Efeu - Die Kulturrundschau
Nichts Depressives ist hier drin
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31.07.2026. Als Intendant geschasst, als Pianist umjubelt: Markus Hinterhäuser gab in Salzburg zusammen mit dem Bariton Matthias Goerne Schuberts "Winterrreise" und nicht nur die SZ hörte den "Wunsch, das Dröhnen der Welt auszublenden". In Salzburg brilliert Christian Thielemann mit einem synästhetischen "Siegfried" auf Weltniveau, freut sich die nachtkritik. Die taz lässt sich in Mönchengladbach von dem Bildhauer Grant Mooney erklären, wie Material gesellschaftlich mit Wert aufgeladen wird. Und der Guardian schreibt den Nachruf auf den Plastinator Gunther von Hagens.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
31.07.2026
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Bühne

Wenn nur diese dämliche KI nicht wäre, seufzt nachtkritiker Janis El-Bira, der sich in Bayreuth fragt, was künstlich generierte Bilder der RAF, alter CDU-Plakate oder von Tankstellenschildern mit dem "Siegfried" zu tun haben sollen. Musikalisch aber ist auch der dritte Teil des Rings auf "Weltniveau", denn was Christian Thielemann leistet ist "kaum hoch genug aufzuhängen. Da bleibt das Blech noch in den größten Ballungen kernig und nobel, wenn Wagner im dritten Akt seine Liebesgalaxien implodieren lässt. Die berüchtigt exponierte und harmonisch komplett irre Stelle der hohen Streicher bei der Ankunft Siegfrieds auf dem Felsen kommt im perfekten Unisono. Und die Holzbläser trällern und trillern die Waldvögel des zweiten Akts herbei, dass es zum synästhetischen Erlebnis wird. Nicht zu fassen, wie gut das alles ist."
Weitere Artikel: Die Theaterkritik war recht angetan von Alexander Klessingers Inszenierung "Timmy" (unser Resümee), in der er den Tod des Buckelwals am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg als Passionsspiel inszenierte, in den sozialen Medien gab es indes Shitstorm, weil Menschen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sahen, verrät Klessinger im nachtkritik-Gespräch mit Sophie Diesselhorst.
Besprochen werden außerdem Jossi Wielers Inszenierung des Handke-Texts "Schnee von gestern, Schnee von morgen" bei den Salzburger Festspielen (FR, mehr hier) und Leonie Haupts Inszenierung des "Rings der Nibelungen" in der Reihe "Wagner für Kinder" in Bayreuth (FAZ).
Musik
Um Markus Hinterhäuser, den Anfang des Jahres aus bis heute nicht völlig transparenten Gründen geschassten Intendanten der Salzburger Festspiele, gab es zuletzt viel Hin und Her (unsere Resümees). Dass er bei dem von ihm noch maßgeblich mitgestalteten diesjährigen Festival dennoch für einen Abend mit Schuberts "Winterreise" auf der Bühne stand, freut FAZ-Kritiker Gerald Felber umso mehr. Was auch am Bariton Matthias Goerne lag: "Das jenseits aller Einzelheiten Überzeugende seiner Interpretation bestand zuerst einmal darin, hier nicht mehr einen tief enttäuschten jungen Menschen zu mimen, den arges Liebesweh in die kalten Wüsteneien treibt. ... Generell ließen die Akteure die Emotionskurve bis zum fieberträumend zerrissenen 'Lindenbaum' erst einmal ansteigen; doch vom nächsten Lied an wurde alles Folgende zu einer fast philosophisch durchdeklinierten Variationsreihe über das Thema gesellschaftlicher wie privater Desillusionierung, ausgebreitet zwischen fast kühler Gelassenheit und verzweifeltem Nihilismus, ästhetisch aber geborgen in den langen Phrasierungsbögen eines Sängers, dem die Schwingungen melodischer Entwicklung wohl mehr bedeuten als Schärfe und Deutlichkeit jeder Einzelbetonung."
Das Publikum feierte Hinterhäuser beim Betritt der Bühne mit "irrem Applaus", berichtet Egbert Tholl in der SZ. Und das Konzert? "Goerne produziert enormen Klang, in wenigen Momenten hat er eine zarte Höhe, meist aber ist die Stimme dunkel, satt, sitzt weit hinten. ... Die Textverständlichkeit ist über die Jahre nicht besser geworden, aber der emotionale Duktus stimmt haargenau. ... Hinterhäuser ist dagegen ein Monument inneren Verstehens, eines Verstehens, das er einmal, sonst wie stets zurückhaltend, Goerne aufzwingt. 'Der Lindenbaum', vermeintliches Volkslied in diesem Zyklus, wird dank beider zum Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht nach Ruhe. Nichts Depressives ist hier drin, Larmoyanz schon gar nicht, es ist der existenzielle Wunsch, das Dröhnen der Welt auszublenden." Mehr zu dem Abend im Standard.
