine Opfer, dieses heilige Opfer, dieses makellose Opfer'. Es kommt selten vor, dass ein Leben gelebt wird, ohne dass ein Mensch sich irgendwann als Opfer von Kräften wiederfindet, die außerhalb seiner Kontrolle liegen - eine Tatsache, über die ein katholischer Politiker an der Spitze des mächtigsten Imperiums, das je existiert hat, eigentlich nachdenken sollte."

Anahid Nersessian beschäftigt sich mit dem Werk Catherine Breillats, einer Regisseurin, deren Filme regelmäßig sexuelle und moralische Transgressionen thematisieren. In einem Interviewbuch, das Nersessian als Anlass für ihren Text nimmt, spricht Breillat mit der Filmkritikerin Murielle Joudet nicht nur über ihre eigenen Filme, sondern auch über Bernardo Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris", in dem sie selbst als Schauspielerin zu sehen ist. Dabei geht es auch um eine vieldiskutierte Sexszene mit Marlon Brando und Maria Schneider, die inzwischen oft als Beispiel für übergriffiges Verhalten an Filmsets benutzt wird. Breillat hält nichts von der Lesart, dass es sich bei dieser Szene, wie teils zu lesen ist, um "echten Missbrauch" handelt, weil Bertolucci und Brando Schneider angeblich vorab nicht in Details der Szene (Butter als Hinweis auf Analsex) einweihten: "Am Set sei nichts passiert, betont Breillat, doch nachdem der Film herausgekommen war, wurde Schneider in der Presse und von der Öffentlichkeit verspottet, die 'glaubten, sie dürften ganz offen über sie lachen'. 'In Restaurants legten die Leute regelmäßig ein Stück Butter vor ihr auf den Tisch', sagt Breillat. 'Das war es, was sie zerstörte. Nicht die Dreharbeiten zu dem Film.'" Gegen Vorwürfe, dass es am Set ihres eigenen Films "Romance" zu Übergriffen gekommen sei, wehrt Breillat sich ebenfalls. Nersessian hält fest: "Heute könnte ein Film wie 'Romance' wahrscheinlich nicht mehr ohne Intimitätskoordinatoren gedreht werden - oder, in Breillats Worten, ohne jene 'kleinen Ayatollahs, die auf den Wellen unseres gegenwärtigen Puritanismus surfen'. Aus ihrer Sicht sind die Menschen, die Schneider Butterpäckchen an ihren Tisch schickten, und jene, die wollen, dass Liebesszenen bis zum letzten Wimpernschlag durchgeplant werden, zwei Seiten derselben Medaille. Sie alle halten Sex für etwas Schmutziges und Abstoßendes, dem sich keine tugendhafte Frau aussetzen würde und vor dem sie geschützt werden müsse. Da dürfte etwas dran sein. Überzeugender wäre eine solche Haltung allerdings, wenn Breillat bereit wäre, die Lehre anzunehmen, die ihre eigenen Filme vermitteln: Das Innenleben anderer Menschen mag uns verschlossen bleiben, aber das bedeutet nicht, dass wir es als Erfindung oder Fantasie abtun sollten."

Magazinrundschau vom 21.07.2026 - London Review of Books

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Clare Jackson schwelgt in der Farbpracht amerikanischer Flora und Fauna dank des Buches "A Golden World" der britischen Historikerin Lauren Working, die hier erzählt, wie die indigenen Völker Amerikas die Renaissance in England prägten. Ob Robbenfell-Parkas, Biberhüte, Smaragden aus Kolumbien, Seide oder Perlen - das Tudor-England wäre ein anderes ohne die indigenen Einflüsse, zeigt Working: "Auch die 'unglaublich schillernde Wirkung' amerikanischer Federkopfschmuckstücke, Kunstwerke, Schilde und Wandbehänge zog jakobinische Sammler in ihren Bann. Im frühneuzeitlichen England 'waren die Menschen ständig von Federn umgeben', denn 'der Adel ließ seine Falken fliegen, die Bediensteten rupften Vögel für die Mahlzeiten und die Sekretäre spitzten Federkiele, um Briefe zu schreiben'. Bei den Tupi sprechenden Völkern Brasiliens hingegen wurden Vögel als 'Brücke zwischen irdischem Wissen und dem himmlischen Reich' verehrt. Auch südamerikanische Papageien und Aras wurden einem als 'Tapirage' bekannten Verfahren zur Farbveränderung unterzogen: Federn in kühleren Farbtönen wurden lebenden Vögeln gezupft, deren Haut anschließend mit Salben aus pflanzlichen Farbstoffen, tierischen Sekreten oder tierischen Fetten eingerieben wurde, um das natürliche Melanin der Vögel zu unterdrücken. Danach, wie Working beschreibt, 'wuchsen neue Federn in wärmeren Gelb- und Orangerottönen nach, schimmernde Kanäle zum goldenen Licht der Sonne.' Moderne ethnozoologische Forschung hat die Bedeutung des Tapirage in indigenen künstlerischen und rituellen Praktiken untersucht, wobei die Federbearbeitungstechniken der Tupi möglicherweise eine mimetische Funktion in Zeremonien hatten, die mit der Identifikation von Vögeln verbunden waren."

