9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Wie Ostereier im Advent

03.08.2026. Die Briten erinnern sich mit Schrecken an den Skandal um die Mohammed-Karikaturen, wie eine Szene mit Jacob Rees-Mogg im Oxford Union Club zeigt. In Zeit online schlägt Thomas Piketty eine globale Vermögenssteuer für Milliardäre vor, mit der man nachhaltige Energie finanzieren könnte. Die Krise von Ceuta ist beendet - es gibt Dutzende Tote und die Frage, was die politischen Akteure trieb. Zeit online fragt, ob die Flüchtlinge nicht das Recht gehabt hätten, politisches Asyl zu beantragen. Die taz staunt über die Seelenverwandtschaft von Heidegger und Beuys. Und kontext fragt: Wie steht's um den Qualitätsjournalismus um Ulm herum.

Stören in alle Richtungen

01.08.2026. Die FAZ besucht das ehemalige Gulag-Museum in Moskau, das nun einer ganz neuen Geschichtserzählung gewidmet ist - der Sowjetunion als Opfer eines westlichen Genozids. Die Menschen in der DDR wollten vor 1989 nicht unbedingt Freiheit und Demokratie - sie wollten nur ein Ende der DDR, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk in der taz. Es wäre falsch, die Verbindungslinie zwischen Islam und Islamismus zu leugnen, mahnt der Blogger Murat Kayman im Tagesspiegel.

Ein hochintensiver Konflikt

31.07.2026. Warum versucht niemand, endlich ein Verbotsverfahren gegen die AfD einzuleiten, fragt in der SZ der Historiker Norbert Frei. Die Welt fragt hingegen, wie islamistische Gefährder aus Deutschland vertrieben werden könnten. Das ZDF hat laut FAZ kräftigen Ärger mit der Deutschen Bahn - wegen einer Reportage, die für diese recht peinlich ist. Wie politisch Archäologie ist, erfährt man ebenfalls in der FAZ von Harald Meller, Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle, der erklärt, warum Otto der Große kein "deutscher" Kaiser war, auch wenn die AfD es gern so hätte. In der NZZ fordert Richard C. Schneider mehr Selbstbefragung von der deutschen Gesellschaft.

Eine Position der Marginalisierung

30.07.2026. Im Tagesspiegel erklärt der Verfassungsrechtler Hans-Jürgen Papier, wie man einer AfD-Landesregierung juristisch Grenzen setzen kann. In der Jungle World erklärt der Historiker Benjamin Zachariah, warum der Identitätsdiskurs der Postkolonialisten bei völkisch denkenden Autokraten beliebt ist. Die Zeit beschreibt Queerfeindlichkeit als globales Problem. In der Welt fragt Güner Balci: Wo bleiben die Regenbogenflaggen an den Moscheen?

Jedes existierende Buch auf dieser Welt

29.07.2026. Während sich die westliche Kultur durch das Verlegen von Büchern auszeichnete, scheint sich Künstliche Intelligenz auf das Zerlegen von Büchern spezialisieren zu wollen, berichtet die NZZ. "Destruktiv gescannt" wird dabei vor allem das "Moderne Antiquariat", ergänzt die Welt. Das CSD-Attentat beschäftigt die Medien weiter - der Attentäter war einer von  9.110 Menschen, die in Deutschland dem "gewaltorientierten islamistischen Personenpotenzial" zugerechnet werden, so die FAZ. Die Erinnerung an den Gulag ist mit der Schließung des Moskauer Gulag-Museums in Russland nun endgültig abgeschafft, erzählt Hubertus Knabe in seinem Blog. 

An die Freude

28.07.2026. Die Queer-Bewegung hat den Islamismus viel zu lange ignoriert, kritisiert die taz. Auch die deutschen Behörden verschließen die Augen vor einem institutionalisierten Islam hierzulande, der offen für Extreme ist, meint Güner Balci in der SZ. Ein Teil unserer Freiheit ist längst verlorengegangen, warnt Ahmad Mansour in der NZZ. In der taz wirft die britisch-bangladeschische Forscherin Zara Rahman den Deutschen vor, sie würden im Umgang mit den Muslimen ihre "schlimmsten Fehler wiederholen". In der Türkei wurde eine neue Partei gegründet, die Erdogan die Stirn bieten könnte - vorausgesetzt, ihre Mitglieder landen nicht alle im Gefängnis, berichtet die SZ.

Kulturelle Grenzüberschreitung

27.07.2026. Das islamistische Attentat auf den Berliner CSD löst schockierte, ratlose und vorhersehbare Reaktionen aus. Der bei der Festnahme erschossene Täter ist in Berlin aufgewachsen und sozialisiert. "Islamistische Homofeindlichkeit" werde systematisch kleingeredet, vor allem von SPD, Grünen und Linkspartei, kritisiert Extremismusforscher Hendrik Hansen im Tagesspiegel. taz und SZ warnen vor eine Instrumentalisierung des Attentats von rechts. Die Soziologen Armin Nassehi und Irmhild Saake fragen in Zeit online nicht, ob Soziologe generell gesehen links sei - sondern warum das so ist.

Zwischen Mensur, Botox und Ganzkörper-Piercing

25.07.2026. Die Zeitungen diskutieren weiter über Leihmutterschaft: Die amerikanische Soziologin Heather Jacobson plädiert bei Zeit Online dafür, Leihmutterschaft als Arbeit zu begreifen, der Rechtswissenschaftler Klaus Ferdinand Gärditz legt in der FAZ dar, wie das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper an die Grenzen von Gemeinwohlbelangen stößt. In der FAS erkennt Götz Aly Parallelen zwischen den Methoden Hitlers und der AfD. Der will Wolfram Weimer in der Welt mit einer Rückbesinnung auf die "großen Traditionslinien Deutschlands" entgegentreten. Und in der NZZ setzt sich Sergej Gerassimow für den Erhalt der russischen Sprache in der Ukraine ein.

Sinn-, Werte- und Orientierungsfragen

24.07.2026. Es will hier zwar niemand hören: Aber auch Russland war und ist eine Kolonialmacht, stellt die taz fest. In Frankreich treiben es linke Antisemiten so weit, dass selbst Linke dagegen protestieren, notiert Nora Bussigny in Le Point nach einem Angriff auf die DJane Barbara Butch. Die NZZ klopft Pierre Bourdieu, die FR Hannah Arendt auf ihre Aktualität ab. Die EU hat eine Strafe gegen Google verhängt, richtig so, findet die SZ, aber die europäische Abhängigkeit ist damit nicht beendet.

Effizienter Digitaldino

23.07.2026. Sind Leihmütter überhaupt Mütter? In den USA sind sie nur noch Surrogatträger, berichtet die FAZ. Die größte Sorge für Leihmütter sei nicht, das Kind abgeben zu müssen, sondern es nicht abgeben zu können, informiert die Familientherapeutin Petra Thorn in der Zeit. Weniger Bürokratie für die Wirtschaft, aber mehr Bürokratie für die Armen? Das ist ein autoritärer Staatsumbau, kritisiert der Soziologe Dominik Piétron in der taz. Ähnlich sieht das in der FAZ der Staatsrechtler Friedrich Schoch bei der geplanten Änderung des Informationsfreiheitsgesetzes. In Frankreich fragt Le Point: "Warum stimmen unsere Kinder für Mélenchon?"