Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2026 - Literatur

Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis 2026 (Niklas Elmehed / Nobel Prize Outreach)

"Stockholm hat Mut zum Elitären bewiesen", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ und ja, diese Entscheidung ist "eine primär ästhetische", kommentiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Der Literaturnobelpreis 2026 geht an die kanadische Altgräzistin und Lyrikerin Anne Carson. Die Schwedische Akademie würdigt sie "für ihr kühnes und einfallsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Form der zeitgenössischen Literatur geschaffen hat". Was uns besonders freut: Es gibt eine Verbindung zum Perlentaucher: Unser Lyrikkolumnistin Marie Luise Knott überträgt Carson seit Jahren ins Deutsche. Carson "schafft wirklich etwas ganz Neues, Literarisches", sagt sie im SZ-Interview und erklärt weiter: "Die Antike ist für sie eine permanente Inspirationsquelle." Zudem "dehnt sie das Englische immer gelenkiger aus. ... Sie schafft es, das aus der Sprache herauszuholen, was eigentlich schon da ist, aber im Alltag oft verschwindet", insbesondere "das Empfinden von sinnlichen Eindrücken. Die Landschaft, das Wasser, wie etwa in ihrem Schwimmbad-Tagebuch, die 'Anthropologie des Wassers'." Aus diesem Band veröffentlichten wir 2014 eine zweiteilige Leseprobe. Bei LRB gibt es ebenfalls einen Text von Carson online.

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In der NZZ erinnert sich Knott an ihre erste Carson-Lektüre: Ihre Sätze "strahlten eine nachdenkerische Unmittelbarkeit aus, die gleichzeitig von einer sehr eigenen Freiheit und Dringlichkeit war. So erinnerten sie mich an das, was Hannah Arendt einmal die Cura Mundi nannte, die Sorge um die Beschaffenheit unserer Welt. ... Ihre Kunst der Collage von Fakten und Gedanken aus den verschiedensten Zeiten und Wissensräumen, ihre Kunst der Verschränkung von Mythos und Gegenwart sorgt für das, was ich später als den typischen Carson-Effekt verstand: das Paradox der fernen Nähe." Die "'Losigkeit' ihrer Denkwege benutzt alle Register des Rhapsodischen. ... Mit unendlicher Zartheit betastet sie die Wirklichkeit und unser aller Ratlosigkeiten."

Für Carlotta Wald (ZeitOnline) ist Carson ein "Zentralgestirn der Poesie". Sie "verschränkt klassische Philologie, Lyrik, Essayistik, Übersetzungen, Erzählungen und Mythen. ... Sie lässt Herakles, den Helden der griechischen Mythologie, auf alltäglichste Anekdoten krachen, verhandelt den Ursprung der Welt, den ganzen Schöpfungsmythos im selben Atemzug mit der inneren Unmöglichkeit, sich manchmal für das Kleinste im Leben zu begeistern." Und "daraus entsteht etwas (...), das selbst eine Welt kreiert, irgendwo im Zwischenraum, irgendwo zwischen Himmel und Küchentisch, zwischen den großen Geschichten und der Banalität des Seins, zwischen allem, was der Mensch ist und sein kann. ... Da ist etwas so genuin Zeitgenössisches und das Zeitgenössische gleichsam Heilende in Anne Carsons Werk, dass es schwerfällt, überhaupt zu begreifen, worin es besteht, woher diese Freude, diese Hoffnung, diese Demut und Energie, die sich im eignen Brustkorb ausbeult und verselbstständigt, wenn man ihr zuhört oder sie liest, eigentlich rührt."

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Mit ihrem Schreiben überschreitet Carson fortlaufend Grenzen, hält Björn Hayer in der FR fest: "Die Sinne überkreuzen sich, Gerüche entwickeln sich zu Bildern und umgekehrt." Ob sie wohl genau deshalb nun ausgezeichnet wurde, fragt er sich. Denn "angesichts einer grassierenden Geschichtsvergessenheit in der westlichen Welt und angesichts des sich ausbreitenden Gefühls vieler Menschen, auf der Erde nichts mehr verändern zu können, ja einer vermeintlich alternativlosen Politik des Autoritären ausgesetzt zu sein, zeugt Carsons dynamische Lyrik von der Veränderbarkeit des Realen". Sie "ist ein klassischer writer's writer, ist - und das ist kein Widerspruch - auf eine erfrischende Art beinahe altmodisch akademisch", schreibt Julia Hubernagel in der taz. In der SZ gratuliert Lothar Müller der Schwedischen Akademie zu "einer bemerkenswerten, mutigen Wahl. ... Sarkasmus, gelegentlich schneidende Ironie, Sprachwitz zählen zu den Erkennungszeichen Anne Carsons. Vielleicht trägt dieser Nobelpreis zur Revidierung der Einsicht bei, dass Philologinnen und Philologen dafür unbegabt seien." Einen Büchertisch haben wir für Sie auf eichendorff21.de zusammengestellt.

Weitere Würdigungen schreiben Hannes Stein (Welt) und Thomas Ribi (NZZ). Und als hätte Dlf Kultur da bereits etwas geahnt, lief dort im August ein Literaturfeature von Corinne Orlowski über Carson.

Weitere Artikel: Corina Gall erinnert in der NZZ von Sartre bis Dylan an die größten Skandale aus der Geschichte des Literaturnobelpreises. Andrea Pollmeier war für die FR bei einer Frankfurter Lesung von Dörte Hansen. Bernhard Heckler berichtet in der SZ von Wolf Biermanns Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse, wo der Liedermacher seine eben veröffentlichten Tagebuchauszüge vorstellte. Katharina Wojczenko berichtet in der taz von der Frankfurter Buchmesse und vom Ärger rund um den kolumbianischen Stand, auf dem ein arg nationalistischer Ton vorherrscht.

