Efeu - Die Kulturrundschau
Es ist wie ein Tango
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.08.2026. Der Standard erliegt der cleveren Kapitalismuskritik und dem Charme einer Kuh namens Anna, die Elfriede Jelinek in Salzburg auf die Bühne bringt. Der Tagesspiegel bewundert in Susch die feministische Kunst Mariuccia Secols. Zeit online pflegt seine Melancholie mit Phoebe Bridgers' drittem Album "Lost Weekend". Die FAS unterhält sich mit Autorin Emma Cline übers Sterben. Die Italiener haben die Sünden ihrer Vergangenheit unter den Teppich gekehrt und pflegen nun eine Kultur der Unschuld, kritisiert die Autorin Melania Mazzucco in der NZZ. Critic.de sieht den letzten Film von Thomas Heise.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.08.2026
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Bühne

Ist das Kunst oder kann das weg? Beate Scheder versucht in der taz in Sachen Volksbad vor der Volksbühne zu vermitteln: "Wasser ist definitiv ein Thema, auch in der Kunst, da schwimmt die Volksbühne gut mit. Wasserspiele gibt es in Venedig unter anderem auch noch im polnischen Pavillon, wo Bogna Burska und Daniel Kotowski einen Chor im Schwimmbad unter Wasser setzen." Solche Überlegungen lagen Matthias Lilienthal eher fern: "Ich brauche kein Cellokonzert oder keine Einzelperformance. Allein schon die Bilder, die durch diese fast nackten Menschen direkt zwischen dem Fernsehturm und der Volksbühne entstehen, finde ich super", zitiert ihn Scheder.
Nachdem eine Schwimmveranstaltung für den Verein Eoto, der das Volksbad ein paar Stunden ausschließlich für schwarze Kinder reservieren wollte, abgesagt werden musste (ob nun wegen rechter Hetze oder wegen defekter Duschen, unsere Resümees), folgt die Debatte einer deprimierenden Logik: Erst regen sich die Rechten auf, dann die Linken, und alle wittern Rassismus. Die Volksbühne entrollt irgendwann ein Banner: Fickt euch. Das Drehbuch dazu hätte man blind im voraus schreiben können. Wer es im Detail nachverfolgen will, wird bei Dominik Lenze im Tagesspiegel fündig.
Weiteres: Esther Slevogt, die einen glücklichen Theatersommer in Griechenland verbracht hat, schickt der nachtkritik einen Brief von dort. Besprochen wird die Aufführung von Antonio Cestis Barockoper "Il pomo d'oro" nach 358 Jahren! bei den 50. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (nmz).
Musik
Ein großer Tag für Melancholiker: Phoebe Bridgers bringt mit "Lost Weekend" ihr drittes Album raus, Léo Solleder spitzt für die Zeit die Ohren. Das Album wartet dank des Produzenten Jack Antonoff mit neuen, synthetischen Klängen statt den typischen Gitarrensounds auf, erfüllt aber doch auch einige Erwartungen: "Bei allen ironischen Brüchen und verloren gegangenen Gitarrenmelodien bleibt die Emotionalität aber doch eine Stärke von Bridgers. Über das Aufbäumen gegen den Tod findet sie im Verlauf von 'Lost Weekend' zur Akzeptanz: 'I fought the wall / And the wall won' heißt es im abschließenden Song 'Lost Weekend (Reprise)'. Die Zeile über den aussichtslosen Kampf gegen die Vergänglichkeit, abgewandelt aus dem Song 'I Fought the Law', der hauptsächlich in einer Version von The Clash bekannt ist, mag sich wie das Eingeständnis einer Niederlage lesen. Auf Lost Weekend jedoch klingt sie wie ein heimlicher Erfolg - und nach einem Ende, das es bei Taylor Swift so bestimmt nicht geben würde."
Weitere Artikel: Gunnar Meinhardt interviewt Gianna Nannini anlässlich des 50. Jubiläums ihres Debütalbums (Wams). In der taz trauert Henrik von Holtum um den Rapper Sensational. Amy Raphael stattet für die FAZ der BRIT School einen Besuch ab, an der Amy Winehouse, Adele und Tom Holland gelernt haben. Der Tagesspiegel checkt die neuen Alben der Woche aus. Fünfzig Jahre "Dancing Queen" von ABBA sind für Thomas Stillbauer in der FR auf jeden Fall Anlass zum Feiern.
Besprochen wird ebenfalls im Tagesspiegel ein Konzert des West-Eastern Divan Orchestra in der Waldbühne Berlin unter dem Dirigat von Daniel Barenboim.
Literatur

