Efeu - Die Kulturrundschau

Nicht nur zum Sattsein geboren

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08.09.2026. Die NZZ gibt einen Ausblick auf die finale Staffel der israelischen Serie "Fauda", die nicht nur den 7. Oktober, sondern auch die militanten europäischen Hamas-Sympathisanten in den Blick nimmt. Monopol lernt in der Berlinischen Galerie von der Künstlerin Jeewi Lee, wie hoch der tägliche Sandverbrauch pro Kopf ist. Die Modebranche setzt jetzt auf's Buch, um die Old-Money-Eliten zurückzugewinnen, notiert die SZ. Und für die FR flaniert Claus Leggewie durch leere Kirchen im Armenhaus der Republik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2026 finden Sie hier

Film

Japanische Gewaltigkeit: "Sumo: Spirit Weighs Nothing" von Erik Shirai

Bei den Filmfestspielen in Venedig hat Olaf Möller für critic.de viele japanische Filme gesehen und liefert ganz nebenbei noch ein geradezu enzyklopädisches Who-is-who des gegenwärtigen Sumo-Sports. Den Anlass dafür bietet ihm Erik Shirais Dokumentarfilm "Sumo: Spirit Weighs Nothing". Dieser vermittelt auch etwas von den Sorgen der Japaner, ihre Nation und Kultur könnte verschwinden, da sich in dem Sport immer mehr Mongolen und Hawaiianer tummeln. Der Film "ist ESPN pur: in prächtigen Bildern, mit viel Sinn fürs Traditionelle und frei von allen Verweisen auf Skandale werden drei ineinander verwobene Biografien skizziert, die eine Sportlerkarriere mit ihren möglichen Wegen symbolisch abbilden (Anfänger, scheiternder Hoffnungsträger, alternder Star). Die ironische Dimension des Fremden, der für die Japaner ihre Nationalität performt, thematisiert Shirai seiner Position als Ausländer mit lokalen Wurzeln gemäß ganz beiläufig, darin effizient, so wie man den brutalen Ton in so manchem 'heya' durchaus in den Zwischentönen einiger Gespräche ahnt." 

Mehr vom Lido: Tim Caspar Boehme (taz) sah May el-Toukhys "Unknown Woman" und Lee Chang-dongs "Possible Love". Letzterer ist ein "elektrisierendes Kammerspiel", findet Daniel Kothenschulte in der FR, während Hirokazu Kore-Eda in "Look Back", einer auf 35mm-Film gedrehten Manga-Adaption, "Außenseitertum und künstlerische Freiheit" feiert. Standard-Kritikerin Valerie Dirk sieht in Venedig italienische FilmeEllen Burstyn wurde in Venedig für ihr Lebenswerk geehrt, meldet Marian Wilhelm im Standard. Und natürlich absolut unverzichtbar für den schnellen Überblick zur Lage am Lido: der Kritikspiegel auf critic.de

"Fauda": Der 7.Oktober und die Folgen

Szenenwechsel: Mit ihrer neuen Staffel kommt die israelische Serie "Fauda" endgültig in der Gegenwart des Nahostkonflikts an - es geht um den 7. Oktober und die Folgen, schreibt Claudia Schwartz in der NZZ. Zu Beginn spielt die Serie vor allem im Marseille, wo Hamas-Täter Unterschlupf gefunden haben. "Der importierte Antisemitismus in Frankreich steht hier beispielhaft für ähnliche Brennpunkte in Europa. Mit Anne, eindrücklich gespielt von Mélanie Laurent, der Witwe eines von den Israeli umgebrachten Täters am 7. Oktober, rücken auch die militanten europäischen Hamas-Sympathisanten ins Bild. Im Fokus auf Marseille und den dortigen migrantischen Islamismus macht 'Fauda' deutlich, dass Israel keinen Glauben mehr an die Solidarität der Europäer hat und von ihnen, gelinde gesagt, generell nicht viel hält. Die international überaus erfolgreiche Serie trägt hier eine Mahnung in die Welt, die schnell ihre Solidarität zu Israel aufgab und in beschämender Weise etwa die Situation der Geiseln beiseiteschob."

Weiteres: Herwig Finkeldey legt auf Tell dar, inwiefern Pawel Pawlikowski in seinem Thomas-Mann-Film "Vaterland" von den historischen Fakten abweicht. Besprochen werden Kent Jones' "Late Fame" (NZZ) und die ZDF-Serie "Spyon" (FAZ).
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Design

Die Modebranche schmückt sich zumindest performativ in letzter Zeit immer häufiger mit Literatur, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Catharina Rüß in der SZ: Dieser "Literary Chic wird vorrangig durch Bilder auf Social Media vermarktet. Lesen avanciert so zur Performance, mit der sich die Mode einen Glow von Distinguiertheit verleiht. Interessant ist, dass die Marken auf Bekanntes setzen: durchs Feuilleton abgesegnete Werke und Klassiker der Literatur. Damit gehen sie auf Nummer sicher." Aber warum das Ganze? "Erstens adressieren sie eine weibliche, gebildete Kundenschicht. Studien zum Leseverhalten legen nahe, dass Frauen häufiger Belletristik, Männer dagegen öfter Informationsmedien lesen. Zweitens verleihen Romane den Marken eine Exklusivität, die das zeitgenössische Modedesign offenbar nicht mehr in der Lage ist zu vermitteln. ... Dass die Luxusmarken Bücher für sich entdecken, kann zudem als Versuch gewertet werden, akademische Schichten und Old-Money-Eliten als Kunden zurückzugewinnen."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode

Kunst

Jeewi Lee, Ausstellungsansicht "Fields of Fragments", 2024, ©Jeewi Lee, Foto: Christopher Häring

Der tägliche Sandverbrauch auf die Weltbevölkerung umgerechnet liege bei circa 18 Kilogramm pro Kopf, damit sei Sand nach Wasser die meistgenutzte Ressource des Menschen, erklärt die Künstlerin Jeewi Lee, die derzeit in der Berlinischen Galerie ausstellt, der Monopol-Kritikerin Laura Ewert. Sand wird etwa für die Bauindustrie oder für die Herstellung von Glas oder Mikrochips gebraucht, für Lee ist er das zentrale Medium ihrer Kunst, staunt Ewert: "Da sehen wir eine ganze Reihe von Sandbildern, eine Serie, mit der sie 2022 begonnen hat. Es sind monochrome Bilder in der Tradition der Dansaekhwa, einer südkoreanischen Kunstbewegung, die Mitte der 1970er Jahre entstand, vergleichbar mit der Arte Povera. Lee malt mit Sand, der jeweils an einem Strand oder Küstenort gesammelt wurde. Die Farbverläufe der Bilder entstehen, weil Sand auch an einem Ort verschiedene Farben haben kann. So wie der Sand an den verschiedenen Orten: An der koreanischen Westküste sei er etwas grünlicher, sagt Jeewi Lee, fast knallorange in Alentejo, Portugal. Und auf Mallorca ist er eher weiß."

Weitere Artikel: Lena Schneider ist im Tagesspiegel fassungslos darüber, dass der DDR-Künstlerin Annemirl Bauer erst 37 Jahre nach ihrem Tod eine erste Retrospektive gewidmet wird (mehr bereits hier). Denn die nun im Potsdamer Minsk unter dem Titel "Bruch ist in der Welt" gezeigten 150 Gemälde, Collagen und Objekte zeigen eine Künstlerin voller Schaffensdrang, Witz und Grimm, staunt sie.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Lee, Jeewi, Sand, Bauer, Annemirl

Architektur

Für die FR hat sich Claus Leggewie die diesjährige Manifesta 16 im Ruhrgebiet angesehen, die unter dem Titel "This is not a church" fragt, was mit nicht mehr religiös genutzten Kirchengebäuden geschehen soll (unsere Resümees). Leggewie hebt die hohe Qualität der Exponate hervor und blickt auf die Geschichte der Region: "Kirchen sind vor allem in Gelsenkirchen - im 19. Jahrhundert eine der reichsten Städte des Deutschen Reiches, heute das AfD-geneigte Armenhaus der Republik - Erzählorte von ArbeitsmigrantInnen. Dabei wird die Historisierung des Bergbaus bisweilen mythisch überhöht. Denn der vielzitierte 'Strukturwandel' ist an der Ruhr schon lange der neue Aggregatzustand. Und wer das oft unterschätzte und wirtschaftlich weiterhin prekäre Revier kennt, weiß um das ungehobene Potenzial dieser Fünfmillionen-Metropole. Einige Exponate, zum Teil mit Kindern entwickelt, thematisieren ein lang verdrängtes Thema: die heute immer spürbarer werdenden Folgen der fossilen Überausbeutung für Mensch und Natur."
Archiv: Architektur

Bühne

Szene aus "The End of the Amusement Phase" Foto: @ Pinelopi Gerasimou for Onassis Stegi

Mit ihrem Stück "It's the End of the Amusement Phase", das mehr als achtzig Tänze aus hundert Jahren in einer Revue zeigt," tourt die griechische Choreografin Chara Kotsali derzeit durch Europa, jüngst war sie bei Tanz im August in Berlin zu sehen. Im taz-Gespräch mit Astrid Kaminski erklärt Kotsalis auch, wie der Tanz immer wieder für Propaganda missbraucht wurde: "Es ist faszinierend und schockierend, zu erforschen, wie totalitäre Regime sich die Tänze einer Epoche einverleiben. Es gibt kein Genre 'totalitäre Tänze'. Ihre Ästhetiken bedienen sich immer an anderen Genres. Im 20. Jahrhundert war das der Volkstanz, aber auch die populären Tänze der Zeit spielten mehr und mehr eine Rolle, ein Beispiel wären die Tänze zu Ehren Titos nach dessen Tod. Aber auch abstraktere Ästhetiken kommen zum Zug, wie im Fall von Joseph Goebbels, der bis zu einem gewissen Grad fasziniert vom Tanzerneuerer Rudolf von Laban war. Eine totalitäre Inszenierung ist immer eine Mischung aus dem Angebot der Ästhetiken."