Besprochen werden unter anderem Carl Nixons "Die Waters" (FR), Julia Trachsels Comic "Alles in allem" (NZZ) sowie Martin Doerrys und Hauke Janssens Biografie über Rudolf Augstein (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2026 - Literatur

Die taz hat bei Maxim Biller einmal 100 Zeilen Hass wie in guten alten Tempo-Zeiten bestellt: Ohne Gnade zürnt der Schriftsteller darüber, dass die Feuilletons seiner Ansicht nach vor allem Schund- und Trivialromane hofieren. Heute werde "Schriftstellern, die keine Schriftsteller sind, bestenfalls geld-, kitsch- und wirklichkeitsgierige Schreibautomaten, von der blasierten Literaturkritik das Tor zum Elfenbeinturm so weit geöffnet wie noch nie." Caroline Wahl, Heinz Strunk? Setzen, Sechs! "Und woher kommt der Respekt für den charmanten Herrn Kehlmann und seine als historische Romane getarnte Mantel-und-Degen-Prosa, oft mit einem Schuss Naziporno versehen? Wie ernst kann man Nelio Biedermanns Kakanien-Träumereien nehmen, so schwülstig und banal, wie es die Romane seines Vorbilds Joseph Roth nie waren? Und haben Sie schon mal versucht, Juli Zeh zu lesen, die als freiwillige Bewohnerin des ostdeutschen Hinterlands ebenfalls ihre Leser mit klischeehaften Anti-Klischees und der verlotterten Sprache einer erfolgsbesoffenen Bestsellerautorin füttert? Ganz zu schweigen vom Gastarbeiter-Kitsch einer Fatma Aydemir und aller anderen literarischen Heulsusen aus ihrer opportunistischen Migranten-Kohorte."

Vielleicht sucht Biller ja deshalb nach literaturbetriebsfernen Freunden? In seiner Zeit-Kolumne erzählt er jedenfalls, wie er im Netz in Japan eine Jazzplatte ersteigerte - "Blackjack" von Donald Byrd, die er uns übrigens allerwärmstens ans Herz legt - und sich trotz eines nicht immer fröhlichen Chatverlaufs dann doch noch mit dem japanischen Plattenhändler anfreundete.



Weitere Artikel: Julia Hubernagel resümiert in der taz den Auftakt der Frankfurter Buchmesse, bei dem der tschechische Kulturminister Oto Klempíř, Mitglied der rechten tschechischen Autofahrerpartei, von Landsleuten im Saal ausgebuht wurde. Tschechien ist Gastland der Buchmesse, daher arbeitet sich das Jungle-World-Team durch einen guten Regalmeter tschechischer Literatur (mehr zur tschechischen Literatur in dieser "Langen Nacht" von Dlf Kultur). Lars von Törne orientiert sich im Tagesspiegel derweil in der tschechischen Comicszene. Janika Wersig erinnert in der Jungle World an die Rolle, die Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" im Gedenken an den Genozid an den Armeniern einnimmt. Tobias Rüther spricht in der FAZ mit dem Jugendbuchautor John Green, der mit "Hollywood, Ending" erstmals einen Roman für Erwachsene geschrieben hat. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Schriftsteller Gert Loschütz zum 80. Geburtstag. Judith Scholter tummelt sich für die Zeit in der Romance-Szene. Marie Schmidt spricht für die SZ mit der Bestsellerautorin Bonnie Garmus.

Besprochen werden unter anderem Lutz Seilers "Das tickende Herz" (Welt, SZ), Franz Walters Biografie über Joachim Fest (FR), Eeva-Liisa Manners "Promenadenmusik für kleine Flusspferde und andere Etüden" (Zeit) und Andrea Rudorffs Studie "Auschwitz vor polnischen Gerichten. Ermittlungen, Urteile, Wirkungen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2026 - Literatur

Der Schriftsteller Marko Martin lädt in der SZ anlässlich der Frankfurter Buchmesse, wo sich Tschechien als Gastland präsentieren wird, dazu ein, die tschechische Literatur des 20. Jahrhunderts zu durchstöbern, zumal darin die politische Gewaltgeschichte des Landes immer wieder aufgegriffen wird. Das wäre auch für die Gegenwart lohnend: "Immerhin steht auch diesmal das politische Prag wieder im Fokus, ringen auch dort proeuropäische Parteien mit den Formationen der putin-nahen rechten und linken Populisten. 'Präzedenzlos', wie es oft so blauäugig heißt, ist all das nicht. Und auch davon haben Bücher Zeugnis gegeben, die inzwischen freilich nahezu vergessen sind - zum Schaden unseres europäischen Gedächtnisses und der Einschätzung der aktuellen Gefahren." Konkret empfiehlt Martin Romane von Pavel Kohout, Friedrich Torberg, Alice Rühle-Gerstel, Jorge Semprún und Leo Lania.

