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08.08.2026. Monopol erliegt in Moritzburg der Farbpracht der Bildbauwerke des Avantgardisten Edmund Kesting. Die Welt findet Wolfram Weimers Idee, eine Porträtgalerie nach Londoner Vorbild zu schaffen, gar nicht so verkehrt. Die FAS erkennt in einem erst jetzt entdeckten Drehbuch von Heiner Müller, wie sehr Müller bereit war, den Aufbau des Sozialismus didaktisch zu begleiten. Die SZ kann nur bewundern, wie es Marshall Allen gelingt, mit 101 Jahren den Free Funk in die Gegenwart zu holen. Und die FAZ weiß, was Tech Bros lesen.
Wie wunderbar, dass das Kunstmuseum Moritzburg in Halle die verblasste Erinnerung an den für seine Fotografie bekannt gewordenen Avantgarde-Künstler Edmund Kesting mit einer farblich "überwältigenden" Ausstellung auffrischt, freut sich Bernhard Schulz bei Monopol. Dabei sind es vor allem Kestings "Bildbauwerke" aus Papier, Pappe und Holz, die Schulz beeindrucken: "Kesting liebte es bunt. Mit den zumal am gleichzeitigen Bauhaus geheiligten Grundfarben Rot, Gelb und Blau hielt er sich nicht lange auf, vielmehr experimentierte er mit allen Farben, die es gab und die ihm zur Verfügung standen. Kesting wird in der Ausstellung, seiner ersten Retrospektive überhaupt, als Experimentator vorgestellt, als einer, der sich nie lange mit dem zufrieden gab, was er einmal geschaffen hatte, sondern sogleich weiterging, auch um den Preis von Widersprüchen oder gar Rückschritten."
Karl Walser: Scene of Kabuki Theater ("Akoya Kotozeme" from Dannoura Kabuto Gunki). 1908 NMB New Museum Biel, on permanent loan from the Gottfried Keller Foundation, Federal Office of Culture Dem "Japonismus-Virus", der Künstler um die Jahrhundertwende erfasste, war auch der Schweizer Maler Karl Walser verfallen, aber Walsers Blick ging über den Blick seiner Zeitgenossen hinaus, erkennt Philipp Meier (NZZ) in der großen Walser-Retrospektive im Nakanoshima Museum of Art in Osaka: "In Walsers Werk… kann auch das moderne japanische Publikum eine längst versunkene Welt erblicken. Denn Karl Walser sah im Japan seiner Zeit vor allem auch ein untergehendes Paradies. Das Land der aufgehenden Sonne befand sich damals in einem radikalen Modernisierungs- und Verwestlichungsprozess, dem sprichwörtlich viele alte Zöpfe zum Opfer fielen. Allerdings pflegten die Schwärmer aus dem Westen vor dem modernen Japan der Telegrafen, Zeitungen und Dampfschiffe die Augen zu verschließen. Nicht so Karl Walser. Er bedauerte in der Verwestlichung den Niedergang japanischer Kultur. Sein beinahe ethnografischer Blick war getrieben von einer ernüchternden Befürchtung: dass das Geschilderte bald und für immer der Vergangenheit angehören könnte."
Tilman Krause kann sich mit der Idee von Wolfram Weimer durchaus anfreunden, in Berlin eine Porträtgalerie nach dem Vorbild der Londoner National Portrait Gallery zu schaffen. Zunächst aber soll es im Berliner Deutschen Historischen Museum eine entsprechende Schau mit "Porträts der deutschen Geschichte" geben, kuratiert von dem australischen Historiker Christopher Clark und der Kunsthistorikerin Julia Voss. Für Weimers Museum gibt es allein in den Depots der Museen genug Material, meint Krause, etwa Franz Seraph Stirnbrand, den Vorzeigeporträtisten im Königreich Württemberg des 19. Jahrhunderts: "Mit seinen klassizistisch aufgefassten Bildnissen, die aber den Vorzug einer oft berührenden Emotionalität der Dargestellten besitzen, gehört Stirnbrand zu den Großen unter den fast vergessenen Berühmtheiten von einst. Der Ausdruck von Emotionalität, auch von Natürlichkeit: Das war einmal eine nationale Eigentümlichkeit der deutschen Bildnismalerei, die man bei dem mondänen Amerikaner John Singer Sargent, dem extravaganten Italiener Giovanni Boldini, dem raffinierten Franzosen Jacques Émile Blanche vergeblich suchen wird." In der SZ fragt Jörg Häntzschel (mehr in 9punkt) allerdings: "Ist es in Zeiten schrumpfender Kulturetats realistisch, eine neue Institution zu gründen?"
