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05.10.2026. Soll man Filme nachträglich bearbeiten, diskutiert die Deutsche Kinemathek im Anschluss an die Debatte um Wim Wenders und Nastassja Kinski. Die SZ erzählt, wie die Tech Bros unliebsame Filme bekämpfen. Die tschechische Kunstszene sieht sich Gefahren von rechts ausgesetzt, weiß Monopol. Der ukrainische Städtebau setzt wegen der vielen Kriegsverletzten auf Barrierefreiheit, weiß die FAZ. Für die Welt würden KI-geschriebene Bücher der Literatur ihre Grundlage als raum- und zeitüberdauerndes Gespräch entziehen.
Darf und soll man Filme, die aus heutiger Sicht als beanstandenswert eingeschätzt werden, nachträglich ändern? Darüber ließ die Deutsche Kinemathek in Berlin im Zuge der Debatte um WimWenders' "Falsche Bewegung" diskutieren, die vor ein paar Monaten die Feuilletons beschäftigt hatte. Auf dem Podium war es vor allem der eher fachfremde Journalist RonenSteinke, der die Frage zumindest im Falle der Darstellung von Minderjährigen eindeutig bejahte und ein großes Ausmisten der Archive einforderte. Differenziertere Positionen vertraten mit der Materie besser vertraute Frauen aus dem Filmkulturbetrieb: Die feministische Filmpionierin JuttaBrückner etwa hält es für einen Fehler, dass Wenders seinen Film nun doch nachträglich bearbeitete: "Durch das Wegschneiden der Bilder, in denen Kinskis Figur Mignon vom Hauptdarsteller des Films erst geohrfeigt und dann gestreichelt wird, fehle der Geschichte 'eine entscheidende Dimension: die von Wilhelms problematischer Sexualität'", berichtet Andreas Kilb in der FAZ. "In der Darstellung dieser von Unreife und Unsicherheit geprägten Sexualität steckt für Brückner, die 1941 geboren ist und somit zur gleichen Generation wie Wenders gehört, der zeitgeschichtliche Wert von 'Falsche Bewegung'. Der Film erzähle neben seinen Anspielungen auf den Nationalsozialismus auch eine Schlüsselgeschichte über Geschlechterverhältnisse in der Nachkriegszeit aus männlicher Perspektive. Durch die Entfernung der Mignon-Nacktszene werde er nun 'auf die alte Geschichte von Vätern und Söhnen' reduziert."
"Die Film- und Medienwissenschaftlerin Lisa Gotto wollte von dem Podium wissen, wie oft man Filme denn verändern solle, wenn man deren Präsentation von Geschlechts-, Sexismus- oder Antisemitismusfragen für nicht mehr akzeptabel halte", berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Auch dasVerstörende gehöre zum Filmerbe: 'Wie sollen wir unsere Geschichte verstehen, wenn wir alles Kontroverse nachträglich entfernen? Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, mit historischen Zumutungen zu leben.'"
Szene aus "Artificial" Vielleicht ja doch keine gute Idee gewesen, dass man mit SocialMedia heute zentrale Sphären der Öffentlichkeit IT-Konzernen und dem Walten und Schalten derer oft egomanischer Chefs überlassen hat: Wer über deren Betreiber kritische Filme dreht, darf dann dort auch keine Werbung mehr schalten oder muss sich damit mühsam durchsetzen, berichtet David Steinitz in der SZ. Noch härter traf es den Regisseur LucaGuadagnino, dessen neuer Film "Artifical" über den OpenAI-Chef SamAltman eigentlich von MGM in die Kinos gebracht werden sollte - MGM wurde 2021 bekanntlich von Amazon geschluckt. "Und Amazon hat Anfang des Jahres ein Investment angekündigt, das sich mit einem kritischen Kinofilm über Sam Altman vermutlich nicht so gut verträgt. Amazon will 50 Milliarden Dollar in Altmans KI-Firma Open AI investieren. Das Ende der Geschichte: MGM gab im Juni ein etwas kryptisches Statement heraus, dass das Studio 'Artificial' nicht ins Kino bringen werde. ... Große Player wie Netflix und Warner Bros. sollen ihn sich angesehen, aber abgelehnt haben. Ob das an der Qualität des Films liegt oder ob den Unternehmen die Sache ebenfalls zu heikel gewesen sein könnte, ist nicht bekannt. Mittlerweile ist der Indie-VerleihNeon eingesprungen."