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In der taz ist Dirk Knipphals sehr beeindruckt von der Rede, die Shida Bazyar zur Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis für ihren Roman "Die Lücken" (unser Resümee) gehalten hat: "Sie könne keine glückliche Dankesrede liefern. (...) Das anwesende Publikum hielt in diesem Moment den Atem an." Die Autorin "freute sich über die Anerkennung, aber es kam ihr nicht ganz richtig vor, das uneingeschränkt zu tun, da dieser Roman doch von Menschen handelt, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden. Diese Reaktion ist mehr als nachvollziehbar, zumal in einer Situation, in der wieder öffentlich über Vertreibungen von Menschengruppen von deutschem Boden diskutiert wird. ... Ihre Reaktion verrät etwas über eine mögliche Wahrheit der Literatur: Reale menschliche Schicksale stehen dahinter." Auch Andreas Platthaus (FAZ) ist beeindruckt von dieser Rede: Die Autorin habe "am Beispiel des ihr tiefvertrauten Herkunftsorts Hermeskeil das Vertrauen ins Vertraute verloren".

Weiteres: Katrin Hörnlein (ZeitOnline) spricht mit dem Jugendbuchautor John Green, der mit "Hollywood, Ending" erstmals ein erwachsenes Publikum anvisiert. Cathrin Kahlweit (SZ) und Marion Löhndorf (NZZ) schreiben Nachrufe auf den britischen Schriftsteller Jeffrey Archer. Und das FAZ-Team gibt der Schwedischen Akademie Literaturnobelpreis-Tipps.

Besprochen werden unter anderem Rachel Cusks "Das Leben der M" (online nachgereicht von der taz), Colson Whiteheads "Cool Machine" (FR), Annette Mingels' "Evas Tochter" (FR), Peter Graingers "Gnade vor Recht" (FR), Ben Salomos "Sechs Millionen, wer bietet mehr?" (Standard), neue Bücher von Wolf Biermann (FAZ) und die Neuausgabe von H. G. Adlers "Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2026 - Literatur

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Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Shida Bazyar für ihren Roman "Die Lücken". Der Schriftstellerin gelinge eine Neu-Definition des Heimatromans, lobt die Jury. Tatsächlich trete darin "vielgestaltig bundesrepublikanisches Leben zutage", schreiben Julia Hubernagel und Dirk Knipphals in der taz. Judith von Sternburg (FR) findet diese Auszeichnung "gut und logisch". An Schönheiten herrschte auf dieser Shortlist kein Mangel, freut sie sich, doch war dieser Roman "der am weitesten ausholende und am tiefsten dringende Roman. Alle sollten ihn lesen, ja." Akribisch hat Bazyar die Geschichte ihres Geburtsorts im Hunsrück recherchiert und diese mit einer migrantischen Perspektive verknüpft. "Der Wechsel der Generationen, aber auch die Länge eines einzelnen Lebens wird greifbar. Mittendrin liegt der Holocaust, den die Nachgeborenen in Heimesbach gar nicht so sehr auf das Städtchen beziehen. Die meisten wussten nicht, dass es hier jüdische Familien gab."

Gerrit Bartels ist im Tagesspiegel perplex: Gab es das schon mal, dass mit einer solchen Auszeichnung rundum "alle, die sich mit Literatur beruflich oder einfach privat beschäftigen, ... einverstanden sind"? Und die Autorin hat ja auch wirklich "einen der überragenden Romane dieses Jahres geschrieben". Dies "auch wegen seiner Form, der von Bazyar gewählten kaleidoskopischen, multiperspektivischen Struktur mitsamt einer schon toten Erzählerin". In der Welt ist Richard Kämmerlings der Autorin "zutiefst dankbar". David Hugendick kann auf ZeitOnline mit der Entscheidung gut leben, doch "wäre ein Preis für Valeria Gordeev sicher die mutigere, auch die spektakuläre Entscheidung gewesen".

Noch vor der Auszeichnung sprach Adrian Schulz für den Tagesspiegel mit Bazyar: Unter anderem geht es darum, dass Bazyars Eltern aus dem Iran in Hermeskeil unterkommen konnten, dem Ort also, der in ihrem Roman zum fiktiven Heimesbach wurde. "Dieses Recht auf politisches Asyl ist eine direkte Folge der NS-Zeit. Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt und das Asylrecht ins Grundgesetz aufgenommen. Ich merke manchmal, dass ich mich schuldig fühle gegenüber den Überlebenden und den Familien der Ermordeten. Ich habe keine Schuld, aber ich denke, das ist alles so falsch. Es ist falsch, dass sie von hier vertrieben oder deportiert wurden, es ist falsch, dass meine Eltern kommen mussten. Alles daran ist falsch, aber wir sind darüber verbunden." Im Dlf Kultur spricht Vladimir Balzer mit Bazyar.

Der russische Exil-Schriftsteller Dmitry Glukhovsky hat mit "Die Registrierung" den "ersten russischen Roman über die vom andauernden Krieg und den Repressionen deformierte Gesellschaft seines Heimatlandes geschrieben", schreibt Kerstin Holm in der FAZ. Da der Autor das Buch selbst gratis ins Netz gestellt hat, ist die Debatte in Russland im vollen Gang: Der Autor schildert, wie dieser Krieg auch die "Russen, die fern vom Frontgeschehen leben, in Unmenschen verwandelt. Der Schachspieler und Oppositionspolitiker Garri Kasparow und der Soziologe und Journalist Konstantin Gaase, die beide finden, alle in Russland gebliebenen Menschen seien prinzipiell mitschuldig am Krieg, stimmen diesem Befund emphatisch zu. Der Literaturkritiker Gleb Morew bezweifelt freilich, dass ein Autor wie Glukhovsky, der schon lange nicht mehr in Russland lebt, die russische Gesellschaft adäquat schildern könne. Der Filmkritiker Anton Dolin hält dem entgegen, in Russland könne man dergleichen Bücher allenfalls für die Schublade schreiben. Daher sei es für einen Autor, der sich in der Emigration frei äußern könne, ein moralischer Imperativ, solch einen Text zu verfassen."

