Inzwischen siedeln mehr Menschen aus der Stadt aufs Land als andersherum, allein Berlin verlor 2025 12.000 Einwohner, weiß Niklas Maak in der FAZ. Und nun entdecken auch Architekten die Attraktivität des Landes: "Auch in so abgelegenen Orten wie dem gut eine Autostunde von Regensburg entfernten Blaibach im Bayerischen Wald nahe der tschechischen Grenze findet man wegweisende Architektur. Hier hat der Münchner Architekt Peter Haimerl eine neue Ortsmitte errichtet, der dem vergessenen Ort neues Leben gibt und auch urbanophile Bewohner anzieht. Zentrum seiner neuen Mitte ist ein archaisch-wuchtig, fast felsartig aussehender Betonsolitär, in dem ein Konzerthaus, ein Bürgerhaus und zwei weitere Bauten einen neuen Dorfplatz formen. ... Mit der Wiederbelebung der Dorfzentren und der neuen ruralen Architektur entsteht eine neue Ästhetik der intensivierten Naturwahrnehmung, die den Hausbewohner nicht mit absurden Dämmungen von der Umwelt abschottet wie den Fahrer eines vollklimatisierten SUV, sondern Jahreszeiten und Wetter, Haptik und Geruch von Land und Natur wieder erlebbar macht."
In der FAZ interviewt Arnold Bartetzky Anton Kolomieitsev, den Stadtarchitekten von Lemberg, zu der Frage, wie die Ukraine städtebaulich mit dem Krieg umgeht. Die an der Front und durch Bombardierungen Verletzten sind auf barrierefreie Städte angewiesen: "Alles, was wir planen, basiert auf den Prinzipien der Barrierefreiheit und des sozialen Gleichgewichts. Auf der praktischen Ebene geht es letztlich um viele kleine, koordinierte Schritte. Wir haben innerhalb von zwei Jahren alle Fußgängerüberwege barrierefrei gemacht und bauen unter Hochdruck die Bushaltestellen um. Wir erhalten das historische Kopfsteinpflaster, das in Lemberg weit verbreitet ist, schleifen aber die Oberfläche, sodass es kein Hindernis mehr für Rollstuhlfahrer ist. Daran beteiligen sich finanziell die Gastronomen, die davon profitieren. Es gibt auch Entwicklungen, die uns selbst überraschen. So haben wir entdeckt, dass Boule sehr gut für den Rehabilitationsprozess ist. Seitdem legen wir die Boule-Plätze direkt an den Krankenhäusern an. Für viele Kriegsverletzte ist Boule der Anreiz, nach ihrer Behandlung erstmals wieder an die Luft zu gehen."
Niklas Maak besichtigt für die FAZ die drei Neubauten Peter Zumthors für die Fondation Beyeler: Mit dem Betonklotz, der sich als das neue, nach dem Sponsor benannte Wyss-Museum herausstellt, kann er nichts anfangen. Dann gibt es noch einen Logistik-Kubus und den Ammann-Pavillon, den Maak ganz zauberhaft findet: "Der verglaste Flachbau ist öffentlich zugänglich; anders als in den beiden Museumsbauten muss kein Eintritt gezahlt werden. Im Inneren treppt sich der Boden in mehreren Plateaus zur Bühne herab, wo am Besichtigungstag ein Pianist den Zweiten Satz, das Allegretto aus Beethovens 7. Sinfonie spielte. Die Stufen des Pavillons können für Konzerte oder Lesungen bestuhlt werden, außerhalb des Programms stehen aber Tische und Sofas bereit, so dass der Pavillon von Besuchern und Anwohnern als großes 'kollektives Wohnzimmer' genutzt werden kann, wie einst die Hansa-Bibliothek von Werner Düttmann in Berlin. Zumthor ist mit dem Ammann-Pavillon eine Antwort gelungen auf die Frage, in welchen Räumen sich eine Gesellschaft versammelt, in der durch die Digitalisierung Arbeit und das Leben mit Familie und Freunden neu organisiert werden kann." Bei monopolschwärmt Silke Hohmann von den drei Neubauten.