Magazinrundschau vom 04.08.2026 - London Review of Books

Höhlenmalerei in Chauvet. Foto: Ancient Art Archive

Warum sind die Zeichnungen in der Höhle von Chauvet so viel großartiger als alle späteren Höhlenmalereien, fragt sich der Kunsthistoriker T.J. Clark, beeindruckt von der "unverkennbaren Arroganz der Leistung" der Chauvet-Künstler: "Den Malern von Chauvet ist vollkommen bewusst, dass sie eine Welt erschaffen, anstatt eine zu reproduzieren. Zunächst einmal wird an jeder Stelle der Wand mit dem Unterschied zwischen zwei und drei Dimensionen gespielt. Doch offensichtlich wollten diese Künstler, wie die meisten Künstler, dass die von ihnen geschaffene Welt der Welt da draußen ähnlich genug war, damit die Veränderungen, die sie an ihr vornahmen - die Verschmelzungen und Idealisierungen -, ihre Wirkung entfalteten." Vielleicht hat die hohe Kunst dieser Malerei etwas damit zu tun, dass die Menschen in dieser Zeit anfingen, Sprache zu erfinden. Vielleicht gab es eine Art Konkurrenz zwischen Zeichnung und Sprache, überlegt Clark, auch wenn er dabei etwas unklar bleibt: "Wurde das Sprechen in der Welt der Höhlen eher als etwas wie Träumen denn als 'Kommunikation' empfunden (erlebt)? Vielleicht. Die beiden Zustände mussten erst noch voneinander getrennt werden - sprachlich, konzeptuell. ... Vielleicht ebneten Bildsequenzen im Schlaf den Weg für Klangsequenzen, für Aussagen. Doch das Träumen ist eine ständige Verzerrung dessen, 'wie die Dinge sind'. Als die Sprache aufkam, mag sie fast wie das Instrumentarium des Traums gewirkt haben, wie dessen Eindringen in den wachen Tag." Bei den Malereien hingegen dominiert "das Fehlen einer hierarchischen Ordnung, weder ausdrücklich noch als zugrunde liegendes Strukturprinzip. Die Auflösung jedes einzelnen 'Phonems' des visuellen Satzes durch Überlagerung, Durchsichtigkeit, Überfrachtung, syntaktischen Unsinn. Ungehorsam, Auslaufen, Unschärfe dort, wo Klarheit erwartet wird, und gestochener Fokus dort, wo das Feld eigentlich ein Verblassen zu verlangen scheint, Mehrdeutigkeit, Distanz."

Magazinrundschau vom 14.07.2026 - London Review of Books

Was hat es mit Palantir auf sich, fragen Peter Geoghegan und Lucas Amin. Die beiden Investigativjournalisten untersuchen die Art und Weise, wie das Unternehmen in Großbritannien Fuß fasst - insbesondere im Gesundheitswesen, in Form einer "federated data platform" (FDP), die von einer von Palantir geführten Unternehmensgruppe entwickelt wird. Allzu gut scheint die Implementierung nicht zu laufen: "Hinter verschlossenen Türen räumen führende Manager des NHS ein, dass es Probleme mit Palantirs Technologie gibt - nicht zuletzt, weil sie bei Datenanalystinnen und -analysten äußerst unbeliebt ist. In einem Briefing für leitende NHS-Verantwortliche vom Februar heißt es, die FDP sei 'langsam und schwerfällig'. Die Bearbeitung von Datenabfragen dauere 'Berichten zufolge vier bis fünf Minuten statt dreißig Sekunden' wie bei den bisherigen Systemen. Ein NHS-Datenanalyst, der täglich mit der FDP arbeitet, sagte uns, selbst diese Angabe sei noch zu optimistisch. 'Mit vier oder fünf Minuten wäre ich schon zufrieden', sagte er. 'Meistens warte ich eher zehn Minuten.'" Hinzu kommt, dass das britische Gesundheitssystem sich nun ein proprietäres Softwaresystem aufgehalst hat, das nur von Palantir-Mitarbeitern gewartet werden kann. Insgesamt erscheint das Unternehmen bei näherem Hinsehen weniger spektakulär und bahnbrechend, als man angesichts mancher Medienberichte denken könnte. "So sehr die Palantir-Chefs Peter Thiel und Alex Karp auch mit Allwissenheit, KI-gestützter Kriegsführung und einem Kampf der Zivilisationen prahlen - im Kern ist Palantir ein Softwareunternehmen. Es verfügt weder über ein grundlegendes KI-Modell wie OpenAI oder Anthropic, noch baut es Raketen oder Überwachungsdrohnen wie Elon Musk. Was die Unternehmensführung jedoch verstanden hat, ist, dass es im Zeitalter eines revanchistischen Nationalismus von Vorteil sein kann, die eigene Gefährlichkeit zu überhöhen. Wie der Technologiejournalist James Ball argumentiert hat, verdeckt die von Palantir gepflegte Selbstmythologisierung 'was letztlich ein ziemlich banales Produkt ist'."

