mind the gap

Zwischenredestromland

Von Olga Radetzkaja
21.07.2026. Der Perlentaucher hat mit "Toledo", dem Programm des Deutschen Übersetzerfonds, eine neue Kolumne - "Mind the Gap" gestartet: Hier geht's ums Übersetzen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Im zweiten Teil der Kolumne schreibt die Russisch-Übersetzerin Olga Radetzkaja: "Es sollte mich nicht wundern, wenn gerade übersetzte Literatur wegen der Extraportion Leben, die sie enthält, zum begehrtesten Rohmaterial zählt, mit dem die synthetischen Gehirne der großen Sprachmodelle gefüttert werden."
Das "Toledo"-Programm hat sich seit seinem Start 2018 als internationale Sparte und digitales Labor des Deutschen Übersetzerfonds etabliert. Auf die Idee zu einer Kooperation mit "Toledo" kamen wir durch die grandiosen "Toledo-Journale", die auf der schönen Website von Toledo nachzulesen sind. Außerdem haben wir zusammen mit "Toledo" die Kolumne "Mind the Gap" gestartet. Hier geht es um eine andere Art der Reflexion: Gerade Übersetzungen gehören zu den Qualifikationen, die von Künstlicher Intelligenz radikal in Frage gestellt werden: Technische Übersetzungen oder Übersetzungen aus bestimmten Sachgebieten wie Recht oder Wirtschaft können heute schon von KI erstellt werden - der Übersetzer wird hier zum Kontrolleur im Maschinenraum. Aber wie verhält es sich mit literarischen Übersetzungen? Einige der bekanntesten deutschen und internationalen ÜbersetzerInnen werden in den nächsten Monaten über diese Fragen nachdenken. Im zweiten Teil der Kolumne denkt die Russisch-Übersetzerin Olga Radetzkaja über Spannung und Bewegung von Sprache nach.

D.Red.

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Sommerzeit, Reisezeit. Dazu übersetze ich, wieder einmal, eine Geschichte, die sich in einem Zug abspielt. Ein vertrautes Setting, spätestens seit Lew Tolstojs "Kreutzersonate": "Der Zug nahm Fahrt auf und donnerte über die Gleisschwellen, ich hatte Mühe zu verstehen, war aber interessiert, darum rückte ich näher." Zwei Menschen sitzen im Schlafwagen, fahren die ganze Nacht und reden. "Ich bin etwas müde, aber ich werde weitererzählen. Wir haben noch viel Zeit, es ist ja noch dunkel." Der aus dem Alltag herausgetrennte Raum einer vorübergehenden Intimität, in dem mindestens Geständnisse zu erwarten sind. 

In der Literatur des europäischen Ostens sind Züge, speziell Nachtzüge ein Topos. "Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden" heißt ein soeben erschienener Band ukrainischer Erzählungen des frühen 20. Jahrhunderts, übersetzt von Irina Bondas. Ewig durch die Landschaft fahrende, ewig in der Landschaft stehende Züge, überfüllte, leere, entgleisende Züge sind quasi eine metaphysische Realität - und zugleich eine sehr physische. Das Gespräch von Erzähler und Zuhörer bewegt sich und wird bewegt. Der Zugkraft des Gefährts, in dem sie sitzen, antwortet eine Schubkraft des Gesprächs. Aber Moment, fragt die Übersetzerin, wie geht das? Wie überträgt sich motorische Kraft in Sprache?

Erste Vermutung: über Verben! Etwa so wie Dante, laut Ossip Mandelstam, in der Göttlichen Komödie einen Dialog "durch temporale Verbformen magnetisiert", ja, einen ganzen Gesang auf einer Handvoll starker Verb-Gesten, auf "verbalen Ausfällen" aufbaut. Verben transportieren Handlung, Aktion, Bewegung.  Aber in Friedrich Gorensteins Roman "Weggenossen", an dem ich derzeit arbeite, sind die starken, farbigen Verben eher rar, und die Motorik des Gesprächs ist dennoch deutlich spürbar.  Wo setzt sie an? Zweite Vermutung: an den Seilzügen des Satzbaus! Sie müssen geschmeidig nachgeben, aber nirgends zu viel Spiel haben. Die erzählerische Nutzlast, die ein Satz aufnehmen kann - und bei Gorenstein besteht sie neben manchem anderem aus den "ganz normalen" Ungeheuerlichkeiten der ukrainischen Geschichte des 20. Jahrhunderts - und die Geschwindigkeit, die er entfaltet, stehen in einem dialektischen Verhältnis. Nur wenn der äußere Raum streng begrenzt ist, kann der Inhalt jede Grenze überschreiten, ohne die Richtung zu verlieren. 

Apropos Satzbau und Geschwindigkeit: Die amerikanische Autorin und Übersetzerin Lydia Davis notiert in einem ihrer ungemein appetitanregenden Essays über ihre Proust-Übertragungen, dass ihr Autor zwar für lange Sätze berühmt ist, aber auch ganz anders kann. Eines der kurzen Beispiele - "Il frappa." - sei in genau vier Sekunden zu lesen, verstehen und übersetzen: "He knocked." Der Faktor Zeit - Sprechzeit, Hörzeit, Denkzeit - fließt bei Davis grundsätzlich in die Übersetzungsentscheidung ein: "A one-syllable word enters more quickly than a a two-, three- or four-syllable word. So that 'just like his love' happens more quickly than 'exacty like his love' or 'altogether lilke his love'."Ähnlich, mutatis mutandis, bin ich in meiner Übersetzung von Catherine Guérards "Renata wasweißich" vorgegangen: Eigentlich lag für diese Protagonistin das Perfekt als grundlegende Erzählzeit stilistisch am nächsten, aber "habe ich gesagt" war für ein knappes "j'ai dit" viel zu lang, also - Wechsel ins Präsens. "Nein, sage ich." Tempus als Frage des Tempos - eine Zeit-Entscheidung, die auch eine räumliche Dimension hat: Diese Frau muss weiter, im Zickzack durch ihre Stadt und daraus hinaus, sie kann sich nicht auf zu vielen Silben ausbreiten. 