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Außerdem: Die WamS hat Wieland Freunds Gespräch mit Colson Whitehead online nachgereicht, der mit "Cool Machine" seine mit "Harlem Shuffle" begonnene und "Die Regeln des Spiels" fortgesetzte Harlem-Trilogie abgeschlossen hat. Michael Wurmitzer spricht für den Standard mit der Schriftstellerin Mareike Fallwickl, die mit "Haltet euch fest" einen neuen Roman veröffentlicht hat und in ihren Büchern "Schwesternschaft in den Vordergrund zu stellen" versucht. Viktoria Großmann unternimmt für die SZ einen Streifzug durch die tschechische Gegenwartsliteratur, die sich ab heute auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert, und stellt dabei aktuelle Romane von Jáchym Topol, Radka Denemarková, Klára Vlásaková, Jonáš Zbořil und Alice Horáčková vor. Die Agenturen melden, dass der frühere britische Politiker und Schriftsteller Jeffrey Archer gestorben ist.

Besprochen werden unter anderem Valeria Gordeevs "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (Standard), Hendrik Bolz' "Aus Ruinen" (taz), die Autobiografie der iranischen Bürgerrechtlerin Narges Mohammadi (NZZ) sowie Annie Ernauxs und Marc Maries "Auf den Bildern" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2026 - Literatur

Richard Kämmerlings wechselt in der Welt im KI-Streit um Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" auf die Meta-Ebene: Worin besteht das eigentliche Skandalon, wenn sich ein vorgeblich von einem Mensch verfasster Roman als KI-Fabrikat entpuppt? Dafür greift Kämmerlings die in den Siebzigern vom Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune formulierte Theorie des "autobiografischen Paktes" zwischen Autor und Publikum auf und modifiziert diese zum "autografischen Pakt", der vorsieht, dass in einem Roman codierte Beschreibungen, Empfindungen und Erfahrungen durch das Reflexionsvermögen eines menschlichen Geistes gegangen und eigenhändig zum Ausdruck gebracht worden sind. "Ein Buch zu lesen, ist wie ein Gespräch über Raum und Zeit hinweg. ... Würden die Leser eines Romans (etwa durch einen Hinweis auf dem Cover) erfahren, dass ihr Buch ein Maschinenprodukt ist, das lediglich clever gepromptet wurde, würde diesem virtuellen Gespräch die Grundlage entzogen. Romane von Geisterhand wären ein Verrat am Geist des Romans. ... Der autografische Pakt enthält das Versprechen, dass ein Text selbst geschrieben ist - geschrieben von einem anderen Selbst, einem Bewusstsein auf Augenhöhe mit dem Leser. Würde in Zukunft Literatur von Künstlicher Intelligenz salonfähig, wäre es das Ende der literarischen Kultur, wie wir sie kennen." 

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Weitere Artikel: Michael Pilz spricht in der Welt mit dem Schriftsteller Hendrik Bolz über Ost- und Westdeutschland. Mia Eidlhuber und Michael Wurmitzer haben für den Standard den krebskranken Schriftsteller Joachim Lottmann besucht und mit ihm über das Sterben geredet. Christine Brinck blickt für die NZZ auf die lange Geschichte der Versuche Russlands, die ukrainische Sprache und Literatur zu zerstören. Benjamin Freund resümiert in der taz eine Abendveranstaltung über schwarzes Schreiben in Berlin. Herbert Ohrlinger porträtiert im Standard den Zsolnay-Verleger Herbert Ohrlinger. Die Zeit bringt heute eine Sonderausgabe zur Buchmesse.

Besprochen werden unter anderem Shida Bazyars "Die Lücken" (Standard), neue Romane aus Frankreich von Laura Vazquez und Thibault Daelman (taz), die beiden im Berlin der Weimarer Republik angesiedelten Krimis "Hope Joana" von Horst Evers und "Die weiße Nacht" von Anne Stern (taz), Alice Horáčkovás "Geteiltes Haus" (online nachgereicht von der WamS), Valeria Gordeevs Debütroman "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (SZ), Emmanuel Carrères "Kolchose" (NZZ) und neue Krimis, darunter Jess Walters "So weit weg" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2026 - Literatur

Für viel Aufsehen sorgte im Juli ein Bericht des PEN America, dass Literaturagenten israelische Bücher kaum mehr auf dem US-Markt platzieren können und dass Schriftstellern aus der jüdischen Community sogar nahegelegt werde, jüdische Figuren und Bezüge zu Israel aus ihren Manuskripten zu streichen. Hat sich seitdem etwas getan, fragt Tobias Rüther im Aufmacher der FAS kurz vor der Frankfurter Buchmesse die israelische Verlegerin und Literaturagentin Orna Landau und ihre Kollegin Deborah Harris. Letztere "erklärt, dass ihr Team mit einem Angebot an Titeln zur Messe kommen werde, das nur noch halb so groß sei wie früher. ... Landau hält es allenfalls für möglich, dass es die Zahl der Termine, die sie mit ihrer neuen Agentur in Frankfurt verabredet hat, etwas erhöht haben könnte."