Weitere Artikel: Für die Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ trifft Thomas David den amerikanischen Fotografen Louis Mendes. Boris Pofalla trifft sich für die WamS mit Thomas Demand in Berlin. Oliver Meiler wandert für die SZ durch die nach dem Diebstahl der Kronjuwelen wieder eröffnet Galerie d'Apollon im Louvre. Stefan Trinks (FAZ) staunt in der Ausstellung "Radikal. Real. Nouveau Realisme und die Kunst der 1960er Jahre" in der Kunsthalle Mannheim, wie gut sich die Neorealisten wie Christo, Spoerri, Klein oder Saint Phalle gehalten haben und wie aktuell ihre Themen noch heute sind.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Tech Bros in den USA lesen, neben Darstellungen der Geschichte des römischen Imperiums, am liebsten Science Fiction, denn deren Erzählungen "sind eskalierteGegenwart", schreibt der Literaturwissenschaftler Markus Steinmayr in "Bilder und Zeiten" der FAZ. Insbesondere IsaacAsimovs "Foundation"-Zyklus über ein "zusammenbrechendes galaktisches Reich, dem es nicht gelingt, seine Zukunft zu sichern", ist hier ein Stichwortgeber. "Der Protagonist ist ein Mathematiker namens Hari Seldon, Erfinder der 'Psychohistorik'. Diese erscheint als wissenschaftliche Methode zur Sicherung der Zukunft" und "lässt sich als literarische Prognose von Big Data lesen. ... Seldon prognostiziert dem Imperium den Untergang, was natürlich nicht im Sinne des galaktischen Establishments sein kann. Die Gründe, die er für den Untergang angibt, klingen verdächtig nach dem Sound des Silicon Valley." Seldon "wirkt wie ein role model für Peter Thiel, dessen Hang zur Apokalyptik bekannt sein dürfte".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im "Literarischen Leben" der FAZ berichtet Miguel de la Riva, wie es dem Germanisten ClausZittel gelungen ist, bei der Arbeit an einer GesamtausgabeElseOnno als die Schriftstellerin hinter dem Pseudonym ElHor zu identifizieren, die im frühen 20. Jahrhundert in zahlreichen literarischen Zeitschriften publizierte und dann schlagartig verstummte: Ein Archiv in Prag "förderte das entscheidende Fundstück zutage: einen Brief an die Redaktion der Prager Presse, in welchem deren Mitarbeiterin El Ha (die auch als 'El Hor' in der Rampe publizierte) um Belegexemplare an eine Wiener Adresse bei 'Else Onno' bittet." In den vorliegenden Texten erweist sich "Onno als Meisterin der Kurzform, die in wenigen kräftigen Zügen ausdrucksstarke, oft verstörende Bilder zeichnet". Ihre Skizzen "erkunden inmitten behaglicher Unverfänglichkeit sich auftuende Abgründe, beginnen oft geradezu idyllisch und enden im Schock".
Außerdem: Jakob Hayner (WamS) kann den Forderungen einer Initiative, die in Salzburg zum Verkauf stehende Stefan-Zweig-Villa zu einem öffentlichen Haus zu machen, einiges abgewinnen. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert einen von AlexandruBulucz für die Reihe "Tugend und Sünde - Sieben literarische Erkundungen" verfassten Text über das Rumänien der Nachrevolutionszeit. Julian Staib berichtet in der FAZ von einem Zufallsfund: In dem von CarlosRasch geschriebenen und von KonradGolz illustrierten DDR-Kinderbuch "Mobbi Weißbauch" aus dem Jahr 1967 wird ein Buckelwal von einem Schiff aus der Ostsee gerettet - mit erstauntlichen Parallelen zum Fall "Timmy".
