9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2026. Die KI ist in allen Zeitungen, nicht nur wegen der Enzyklika des Papstes unter dem Titel "Magnifica Humanitas", sondern auch in theoretischen Überlegungen der Sozialtheoretikerin Anna-Verena Nosthoff, die es - wie der Papst - in der Zeit ablehnt, den Menschen als "Fleischcomputer" zu betrachten. Unterdessen verliert laut FAZ vor allem eine Kategorie Mensch durch KI ihre Jobs: Frauen. Die SZ druckt Güner Balcis Plädoyer für einen humanistischen Patriotismus.
23.05.2026. In der taz erzählt die iranische Autorin Mina Khani, wie es sich anfühlt, noch im Exil von den iranischen Schergen bedroht zu werden. Auch die Drohungen gegen Josef Schuster und Volker Beck zeigen für die FAZ die Aktivitäten der Mullahs auf deutschem Boden. Was passiert, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt an die Regierung kommt, fragt die SZ. Die taz liest zur Beantwortung dieser Frage ein Buch des rechten Cheftheoretikers Benedikt Kaiser. In der FAS fordert Raphael Gross eine neue Vergangenheitsbewältigung.
22.05.2026. Die antiisraelische Obsession westlicher Öffentlichkeiten schadet vor allem diesen selbst, meint Bret Stephens in der New York Times. Was hat die FAZ da mit Thalia zu laufen und warum müssen die Buchverlage dafür 65.000 Euro bezahlen, fragt die SZ. Des Bedünkens der FAZ nach könnte der Duden obsolet sein. Und die Ruhrbarone träumen nach der "re:publica" von der Zukunft des Internets: "Bergdoktor" schauen auf einem öffentlich-rechtlichen Facebook.
21.05.2026. Italien hat seine faschistische Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet, das hat Folgen, warnt in der FAZ der Autor Antonio Scurati. In der taz fragt der estnische Sicherheitsexperte Marek Kohv die Westeuropäer: Wollt ihr mit hohen Gehältern und guten Renten in einen Dritten Weltkrieg ziehen oder mit einer exzellenten Armee? Die FAZ stellt einen Plan zur Randbebauung des Tempelhofer Feldes vor, der wie die buchstäblich eierlegende Wollmilchsau anmutet. 54books erklärt, warum die einen Autoren 160.000 Euro Vorschuss bekommen, die anderen nur 15.000.
20.05.2026. Der Guardian ist enttäuscht, dass die Labour-Hoffnung Andy Burnham eine Rücknahme des Brexit nicht diskutieren will. In der FR meint Richard Sennett: Die Briten wissen, dass er ein historischer Irrtum war, können aber nicht mehr zurück. Die SZ warnt vor einer "Antisemitismus-Epidemie" in Britannien, zu der auch die Green Party gehört. Die SZ dokumentiert Dan Diners Rede zur Ausstellungseröffnung des Archivs Salamander. Die FAZ skizziert Ideen, wie Urheberansprüche gegenüber dem Text-Mining der KI durchgesetzt werden können.
19.05.2026. In Frankreich geschieht etwas Unheimliches: eine Machtübernahme der extremen Rechten in der Kulturindustrie - wir zitieren Le Monde, die SZ und andere. Was ist, wenn das Mullah-Regime schon ganz schön zerpflückt ist, und keiner will es wahrhaben, fragt Bernard-Henri Lévy in Le Point. Swetlana Alexijewitsch sieht Belarus und Russland im NZZ-Interview auf dem Weg in den Faschismus: " Das ist nicht nur Putins Wille. Das ist tief in den Völkern drin." Die FAZ fragt: Ist Faschismus der angemessene Begriff für die jüngsten Entwicklungen? In der NZZ verzweifelt Alice Schwarzer über die Tech-Bros, die eine Welt ohne Frauen schaffen.
18.05.2026. "Und als all das vorbei war und diese Verbrecher immer noch nicht genug hatten, zerstörten sie den Frauen das Gesicht." Die Sunday Times resümiert nochmal den Bericht der "Civil Commission" zur sexuellen Gewalt am 7. Oktober. In der TU Berlin war Wasser im Keller und bedrohte die Elektrik. Hat wohl keiner gemerkt. Und die Herrentoiletten zwischen dem zweiten und dem achten Stock gingen auch nicht: Kein Wunder dass die TU jetzt geschlossen ist, so die SZ. Und der Deutschen Bahn geht's auch nicht besonders, diagnostiziert Andreas Maier in der FAZ. Die Piusbrüder werden immer mehr, so die FAZ. Ob Exkommunikation hilft?
16.05.2026. Putin steht mit dem Rücken zur Wand - das macht ihn noch gefährlicher für Europa, warnt die Politikwissenschaftlerin Hanna Notte bei Zeit Online. Die Deutschen müssen ihre Idee von Frieden überdenken, fordert der Historiker Eckart Conze in der FAZ. Die ökonomische Lage in Deutschland ist bei Weitem nicht so schlecht, wie oft behauptet wird, erklärt der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff im FR-Gespräch. In der FAZ ärgert sich die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über marode deutsche Universitäten: Wenn der Staat "Orte des Wissens" verfallen lässt, ist das ein schlechtes Zeichen für die Demokratie.
15.05.2026. Der Antisemitismus der Moderne ist häufig als eine Art umgeleitete Selbstkritik zu lesen, erklärt Armin Nassehi in Zeit online. Michel Foucault hasste staatliche Fürsorge, ist er also überhaupt als links zu lesen, fragt die taz. Der israelische Staat wird die New York Times wegen Verleumdung verklagen, berichtet die Times of Israel. Will die AfD die Eugenik wieder gesellschaftsfähig machen, fragt die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog in der SZ.
13.05.2026. Im Interview mit der FAZ schmeichelt sich Jordan Bardella vom französischen Rassemblement National an die Regierung Merz und distanziert sich von der AfD. Politico erkennt darin eine größere Strategie: Bardella träumt von einer Achse Rom-Berlin-Paris. In der FR glaubt der Politikwissenschaftler Johannes Varwick an ein Ende des Ukrainekriegs, wenn man Russland mehr nachgibt. In der Zeit warnt der Anwalt Wolfgang Kaleck davor, das Völkerrecht als Utopie abzuschreiben. Die NZZ blickt seit dem Krieg um die Straße von Hormus mit Sorge auf Singapur.