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In "Bilder und Zeiten" (FAZ) stellt Andreas Platthaus eine Buchreihe vor, deren erster Band, zur Architektur Rotterdams, Jugendlichen ihre Stadtgeschichte nahe bringen soll. Dazu wird das Buch kostenlos an Schulen verteilt: "'Metro 010' heißt es (nach der Telefonvorwahl von Rotterdam), und beim Aufblättern könnte man es für einen Comic halten, denn der Großteil besteht aus einer Stadtgeschichte Rotterdams, die als gezeichnete Zeitreise zweier junger Protagonisten erzählt wird. 'Aber das Projekt ist viel mehr als eine Graphic Novel', korrigiert Schindler. Das fängt damit an, dass sie als Koordinatorin und Gestalterin des Buchs gleich zwölf Illustratoren auf einmal gewonnen hat, um eine große Stilbandbreite zu bekommen und damit für jeden Geschmack etwas zu bieten. Diesen Zeichnern wies sie dann jeweils eine Episode zu, deren historisches Setting zu ihren grafischen Vorlieben passte. Und die Ausweitung des Konzepts einer Graphic Novel findet ihre Fortsetzung im Bemühen, so viele Erzählformen wie möglich zu bieten. 'Metro 010' besteht deshalb neben den Comic-Kapiteln aus historischen Abrissen, Stadtplänen, Fotostrecken, Gedichten und ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Faktenhäppchen." Für Berlin war übrigens auch so ein Buch geplant worden, wurde aber aus Kostengründen wieder abgesagt, bedauert Platthaus.
Die Posener Synagoge droht zu verfallen, obwohl sie ein bedeutender Erinnerungsort für die Geschichte der preußischen Juden ist, prangert die Kulturhistorikerin Agnieszka Pufelska in der NZZ an. Von den Nazis wurde das prachtvolle Gebäude 1940 entweiht und in ein Schwimmbad umgewandelt, das bis Anfang der 2000er-Jahre Bestand hatte, Pläne der jüdischen Gemeinde für ein Museum konnten aus Kostengründen nicht erfüllt werden: "Während Nutzungskonzepte wechseln und Investoren kommen und gehen, verschlechtert sich der bauliche Zustand von Jahr zu Jahr. Heute wirkt der Verfall wie ein eigenes Erinnerungskonzept. Offiziell fordert niemand das Abreißen. Doch je länger die notwendige Sanierung ausbleibt, desto leichter wird sich dafür argumentieren lassen, dass eine Rettung wirtschaftlich nicht mehr vertretbar sei. Die Zeit vollzieht, wozu sich die Politik bislang nicht offen bekennt: Die Erinnerung an die Posener Juden besitzt weder in Polen noch in Deutschland Priorität. Mit der ehemaligen Synagoge würde einer der wenigen Orte verschwinden, an denen sich die Geschichte der preußischen Provinzen noch in ihrer ganzen Komplexität ablesen lässt. Wenn heute von Posen oder Westpreußen die Rede ist, dominieren Erzählungen über deutsche Kulturlandschaften. Weniger sichtbar ist, dass diese Regionen zugleich von Polen, Juden und anderen Gruppen geprägt wurden."
Das japanische Unternehmen Not A Hotel baut in Japan einen Pokéball, in dem nicht Pokémon, sondern Menschen übernachten können, meldet Florian Siebeck in der FAS: "Drei Meter Durchmesser soll die Kugel haben. Sie besteht aus zwei geformten Acrylhälften, die den Eindruck eines geöffneten Pokéballs vermitteln. Hinein gelangt man durch eine geschwungene Schiebetür. Drinnen bleibt naturgemäß nicht allzu viel Platz, außer für eine kreisrunde Matratze. Die Beleuchtung lässt sich passend zum Lieblings-Pokémon einstellen. Selbst die Fliesen im Bad tragen die Farben eines Pokémon, nämlich von Relaxo, dessen hervorstechende Eigenschaft darin besteht, fast den ganzen Tag zu schlafen."
Weiteres: Susanne Schaber sieht sich für die FAS in der Villa Rezek um, einem nun endlich wieder zugänglichen "Flaggschiff der Wiener Moderne".