Vor fünf Jahren hatte der nigerianische Schriftsteller Adewale Maja-Pearce in der LRB argumentiert, dass die Benin-Bronzen erst dann zurückgegeben werden sollten, wenn ihr Verbleib in Nigeria geklärt ist. Er gehört damit zu den ganz wenigen Stimmen, die eine bedingungslose Rückgabe kritisch sahen (unsere Resümees). In Benin ist zwar das fünfzehn Hektar große Museum of West African Art (MOWAA), entworfen von dem ghanaisch-britischen Architekten David Adjaye, fertiggestellt worden, die Eröffnung des Museums wurde allerdings von Demonstranten vereitelt, die das Museum als Beleidigung des Oba von Benin ansehen, erinnert Maja-Pearce. Wo die Benin-Bronzen verblieben sind, geschweige denn aufbewahrt werden sollen, ist nach wie vor ein Rätsel, hierzulande scheint das auch niemanden mehr zu interessieren. Maja-Pearce versuchte indes, den Oba persönlich zu sprechen: "In Benin-City besuchte ich den Palast, doch mir wurde mitgeteilt, ich könne niemanden sprechen: Der Oba bereitete sich gerade darauf vor, 'wichtige' Delegierte zu empfangen. Ich wurde in die staubige, schummrig beleuchtete Bibliothek weitergeleitet, wo mich ein Mann abwimmelte, der gerade eine Mitarbeiterin beschimpfte. Hochmütiges Auftreten auf allen Ebenen ist tief in der Palastkultur verwurzelt, besonders an der Spitze. Zwei Wochen nach meiner Rückkehr nach Lagos wurde ein Schauspieler namens Don Pedro, der Bruder des ehemaligen Gouverneurs von Edo - Godwin Nogheghase Obaseki, der sich stets für die Rückkehr der Bronzen in das neue Museum eingesetzt hatte - von bewaffneten Männern angegriffen, während er Fußball spielte: 'Ich wurde … schwer verprügelt, misshandelt … nackt ausgezogen und in den Palast des Oba von Benin gebracht … wo man mich zwang, öffentlich niederzuknien.' Sein Vergehen? 'Ich war in London und sagte in einer öffentlichen Erklärung: 'Mögen die Menschen von Edo lange leben und gedeihen.' Ich hätte sagen sollen: 'Möge der Oba lange leben und gedeihen.'' Weder der Palast noch die Polizei haben sich zu dem Übergriff geäußert. Am Tag nach dem Protest vor dem MOWAA drohte Monday Okpebholo, der derzeitige Gouverneur von Edo, damit, die dem Museum gewährte Grundbesitzurkunde 'im übergeordneten öffentlichen Interesse' zu widerrufen, und bekräftigte seine Loyalität gegenüber dem Oba, 'um sicherzustellen, dass der Monarch seine Rolle als Hüter des reichen kulturellen Erbes des Volkes von Benin wahrnimmt'."