Besprochen werden ClemensJ. Setz' Kurzgeschichtenband "Mein Leben als Noiseband" (Standard), JuliaFrancks "Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe. Rilkes letzte Geliebte" (online nachgereicht von der Welt), DaveEggers' "Contrapposto" (taz), BarbaraChase-Ribouds "Die unbekannte Sally Hemings" (FR), FlorianButollos "Das knappe Gut Arbeit. Automatisierung, Arbeitskräftemangel und sozialer Konflikt" (taz), TonyTulathimuttes Kurzgeschichtenband "Fiasko" (WamS) und weitere neue Sachbücher, darunter MiriamMetzes "Unerwidert lieben. Eine philosophische Tröstung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über Lutz Seilers "der aufenthalt":
"eines abends kamen die toten meines hauses vom bahnhof zurück. einer ..."
Szene aus "Cosi fan tutte". Bild: Monika Rittershaus 2008 erstmals in Frankfurt aufgeführt, 2020 in Hochzeiten der Pandemie in Salzburg bereits schon einmal gezeigt, konnte Christof LoysInszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" nun bei den Salzburger Festspielen in Gänze erstrahlen - ein "Festspiel-Traum", bestens gereift, schwärmt Manuel Brug in der Welt: "Christof Loy zieht die Fäden straff, aber seine Spieler agieren so gelassen wie gespannt. Jeder ist als Spieler wie Vokalist großartig, im Quartett sind sie herrlich ausbalanciert, die Timbres mischen sich deliziös, jugendlich neugierig, fruchtig frisch. Dazu der trockene Sarkasmus Alfonsos und die schnippische Zofenschludrigkeit Despinas. Ein Singspielsextett der überirdischen Art. Das Wiedersehen macht es nur noch schöner, weil bis auf die zupackend-mezzopastose Dorabella Viktoria Karkachevas alle wieder mit dabei sind - um sechs Jahre gealtert wie wir alle, aber eigentlich noch besser, distinguierter geworden." Ein wenig verhaltener und doch in Summe ähnlich urteilt Egbert Tholl in der SZ, etwa mit Blick auf Dirigentin Joana Mallwitz: "Sie ist weicher geworden, muss nicht mehr permanent alles durchgestalten, lässt dem Orchester mehr Freiheit, dirigiert immer noch herrlich schwere-, aber nicht körperlos."
In der FAS erzählt Janine Ludwig, Leiterin der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft, von ihrer Entdeckung eines Drehbuchs mit dem Arbeitstitel "Die Brigade", das Müller im Auftrag der DDR-Filmgesellschaft DEFA und auf Grundlage einer Kurzgeschichte der Arbeitsschriftstellerin Marta Nawrat verfasste. Es handelt von der Kollektivierung eines Dorfes - in den 1950er Jahren hoffte man in der DDR noch auf freiwilligen Eintritt von Bauern in die LPG - als das Drehbuch fertig ist, ist aber bereits die Zwangskollektivierung in vollem Gange und so wird es nie verfilmt, weiß Ludwig: Das nun gefundene Drehbuch zeigt allerdings, "wie sehr der junge Müller damals bereit war, den Aufbau des Sozialismus, sei es auf dem Lande oder in der Produktion, kritisch zu begleiten und den didaktischen Auftrag an die Schriftsteller in diesem Prozess anzunehmen. Erst später verstand er, dass seine Stücke längst über die eigene Überzeugung hinauswiesen, denn 'der Text ist klüger als der Autor'."
Weitere Artikel: Rüdiger Schaper plantscht für den Tagesspiegel im Volksbühnen-Pool. Manuel Brug resümiert in der Welt die Salzburger Festspiele.
Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der israelischen Musikerin NogaErez, über die eine Langzeit-Doku kommende Woche in den Kinos startet. Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur GyörgyPálfi über dessen Film "Lebensansichten eines Huhns". Tobias Sedlmaier spricht für die NZZ mit dem Kurator EhsanKhoshbakht, der für das Filmfestival Locarno eine Retrospektive über jene Filmemacher zusammengestellt hat, die in der McCarthy-Zeit auf schwarze Listen gesetzt wurden. Johanna Adorján blickt in der SZ auf die Karriere von Zendaya, ohne die von "Dune" über "Spider-Man" bis zur "Odyssee" kein Blockbuster auskommt. Maria Wieser porträtiert für die FAS den japanischen Regisseur GenkiKawamura, der seit einigen Jahren internationale Erfolge feiert und nun mit "Exit 8" einen Horrorfilm auch in die deutschen Kinos bringt.
