Im Kino
Ehe auf dem Prüfstand
Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
29.07.2026. Die Nachbarn haben schrecklich lauten Sex - und sind jetzt zum Abendessen geladen. Olivia Wildes "The Invite" arbeitet sich geschickt durch die Register des Beziehungsfarce-Kammerspiels.
Joe (Seth Rogen) kommt ein zweites Mal zur Tür herein. Ohne den Heimweg, der mit der Tortur am Durchschnitts-Konservatorium beginnt, ohne den Frust, den er bei den letzten Strophen des fahrig vorgetragenen Musikstücks spürt, ohne die Klappradkarambolagen, die er beim Verlassen der Arbeitsstätten, beim Betreten der U-Bahn und beim Weg in den Fahrstuhl produziert. Ohne die Zwischenetappe, bei der es ausschließlich bergauf geht. Ohne den Arbeitsstress also, aber noch immer mit Rückschmerzen und einem Gefühl, eine Menge von einem Leben auf der Strecke gelassen zu haben, das vor zehn Jahren noch greifbar schien, betritt Joe ein zweites Mal die eigene Wohnung.
Es ist die Wohnung, in der er aufgewachsen ist. Hier lebt er mit Angela (Olivia Wilde) und der gemeinsamen Tochter. Die Ehefrau ist nicht weniger unglücklich und frustriert. Aber anders als der Mann, den es direkt ins Arbeitszimmer zu seinem wohlverdienten Joint zieht, hat Angela Lösungsansätze. Der erste, die Sache mit dem zweiten Versuch, von der sie in einem Podcast gehört hat, hat zumindest für dreißig Sekunden die eingefahrene Ehepartner-Dynamik ausgehebelt, bevor er krachend gescheitert ist. Verantwortlich für das Scheitern ist die nächste, weitaus folgenreichere Idee Angelas. Sie hat spontan die neuen Nachbarn zum Dinner eingeladen. Joe erfährt das freilich erst jetzt, da er bereits auf dem Weg ins Arbeitszimmer ist. Statt des getrennt genossenen Friedens gibt es den nächsten Streit, den beide laut, aber routiniert ausfechten. An der Abendplanung ändert das nichts mehr: Piña (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) stehen vor der Tür.
Die Nachbarn sind ein Symbol für alles, was Angela und Joe als Paar nicht mehr sind. Sie haben Sex, dass die Wände wackeln - für Joe sind Piñas Orgasmen egoistische Lärmbelästigung, für Angela ein fernes Wunder, das sie mit Erstaunen und Neid bezeugt. Sie sprechen respektvoll miteinander. Sie sind im besten Sinne 'offen': für Streit, für Gefühle, für Sex, für Veränderung. Ein bisschen cringe ist das schon, wie Joe als erster bemerkt und kommentiert. Aber es funktioniert.

Interessanter als das vermeintliche Ideal, in dem sich die prototypisch mühevolle Langzeitbeziehung spiegelt, ist für den Film der Kampf, den Angela und Joe zwischen ihren persönlichen Ansichten und einem gemeinsamen, geschlossenen Auftreten (oder zumindest der Fassade desselben) ausfechten. Nachdem die Gäste eingetroffen sind, entsteht plötzlich der Druck, ihre fast grundsätzlich konträren Meinungen zu einer geschlossenen Haltung und Handlung zu formen. Dabei wird gerangelt, sich ins Wort gefallen, das Thema gewechselt oder dem Partner buchstäblich das Maul gestopft - was zugleich als Gelegenheit taugt, den von Piña mitgebrachten Flan über den grünen Klee zu loben.
"The Invite" arbeitet sich konsequent durch das Register des Beziehungsfarce-Kammerspiels. Entlang der dazugehörigen Fragen: Öffnen wir den 1982-Jahrhundertwein für Gäste, die ihn gar nicht kennen und die Joe gar nicht hier haben will? Oder nehmen wir die Peinlichkeit hin, nichts zu trinken anzubieten zu haben? Sprechen wir den allzu lauten Sex der Nachbarn an? Und mit Hilfe eines fantastischen Ensembles: Seth Rogen spielt ziemlich effektiv gegen das Generische seiner verhärmten, griesgrämigen, nicht von ungefähr "Joe" genannten Durchschnitts-Mittelstandsmann-Figur an. Nicht minder gut gelingt das Cruz und Norton mit ihren noch Klischee-naher angelegten Figuren. Über allen thront Olivia Wilde, deren akrobatisches Mimenspiel mitunter fast wie ein eigenes Sichtfenster neben dem Film wirkt, in dem sie beipflichtet, agitiert, verzweifelt und staunt.
Wilde ist auch die Regisseurin des Films. Inner- wie außerhalb des Geschehens hält sie eine Dynamik am Leben, die das Kammerspiel auch durch vermeintliche Monolog-Durststrecken trägt. Rastlos springt der Film von einem neuralgischen Punkt zum nächsten, bohrt sich tief in die Charakterschwächen der Figuren und findet immer wieder den Anschluss an das nächste Tabu, das nächste Geheimnis und den nächsten Gag. Wo das hinführt, überrascht kaum. Wie das Quartett dorthin kommt sogar noch weniger: Angela hat ein Beziehungs-Benchmark eingeladen, einen Orientierungspunkt, an dem das Elend der eigenen Zweisamkeit messbar wird. Das Ergebnis kennen alle Beteiligten ohnehin schon. Selbst ohne die dazugehörige Eheberatungs-Sitzung, die sich an einem Punkt innerhalb des Films in Echtzeit entfaltet, kommt der Film enorm didaktisch daher, wenn er den Ballast einer repräsentativen festgefahrenen Ehe auf den Prüfstand stellt.
Was "The Invite" ausmacht, ist ein Auge für die Bewegung dazwischen. Die gescheiterte Ehe ist kein Endpunkt, kein klar ersichtliches "Nicht miteinander Auskommen", sondern oft nur eine stark überwucherte Version einer vorangegangenen, fantastischen Ehe. Zwischen kleinen öffentlichen Zankereien, einem Augenrollen und einer plötzlichen Begeisterung für die Kinks und Schwächen der allzu progressiven, attraktiven und gestriegelten Nachbarn findet sich plötzlich und unerwartet die Basis der "alten" Ehe wieder, finden sich die ersten Zeichen der früheren Libido und vielleicht sogar der Liebe. Doch auch die ist verdammt fragil.
Karsten Munt
The Invite - USA 2026 - Regie: Olivia Wilde - mit: Olivia Wilde, Seth Rogen, Penélope Cruz, Edward Norton - Laufzeit: 108 Minuten.
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