Weiteres: Im Standardgratuliert Valerie Dirk der Schauspielerin SusanSarandon zum 80. Geburtstag. Martin Ostermann befasst sich im Filmdienst mit neuen religiösenAnimationsfilmen. Besprochen werden MichaelShowalters Erotikthriller "Verity" mit DakotaJohnson und AnneHathaway (Standard, unsere Kritik), Jens Meurers Dokumentarfilm "Biermann", der eben beim Filmfest Hamburg uraufgeführt wurde und Ende des Monats regulär in den Kinos startet (WamS), HaraldSicheritz' Dokumentarfilm "Bruno - Der junge Kreisky" (Standard) und SylvesterStallones Autobiografie "The Steps" (SZ).
Jennifer Braun ist für Monopol auf der Prager Art Week unterwegs und beobachtet, dass die Kunstförderungin Tschechien auf wackligen Beinen steht. Sie spricht unter anderem mit Michal Novotny, Leiter der Abteilung für Moderne Kunst in der tschechischen Nationalgalerie. Die ist "für den Pavillon Tschechiens und der Slowakei auf der Venedig-Biennale mitverantwortlich. Unter dem Titel "The Silence of The Mole" widmen sich das Duo Selmeci Kocka Jusko und der Künstler Jakub Jansa dort gerade der Instrumentalisierung von Kultur für staatliche soft power. Dass zwei Staaten gemeinsam ein solches Thema tragen, mag Vertrauen in die Kultur signalisieren. In Anbetracht der politischen Umstände wirkt der künstlerische Fokus jedoch eher ironisch. Die slowakische Kulturministerin MartinaŠimkovičová hatte 2024 sowohl Alexandra Kusá, Direktorin der Nationalgalerie, als auch Matej Drlička vom Nationaltheater, entlassen, während Jen Kratochvil, Direktor der Kunsthalle Bratislava, selbst zurücktrat. In Prag gibt es Sorgen, ob nicht ähnliche Einmischungen in Tschechien folgen könnten. Gesetzliche Hürden in dem Land erschweren zumindest populistische Attacken auf Sammlungen, so Novotny. 'Die Gesetzgebung schränkt deaccessioning, also das 'Entsammeln' von Werken, enorm ein, um staatliche Sammlungen und ihr Erbe vor Willkür zu schützen'."
Weiteres: Alexander Diehl informiert sich für die taz auf dem Symposium "Hanne Darboven's House Revisited" über die Hamburger Künstlerin.
Besprochen wird: Die Ausstellung "Anatomie der Präsenz. Vivian Caccuri. Lucia Koch. Henrique Oliveira" im Schauwerk Sindelfingen (FAZ).
In der FAZ interviewt Arnold Bartetzky Anton Kolomieitsev, den Stadtarchitekten von Lemberg, zu der Frage, wie die Ukraine städtebaulich mit dem Krieg umgeht. Die an der Front und durch Bombardierungen Verletzten sind auf barrierefreie Städte angewiesen: "Alles, was wir planen, basiert auf den Prinzipien der Barrierefreiheit und des sozialen Gleichgewichts. Auf der praktischen Ebene geht es letztlich um viele kleine, koordinierte Schritte. Wir haben innerhalb von zwei Jahren alle Fußgängerüberwege barrierefrei gemacht und bauen unter Hochdruck die Bushaltestellen um. Wir erhalten das historische Kopfsteinpflaster, das in Lemberg weit verbreitet ist, schleifen aber die Oberfläche, sodass es kein Hindernis mehr für Rollstuhlfahrer ist. Daran beteiligen sich finanziell die Gastronomen, die davon profitieren. Es gibt auch Entwicklungen, die uns selbst überraschen. So haben wir entdeckt, dass Boule sehr gut für den Rehabilitationsprozess ist. Seitdem legen wir die Boule-Plätze direkt an den Krankenhäusern an. Für viele Kriegsverletzte ist Boule der Anreiz, nach ihrer Behandlung erstmals wieder an die Luft zu gehen."