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Zwar sind "die Gründe, aus denen ein Buch nicht veröffentlicht wird, oft vielschichtig und ein Verlag kann selbst entscheiden, wen er veröffentlicht", schreibt Mara Delius im Aufmacher der Literarischen Welt zum Thema, "der Effekt einer schleichenden Isolation jüdischer und israelischer Stimmen ist aber nicht von der Hand zu weisen. ... Die amerikanische Schriftstellerin Dara Horn hat in ihrem gerade erschienenen Buch 'People Love Dead Jews' formuliert, jüdische Geschichte würde im Diskurs eher akzeptiert als jüdisches Leben in der Gegenwart: Der historische Jude sei moralisch eindeutig zu bewerten und politisch ungefährlich - der lebende sei komplizierter. Auf unsere Anfrage hin berichtet sie, die Ausgrenzung jüdischer Autoren sei in New York mit Händen zu greifen, besonders schwer hätten es unbekanntere Autoren. Die gegenwärtige Situation käme einem Boykott gleich: 'Dessen Treibstoff ist Schikane. Das Ziel ist, Juden - pardon: Zionisten - aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen.'"

Jolinde Hüchtker hält auf ZeitOnline wenig von Philipp Tinglers Anwürfen als einer von vier gleichzeitig zurückgetretenen Juroren des Klagenfurter Bachmann-Wettbewerbs an die zurückkehrende Jurysprecherin Insa Wilke (unser Resümee): Während er für sich sprachkritische Objektivität beim Beurteilen von Texten in Anspruch nimmt, hält er Wilke, die sich hier im Dlf-Gespräch kürzlich gegen die Kritik verteidigte, identitätspolitischen Subjektivismus vor. "Es sind die Fallstricke des ehrenwerten Universalismus, über die Tingler hier einmal mehr stolpert. Denn war nicht allzu oft das, was wir für universell hielten, bloß - vertraut? Verwechselt worden mit dem heimeligen Gefühl, sich selbst wiederzuerkennen? Woher sollen sie auch kommen, die aus der Geschichte herausgelösten Kriterien? ... Die 'universelle menschliche Erfahrung' ist ein Hoax, leider ein Schwindel, genau wie die Idee einer reinen Kritik. Zeitgeist hin oder her, mindestens das müssen wir uns von den poststrukturalistischen Debatten der letzten Jahrzehnte doch beibehalten: Sich für eine objektive Instanz zu halten, ist maßlose Selbstüberschätzung."

Yannic Walter (taz) beobachtet mit Unbehagen, dass in der französischen Kontroverse darum, ob Thélyson Oréliens aktueller Roman von einer KI verfasst wurde, auch immer mehr Stimmen laut werden, die auf ein möglicherweise dräuendes KI-Zeitalter in der Literatur nur noch mit Achselzucken reagieren: "Sollten sich die Anschuldigen als wahr herausstellen, gibt es wie fast immer beim Thema 'künstliche Intelligenz' vor allem einen Verlierer: die Literatur selbst, samt der Autor*innen, die zusehen müssen, wie das Fundament, auf dem sie ihr Leben gegründet haben, (...) geschleift wird. Fast scheint es, als hätten selbst die elitärsten Institutionen des literarischen Establishments der anti-intellektuellen Konterrevolution des KI-Zeitalters nicht das geringste entgegenzusetzen, wenn man auch dort nicht mehr unterscheiden kann, was ein genuiner Text ist und was die Roboter dafür ausgeben. Zu fragen bleibt: Wie soll man sich unter diesen Vorraussetzungen eigentlich noch ohne galoppierende Depression an den Schreibtisch setzen?"

Außerdem: Der tschechische Lyriker Petr Hruška denkt in "Bilder und Zeiten" der FAZ darüber nach, wie sich auf der Frankfurter Buchmesse tscheschiche Lyrik vermitteln lässt: "Lyrik! Diese Verkörperung des Unverständlichen. ... Lyrik ist eine erregende Art, die Welt nicht zu verstehen." Derweil hat Tilman Spreckelsen für das "Literarische Leben" der FAZ Tschechien besucht und sich dort in der Literatur umgesehen. Passend zur anstehenden Buchmesse besteht das FAS-Feuilleton heute aus einem Spezial, zu dem zahlreiche Autoren, Verleger und Agenten ihre legendärsten Buchmesse-Anekdoten zum Besten geben. In "Bilder und Zeiten" erzählt Durs Grünbein von seinen Reisen zum Kap Arkona auf Rügen. Stefana Sabina denkt in "Bilder und Zeiten" über Gemeinsamkeiten zwischen Roland Barthes, John Cale, Albert Camus und Robert Rauschenberg nach. In "Bilder und Zeiten" schließt die Schriftstellerin Marica Bodrožić ihre Reihe zum Lesen und Denken in doktrinären Zeiten ab. Lars von Törne spricht für den Tagesspiegel mit den Kuratoren der Lucky-Luke-Ausstellung im Berliner Kommunikationsmuseum.

Besprochen werden unter anderem eine neue, hier online stehende Umsetzung von Ingeborg Bachmanns Hörspielklassiker "Der gute Gott von Manhattan" (FAZ), Samuel Becketts "German Diaries" (Standard, hier die Hörspieladaption online), Hendrik Bolz' "Aus Ruinen" (taz), Sven Regeners "Frankie und Freddie" (taz) sowie die von Judith Hermann, Gregor Sander und Lubomír Sůva herausgegebene Anthologie "Jenseits von Prag" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der "Frankfurter Anthologie" der FAZ schreibt Jan Röhnert über Ludvík Kunderas "Sogar die Sterne sollen abends duften": 

"Irgendwo atmet jemand
wie in Verlängerung
des eignen Atems ..."