Magazinrundschau vom 30.06.2026 - London Review of Books

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Zehn Jahre lang war die britische Malerin Celia Paul eine der vielen Geliebten Lucian Freuds, beide haben einen gemeinsamen Sohn. Paul, die vierzig Jahre lang überwiegend verletzliche Porträts ihrer Mutter schuf, saß Freud nicht nur Modell, er lernte auch von ihr, wie Marina Warner erzählt. Sie nimmt den vergangenes Jahr erschienenen Band zu Pauls Werk, der auch Essays von Karl Ove Knausgard, Rachel Cusk und Edmund de Waal enthält, zum Anlass um zu erzählen, wie sich die Künstlerin von Freud, der sie weder als Frau noch als Modell besonders gut behandelte, emanzipierte: "Im Laufe der Jahrzehnte, in denen sie sich von Freud distanzierte, hat sich Paul zu einer zurückhaltend metaphysischen Künstlerin entwickelt, die in ihren Motiven eine Tiefe und ein Geheimnis entdeckt, das den Betrachter dazu einlädt, hinter den Schein zu blicken. Sie lässt immer mehr weg - Zeit, Umstände, Schauplatz, Objekte. Der asketische Habitus ihrer Werke steht in meinen Augen in Verbindung mit ihrem kirchlichen Hintergrund und dem Schock, den ihre Begegnung mit Freuds antinomistischer Teufelei bei ihr ausgelöst hat. Er rückte sie in einigen denkwürdigen, wenn auch von Qual geprägten Gemälden, die er von ihr schuf, besonders in den Vordergrund; insbesondere im letzten, das Angus Cook, einen gemeinsamen Freund, auf einem Bett ausgestreckt und mit entblößten Genitalien zeigt, während Paul mit dem Pinsel in der Hand dasteht und eine Farbtube unter ihrem nackten Fuß zerdrückt (hier zu sehen). Es wurde als Moment triumphaler Selbstverwirklichung interpretiert - von Paul als Künstlerin, nicht als Muse, als Malerin, nicht als Modell. Auch dieses Gemälde hat sie in einer geisterhaften Variation wieder aufgegriffen und die rechte Seite der Leinwand, wo Cook gelegen hatte, mit graubraunen Farbstrichen ausgefüllt. Es gibt Erinnerungen, die sie nicht vergessen kann, auch wenn sie versucht, sie auszulöschen." Mehr darüber, wie Freud sie behandelte, erzählte Paul vergangenes Jahr dem Guardian.
Stichwörter: Paul, Celia, Freud, Lucian

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - London Review of Books

Jeremy Harding beschäftigt sich mit Nicolas Sarkozys Gefängnistagebuch. "Le Journal d'un prisonnier" entstand im Anschluss an eine Haftstrafe, die womöglich nicht die letzte sein wird, die der ehemalige französische Präsident absitzen muss. Harding rekonstruiert ausführlich die Ermittlungen in der Korruptionsaffäre um Sarkozy, die sich insbesondere um Kontakte des Politikers nach Libyen drehen - der Verdacht steht im Raum, dass Sarkozys Präsidentschaftswahlkampf 2007 teilweise von Gaddafi finanziert worden war. Beziehungsweise - der Fall ist kompliziert -, dass Sarkozy sich zumindest mit unlauteren Mitteln um Gelder aus Libyen bemühte. Was hat es nun mit dem Gefängnistagebuch auf sich? "'Le Journal d'un prisonnier' erschien nur drei Wochen nach Sarkozys Freilassung - vermutlich die kürzeste Veröffentlichungszeit in der Geschichte der Gefängnismemoiren. Das Buch wurde vom Verlag Fayard in Auftrag gegeben, der heute dem französischen Medienmogul Vincent Bolloré gehört - dessen Vermögen auf 10 Milliarden Dollar geschätzt wird und weiter wächst, der die Partei von Marine Le Pen unterstützt und derzeit die letzten Überreste republikanischer Pressefreiheit beseitigt, während er Redakteure und Mitarbeiter austauscht, die dagegen protestieren. Bolloré ist außerhalb des Gerichtssaals ein einflussreicher Fürsprecher Sarkozys." Sarkozy sucht nun seinerseits den Schulterschluss mit Rechtsaussen: "Er erhielt Unterstützung von Chiracs Ehefrau sowie tröstende Worte am Telefon von Marine Le Pen und einem Vertrauten Javier Mileis in der Pariser Botschaft Argentiniens. Dass Macron die Entscheidung, Sarkozy die Ehrenlegion abzuerkennen, an einen nachrangigen Würdenträger des Ordens delegierte, ist für Sarkozy eine Quelle der Verbitterung, obwohl er sich selbst als einen ausgesprochen sanftmütigen Menschen beschreibt. 'Verbitterung war nie ein Wesenszug meines Charakters und wird es niemals sein.' Oder: 'Ich gehöre nicht zu den Menschen, die gern klagen … und werde es auch nie tun.' Dennoch enthält das Buch eine schonungslose Abrechnung mit Freunden und Feinden. Zu den Freunden zählt er das Rassemblement national von Le Pen, das, wie er seinen Lesern erklärt, zur politischen Familie der Rechten gehöre. Er fordert die Anhänger seiner einstigen Mitte-rechts-Partei auf, für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr die größtmögliche Allianz zu schmieden - 'ohne Ausgrenzung und ohne Verdammung'. Mit anderen Worten: ein deutlicher Aufruf, sich hinter Jordan Bardella zu versammeln - oder hinter Le Pen, falls ihre Berufung gegen die Verurteilung wegen Veruntreuung von Geldern des Europäischen Parlaments Erfolg haben sollte und sie erneut kandidieren darf."
⊳