Richard Kämmerlings besucht die argentinische Autorin Samanta Schweblin für die Wams in ihrer Wahlheimat Kreuzberg. Ihren Kurzgeschichten merkt er an, dass sie ursprünglich vom Film kommt. "Immer wieder kommt sie im Gespräch auf den 'Kern' zurück, den Dreh- und Angelpunkt ihrer Poetik, und zitiert einen Satz von Rebecca Solnit, der es perfekt treffe: 'A book is a heart that only beats in the chest of another.' Literatur sei etwas, das real zwischen zwei Menschen passiere, dem Autor und dem Leser, 'und nur zwischen diesen beiden Menschen'. Denn jeder lese eine Story anders, je nach seinen persönlichen Erfahrungen. 'Es ist wie ein Tango, man kann es nicht allein tun.'"

Weiteres Artikel: Sara Piazza macht uns in der taz mit einer merkwürdigen Praxis bekannt, bei der Scammer Autoren anbieten, ihre Bücher bekannter machen zu wollen, sie ihnen dabei aber nur das Geld aus der Tasche ziehen. In der NZZ feiert Arnon Grünberg 75 Jahre "Der Fänger im Roggen" von J.D. Salinger. Michael Kleeberg ist für die FAZ auf der Hemingway Conference in Toronto unterwegs.
Besprochen werden unter anderem Jo Cheethams "Love and Rent" (Wams), Boris Schumatskys "Die Seine fließt ins Schwarze Meer" (taz, FAS), Adèle Yons "Mein Name ist Elisabeth" (FAZ) und Yael Inokais "Die Auster" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Joachim Sartorius über Thomas Krügers "The Snows of Kilimanjaro":
"Dem Leoparden, der - in seiner Grundsubstanz
zum Gipfel ausgerichtet, tiefgefroren - still
und starr gen Himmel blickte, schmolzen Fleisch und Fell…"
Film

Der von Thomas Heise kurz vor seinem Tod begonnene Film "Übergang" wurde nun von seinen langjährigen Mitarbeitern Peter Badel und Chris Wright fertiggestellt. Entstanden ist "ein Werk der geräumigen Bilder", schreibt Leonard Krähmer in Critic.de. Es geht um Heises Leben und um "Aufnahmen der Schönhauser Allee. Mal filmt die Kamera durch die Scheiben der S-, U- und Straßenbahnen, mal versucht sie Schritt zu halten mit dem vorüberfließenden Verkehr. Unter den Hochbahngleisen der Station hat sich eine Filiale der Automatenkaffeekette 'LAP' eingenistet. LAP steht für 'Life Among People' und darum geht es Heise, Badel und Wright in 'Übergang' - der nicht zuletzt ein Berlin-Film, zumindest ein Film über ein kleines Stück Prenzlauer Berg ist - irgendwie auch. (…) Die Bilder, aus denen 'Übergang' besteht, sind geräumig; was sie zeigen, ist Raum. Ihr Drehort ist ein Raum des Übergangs par excellence: der Dreh-, Angel- und Verkehrsknotenpunkt Schönhauser Allee mit der Dreifaltigkeit des Berliner Schienenverkehrs: S-Bahn, U-Bahn, Tram. Hier lebte Heise über Jahrzehnte, bis zum Schluss."
Im Interview mit der taz spricht der Regisseur Russell T Davies über seine neue Serie "Tip Toe", die sich um einen schwulen Clubbesitzer und seinen von Hass erfüllten Nachbarn dreht. Schon vor dem Anschlag auf den CSD warnte Davies vor einer Eskalation des Hasses gegen queere Menschen, aber auch vor einem sich verengenden Weltbild, dem er mit der Serie und auch der Figur Stephanie entgegentreten will: "Wenn es darauf ankommt, steht Stephanie auf der richtigen Seite. Am Ende kämpft sie darum, genau die trans Frau zu retten, der sie zuvor kritisch gegenüberstand. Als Sozialarbeiterin hat sie Fälle erlebt, in denen die Möglichkeit der Selbstidentifikation missbraucht wurde. Deshalb vertritt sie diesen Standpunkt. Ich wurde auch dafür heftig kritisiert, eine Figur wie Stephanie überhaupt in die Serie aufzunehmen. Dabei bestätigt diese Reaktion in gewisser Weise genau das, worum es mir geht: Wenn man überhaupt nicht mehr zuhört, sobald sich jemand auch nur einen einzigen Schritt aus dem eigenen Weltbild herausbewegt, wird sich diese ganze Situation niemals besser werden. Und sie muss besser werden, sonst wird am Ende Blut auf den Straßen fließen. Das meine ich vollkommen ernst."
Weitere Artikel: Bert Rebhandl macht sich in der FAZ Gedanken zum "Director's Cut" von Wim Wenders Film "Falsche Bewegung" (unsere Resümees). Gerhard Poppenberg empfiehlt in der FAZ Steven Spielbergs "Lincoln" als perfekten Film zum Unabhängigkeitsjubiläum der USA. Für die FAS interviewt Bert Rebhandl Charly Hübner zu seinem neuen Film "Spaziergang nach Syrakus". Isolde Sellin schreibt in der Zeit, warum es die neu angekündigte "Die wilden Hühner"-Serie unbedingt braucht.
Besprochen werden "The End of Oak Street" von David Robert Mitchell (Tagesspiegel) und "Spaziergang nach Syrakus" von Lars Jessen (Wams).
Kunst