Außerdem bringen FAZ, SZ, Literarische Welt und taz heute ihre Literaturbeilagen zum Herbst, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2026 - Literatur

An Romanen über das Leben in DDR und deren Ende als biografische Zäsur herrschte zuletzt kein Mangel, aber wo bleiben eigentlich aktuelle Romane, die diesen historischen Einschnitt aus westdeutscher Perspektive erzählen, fragt der Schriftsteller Clemens Böckmann in der taz. "Versteht man Literatur als Medium der Selbst- und Fremdvergewisserung, so deutet diese Lücke vor allem auf eines hin: Es gibt in Bezug auf die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive keinerlei Fragen. Dass dies, auch angesichts gegenwärtiger Diskurse über die ökonomischen Folgen der politischen Umbrüche und zunehmender Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien, nicht zutreffend ist, ist selbstredend. ... Was ist mit dem Spediteur, der Anfang der 1990er Jahre tonnenweise Erotikprodukte für Beate Uhse in die Neuen Bundesländer brachte? Was mit den Familien, die versuchten, Grundstücke im Osten der Republik zurückzubekommen, die ihnen vierzig Jahre zuvor von der sowjetischen Verwaltung abgenommen worden waren? Was mit den Mitarbeiter:innen der Treuhandanstalt?"

Leon Lindenberger meldet in der Zeit Zweifel an, dass eine Software wie der KI-Detektor Pangram wirklich verlässlich erkennen kann, ob ein Roman von KI verfasst wurde - so wie das aktuell in der Kontroverse um Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" behauptet wird. Dabei gerieten "einige methodische Unzulänglichkeiten aus dem Blick: Die Treffsicherheit hängt maßgeblich davon ab, ob sich der untersuchte Text in Gattung, Stil, Wortschatz und regionaler Färbung im Trainingskorpus des Detektors wiederfindet. ... Es ist zudem bekannt, und auch der Hersteller räumt es ein, dass schon ein mittels KI restrukturierter, ansonsten aber handgemachter Text zum Ausschlag des Detektors führen kann. Mitunter muss, wer einen KI-Text intensiv überarbeitet, weniger mit Verdächtigungen rechnen, als wer seinen eigenen Text von der KI gliedern lässt. ... Es bleibt im Falle eines Ausschlags ein epistemischer Hohlraum, der von einer aufgekratzten Gesellschaft und einer in ihren Grundfesten erschütterten Zunft mit Kulturkampf gefüllt werden kann."

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Weitere Artikel: Jens Jessen fragt sich in der Zeit, ob der "vormoderne Fatalismus" das Erfolgsrezept der Schriftstellerin Dörte Hansen ist - immerhin bietet dieser "das ultimative Trostangebot für die Leser: zu entdecken, dass sich Ohnmachtserfahrungen in eine Art positive Resignation verwandeln lassen". Krimiautorin Simone Buchholz mag sich derweil in der Zeit kaum ausmalen, "wie emotional verschlissen" das Publikum der metzelfreudigen Thriller von Veit Etzold wohl sein muss "und woher dieser innere Hohlraum rührt". In der SZ porträtiert Bernhard Heckler den Schriftsteller Christoph Kramer, der 2014 mit der Deutschen Nationalelf Fußballweltmeister wurde und jetzt mit "Wolkenberührpunkt" seinen zweiten Roman veröffentlicht.

Besprochen werden unter anderem Kerstin Preiwuß' Lyrikband "Rodeo" (FR), Hannah Brinkmanns Comicadaption von Marietta Slomkas Sachbuch "Nachts im Kanzleramt" (Tsp), Samuel Becketts "German Diaries" (NZZ, hier die Hörspieladaption online) und Caroline Blackwoods "Das Schicksal von Mary Rose" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2026 - Literatur

Der Schriftsteller Joachim Lottmann stirbt und dokumentiert den Palliativ-Alltag seiner letzten Tage im Netz - damit steht er in der Tradition des literarisch dokumentierten Sterbens von Christoph Schlingensief und Wolfgang Herrndorf, schreibt Zelda Biller in der NZZ. Hannes Hintermeier berichtet in der FAZ von einem Abend im Münchener Lyrik-Kabinett mit der Schriftstellerin Andrea Paluch und ihrem Ehemann, dem Politiker Robert Habeck.

Besprochen werden unter anderem Tamara Štajners "Luft nach unten" (FR), Doris Koubas Neuübersetzung von Karel Čapeks ursprünglich in den Dreißigern erschienener Dystopie "Der Krieg mit den Molchen" (taz), Milo Manaras Comicadaption von Umberto Ecos "Der Name der Rose" (FR), Tomer Dotan-Dreyfus' "Keinheimisch" (Intellectures), Jana Fuchs' Debütroman "Die gesunde Schwester" (FR) und Malte Spitz' Studie "Schreiben in der Diaspora" über den Autor und Musiker Hermann Grab (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2026 - Literatur

Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" ist mit KI geschrieben - die Tests lassen für den Autor Thomas B. Reverdy, der in Le Monde schreibt, keinen Zweifel mehr zu. Die KI ist kein Werkzeug, schreibt er weiter. Sie ist mehr als etwa die Rechtschreibkorrektur bei Word. "Im Englischen sagt man, die KI sei 'gezüchtet, nicht konstruiert'". Und am Ende "kann das Monster logisch denken. Es spricht, kann immer wieder neue Sätze bilden, um uns zu antworten, und bisher ungelöste mathematische Probleme lösen. Es ist weder ein Hammer noch ein Knopf, den man drückt." Für Literatur ist das ein entscheidender Punkt, so Reverdy: "Wenn wir ein Buch lesen, begegnen wir seinem Autor. Was uns über die Jahrhunderte hinweg berührt, ist nicht die Bedeutung der Aussagen, nicht ihre Logik oder ihre nachprüfbare Wahrheit, sondern der Dialog, der sich zwischen dem Autor und uns, zwischen seiner Vernunft und unserer, seinem Schreibstil und unserer Sprache, zwischen unseren Vorstellungswelten und unserer Empfindsamkeit entfaltet." Darum fordert Reverdy ein klares Label, wenn ein Buch mit KI verfasst ist: Er wolle durch einen Mensch gerührt und bewegt werden, nicht durch eine Maschine.

