Tony Tulathimutte

Fiasko

Fiktionen
Cover: Fiasko
dtv, München 2026
ISBN 9783423285773
Gebunden, 384 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr. Ein erklärter Feminist fällt ins Wurmloch der Incel-Szene. Eine Frau versinkt in einer selbstzerstörerischen Spirale, als ein One-Night-Stand nicht zur erhofften Beziehung führt. Ein schwuler Thai-Amerikaner bringt es nicht über sich, seinem Freund seinen ultranischigen Fetisch zu gestehen.Wie die Facetten eines Kaleidoskops zeigt dieses Buch die monströs schillernden Formen, die die Sehnsucht nach echter Nähe in einer Welt zwischen Dating-Apps und Doomscrolling annimmt. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.08.2026

Rezensentin Marie Schmidt annonciert "Männerliteratur, die es jetzt braucht" - denn bei so viel "Full-Speed-Emanzipation" von Frauen, fragt sich die Kritikerin: Was machen denn die Männer derweil? Die Antwort findet sie in neuen Erzählbänden von Clemens J. Setz und Tony Tulathimutte, in denen es um Anziehung und Abstoßung von Gewalt, Perversionen und um die Sehnsucht nach Nähe geht. Beide Bände hält Schmidt für Sensationen, wenngleich sie einräumt, dass die Brillanz von Setz unerreichbar bleibt. Dennoch empfiehlt sie nachdrücklich auch die Lektüre der Erzählungen des Amerikaners, die in einer Mischung aus Komik und Schock und in - virtuos übersetzter - Internet-Kunstsprache von bizarren Auswüchsen der Identitätspolitik erzählen. Dass weder Setz noch Tulathimutte das Risiko scheuen und weder sich noch ihre Figuren schützen, verbucht Schmidt als Gewinn. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 14.08.2026

Die dunklen Ecken des Digitalen sind ein Feld, das noch längst nicht zur Gänze beackert ist, glaubt Rezensentin Lynn Hruschka. Doch um hier reife Gesellschaftssatire ernten zu können, muss man sich auch darin auskennen. Tony Tulathimutte besitzt als Autor, der "chronically online" ist, nicht nur die nötige Expertise, er ist auch ein Schriftsteller von echtem Format, erkennt Hruschka. Was ihn auszeichnet ist nicht nur seine literarische Radikalität, sein trockener Stil, sein düsterer Humor, die unerbittliche Präzision, mit der er das Leid seiner Figuren seziert, sondern auch die Gewissenhaftigkeit, mit der er jenes Leid behandelt, lesen wir. In den sieben Erzählungen von "Fiasko" beschreibt er immer wieder die Folgen der Angst vor dem Verlust von Anerkennung, wie diese Angst erst in den Selbsthass und schließlich zur Gewalt führen kann. Und er tut dies mit so viel Verständnis, so viel Empathie für seine Figuren, dass die Haltung des Autors in den Hintergrund tritt. Kein Wunder, dass in den USA bereits heftig darüber spekuliert wird. Ein bitter-komisches, ein verstörendes Buch, ein Buch, das aufwühlt im besten Sinne, so die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.08.2026

Rezensent Timo Posselt hält Tony Tulathimuttes Kurzgeschichtensammlung durchaus für meisterlich - und was die schmerzvoll genaue Beschreibung von sexueller Verzweiflung betrifft, auch für mit Houellebecq vergleichbar. Den Vergleich mit Philip Roth, den der Autor selbst zog, will Posselt dann aber doch nicht gelten lassen. Wenn Tulathimutte schildert, wie ein von Frauen sexuell verschmähter Feminist zum Incel wird oder eine junge Frau ihrer kurzen Affäre mit einem Freund so nachtrauert, dass sie depressiv wird, staunt der Kritiker, wie gut es dem Autor gelingt, nahezu unerträgliche Perspektiven auf Sexualität und Selbstwert nachvollziehbar zu machen. Auch der mitunter grotesk überzeichnete Online-Slang gefällt dem Rezensenten, wenngleich die deutsche Übersetzung hier gelegentlich daneben greift, wie er einräumt. Ein bisschen weniger Didaktik, dafür mehr "Dichte und sprachlich nüchterne Unmittelbarkeit" - dann würde der Kritiker vielleicht sogar den Roth-Vergleich gelten lassen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.08.2026