"Eines langen Tages Reise in die Nacht". Foto: Arno Declair.
Max Lindemann inszeniert Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Schauspiel Frankfurt, für Judith von Sternburg in der FRist der Verfall einer Familie ein Stück, in dem tatsächlich Menschen und nicht Konzepte auf der Bühne stehen. Die Morphiumsucht der Mutter und die Tuberkuloseerkrankung des Sohnes, die zur Katastrophe führen, werden vom Bühnenbild gespiegelt, denn jenes ist "eine Wucht. Die Bühne des Schauspielhauses wurde dafür etwas verengt und Richtung Publikum verschoben, was akustisch ein Vorteil ist. Es gibt eine weiße Spielfläche, dahinter einen Wohnzimmerwürfel. Bücherschränke und Bilderrahmen, aber alles unbedruckt und leer. Als James, Jamie und Edmund zum Arztbesuch aufbrechen - die Stunde der Wahrheit ist gekommen - und Mary sich (in Frankfurt ohne Dienstmädchen) im Rausch verliert, beginnt der Bühnenwürfel hinten sich zu drehen. Es stürzen die Bücher, es fallen die Bilderrahmen, die Deckenlampe knickt ab. Als sich die Lage nach einer Dreivierteldrehung beruhigt, ist die Verwüstung komplett. Das ist eine große Sache, das sieht man nicht alle Tage."
Für die FAZ erlebt Sandra Kegel ein "heftiges Kammerspiel", in dem die Hölle, die Familie sein kann, lichterloh brennt: "Nichts in diesem Drama bringt Erleichterung, auch keine Nähe. Deshalb tragen die Schauspieler Kostüme (Cédric Mpaka), die wie Astronautenanzüge aussehen. Als seien sie auf einer Mondreise. Alle hier sind Lichtjahre voneinander entfernt. Auch die höfischen Accessoires, die putzigen weißen Halskrausen und der Goldschmuck markieren keine eigene Genealogie. Der Hausherr stammt aus bitterarmen Verhältnissen. Sie verweisen vielmehr auf das Theater im Theater. Man ist Schauspieler in dieser Familie, oder wenigstens Dichter, und beruft sich auf Hamlet oder Lear, auch wenn nur "Der Graf von Monte Christo" auf dem Spielplan steht."
Weiteres: Peter Laudenbach langweilt sich für die SZ beim Saison- und Intendanzauftakt von Matthias Lilienthal an der Berliner Volksbühne. Rüdiger Schaper ist im Tagesspiegel ebenfalls enttäuscht. Für die tazsind Ann Toma-Toader, Nina Apin und Katrin Ullmann am Start. Katrin Ullmann unterhält sich für die Zeit mit dem koreanischen Theatermacher JahaKoo, der gerade mit dem Ibsen-Preis geehrt wurde.
Besprochen werden: Bonn Parks "Das Deutschlandherz" am Schauspiel Frankfurt (FR), Leander Haußmanns Darmstädter Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts" (FR, Nachtkritik), Evgeny Titov bringt Wagners "Parsifal" auf die Bühne der Covent Garden Oper in London (FAZ), Goethes "Faust. Der Tragödie zweiter Teil", Regie führt Stas Zhyrkov am Deutschen Nationaltheater Weimar (Nachtkritik), "Das Vermächtnis" von Matthew López, inszeniert von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik), Stephan Kimmig und PCNackt bringen Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (Nachtkritik), Rafael Sanchez' Inszenierung von Agatha Christies "Die Mausefalle" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ) und "Mononoke", Text und Regie von Satoko Ichihara an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik).