Alla Horskas Mosaik "Boryviter" (Turmfalke), 1967 in Mariupol geschaffen, vor und nach der russischen Invasion 2022. Fotos: Iwan Stanislawski. Unter CC-Lizenz
Jens Malling stellt in "Bilder und Zeiten" (FAZ) die auf der Krim geborene, mit 41 Jahren ermordete sowjetisch-dissidentische Mosaikkünstlerin Alla Horska (1929-1970) vor, deren Wandgemälde, inspiriert von der traditionellen ukrainischen Volkskunst, erst von den Sowjets und jetzt von russischen Besatzungstruppen auf der Krim zerstört wurden. Und der das National Center in Kiew gerade eine große Retrospektive widmet: "Zur aktuellen Wiederentdeckung von Horska in der Ukraine sagt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Lizaveta German: 'Alla Horska stand an der Spitze einer Generation von Künstlern und Dissidenten, die wir Schistdesjatnyky - nach den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts - nennen. Damals fand ein nationales Erwachen statt: Man thematisierte, was es im damaligen sowjetischen Kontext bedeutete, Ukrainer zu sein.' Viel von dem, was die heutige Ukraine ausmacht, wurde von Intellektuellen, Künstlern und Menschenrechtlern dieser 'Sechzigergeneration' entwickelt. Horska gehörte zu dieser Bewegung, die eine kulturell autonome Ukraine anstrebte, sagt German."
Weitere Artikel: Stefan Trinks widmet sich in der FAZ der öffentlichen Restaurierung von Erhart Altdorfers Lübecker Magdalenenaltar, dessen renovierte Farben ihm einen neuen Blick auf die Auferstehung schenkt: kein leichenblasser Jesus mehr, sondern einer mit Apfelbäckchen. Und erst Maria Magdalena, deren 'Ganzkörper-Haargewand' nach der Reinigung offenbart, dass sie eine Blondine war: "Mit den Multi-Sanostol-Bäckchen strahlt nun eine pumperlgesunde Barbie im schnieken Eigenfellmantel aus dem Gehäuse. Kein Zufall ist es, wenn auf dem von Schneidern gestifteten Altar die Heilige selbst als Nackte eine edle Stola als elegantes Accessoire umweht." In "Bilder und Zeiten" (FAZ) erzählt Bernd Eilert, was Hitler unter Kunst verstand: Biedermeier. Hans-Christian Rößler besucht für die FAS das renovierte Gulbenkian-Museum in Lissabon.
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