In der SZ staunt Yannik Yeşilgöz, wie es dem Popstar Dua Lipa und ihrem Vater von London aus seit 2018 gelungen ist, das Sunny Hill Festival "zu dem Popfestival des Balkans" zu machen und das "ausgerechnet in Kosovo - einem Land, das kleiner ist als Thüringen". Aber es gibt auch Kritik: Das Festival lässt sich vom nahen Pristina in neu ausgehandelten Verträgen durchaus fürstlich subventionieren. "Der Vertrag wurde noch kontroverser betrachtet, als lokale Medien berichteten, dass Bürgermeister Rama, ursprünglich Architekt, zwei Häuser für die Familie Lipa in London entworfen hat - teils noch nach seinem Amtsantritt als Stadtoberhaupt von Pristina. Hat Rama also dem Privatunternehmer Dukagjin Lipa öffentliches Geld zugeschoben, kurz nachdem der ihn noch als Architekt angeheuert und entlohnt hatte?" Die hohen Eintrittspreise werden missbilligt, "und auch, weil das Festival mitten in der Urlaubssaison stattfindet, sagen viele: Es richte sich gar nicht an Einheimische, sondern die finanziell potentere Diaspora."
Weitere Artikel: Frédéric Schwilden trauert in der Welt nicht zuletzt um seine eigene Jugend in der Provinz der frühen Nullerjahre, wenn er feststellt, dass die damaligen Tabubrecher vom Deutschrap heute allesamt vor die Hunde gehen, ob nun in der Drogensucht oder in der Anpassung an die bürgerliche Mitte: Allein Ikkimel sticht heute im Rap noch durch Krawall heraus, "der Rest verkauft Eistees oder Nahrungsergänzungsmittel". Maurice und Gabriele Summen berichten in der Jungle World von ihrem Besuch beim North Sea Jazz Festival in Rotterdam. Und heute viele Nachrufe: Vojin Saša Vukadinović in der Jungle World über die L7-Bassistin Jennifer Finch, Christian Schachinger im Standard über den Folkmusiker Glen Hansard, Rüdiger Schaper im Tagesspiegel über die Musikkritikerin Sybill Mahlke und Léo Solleder auf Zeit Online über den französischen Elektroproduzenten DJ Kavinsky.
Besprochen werden Rüdiger Dannemanns Buch "I Shall Be Free No. 10" über "Bob Dylans Songphilosophie" (taz) und eine vom Rockhistoriker Jon Savage zusammengestellte Compilation zum Psychedelic-Rock im San Francisco der Sechziger und frühen Siebziger, die laut tazlerin Stephanie Grimm "viele Widersprüche und subkulturelle Verzweigungen anschaulich in 18 Songs packt".
Das Publikum feierte Hinterhäuser beim Betritt der Bühne mit "irrem Applaus", berichtet Egbert Tholl in der SZ. Und das Konzert? "Goerne produziert enormen Klang, in wenigen Momenten hat er eine zarte Höhe, meist aber ist die Stimme dunkel, satt, sitzt weit hinten. ... Die Textverständlichkeit ist über die Jahre nicht besser geworden, aber der emotionale Duktus stimmt haargenau. ... Hinterhäuser ist dagegen ein Monument inneren Verstehens, eines Verstehens, das er einmal, sonst wie stets zurückhaltend, Goerne aufzwingt. 'Der Lindenbaum', vermeintliches Volkslied in diesem Zyklus, wird dank beider zum Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht nach Ruhe. Nichts Depressives ist hier drin, Larmoyanz schon gar nicht, es ist der existenzielle Wunsch, das Dröhnen der Welt auszublenden." Mehr zu dem Abend im Standard.