Rezensentin Sophia Zessnik hätte den englischsprachigen Titel "Rejection" besser gefunden, weil nicht nur die Figuren der Kurzgeschichten immer wieder Ablehnung erfahren, sondern diese sich bald auch angesichts der mangelnden Sympathie der Figuren auf den Leser übertrage. Da ist beispielsweise ein junger Feminist, der bald aber eine rasende Wut gegenüber Frauen entwickelt, die nicht mit ihm schlafen wollen. Später wiederum taucht eine Trollin auf, die das ganze Internet gegen sich aufbringt. Mitunter stoßen die Figuren die Kritikerin derart ab, dass sie gar nicht weiterlesen möchte, wäre da nicht Tulathimuttes wahnsinniges Erzähltempo, sein Vermögen ganz eigene Figuren zu zeichnen und seine erstaunliches Kenntnis der Dating-App-Welten und Online-Foren. Mehr noch: Dass der Autor seine Figuren so gnadenlos ausleuchtet, das man sich gelegentlich schamvoll wiedererkennt, imponiert Zessnik ebenfalls. Nach zwei Dritteln des Buches überlebt sich das Prinzip aber und führt zur Ermattung beim Lesen, meint sie. Und dass Tulathimutte zum Ende des Buches in einem "fingierten Ablehnungsbrief" alle mögliche Kritik an eben jenem Buch vorwegnimmt, findet die Rezensentin auch nicht besonders sympathisch.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 08.08.2026

Rezensent Richard Kämmerlings versteht mit Tony Tulathimuttes Erzählband einmal mehr, warum es der junge Autor so schnell an die Spitze der US-Literatur geschafft hat. Auch hier tritt dem Kritiker vor allem die "stupende Sprachgewalt" entgegen, mit der Tulathimutte zu jonglieren vermag, und Gewalt ist hier auch ganz wörtlich zu verstehen: Rabiat gehe es in den Geschichten um "rejections" (so der Originaltitel) zu, trotz aller wokeness, die durch verschiedene Fiaskos zu bröckeln beginnt - sei es der mangelnde Erfolg bei Männern nach dem lange geplanten Coming-Out eines schwulen Thai-Amerikaners, die gnadenlose Ablehnungs-Mail eines Lektors zu einem eingereichten Manuskript (hier wird es auch meta), oder das abrupte Ende einer Freundschaft nach einem Ausrutscher. Wie präzise Tulathimutte hier die sprachlichen Feinheiten und Gemeinheiten arrangiert, die selbst in freundschaftlichen Chats durchblitzen, und wie er gleichzeitig die sich anbietende Identifikation mit den Opfern von Marginalisierung geschickt unterläuft, findet der Kritiker höchst beeindruckend. Nur, dass der Autor in der letzten Geschichte dieses Programm der "radikalen Kritik an identitätspolitischem Schubladendenken" allzu direkt anspricht, bedauert er ein wenig. Trotzdem brillante, harte Geschichten, die "fast körperlich wehtun".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.08.2026

Rezensentin Berit Dießelkämper reist nach New York, um im schicken Apartment von Tony Tulathimutte an einem Schreibworkshop teilzunehmen. Dessen jüngste Erzählsammlung, die in wenigen Tagen auch auf Deutsch erscheint, ist bereits mit Preisen und international mit hymnischen Besprechungen bedacht worden, ein besonderer Sympath scheint der 42-jährige Autor indes nicht zu sein, wie wir Dießelkämpers Porträt entnehmen. Schurkenlachen und ironische Antworten machen der Kritikerin die Nähe zum Autor schwer, ganz klar wird auch nicht, was sie von den Erzählungen hält, auch wenn sie Tulathimuttes Schreiben "furchtlos düster, brillant bissig, satirisch provokant und zuweilen schlimm verstörend" nennt. Der Autor jedenfalls hat sich zur Aufgabe gemacht, Identitiätspolitk zu zerlegen, in dem er etwa von angeblichen Feministen erzählt, die zu Incels werden, oder von Typen, die ihre Freundin im Internet bewerten lassen. Dabei bedient sich Tulathimutte der Codes der digitalen Welt, die  Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel und Jan Schönherr brillant ins Deutsche übertragen, wie die Rezensentin versichert. Für einen "außergewöhnlichen" Schriftsteller hält Dießelkämper den Autor allemal.

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