Die Straße
Roman

Claassen Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783546100335
Gebunden, 240 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Die Straße ist nicht im Zentrum der Stadt und nicht an ihrem Rand. Versteckt liegt sie irgendwo dazwischen. Kein Besucher würde sich dorthin verirren, und doch passiert in ihr alles, was Menschen passieren kann.Ein Junge wird vom Jagdfieber gepackt. Ein anderer weiß nicht, wohin mit seiner Wut. Eine Blumenhändlerin lebt für einen Mann, der sie nicht einmal sieht. Eine Heimleiterin wacht über ihre Schützlinge und ist selbst die Einsamste von allen. Ein Geistlicher kommt seiner Gemeinde abhanden. Sorge rüttelt an den Bewohnern, Sehnsucht treibt sie nachts auf die Straße, die Liebe bringt sie um den Verstand. Sie haben Träume und Geheimnisse. Ihre Wege kreuzen sich täglich, doch was wissen sie voneinander? In seinem neuen Roman verknüpft Robert Seethaler ihre Geschichten zu einem Mosaik der Augenblicke - und damit des Lebens selbst.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.06.2026
Anna Kardos findet Robert Seethalers neuen Roman herzerwärmend und zutiefst menschlich. Der Autor macht darin eine kleine Straße zur Hauptfigur, die durch das Gewisper ihrer Bewohner vielstimmig erzählt von kleinen menschlichen Dramen und Hoffnungen, von Gentrifizierung und Resilienz, Träumen und der harten Realität, so erklärt es die Rezensentin. Für Kardos eine traurige wie tröstliche Lektüre, weil der "Monolog der Straße" im Treppenhaus oder im Laden an der Ecke von der vergehenden Zeit erzählt und von den Menschen, "die übrig bleiben".
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 27.06.2026
Robert Seethalers neues Buch hat für den Rezensenten Fokke Joel etwas von einem "Wimmelbild für Erwachsene": Er porträtiert eine ganze Straße mit ihren Bewohnern und erzählt nach eigener Schätzung von wohl rund 300 verschiedenen Personen. Es gibt mit Dr. Aysal beispielsweise einen Hausarzt mit Alkoholproblem, aber aufopferungsvoller Arbeitsethik, schildert Joel, auch von einer unglücklich verliebten Floristin ist die Rede. Der Kritiker hätte einigen der Figuren mehr Raum gewünscht, sich zu entfalten, denn der Aufbau des Buches lässt außer recht kitschigen Verkürzung ohne "Ecken und Kanten" des Lebens wenig zu, meint er. Altenheimbewohner, die sich über das Essen beschweren, oder Vermieter, die ihre Mieter rausschmeißen wollen, seien nicht wirklich innovativ. Der Roman weiß den Kritiker mit "Kitsch und Tod in Verbindung mit religiösen Motiven" nicht zu überzeugen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 30.05.2026
Restlos zufrieden scheint Rezensentin Aurelie von Blazekovic mit Robert Seethalers neuem Roman nicht zu sein, auch wenn die Prämisse spannend ist: Fragmentarisiert erzählt er von der Heidestraße, Stadt unbekannt, ihren Häusern, ihren Bewohnern, ihren Schicksalsschlägen. "Störend unspezifisch" ist für Blazekovic aber, dass diese Straße so hyperlokal ist und auch der geschilderte Zeitraum nicht klar wird - wenn in den gastronomischen Betrieben der Straße von Staubzucker und Butterbuchteln die Rede ist, klingt es nach Wien, aber der Ausdruck Treppenhaus lässt eher auf Deutschland schließen. Das Impressionistische an diesem Buch weiß die Kritikerin durchaus zu schätzen, sie hätte sich allerdings mehr konkrete Anhaltspunkte gewünscht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 15.05.2026
Als eine originelle "Form des literarischen Streetviews" charakterisiert Rezensent Wolfgang Schneider Robert Seethalers raffiniertes erzählerisches Arrangement in "Die Straße". Heimliche Heldin dieses Roman ist folgerichtig die Straße selbst, "scheinbar unscheinbar" bietet sie eine Art Querschnitt menschlicher Erfahrungen: enttäuschte Liebe, üble Gerüchte, Kriegserinnerungen, Obdachlosigkeit, Rassismus, Migration, Brandstiftung und fragwürdige Immobiliengeschäfte. Seethaler lässt seine Erzählung flugs über all diese Geschehnisse und Gespräche hinweggleiten, verknüpft dabei seine knappen Momentaufnahmen geschickt durch wiederkehrende Motive und Begriffe, lesen wir. Zum Anfang mögen einige der oft namenlosen Stimmen noch etwas gespensterhaft wirken, so der Kritiker, doch nach und nach entfaltet sich vor den Lesenden eine Art literarisches "Wimmelbild" voller klarer, schillernder Charaktere und Verbindungen. Verkürzungen sind zwangsläufig integraler Bestandteil dieser Erzählweise, erkennt Schneider. Ins Gefühlsselige kippen sie nur einmal, in der Erzählung einer verliebten Floristin. Doch dies scheint der Rezensent diesem Autor ohne weiteres nachsehen zu können, der hier seine Kunst der Darstellung komplexer Mikrokosmen zur Perfektion bringt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2026
Rezensent Andreas Platthaus bewundert Robert Seethalers Beschreibungsgenie. Der Roman, vielleicht der letzte des Autors, erscheint Platthaus noch einmal das ganze literarische Können Seethalers zu zeigen. Es geht um die Bewohner einer Straße in Berlin oder Wien, um Blumenhändler, Ärzte, Ehepaare und Zwangsgeräumte, erklärt Platthaus. Wie Seethaler die Perspektiven und Formen wechselt, Dialoge, Monologe, Chroniken, Protokolle, Baupläne und Liebesbriefe, findet er stark. Ein Roman wie ein Wegenetz durch die Gesellschaft, Umleitungen, Sackgassen und Einbahnstraßen inklusive, meint Platthaus begeistert.