Nachtkritiker Christian Rakow möchte von Mille Maria Dalsgaard, Direktorin des Schauspielhauses Halle, nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt wissen, was das Theater dem Rechtsruck entgegensetzen kann: "Es gibt riesige Herausforderungen: das Klima, die EU, den demografischen Wandel. Leider stecken wir in einer medialen Gesellschaft, in der sich die Echoräume vergrößern, die Algorithmen in den Social Media die Verengung der eigenen Meinung befördern. Wie kriegen wir da einen Dialog hin? Wie schaffen wir in einer postfaktischen Gesellschaft wieder Fakten herbei? Das Theater kann der Ort sein, an dem wir alle im Saal ein gemeinsames Erlebnis haben. Danach können wir drüber reden."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel blickt Patrick Wildermann zurück auf 20 Jahre Radialsytem. Besprochen werden Ildikó Gáspárs Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Komödie der Verführung" am Wiener Theater an der Josefstadt (FAZ), Amalia Starikows Adaption von Fiona Sironics Roman "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und das Kirill & Friends Berlin Festival, an verschiedenen Orte in Berlin (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Aktualisierung um 10.30 Uhr: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist raus. Hier die Liste der nominierten Autorinnen. 

Gerrit Bartels fasst im Tagesspiegel die Debatte um die Buchpreisjurorin Maha El Hissy zusammen (unser Resümee), die wegen einer Essayreihe auf Berlin Review of Books für eine sehr einseitige Parteinahme im Nahostkonflikt kritisiert wurde - ihrem Fazit, dass die palästinensische Literatur in Deutschland einen ganz besonders schweren Stand habe, will Bartels sich tendenziell eher nicht anschließen. Für Intellectures liest Thomas Hummitzsch neue Romane von Marion Kraft, Miriam Carbe und Tupoka Ogette, die als Schwarze aus unterschiedlichen Generationen von Erfahrungen mit Deutschland erzählen. Beim Internationalen Literaturfestival Berlin offenbart sich tazler Yannic Walter das "hohe literarische Potenzial" der Figur des Metzgers. Mögen die Eckkneipen im echten Leben auch allmählich verschwinden, haben sie in Gegenwartsromanen doch immer noch Konjunktur, berichtet Björn Hayer in der NZZ. Der Literaturwissenschaftler Niels Werber erklärt der Jungle World im Gespräch Wesen und Vorzüge der "Perry Rhodan"-Heftromane, deren erste Ausgabe heute vor 65 Jahren erschienen ist.

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Schwarze Samstage" (online nachgereicht aus der LitWelt), Mircea Cărtărescus Gedichtband "Du trägst meine Samstage, ich deinen Oktober" (FR), Ulrich Peltzers "Der verlorene Schlaf" (taz), Asta Olivia Nordenhofs "Geld in der Tasche" und "Das Teufelsbuch" (NZZ), Ingo Schulzes "Das Wasser im August" (Welt), Dörte Hansens "Broder" (FAZ) und Sven Regeners "Frankie und Freddie" (SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Marie Jacquot, die 36-jährig nun das Amt der Chefdirigentin beim WDR-Sinfonieorchester übernimmt, bildet gemeinsam mit Kirill Petrenko, Wladimir Jurowski und "vielleicht auch Christian Thielemann" einen "neuen Dirigententypus", schreibt Clemens Haustein in der FAZ. Dieser neue Typ "ist an der Sache orientiert und steht zur Handwerklichkeit seines Berufes". Aber er ist auch "erfüllt von einer tiefen Bewunderung für alles Musikalische und einer Begeisterung für die klanglichen Möglichkeiten, die ein großes Orchester bietet. ... Immer im Fluss, immer in der Schwebe hält Marie Jacquot dabei die Musik, nie wird es klebrig oder breiig, auch nicht bei den Symphonien Anton Bruckners (...), die sie mit Sinn für vollen Klang, aber auch mit freiem Atem dirigiert - blitzenden Auges und lächelnden Mundes (darin erinnert sie an Claudio Abbado und Carlos Kleiber). Atmen dürfen bei Jacquot auch die Musiker: Etwas Apodiktisches oder Hartes hat ihr Schlag bei aller Verbindlichkeit nie."

Weiteres: Für die Jungle World plaudert Thorsten Fuchshuber mit der US-Metalband Fer de Lance, die unter anderem erklären, wie man Metal, Adorno und antike Mythologie zusammenbringt. Besprochen werden das neue Soloalbum von Farin Urlaub (Tsp) und weitere neue Pop- und Rockalben, darunter Neues von Dinosaur Jr, die damit vor allem ihr Stammpublikum abholen, meint Christian Schachinger im Standard: "Dem Rest geht diese Wiederkehr des mit hellen Akkorden gespielten, nicht zu aufdringlichen Immergleichen inklusive maulfaulem Gesang hinten vorbei. Dies aber geschmeidig."

Archiv: Musik