Auch in den "Weggenossen" spanne ich immer wieder nach, zähle Wörter, Silben, Betonungen. Nach einer grausam-grotesken Episode im Gespräch lässt der Text die Zügel ein wenig locker - "Vor dem Fenster zog jetzt eine schläfrige, stille, sanft wiegende Landschaft vorbei", in leicht walzertaktigem Anapäst  - und strafft sie gleich wieder: "Doch uns war nicht nach Schlafen zumute"? Nein: "Doch uns stand der Sinn nicht nach Schlaf". Zwei Silben weniger, Einsilbigkeit, harte Kadenz. 

Die Spannung eines Satzes erhöht sich, wenn ich die Zahl der Laute, auf die seine Aussage verteilt ist, reduziere. Meine eigene mentale Muskelspannung erhöht sich in diesem Tun, im klanglichen Klären einer Richtung. Und ich bin überzeugt, dass solche Vorgänge und Zustände sich im Lesen übertragen. Dass es vielleicht genau das ist, was wir suchen, wenn wir Literatur lesen: Die Spannung des Denkens, die Lebendigkeit der Sprache. 

Es sollte mich daher nicht wundern, wenn gerade übersetzte Literatur wegen der Extraportion Leben, die sie enthält, zum begehrtesten Rohmaterial zählt, mit dem die synthetischen Gehirne der großen Sprachmodelle gefüttert werden. Vor einigen Wochen machte eine Meldung die Runde, wonach Antiquariate in der Alten Welt von einer obskuren kanadischen Firma leergekauft wurden, die die erworbenen Bücher zwecks Zerschneiden und Einscannen als Trainingsdaten für KI in die USA weiterverkauft. Darunter, kann man sich vorstellen, natürlich auch übersetzte Bücher. Was ist das Endprodukt dieser Verhackstückung verschiedenster, entlegenster Texte, Tonlagen, Stimmen - Formfleisch oder Universalpoesie? Oder sind Formfleisch und Universalpoesie dasselbe? Und ist das womöglich die Zukunft der Literatur - ein mehr oder weniger eigenschaftsloser Wortbrei, der dann von alerten "Textmanagern", wie in Philipp Schönthalers bissig-melancholischer Erzählung "Mysteria Hysteria", zu marktgängigen Buchprodukten feingetuned wird? Dieser Markt, wenn er denn kommt, braucht Autorinnen und Übersetzer freilich nur noch als Namen/Gesichter, nicht als Schreibende. Und auch Leserinnen braucht er nur als Käufer und Multiplikatorinnen, nicht als Lesende. 

Aber selbst wenn er kommt, wird es parallel dazu weiter auch wirkliche, unberechenbare Literatur geben, daran zweifle ich nicht. Zum Beispiel eben diese übersetzte Literatur, deren inhärente Spannung das lesende Hirn auf spezielle Weise in Bewegung bringt. 

Mandelstams meshduretschje fällt mir dazu ein, wiederum aus seinem Gespräch über Dante: ein Begriff, der den Raum eines Dialogs im Inferno beschreibt, zwischen zwei Redeweisen. Im Russischen bilden die Wörtern retsch (Rede) und reka (Fluss, Strom) - Glück der Ausgangssprache! - ein und dasselbe Abstraktum, -retschje. Mandelstam bedient sich dessen, um Fluss und Rede in maximaler Knappheit ineinanderzuschieben, und um sie auf direktem Weg einmal ins märchenhafte Mesopotamien und zurück zuschicken, denn Meshduretschje heißt auch Zwischen- oder Zweistromland. Norbert Randow tut gewissermaßen das Gegenteil: Er längt das Wort zu einem "Zwischenredestromland", in dem Worte und Wasser als konkrete Einzelheiten stehenbleiben, sich aber zugleich - Glück der Übersetzungssprache! - zu einem neuen Begriff zusammenfügen, der hier unversehens übers Ufer des Mandelstamschen Bilds schwappt: Der Redestrom - überschäumender Überschuss - entspringt direkt dem Dazwischen der Sprachen.
Darum geht es.

Olga Radetzkaja


Erwähnte Bücher: 

Leo Tostoi: "Die Kreutzersonate"

Katja Petrowskaja (Hg.): "Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden". Ukrainische Meistererzählungen des frühen 20. Jahrhunderts

Catherine Guérard: "Renata wasweißich vorgegangen"

Philipp Schönthaler: "Mysteria Hysteria"

Ossip Mandelstam: "Gespräch über Dante"

Lydia Davis: "Essays Two. On Proust, Translation, Foreign Languages, and the City of Arles"

Friedrich Gorenstein: "Weggenossen". Übersetzt von Olga Radetzkaja. Erscheint im Frühjahr 2027 in der Friedenauer Presse.