Alexander Menden (SZ) kann es kaum fassen: Nach anderthalb Jahrzehnten - und damit ganze zwölf (!) Jahre später als geplant ist die Sanierung des Schauspiels Köln tatsächlich abgeschlossen. Die Kosten sind in der Zeit von 253 Millionen Euro auf 798 Millionen angewachsen. Insgesamt schlagen nun, auch durch die Zwischenmieten, 1,5 Milliarden Euro zu Buche, weiß Menden, der nur die gröbsten Patzer eines der "langwierigsten und teuersten städtischen Planungsdesaster der westdeutschen Nachkriegsgeschichte" nachzeichnen kann. Aber hat es sich gelohnt? Der leitende Kölner Stadtkonservator Thomas Werner ist bei einem Rundgang jedenfalls "sehr zufrieden". Er "weist auf all die epochengetreuen Details hin: den kunstharzgebundenen Steinputz der Säulen, den kunstledernen Bezug der Garderobentheke, das originale Nussbaumholzfurnier an den Brandschutztüren des Auditoriums. Die 131 Schattierungen der ursprünglichen Farbgebung, die Architekt Wilhelm Riphahn für das 1957 im Beisein Konrad Adenauers eröffnete Haus vorgesehen hatte, sind nach Befund rekonstruiert. Das Gestühl des Zuschauerraums ist nicht nur im ursprünglichen Hellblau bezogen, sondern auch durch akustisch optimierte Sitzflächen ergänzt worden."
Weitere Artikel: Niklas Maak gratuliert dem Architekten Hans Kollhoff in der FAZ zum Achtzigsten.
Zum zehnjährigen Jubiläum der Hamburger Elbphilharmonie spricht deren Architekt, Pierre de Meuron, im taz-Interview mit Katrin Ullmann auch über umweltbewusstes Bauen: "Die Elbphilharmonie steht auf einem Bestandsgebäude, dem ehemaligen Kaispeicher A. Es wurde also kein neuer Ort bebaut, sondern ein bestehender Ort weiterentwickelt - und ein bis dahin eher unbelebtes Quartier aufgewertet und attraktiv gemacht. Das zeigt, dass sich ökologische Verantwortung und städtebauliche Wirkung nicht ausschließen, sondern ergänzen können. … Man sollte dabei nicht nur kurzfristig rechnen - Qualität, Dauerhaftigkeit, gute öffentliche Räume und langlebige Materialien schaffen langfristig einen hohen, nachhaltigen Mehrwert und vermeiden Folgekosten."
"Als Ökosystem ist diese Straße eine Katastrophe"; erwidert die Architektin AlmutGrüntuch-Ernst auf Claudius Seidls Versuch in der SZ, sie davon zu überzeugen, dass der Plan, die Münchner Ludwigstraße zu begrünen (unsere Resümees), ein ästhetischer Fehler ist. Grüntuch-Ernst baut selbst mit lebendigem Material und spricht dabei von "Hortitecture": "Mich interessieren die Synergien von Architektur und Pflanzen. Architekten und Stadtplaner sind ja die, die den Planeten sterilisieren, wie Frei Otto das genannt hat. Man muss das sehr überlegt tun, denn Boden ist eine endliche Ressource. Man muss begreifen, dass, was man baut, nicht isolierte skulpturale Objekte sind, sondern Teile des Ökosystems. Man muss also untersuchen, wie Architektur sich zur Umwelt verhält."
In der NZZ versucht Florentina Freise am Londoner Isokon Building mit seinen kleinen Wohnungen und winzigen Küchen zu erklären, weshalb bis heute über das Bauhaus gestritten wird. Das Bauhaus habe einen Menschen entwerfen wollen, der sich weniger über Herkunft als über Fähigkeiten definiere, habe dabei aber neue Eliten geschaffen: "Die eigentliche Revolution des Bauhauses bestand nämlich nicht in seinen Gebäuden, sie bestand in der Frage, wer dazugehört. Über Jahrhunderte entstanden Identität und Gemeinschaft vor allem durch Familie, Religion, Region oder Nation. Man gehörte irgendwohin, weil man dort geboren wurde. Die Moderne stellte dieses Prinzip infrage. Plötzlich entstanden neue Formen von Gemeinschaft. Menschen fanden sich über Interessen zusammen, über Berufe, Ideen, Netzwerke, freiwillige Zugehörigkeit."
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