Unerwünschte Töchter
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN
9783446287426
Gebunden, 576 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Die Familie eines deutschen Jahrhunderts: Margarethe, Marianne, Monika, Miriam. Vier Generationen. Sie lieben sich, sie tun sich weh, sie kämpfen um ihre Unabhängigkeit. Sie stammen aus dem Bildungsbürgertum Dresdens, die Männer und Väter fallen in den Weltkriegen. Zum schlimmsten Zerwürfnis kommt es nach der Übersiedlung in den Westen, als die hochintelligente, labile Enkelin Monika in den Sechzigerjahren gegen alle Widerstände ein uneheliches schwarzes Kind zur Welt bringen will. Die Autorin selbst ist dieses Kind. Menschlich, eindringlich und mitreißend macht Miriam Carbe ein ganzes Jahrhundert erlebbar.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2026
Rezensentin Susanne Klingenstein liest Miriam Carbes autobiografisch inspiriertes Porträt einer bürgerlichen Familie im Dresden des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit viel Sympathie für die Fähigkeiten der Autorin, auch wenn die Superlative der Verlagswerbung ihr zu hoch gegriffen scheinen. Klug, warm und mitreißend beschreibt Carbes drei Frauenleben, kommentiert gelegentlich und trumpft vor allem beim Porträt ihrer Mutter Monika auf, erklärt Klingenstein. Gut gefallen haben Klingenstein die leitmotivisch im Text auftauchenden historischen und kulturellen Indikatoren der dargestellten Zeit, vom Goethe-Zitat bis zu Roth-Händle-Zigaretten und Schlagern, auch wenn die schiere Menge solcher Details stereotyp wirken kann, wie Klingenstein zu bedenken gibt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.08.2026
Manche Geschichten erzählen von Frauen, die so sind, wie man selbst gern wäre, stellt Rezensentin Gabriela Herpell fest: tapfer, selbstbewusst, widerständig, solidarisch. Miriam Carbes Vier-Generationen-Roman erzählt von Frauen, die so sind, wie Frauen tatsächlich sind. Viele zumindest. Die Frauen aus Miriam Carbes eigener Familie zumindest - denn um die geht es hier. Ihre Sorgen, ihr Scheitern, ihre Angst, ihre Konflikte und ihre Gemeinheiten sich selbst und den anderen Gegenüber - all das ist zwar nicht schön, findet Herpell, aber es ist ehrlich, was sowohl die Schwierigkeit als auch die große Stärke dieses Romans ist. Carbe erzählt darin von sich und ihren Vorfahrinnen, vom Anfang des 20. Jahrhunderts quer durch Deutschland, bis in die Gegenwart. Antisemitismus, Rassismus, Flucht und vor allem die Unerwünschtheit, das weibliche Dasein als Unfall, ziehen sich motivisch durch den Text und verbinden die vier Generationen von Frauen. Sie alle kämpfen mit irgendwas oder irgendwem, sie versuchen zusammenzuhalten und verletzen sich doch immer wieder gegenseitig, sie scheitern an ihren Erwartungen, an den Umständen, an der Realität. Nein, sie werden nicht die "besten Versionen ihrer selbst", und gerade das macht sie so "wahrhaftig", lobt die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 29.05.2026
Die Literaturgeschichte ist seit eher geprägt von männlichen Genealogien, weiß Rezensentin Undine Fuchs. Mit "Unerwünschte Töchter" bereichert Miriam Carbe die Literatur nun um eine weitere weibliche Ahnenerzählung, ähnlich wie Sasha Marianna Salzmann und Olga Grjasnowa. Seit einigen Jahren schon, erklärt Fuchs, bemühen sich diese Autorinnen, den Fokus der Geschichte(n) von den Vätern auf die Mütter und deren Erbe zu verschieben. In Carbes Fall besteht dieses Erbe aus einem Kirschholzschrank, einer Sammlung von Notiz- und Tagebüchern, ein paar Gewohnheiten, einigen Grundwerten und vor allem: in der großen Liebe und Sehnsucht zum Erzählen und zur Literatur. Über drei Generationen von Frauen wird dieses Erbe weitergereicht, lesen wir, überdauert zwei Weltkriege, die Teilung Deutschlands und die Wiedervereinigung bis in die Gegenwart. So schreibt Carbe mit ihrem Buch nicht nur Familiengeschichte, sondern macht auch ein Stück deutsche Historie erfahrbar. Behutsam verbindet sie dazu die Erinnerungsfragmente ihrer Vorfahrinnen, tastet nach Gemeinsamkeiten und Brüchen und überbrückt diese bewusst mit Fiktionen, so Fuchs. Dabei verbindet sie auf beeindruckende Weise Innen- und Außenperspektive, indem sie immer wieder aus der Ich-Perspektive auf die fiktionale Ebene in die Perspektive ihrer Vorfahrinnen wechselt. Einziger Kritikpunkt, wenn man den einen nennen müsste: Dass gerade Miriams Mutter verhältnismäßig wenig Raum in der Erzählung bekommt - jene Frau, deren Lebensgeschichte wohl die komplexeste und deren Verhältnis zu ihren Verwandten wohl das ambivalenteste ist, so Fuchs. Dennoch beweist Carbe mit diesem Debüt ein großes Erzähltalent und zeigt einmal mehr, dass es sich lohnt, auf die leisen Stimmen zu lauschen, so die berührte Rezensentin.