9punkt - Die Debattenrundschau

Nur zwei Wochen vom Frieden entfernt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2026. Heute vor drei Jahren ermordeten Hamas-Terroristen mehr als 1.200 Israelis. Der Krieg kostete auch tausende Palästinenser ihr Leben. Dennoch ist eine Zweistaatenlösung möglich, beschwört in der taz Hamza Howidy die westlichen Staaten, die sie stärker unterstützen sollen. Wenn Ruanda es geschafft hat, dann schaffen es auch Israelis und Palästinenser, ermuntern Aziz Abu und Maoz Inon in der SZ. In der FR beklagt Carolin Emcke fehlende Solidarität mit den Palästinensern. Außerdem: Wladimir Putin hat heute Geburtstag. Die NZZ erinnert an ein Geburtstagsgeschenk vor 20 Jahren, als ihm die Leiche seiner Kritikerin Anna Politkowskaja präsentiert wurde.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2026 finden Sie hier

Politik

Am 7. Oktober vor drei Jahren ermordeten islamistische Terroristen mehr als 1.200 Israelis und verschleppten über 200 Geiseln, von denen die meisten nicht überlebten. Der Krieg, der damit in Gaza ausbrach, lässt eine Zweistaatenlösung wie einen Traum wirken. Doch während israelische und palästinensische Politiker alles daran setzen, "den Anderen 'loszuwerden', und nicht darauf, mit ihm zu leben", ist die Stimmung in der palästinensischen Bevölkerung umgeschlagen, versichert der im Exil lebende Palästinenser und Hamas-Kritiker Hamza Howidy in der taz. Laut einer jüngsten Umfrage, erzählt er, "ist die Zustimmung zur Hamas auf in der befragten Bevölkerung auf 24 Prozent gesunken", gleichzeitig "die Zustimmung zu einer Zweistaatenlösung im Gazastreifen auf 64 Prozent und im Westjordanland auf 56 Prozent gestiegen. Und ich weiß es aus all meinen Gesprächen mit meinen Freunden und Bekannten im Gazastreifen: Die Menschen dort dürsten nach einem Leben in Frieden. Sie dürsten nach einem Leben, in dem ihre Kinder morgens aufwachen und zur Schule gehen können. Sie sehnen sich nach einem Haus mit Dach über dem Kopf, das sie im Sommer vor der Hitze schützt und im Winter vor der Kälte. Und sie sind nicht interessiert an Fantasien eines ewigen Kampfes mit den Israelis." Howidy hofft auf eine internationale Lösung, gemeinsam mit den Europäern und den USA.

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Auch der Palästinenser Aziz Abu Sarah und der Israeli Maoz Inon werben in der SZ für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts. Beide haben Familienmitglieder durch die Gewalt der jeweils anderen Seite verloren: Inons Eltern wurden von der Hamas ermordet, Abu Sarahs Bruder starb an Verletzungen, die er in israelischer Haft erlitten hatte. Der Frieden ist aber näher als viele denken, meinen die beiden: "Vor vielen historischen Wendepunkten waren die Menschen überzeugt, dass Wandel unmöglich ist. Wer hätte den Fall der Berliner Mauer vorausgesehen? Wer hätte während des Völkermords geglaubt, dass Ruanda eines der stabilsten Länder Afrikas werden würde? Wer konnte sich das Ende der Apartheid vorstellen, das Karfreitagsabkommen in Nordirland oder den Besuch von Ägyptens Präsident Sadat in Israel? Wenn niemand diese Ereignisse zwei Wochen zuvor für möglich hielt, dann heißt das doch auch: Wir sind immer nur zwei Wochen vom Frieden entfernt."

Der 7. Oktober ist in Israel von einem einmaligen Ereignis zu "einer Geisteshaltung" geworden, kritisiert der israelische Schriftsteller Etgar Keret mit bitterer Ironie in der SZ. Statt der israelischen Gesellschaft Raum zur Trauer zu geben und sie zur Ruhe kommen zu lassen, stürzt Netanjahu die Gesellschaft in einen Krieg nach dem anderen, meint er: "Denn er weiß: Endet dieser Tag erst einmal, dann hätte die verwundete, blutende Nation, die ihn gewählt hat, endlich Gelegenheit, sich einer Art Selbstreflexion und Abrechnung zu widmen. Wir würden vielleicht nicht länger an die Fiktion glauben, dass die Israelis noch immer Opfer eines permanenten Massakers sind. Wenn er seine Angstmacherei aber geschickt einsetzt und es schafft, regelmäßig neue existenzielle Bedrohungen heraufzubeschwören, könnte der 7. Oktober für alle Ewigkeit andauern. Deshalb gibt es immer wieder neue vermeintliche Bedrohungen: das finstere Gericht in Den Haag, der antisemitische Bürgermeister von New York, eine ganze Reihe von europäischen Ländern, die gegen Israel ist Stellung gehen. An existenziellen Bedrohungen für das jüdische Volk hat es ja noch nie gemangelt."
Archiv: Politik