Richard Kämmerlings wechselt in der Welt im KI-Streit um ThélysonOréliens Roman "C'était ça ou mourir" auf die Meta-Ebene: Worin besteht das eigentliche Skandalon, wenn sich ein vorgeblich von einem Mensch verfasster Roman als KI-Fabrikat entpuppt? Dafür greift Kämmerlings die in den Siebzigern vom Literaturwissenschaftler PhilippeLejeune formulierte Theorie des "autobiografischen Paktes" zwischen Autor und Publikum auf und modifiziert diese zum "autografischenPakt", der vorsieht, dass in einem Roman codierte Beschreibungen, Empfindungen und Erfahrungen durch das Reflexionsvermögen eines menschlichen Geistes gegangen und eigenhändig zum Ausdruck gebracht worden sind. "Ein Buch zu lesen, ist wie ein Gespräch über Raum und Zeit hinweg. ... Würden die Leser eines Romans (etwa durch einen Hinweis auf dem Cover) erfahren, dass ihr Buch ein Maschinenprodukt ist, das lediglich clever gepromptet wurde, würde diesem virtuellen Gespräch die Grundlage entzogen. Romane von Geisterhand wären ein Verrat am Geist des Romans. ... Der autografische Pakt enthält das Versprechen, dass ein Text selbst geschrieben ist - geschrieben von einem anderen Selbst, einem Bewusstsein auf Augenhöhe mit dem Leser. Würde in Zukunft Literatur von Künstlicher Intelligenz salonfähig, wäre es das Ende der literarischen Kultur, wie wir sie kennen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Michael Pilz spricht in der Welt mit dem SchriftstellerHendrikBolz über Ost- undWestdeutschland. Mia Eidlhuber und Michael Wurmitzer haben für den Standard den krebskranken SchriftstellerJoachimLottmann besucht und mit ihm über das Sterben geredet. Christine Brinck blickt für die NZZ auf die lange Geschichte der Versuche Russlands, die ukrainische Sprache und Literatur zu zerstören. Benjamin Freund resümiert in der taz eine Abendveranstaltung über schwarzes Schreiben in Berlin. Herbert Ohrlinger porträtiert im Standard den Zsolnay-Verleger HerbertOhrlinger. Die Zeit bringt heute eine Sonderausgabe zur Buchmesse.
Besprochen werden unter anderem Shida Bazyars "Die Lücken" (Standard), neue Romane aus Frankreich von LauraVazquez und ThibaultDaelman (taz), die beiden im Berlin der Weimarer Republik angesiedelten Krimis "Hope Joana" von HorstEvers und "Die weiße Nacht" von AnneStern (taz), AliceHoráčkovás "Geteiltes Haus" (online nachgereicht von der WamS), Valeria Gordeevs Debütroman "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (SZ), Emmanuel Carrères "Kolchose" (NZZ) und neue Krimis, darunter Jess Walters "So weit weg" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Hana Ćopić ärgert sich im Tagesspiegel darüber, dass die Berliner Konzerte der serbischen Popmusikerin Ceca als harmloses Popvergnügen beworben werden, obwohl sie eng mit dem serbischenNationalismus verflochten ist - so ist sie etwa die Witwe von "ZeljkoRažnatović, genannt Arkan. Dieser war in den 1990ern ein wichtiger Akteur des organisierten Verbrechens in Jugoslawien, Anführer einer paramilitärischen Einheit und Gründer einer Partei, die während der Kriege in Kroatien und Bosnien und Herzegowina an Tötungen, Verfolgung und Vertreibung beteiligt war." Cecas "Verhältnis zu Arkans System von politischer, paramilitärischer und wirtschaftlicher Macht war nicht nur privat, sondern öffentlich, symbolisch und geschäftlich. Beide Karrieren haben voneinanderprofitiert."
Außerdem: Torsten Groß spricht für ZeitOnline mit MarcoWanda über das für nächstes Jahr angekündigte neue Album seiner Band Wanda, das gerade in England aufgenommen wird. Tobias Prüwer spricht in der Jungle World mit Jan-Tage Kühling über das von ihm geleitete Festival "StellarFrequencies". Besprochen werden ein Konzert des RSOWien unter MarkusPoschner (Standard) und das neue Album der Postpunkband YardAct (taz).
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