Der Prager Frühling 1968: Aufstand der demokratischen Kräfte gegen ein autoritäres Gewaltsystem und ein Laboratorium für neue Gesellschaftsentwürfe, das in der kollektiven Erinnerung Europas bis heute fortwirkt. Der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel veranschaulicht die Prager Reformbewegung um Alexander Dubček als ein Zukunftsprojekt, als den Versuch, die Annäherung zwischen sowjetischem System und westlicher Gesellschaftsform in der Mitte Europas zu realisieren. Er zeichnet den Prager Frühling zudem als ein Projekt der Vergangenheitsbewältigung nach, im Zuge dessen die Schauprozesse der fünfziger Jahre, beispielsweise gegen Rudolf Slánský, erstmals öffentlich diskutiert wurden. Die Denkwelten der Reformer des Prager Frühlings, dargelegt anhand neuen Quellenmaterials, sind zeitgebunden und aktuell gleichermaßen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2018
Thomas Lindenberger erfährt bei Martin Schulze Wessel, dass es nicht die Studenten in Berlin waren, die die kühnsten Pläne für eine neue Gesellschaft ersannen, sondern die Reformer in Prag. Dass der Autor sich nicht auf Ideengeschichte und politische Machtspiele konzentriert, sondern auf die Reformpolitik, gefällt dem Rezensenten. Ebenso die Deutung des Prager Frühlings als gesellschaftsgeschichtliches Ereignis aus der Mitte. Für Lindenberger ist das spannend wie ein Krimi. Einen erzählerischen Höhepunkt erkennt er in der Schilderung der Verhandlungen zwischen KPdSU und KPC im Juli 1968, einen weiteren in der Darstellung der Eigendynamik der demokratischen Pluralisierung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.06.2018
Werner Bührer lernt bei Martin Schulze Wessel den Prager Frühling und seine Vorgeschichte anhand zahlreicher unveröffentlichter tschechischer Quellen kennen. Das Faszinierende wie auch das Dramatische dieses frühen Versuchs, Systemgegensätze zu überwinden, springt über, findet Bührer. Die Schilderung der Schauprozesse im Buch und die Darstellung der Zukunftsvisionen in Literatur, Philosophie und Politik findet der Rezensent eindringlich und lehrreich.
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