Gesellschaft

Absurderweise ist der Antisemitismus in Deutschland seit dem 7. Oktober gestiegen. "Propalästinensisch" scheint für viele Antisemitismus mit einzubeziehen. Die Organisation Democ e. V. untersuchte jetzt für eine Studie "Kundgebungen, bei denen es zu antisemitischen Vorfällen kam", berichtet in der taz Uta Schleiermacher. "Die Studie zeigt, wie die Demos die Grenzen des Sagbaren verschieben. In den untersuchten Protestmilieus hätten sich antisemitische Narrative und Deutungen inzwischen etabliert." So seien Netzwerke entstanden, die antisemitische Narrative prägen. "Als Beispiel nennt die Studie etwa die PFLP, die Volksfront zu Befreiung Palästinas, die am Massaker vom 7. Oktober beteiligt war. Über Unterstützerstrukturen und nahestehende Aktivisten mobilisiere die PFLP zu Protesten - etwa über das Vereinigte Palästinensische Nationalkomitee (VPNK), in dem PFLP- und Hamas-nahe Akteure zusammenwirkten. Die EU hat die PFLP als terroristische Vereinigung eingestuft. So sei in Berlin Ibrahim Ibrahim, ein Vertreter des VPNK und PFLP-naher Aktivist, als Redner bei einer Veranstaltung von Amnesty International und bei einem Fest von Die Linke Neukölln aufgetreten. Solche Auftritte 'erhöhten die Anschlussfähigkeit' und den 'Zugang zu jüngeren aktivistischen Milieus'. Auf diese Weise würden antisemitische und israelfeindliche Narrative auch in Teile der Klimaproteste und der feministischen Bewegung getragen."

Die Linke in Berlin verweist gern auf ihren 5-Punkte-Plan gegen Antisemitismus. "Allerdings taugt der Text weniger zur Klärung des innerparteilichen Verhältnisses zum israelbezogenen Antisemitismus: Ein Programm, das über Hakenkreuze spricht, aber das rote Hamas-Dreieck oder 'Yallah Intifada'-Rufe mit keiner Silbe erwähnt, vermeidet die Brüskierung der eigenen Szene und wirkt deshalb auch nach außen halbherzig", meinen Tom David Uhlig und Niklas Lelle in der taz. "Das rote Dreieck ist das zentrale Symbol antisemitischer Feindmarkierung geworden, nachdem die Hamas es während des Massakers vom 7. Oktober nutzte, um Ziele zu kennzeichnen. Intifada bedeutet nicht einfach nur 'Aufstand', sondern bezeichnet historische Terrorwellen gegen israelische Zivilisten, etwa mit Bombenanschlägen auf Diskotheken oder Linienbusse. Auf Demonstrationen, zu denen insbesondere auch die Bezirksverbände Neukölln und Wedding aufgerufen haben, sind diese Symbole allgegenwärtig." Auch die Amadeu Antonio Stiftung bestätigt einen Anstieg antisemitischer Vorfälle an deutschen Universitäten, berichtet in der taz Clara Dünkler: Antisemitische Vorfälle würden an den Unis oft "als Normalität akzeptiert".

In der SZ denkt Steven Guttmann, jüdischer Rechtsanwalt und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in München, über eine Begegnung mit einer fremden Frau nach, die auf der Straße seine Meinung zur Siedlergewalt in Israel wissen wollte, als sie seine Kippa sah: "Ich bin Münchner, Deutscher, Jude und Zionist. Ich fühle mich Israel verbunden. Aber meine private Meinung dazu schulde ich einer Fremden auf der Straße nicht. Seither frage ich mich: Welche Antwort hätte die Frau eigentlich zufriedengestellt? 'Ja, schlimm, diese Siedler. Ich distanziere mich davon, als deutscher Jude ohne israelischen Pass'? Wäre das der Satz, mit dem ich mich hätte freikaufen können von einer Schuld, die ich nie hatte? Gefragt war nach meiner Meinung. Akzeptabel schien aber nur eine Distanzierung. Als müsste ich erst eine Erklärung abgeben, um unbehelligt in meiner Stadt stehen zu dürfen. Was, wenn ich schlicht nicht mit einer Wildfremden auf der Straße über ein Thema reden will, bei dem die einzige Verbindung, die sie zwischen mir und 'den Siedlern' sah, darin bestand, dass wir Juden sind?"