Besprochen werden SandraWollners "Everytime" (FAS, unsere Kritik) und der neue "Eberhofer"-Krimi "Steckerlfischfiasko" (SZ).
Beim Salzburger Klavierabend mit Jewgeni Kissin ist die Abwesenheit der Leichtigkeit geradezu drückend anwesend, stellt Jan Brachmann in der FAZ fest. Bei Beethovens Sonate op. 10 Nr. 3 "hört man, wie sich der Bewegungsapparat gegen die Musik sträubt. ... Alles ist Schmerz geworden, nicht nur das große Largo e mesto, das, wie verlangt, breit und traurig gerät. Der fast improvisatorische Charakter des Finales wird zur gewichtigen Etüde in Bedachtsamkeit ohne Verblüffungsabsicht." Und wo Chopin in seinen Mazurken "den Schmerz beiläufig in die Konversation einfließen ließ, hebt Kissin ihn aufs Podest. ... Mehltau liegt auf Kissins Spiel. Ist es das Ungenügen daran, alles schön spielen zu können? Ist es die Müdigkeit an den immer gleichen sechs bis acht Prozent des Klavierrepertoires, die allein auf der Bühne gefragt sind? Ist es die Trauer über den Zustand der Welt, die alle Freude an der Kunst nach unten zieht?"
Im gesegneten Alter von 101 Jahren hat Sun Ras Erbe MarshallAllen mit "101 - An Audio Odyssey" mit zahlreichen prominenten Wegbegleitern ein Album aufgenommen - und sein Alter ist dabei noch nicht einmal die eigentliche Sensation, schreibt Andrian Kreye in der SZ. Die bestehe vielmehr darin, mit welchem "Ungestüm, Experimentierlustund Sinn für Groove" Allen und seine Mitstreiter "das Genre des Free Funk in die Gegenwart geholt" haben. Quintessenz des Gipfeltreffens ist die Nummer 'Extraterrestrial Groove'. Das beginnt mit einem mächtigen Schlagzeug, das man sofort als Schleife unter einen Hip-Hop-Track legen könnte. Tacuma lässt dann seinen Bass aufgrollen, dem er mit einem Octaver noch zusätzlichen einen Schub gibt. ... Wilkins und Allen nehmen darüber die harmolodische Idee sehr ernst. Wilkins sticht, wie auch im Rest des Albums, mit strahlenden Linien heraus, die sich immer wieder aus der Tonalität lösen und dann wieder zurückfinden. Allen lässt das Gefüge darüber mit seinen Cluster-Eruptionen in sämtliche Richtungen des Universums zerstäuben."
Außerdem: "Plötzlichisterda, derachteTon", jubelt Thomas Wochnik, der für den Tagesspiegel nach Halberstadt gefahren ist, wo bei der bis 2640 andauernden Aufführung von JohnCages "ORGAN²/ASLSP" mal wieder Zeit für etwas Neues war: "Eine bloße Nuance im schon bestehenden Gesamtklang, eine Öffnung im mittleren Register und klanglicher Aufheller, der den Raum plötzlich etwaslichter wirken lässt." Der Musikindustrie geht es mit traumhaften Wachstumszahlen absolut blendend, nur kommt von diesem Segen selbst bei Künstlern mit mittlerer Reichweite kaum etwas an und dann zerschlägt Wolfram Weimer auch noch die Förderung von Popkultur, ärgert sich Detlef Diederichsen in der taz. Bjørn Schaeffner klagt in der NZZ darüber, wie der Techno seine Underground-Wurzeln in den Neunzigern verraten hat. Luzi Bernet schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den italienischen Sänger FrancescoGuccini. Tobias Rüther versucht in der FAS dem Geheimnis von ABBAs heute vor 50 Jahren veröffentlichtem Smash-Hit "Dancing Queen" auf den Grund zu gehen - vielleicht besteht es ja darin, "von sich selbst zu handeln, davon, was Popmusik ist und für die Menschen tun kann, die sie hören", um auf diese Weise "der größte Popsong, der je geschrieben wurde", zu werden, "weil er von allen anderen weiß, die auch geschrieben wurden und werden".
Besprochen werden die Memoiren des Hiphop-Pioniers Fred "Fab5 Freddy" Brathwaite (taz), ein Konzert des Jazzgeigers AdamBałdych in Frankfurt (FR) und ein Konzert von AlbrechtMayer in Kloster Eberbach (FR).
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