In der SZ staunt Yannik Yeşilgöz, wie es dem Popstar Dua Lipa und ihrem Vater von London aus seit 2018 gelungen ist, das Sunny Hill Festival "zu dem Popfestival des Balkans" zu machen und das "ausgerechnet in Kosovo - einem Land, das kleiner ist als Thüringen". Aber es gibt auch Kritik: Das Festival lässt sich vom nahen Pristina in neu ausgehandelten Verträgen durchaus fürstlich subventionieren. "Der Vertrag wurde noch kontroverser betrachtet, als lokale Medien berichteten, dass Bürgermeister Rama, ursprünglich Architekt, zwei Häuser für die Familie Lipa in London entworfen hat - teils noch nach seinem Amtsantritt als Stadtoberhaupt von Pristina. Hat Rama also dem Privatunternehmer Dukagjin Lipa öffentliches Geld zugeschoben, kurz nachdem der ihn noch als Architekt angeheuert und entlohnt hatte?" Die hohen Eintrittspreise werden missbilligt, "und auch, weil das Festival mitten in der Urlaubssaison stattfindet, sagen viele: Es richte sich gar nicht an Einheimische, sondern die finanziell potentere Diaspora."
Weitere Artikel: Frédéric Schwilden trauert in der Welt nicht zuletzt um seine eigene Jugend in der Provinz der frühen Nullerjahre, wenn er feststellt, dass die damaligen Tabubrecher vom Deutschrap heute allesamt vor die Hunde gehen, ob nun in der Drogensucht oder in der Anpassung an die bürgerliche Mitte: Allein Ikkimel sticht heute im Rap noch durch Krawall heraus, "der Rest verkauft Eistees oder Nahrungsergänzungsmittel". Maurice und Gabriele Summen berichten in der Jungle World von ihrem Besuch beim North Sea Jazz Festival in Rotterdam. Und heute viele Nachrufe: Vojin Saša Vukadinović in der Jungle World über die L7-Bassistin Jennifer Finch, Christian Schachinger im Standard über den Folkmusiker Glen Hansard, Rüdiger Schaper im Tagesspiegel über die Musikkritikerin Sybill Mahlke und Léo Solleder auf Zeit Online über den französischen Elektroproduzenten DJ Kavinsky.
Besprochen werden Rüdiger Dannemanns Buch "I Shall Be Free No. 10" über "Bob Dylans Songphilosophie" (taz) und eine vom Rockhistoriker Jon Savage zusammengestellte Compilation zum Psychedelic-Rock im San Francisco der Sechziger und frühen Siebziger, die laut tazlerin Stephanie Grimm "viele Widersprüche und subkulturelle Verzweigungen anschaulich in 18 Songs packt".
Literatur
Stefan Zweigs Villa in Salzburg steht zum Verkauf, meldet Paul Jandl in der NZZ: Hier brachte der Schriftsteller "Geistesgrößen und Künstler des ganzen Kontinents zusammen. Von 1919 bis zu Zweigs Flucht ins Exil im Jahr 1934 verkehrten unter anderem James Joyce, Richard Strauss, Arthur Schnitzler und Romain Rolland. ... In 'Die Welt von Gestern' beschreibt Stefan Zweig seine Villa als 'ebenso romantisch wie unpraktisch', weiß aber die Zeugen ihrer gloriosen Vergangenheit zu schätzen: "eine prächtige alte Tapete und eine bemalte Kegelkugel, mit der Kaiser Franz 1807 bei einem Besuche in Salzburg eigenhändig im langen Gang dieses unseres Hauses Kegel geschoben'." Die von prominenten Autorinnen und Autoren unterstützte Initiative "Öffentliche Stefan-Zweig-Villa" fordert derweil, die bereits denkmalgeschützte Villa auch geistig unter Denkmalschutz zu stellen.
Besprochen werden unter anderem Tanja Šljivars "Nationaltheater" (FR), Heinrich Steinfests Novelle "Die Linkshänderinnen" (FR) und neue Sachbücher, darunter Julian Kaspar Genners "Im Prepperkeller" (FAZ).
Besprochen werden unter anderem Tanja Šljivars "Nationaltheater" (FR), Heinrich Steinfests Novelle "Die Linkshänderinnen" (FR) und neue Sachbücher, darunter Julian Kaspar Genners "Im Prepperkeller" (FAZ).
Kunst

Was uns Material zu erzählen hat, erfährt taz-Kritikerin Sophie Jung von dem amerikanischen Bildhauer Grant Mooney, der seine eigenen Arbeiten derzeit in der Ausstellung "sum" im Museum Abteiberg Mönchengladbach unter Werke der Sammlung mischt und dabei auch in "marxistischem" Sinne fragt, "wie das Material zirkuliert, zum Gebrauchsobjekt verarbeitet und gesellschaftlich mit Wert versehen wird - oder ihn eben auch wieder verliert. Riesige matt glänzende Ventilatorenflügel aus Aluminium liegen im Foyer auf dem Boden, wunderschön sehen sie aus in ihrer aerodynamischen Schlankheit. Marcel Duchamps Readymade, der Gedanke, die perfekte Form des Industrieobjekts habe schon die Position der Kunst eingenommen, schwingt hier mit. Doch die Ventilatoren aus einer ehemaligen Londoner Furnierfabrik sind nicht zuerst zur Kunst erhoben worden, sondern haben vor allem keinen Nutzen mehr. Ebenso wie ihre bis ins Detail gesäuberten Motoren daneben mit den massiven Schrauben, leeren Fassungen und eingerollten Kabeln."