Im Gespräch mit der FR beklagt Carolin Emcke wiederum fehlende Solidarität mit der palästinensischen Seite: "Von Bundespräsident Steinmeier bis zum damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck wurden Menschen mit 'arabischen Wurzeln' aufgefordert, sich von der Hamas zu distanzieren. Sie wurden kollektiv verdächtigt und das hält bis heute an. Kaum jemand fand richtige Worte oder Gesten der Empathie, kaum jemand wollte sich leidenschaftlich einsetzen für die Rechte von Palästinensern - als sei das irgendwie anrüchig, als wäre Anteilnahme mit palästinensischem Schmerz und das Einstehen für ihre Menschen- und Bürgerrechte nur um den Preis fehlender Anteilnahme mit jüdischen Menschen zu haben."

Bei Zeit Online berichtet Dirk Peitz über einen vermutlichen Fall von Gruppenvergewaltigung an der US-Elite-Uni Cornell: Mehrere Studenten sollen eine Kommilitonin über mehrere Stunden lang vergewaltigt und unter anderem andere in einem Gruppen-Chat zum Mitmachen aufgefordert haben. Das Ereignis fand vor etwa zwei Jahren statt, nun erhob die betroffene Studentin eine Zivilklage. Damals gab es Disziplinarmaßnahmen gegen einige der mutmaßlichen Täter, nur zwei von ihnen wurden der Uni verwiesen, resümiert Peitz, strafrechtlich verfolgt wurde der Fall nicht: "Die Soziologin Elizabeth Armstrong, die an der University of Michigan zu sexuellen Übergriffen im Umfeld von College-Partys forscht, sagt, bereits in der Mitgliederauswahl werde in den Fraternities der Nährboden für Exzesse geschaffen. Aufgenommen werde, wer jede Menge Alkohol besorgen und die attraktivsten Frauen dazu bringen könne, auf den 'hochriskanten' Partys zu erscheinen. Sie überrasche es daher nicht, dass im Fall an der Cornell University mutmaßlich keiner einschritt. 'Ein Whistleblower zu sein, bedeutet, die gesamte Bruderschaft zu verraten', sagt sie."
Archiv: Gesellschaft

Europa

Blaues Sofa - Flickr/Wikipedia: Anna Politkovskaja im Gespräch mit Christhard Läpple. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz "Namensnennung 2.0 generisch" (US-amerikanisch) lizenziert.
Happy Birthday, Wladimir Putin. Er wird heute zwanzig Jahre älter als an jenem 7. Oktober 2006, als ihm die Leiche seiner Kritikerin Anna Politkowskaja als Geburtstagsgeschenk präsentiert wurde. Sie war im Aufzug ihres Plattenbaus erschossen worden. Die Journalistin hatte vor Putins mörderischer Politik längst gewarnt, als dieser noch Gerhard Schröder und die gesamte deutsche Wirtschaft mit billigem Gas in Trance versetzte. Die Zeitungen greifen den zwanzigsten Jahrestag des Mordes an Politkowskaja heute nicht auf. Wir zitieren aus einem Artikel Ulrich M. Schmids, den die NZZ schon vor zehn Tagen brachte, und der bei uns etwas untergegangen war. Er erzählt unter anderem, dass Politkowskaja eigentlich ukrainische Wurzeln hatte, eine Tatsache, die für sie kaum eine Rolle spielte, und erzählt von ihrem unablässigen Kampf gegen den Tschetschenienkrieg, in dem Putin bereits zum Desinteresse der von ihm Bezirzten seine Fratze zeigte. Über den Krieg bringt Schmid dieses prophetische Zitat Politkowskajas: "Die Menschen in Russland wollen die Wahrheit über den Tschetschenienkrieg nicht wissen. Sie wollen nichts von den Verbrechen des Militärs hören, nichts vom Leid der Zivilbevölkerung und nichts von den Tausenden von Opfern auf allen Seiten. Der Mut eines Journalisten besteht unter solchen Umständen also darin, der Bevölkerung diese Informationen gegen ihren Willen zu vermitteln. Warum? Warum, wenn die Menschen das nicht wollen? Die Antwort ist einfach: Das ist unsere Pflicht, die Pflicht eines Journalisten." Die "Tagesschau" bringt einen Beitrag zum Jahrestag des Mordes.