Pascal Bruckner nimmt in Le Point den diametral entgegengesetzten Standpunkt ein: "Wir dachten, wir würden einen originellen Roman lesen, doch nun wird uns suggeriert, dass es sich um das Ergebnis einer digitalen Zusammenarbeit handelt. Aber kehren wir die Beweislast um: Was beweist uns, dass die betreffende Software nicht Thélyson Orélien plagiiert hat?" Bruckner lehnt sich gegen die AI-Detektoren auf: "Die vom Menschen geschaffenen Roboter verlangen Rechenschaft: 'Schriftsteller, Ihre Papiere bitte!' Werden wir im Bereich der Preise eine Charta verfassen müssen, um die vorgeschlagenen Bücher einem Lügendetektor zu unterziehen? Jeder Roman, jedes Gedicht, jeder Essay würde - ähnlich wie ein Bio-Produkt - mit einem 'Nutriscore'-Label versehen, garantiert frei von Zusatzstoffen, Sulfiten und zugesetztem Zucker. Frei von jeglicher digitalen Anleihe. Aber ist das überhaupt möglich? Glaubwürdig?" Bruckner bekennt sich zu Orélien: "Thélyson Orélien wird als unfreiwilliger Held dieser Literatursaison in Erinnerung bleiben."

So... ganz... allmählich... kommt... ...das Thema auch in den deutschsprachigen Feuilletons an. Für FAZ-Kritiker Niklas Bender stellt sich die Gretchenfrage, wie Orélien es mit der KI hat, überhaupt nicht: Der Roman sei auch einfach literarisch auf so vielen Ebenen schlicht völlig missraten. "Unverständlich bleibt, warum ein derart schwacher, kitschiger Text in den Himmel gelobt und verteidigt wurde. ... Offenbar ist das Problem weniger, dass KI pseudoliterarische Texte verfassen kann, sondern vielmehr, dass Experten, welche die Sache der Literatur verteidigen sollten, entweder keine Qualitätsstandards haben oder aus politischen Gründen davon absehen, diese anzuwenden. Vielleicht wäre das eine Debatte wert." Wäre das grundsätzlich wirklich so schlimm, wenn der Roman mit KI verfasst wurde, fragt sich Zelda Biller in der NZZ. "Im Journalismus sind Genauigkeit und Sachlichkeit höchste Tugenden. Bei der Literatur, in der Moral noch nie eine Rolle spielte, ist die Sache allerdings komplizierter - und gibt Anlass zu einer grundsätzlichen Diskussion über die Zukunft des Schreibens. Die entscheidende Frage (...) lautet: Sind von KI verfasste Bücher schlechter als vom Menschen geschriebene? Oder ist es nicht vollkommen egal, wie ein Roman zustande gekommen ist, solange er gut ist?"

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Weiteres: In der NZZ berichtet Daniela Tan davon, dass Osamu Dazais düsterer Nachkriegsroman "Nicht länger ein Mensch" aus dem Jahr 1948 derzeit ein junges Lesepublikum in Südkorea begeistert - wohl auch, weil der Roman "eine einzige Absage an die Leistungsgesellschaft" darstellt (weitere Informationen zu dem Hype hier). Anne Lemhöfer berichtet in der FR von der Lesung der Nominierten für den Deutschen Buchpreis in Frankfurt. In der Welt notiert die Filmemacherin Regina Schilling, welche Bücher sie am meisten geprägt haben, darunter auch "Die satanischen Verse" von Salman Rushdie.

Besprochen werden unter anderem Judith Raupps "Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht. Leben und Überleben im Kongo" und Sophy Roberts' "Schule der Elefanten" (Perlentaucher), Jáchym Topols "Die Hölle gibt es nicht" (NZZ), Géraldine Schwarz' "Wer wir waren, wer wir sind. Eine Geschichte Europas" (FAZ), Ian Kumekawas Studie "Beliebige Fracht" über die Geschichte des Kapitalismus (SZ) sowie Axel Schefflers und Julia Donaldsons Kinderbuch "Die Grüffelo-Oma" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2026 - Literatur

Schon vor einigen Wochen sorgte der offensichtlich konzertierte Rücktritt eines Großteils der Jury vom Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb für hochgezogene Augenbrauen im Literaturbetrieb. Nun hat Ex-Juror Philipp Tingler in einem Spiegel-Interview Einsicht in die gemeinsam getroffene Entscheidung gegeben: Die Jury wurde vor vollendete Tatsachen gestellt, dass Insa Wilke als Juryvorsitzende zurückkehren solle - im Spiegel wirft Tingler Wilke nun vor, in einer Abstimmung einer zuvor auch von ihr "sehr gelobten" Kandidatin gezielt null Punkte zugesprochen zu haben, um der von ihr in den Wettbewerb gebrachten Autorin zum Sieg zu verhelfen. (Ganz nebenbei bemerkt entbehrt es im Lichte dieser Anwürfe nicht einer gewissen Ironie, dass Wilke in der Auseinandersetzung vor zwei Jahren um Juliane Lieberts und Ronya Othmanns Leak aus der Jury zum Internationalen Literaturpreis den beiden Autorinnen vorgeworfen hat, weder "Anstand" noch "Verantwortungsgefühl" walten zu lassen.)