Der Anatom Gunther von Hagens ist bereits am 24. Juli im Alter von 81 Jahren an einer Hirnblutung gestorben. Die Reaktionen in den deutschen Medien waren überschaubar. Immerhin Mick O'Hare widmet dem Plastinator, der weltweit mit seinen "Körperwelten" bekannt wurde, im Kulturteil des Guardian einen Nachruf, in dem er auch an die Anfeindungen erinnert, mit denen Hagens konfrontiert war: "Religiöse Führer verurteilten ihn. In seiner Heimat Deutschland hielten Kirchen Gedenkgottesdienste für die Leichen ab. Der Oberrabbiner von Haifa bezeichnete die Plastination als Verstoß gegen das jüdische Prinzip des 'Kavod Adam', also der Menschenwürde, während der katholische Erzbischof von Miami meinte, von Hagens werde, wenn er an den Toren des Hades ankomme, so behandelt werden, wie er seine Probanden behandelt habe - ohne zu wissen, dass der Anatom bereits den Wunsch geäußert hatte, sein eigener Körper solle nach seinem Tod plastiniert werden."
Weitere Artikel: In der FAZ ist Stefan Trinks fassungslos, dass, wie erst jetzt bekannt wurde, bereits vergangenen Freitag Täter ins Musée du Pays chatillonnais von Chatillon-sur-Seine spazierten, eine Vitrine einschlugen, einen etwa zweieinhalbtausend Jahre alten, als "Torques von Vix" bekannten keltischen Armreif stahlen und verschwanden: "Mit einem aktivistischen 33-Punkte-Paket, das unangekündigte Sicherheitsüberprüfungen durch Spezialisten des Ministeriums sowie zusätzliche Schulungen für das Museumspersonal vorsieht, will das Kulturministerium nun der Räuberplage gegensteuern."
Besprochen werden die Ausstellung "House of Balagan" in der Sammlung Philara in Düsseldorf (Tsp) und die Zurbaran-Ausstellung in der National Gallery in der Londoner National Gallery (NZZ, mehr hier).
Film

Patrick Holzapfel freut sich im Filmdienst, dass Arte dem chinesischen Dokumentarfilmer Wang Bing einen Schwerpunkt in seiner Mediathek widmet: "Seit 24 Jahren dokumentiert er das Leben jener Menschen, die ihr Dasein im Schatten des chinesischen Staatskapitalismus fristen. Menschen, die kaum existieren, keine Rechte und scheinbar auch keinen Anspruch auf eine eigene Geschichte haben. Doch Bings Filme beweisen, dass es diese Menschen gibt. Die Beweisführung geschieht auf einer sinnlichen, zugewandten Ebene. Es gibt keinen Kommentar, keine augenscheinliche Interpretation des Geschehens, sondern ein tiefes Vertrauen in die Kraft des Zusehens und Zuhörens. Man hat in diesen Filmen nie das Gefühl, dass es darin Bilder gibt, die nur entstanden sind, weil der Filmemacher das so wollte. Vielmehr setzen sich seine Arbeiten der Wirklichkeit aus. Oft ist der Regisseur mit einer kleinen Kamera allein unterwegs, manchmal hilft ihm ein kleines Team. Die Subjektivität der Filme zeigt sich vor allem in der Blickrichtung, die jener widerspricht, welche Fortschritt und Macht propagiert."
Weiteres: Dunja Bialas berichtet auf Artechock weiter von den Filmkunstwochen in München. Tobias Sedlmaier erinnert in der NZZ an Fritz Lang, der vor 50 Jahren gestorben ist - dazu passend steht beim Dlf Kultur noch eine "Lange Nacht" von Martina Müller über Lang online. Besprochen werden Pedro Almodóvars "Bitteres Fest" (Artechock, unsere Kritik), Olivia Wildes Beziehungstragikomödie "The Invite" (Standard, unsere Kritik) und Destin Daniel Crettons neuer "Spider-Man"-Film (Artechock).
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