Im Kino
Auf links gedrehtes Dinosaurierland
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
11.08.2026. Wo einst Langeweile gähnte, wüten plötzlich Dinosaurier: David Robert Mitchells schöner Sommerblockbuster "The End of Oak Street" inszeniert in bester Spielberg-Manier den Einbruch des Bedrohlichen in in den amerikanischen Vorstadt-Alltag.
Wenn es nicht das Ende der Welt ist, was ist es dann? Zunächst lassen sich die Anzeichen dafür, dass sich etwas entlang der Oak Street, einer ereignislosen, von Reihenhäusern gesäumten Straße, wie sie jede amerikanische Vorstadt kennt, mählich verändert, noch wegerklären: Eine unbekannte Pflanze, die innerhalb weniger Tage aus dem Boden sprießt und zum Blühen eher das Klima eines Gewächshauses benötigen würde als den entspannteren Sonnenschein des Südwestens, stellt eine eher harmlose Anomalie dar, die kaum wirkliche Panik erzeugen kann. Auch riesige Dunghaufen, die im Vorgarten auftauchen, könnten heimlich von durchtriebenen Nachbarskindern aufgetürmt worden sein. Doch dann schafft eine kurze Erschütterung der Erde, ein grelles weißes Leuchten innerhalb weniger Sekunden andere Verhältnisse: Der gesamte Straßenzug wird in prähistorische Zeiten zurückversetzt. Wo die Oak Street einst in ein urbaneres Gebiet hinausführte, gähnt nun ein gewaltiger Abgrund, der von Dinosauriern bewacht wird.
Der wahre Schrecken der Vorstädte ist nicht der Einbruch des Unbekannten und Bedrohlichen, sondern ewige, alltägliche Ereignislosigkeit. Aus dieser Angst, die das popkulturelle Gedächtnis der USA seit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit umtreibt, schuf der Regisseur Steven Spielberg einst eine Erzählwelt, die bis heute in zahlreichen Hollywood-Produktionen fortlebt und immer wieder neu variiert wird. Dem stillen suburbanen Verdämmern trotzen seine Figuren, indem sie Kontakt zu außerirdischen Kreaturen aufnehmen oder von unerklärlichen Mächten aus der trügerischen Behaglichkeit ihrer Häuser herausgerissen werden.
Auch der vierköpfigen Kleinfamilie in David Robert Mitchells "The End Of Oak Street" kann man zunächst eher einen aufregenden Überlebenskampf gegen urzeitliche Tiere wünschen als eine sofortige Rückkehr in jenen verfahrenen Trott, aus dem sie herausgerissen wurden. Längst ist das Eheleben von Greg (Ewan McGregor) und Denise (Anne Hathaway) gekennzeichnet von frustrierter Geheimniskrämerei. Während er, arbeitslos geworden, weiterhin jeden Tag vorgibt, Pizza auszuliefern, schreibt sie im Keller einen Liebesroman, mit dem sie ihre eigene Flucht aus der Kleinstadtvorhölle gedanklich antizipiert. Der Sohn (Christian Convery) wird von seinen Mitschülern drangsaliert, und die Tochter (Maisy Stella) flüchtet sich in die kosmologischen Bestseller Carl Sagans und somit gedanklich hinaus in den Weltraum. Das Setting der Geschichte, der Juni 1982, bildet selbst ein Chiffre: In diesem Sommer veröffentlichte Spielberg mit "E.T. - Der Außerirdische" und "Poltergeist" zwei der prägendsten Urtexte jener Vorstadt-Blockbuster, denen Mitchell in "The End Of Oak Street" so stilsicher wie enthusiastisch nachspürt, als seien sie heilige Texte.

Der Prämisse der Vorstadt als auf links gedrehtes Dinosaurierland, ein "Jurassic Park" fürs 21. Jahrhundert, gewinnt der Film einige der schönsten und originellen Action-Setpieces der jüngeren Hollywood-Geschichte ab: von flinken Raptoren, die weniger behende Menschen in ihren Vorgärten zu reißbarem Freiwild erklären, hin zu einer urzeitlichen Schlange, die auf der Suche nach lebendiger Nahrung ihren enormen Körper durch die labyrinthartige Zimmeranordnung eines zweistöckigen Hauses windet, und eher gemächlichem Getier, das gegen ein Hausdach gelehnt lediglich in dösiger Ruhe Sex haben möchte.
Und doch erschöpft sich der Film nicht in einer retroseligen Emulation allzu offensichtlich erkennbarer filmischer Vorbilder, sondern wird von der eigenen Sensibilität des Regisseurs angetrieben. Bereits mit seinen ersten beiden Filmen setzte David Robert Mitchell der Suburbia seiner Kindheit am nördlichen Rand Detroits ein Denkmal: "The Myth of the American Sleepover" vergrub sich mit schwärmerisch-schmerzhafter Melancholie in die formativen Riten der Kleinstadt-Adoleszenz inmitten eines sagenhaft überhöhten ewigen Sommers. Teenage Angst wiederum trieb die Protagonisten von "It Follows" in die Fänge einer tödlichen, unsichtbaren Gestalt, die sich wie ein aus dem Stadtinneren kommendes Virus in den Randbezirken ausbreitete. "The End Of Oak Street" wirkt nun wie eine organische Fortentwicklung dieser wesentlich kleiner budgetierten Anfänge: der seltene Fall eines großformatigen Sommerblockbusters, der die intimeren Gedankengänge einer unabhängigen Produktion bewahren kann.
Kamil Moll
The End of Oak Street - USA 2026 - Regie: David Robert Mitchell - Darsteller: Anne Hathaway, Ewan McGregor, Christian Convery, Masy Stella - Laufzeit: 99 Minuten.
Kommentieren