Tingler kritisiert an Wilke fernerhin, "politische Gesichtspunkte über ästhetische zu stellen" sowie ihre angebliche Neigung "zum Aktivistischen, Gefühligen", schreibt Jörg Häntzschel in der SZ. "Die ebenfalls zurückgetretene Mara Delius verteidigt Tinglers Attacken, auch gegen den Vorwurf von Wilke, er habe gleich eine ganze Reihe von misogynen Stereotypen gegen sie bemüht". Derweil wird laut Häntzschel beim für den Wettbewerb zuständigen ORF darüber gemutmaßt, ob Tingler sich eventuell "'selbst etwas ausgerechnet hat'. ... Der Streit um die Wokeness, der ja überall in der Kultur schwelt, wäre es wert gewesen, in der Bachmann-Jury ausgetragen zu werden. Doch mit ihren vielen weiteren, vereinshuberisch wirkenden Einwänden kratzen die zurückgetretenen Juroren an der eigenen Glaubwürdigkeit. Vielleicht tut der nun anstehende Generationswechsel dem Preis ganz gut."

In Frankreich geht die leidenschaftliche Debatte zu KI in der Literatur weiter. Entzündet hat sie sich an dem Roman "C'était ça ou mourir" des haitianischen, in Québec lebenden Autors Thélyson Orélien, dem vorgeworfen wird, er sei mit KI geschrieben. Von der Kandidatenliste des Prix Goncourt ist der Roman inzwischen entfernt. Kamel Daoud gesteht in Le Point seine Zerknirschung - denn er hatte den Roman ein paar Tage vor den Vorwürfen gefeiert. "Ich habe diesen Roman vor einigen Wochen gelesen, er hat mich begeistert, ich habe ihn gelobt und stehe dazu; denn es stimmt: Der Roman erscheint mir fulminant, barock, chaotisch, brutal, kraftvoll. Ich habe einen Autor gelobt, an den ich geglaubt hatte, und dazu stehe ich; doch das ist noch schwerwiegender als vermeintliche Unehrlichkeit oder journalistische Blindheit. Ich habe einen echten Text gelobt, der oft schön und stark ist, und damit habe ich die Maschine gelobt, die ihn hervorgebracht hat, und diese Maschine erweist sich als beeindruckend. Das ist die Wahrheit, die ich nur ungern eingestehen möchte."

Der "rechte" Autor Samuel Fitoussi (er ist Figaro-Kolumnist), der den Vorwurf zunächst über ein anonymes Twitter-Konto erhoben hat, ist schon einen Schritt weiter. Die eigentliche Debatte ist, ob KI einen Roman schreiben kann, der so gut ist wie ein von Menschen geschriebener Roman. Fitoussi setzt sich auf Twitter mit einem häufigen Argument auseinander: Es sei doch gar nicht so schlimm, wenn KI in der Literatur eingesetzt werde - es komme halt darauf an, den besten Prompt zu schreiben. Aber das ist für Fitoussi leider eine Illusion. "Damit dies zutrifft, müsste eine superintelligente KI von einem Menschen besser gesteuert werden als von sich selbst. Der Mensch müsste im Vergleich zur Intelligenz der Maschine genügend Bereiche behalten, in denen er die Oberhand behält. Wenn man jedoch die Entwicklungskurven der Modelle fortsetzt, wird dies nicht mehr lange zutreffen. Ich glaube, wir neigen bereits dazu, die erforderliche Qualität der Eingabeanweisung zu überschätzen, um ein hervorragendes Ergebnis zu erzielen. Bitten Sie zum Beispiel ein aktuelles KI-Modell: 'Schreibe den Anfang eines hervorragenden Romans zum Thema XX.' Das Ergebnis wird durchaus veröffentlichungsreif sein."

In Deutschland gibt es bisher wenig Reaktionen auf die Debatte. Die SZ gab dem deutschen Übersetzer Jürgen Ritte Gelegenheit, die Kritik an dem Roman als rechte Kampagne zu brandmarken (unser Resümee), in Frankreich sind Orélien inzwischen auch andere, "klassische" Plagiate nachgewiesen worden - die deutsche Ausgabe ist bei Rowohlt für Juni angekündigt. Auf der Rowohlt-Seite steht noch, dass der Roman für den Prix Goncourt nominiert sei. Mehr zu KI in der im Journalismus heute in 9punkt.

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Außerdem: Im Standard porträtiert Bert Rebhandl die Schriftstellerin Ann Cotten, deren "Grenzgänge zwischen Wissenschaft und Weirdness" er in der "Spannung zwischen Materialität, Sprachtheorie und Medientechnologie" verortet und zwar "immer mit dem Aspekt, dass 'Quatsch machen' sogar eine höhere Wissenschaft sein kann". Ingo Petz spricht für den Standard mit dem tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Konstantin Ames liest für die taz die neue Ausgabe der Wiener Literaturzeitschrift Idiome.

Besprochen werden unter anderem Volker Weiß' "Katechon" (FR), Egon Erwin Kischs "Prager Verbrechen" (online nachgereicht aus der taz), Klára Vlasákovás "Die Kugel" (Standard), die Ausstellung "Schreiben für die Seele" im Hölderlinturm in Tübingen (FAZ), Alexander Smoltczyks "Lissabon 1941. Stadt der Spione, Hafen der Hoffnung" (NZZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Cornelia Funkes "Emma glaubt nicht an Feen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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