In Sachsen-Anhalt wurde der AfDler Tobias Rausch (mit den Stimmen des BSW und vermutlich einigen Stimmen der CDU) zum Landtagspräsidenten gewählt (mehr dazu in der taz). Man kennt den Mann, erinnert Reinhard Bingener in der FAZ: "Tobias Rausch stand Anfang 2026 im Mittelpunkt der Verwandtenaffäre in seiner Partei, da sein persönliches Umfeld umfänglich von den Steuergeldern für die AfD profitierte. Drei seiner Geschwister und ein Schwager waren bei zwei AfD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen-Anhalt angestellt. Rauschs Ehefrau bezieht ein hohes Gehalt in der AfD-Landtagsfraktion. Und Tobias Rausch beschäftigte in seinem Abgeordnetenbüro vier Spieler des örtlichen Fußballklubs SV 09 Staßfurt als Minijobber. Der ausgebildete Kfz-Mechaniker und Immobilienkaufmann Rausch ist auch der Vorsitzende des Vereins und unterstützte ihn mit Geldern seiner Immobilienfirma."

Die Schüler in Frankreich haben gute Gründe, auf die Straße zu gehen: Viele Schulgebäude sind verwahrlost, es gibt teilweise Unterrichtszeiten von 8 bis 18 Uhr, fast ein Zehntel des Unterrichts fällt ersatzlos aus und die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 20 Prozent, zählt Martina Meister in der Welt auf. Die Straßenschlachten, in die die Proteste umgeschlagen sind, nützen ihrer Meinung nach aber keinem Schüler, sondern nur zwei Politikern: "Jean-Luc Mélenchons 'Unbeugsames Frankreich' macht damit Wahlkampf. Seiner Partei 'La France Insoumise' (LFI), die den 'permanenten Konflikt' zur politischen Strategie erklärt hat, kommen die Ausschreitungen entgegen", die er mit Rassismusvorwürfen gegen die Polizei anheizt. "Bei Jungwählern bis 24 Jahren kommt der ehemalige Trotzkist in einigen Umfragen auf 40 Prozent. Er heizt bewusst die Proteste an, weil er das größte bislang nicht ausgeschöpfte Wählerreservoir in den französischen Banlieues sieht, wo große Teile der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben und der Anteil der Nichtwähler groß ist." Ob das aber wirklich so schlau ist? Immerhin finden in sechseinhalb Monaten in Frankreich die Präsidentschaftswahlen statt: Schüler dürfen nicht wählen, aber ihre Eltern. "Wenn Straßenkämpfe toben, wenn Jugendliche nicht zur Schule gehen können oder Eltern Angst haben müssen, dass ihre Kinder verletzt nach Hause kommen, lässt das nur den Ruf nach Gesetz und Ordnung lauter werden. Davon dürfte vor allem die Rechtspopulistin Marine Le Pen profitieren, die als Favoritin der Wahlen gilt."
Archiv: Europa
Stichwörter: Politkowskaja, Anna

Geschichte

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"Forschung findet nicht auf einer Insel von autonomen Seligen statt, um die herum ein Meer des Bösen tobt", hält der Medizinhistoriker Volker Roelcke, der zu Hirnforschung im Nationalsozialismus forscht, im Zeit-Online-Interview fest. Renommierte Mediziner forschten damals vor allem im Bereich der Eugenik an Gehirnen und profitierten von der Euthanasie-Politik der Nazis: "Gehirne von kranken Menschen wurden auch vor dem Nationalsozialismus für wissenschaftliche Zwecke untersucht, allerdings erst nach dem Tod durch Krankheit oder Alter. Für die Forschung war deshalb der entscheidende, beschleunigende Schritt, dass von politischer Seite, aber mit Zustimmung relevanter Mediziner im Jahr 1939 entschieden wurde, psychiatrisch kranke und behinderte Menschen in großer Zahl töten zu lassen. Die Menschen wurden ermordet, und ihre Gehirne konnten zum frischen Forschungsmaterial werden. Als man Julius Hallervorden in der Nachkriegszeit nach diesem Umstand fragte, antwortete er, ihn habe nur die Qualität des Forschungsmaterials interessiert, nicht aber die Herkunft der Gehirne: 'Es gab wunderbares Material unter diesen Gehirnen'. Wir haben unserem Buch deshalb dieses erschütternde Zitat als Titel gegeben. Das ist die empirische Ethik eines deutschen Spitzenwissenschaftlers: Der Kontext war ihm egal."
Archiv: Geschichte
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