28.07.2026. Nach dem CSD-Attentat fragen die Medien nach einem möglichen Versagen der Behörden, zu diesem Zeitpunkt sicher zurecht. Aber das eigentliche Versagen lag vorher. Der Attentäter Abdul Ballout war Deutscher. Er sprach Deutsch. Er ist auf deutsche Schulen gegangen. Er wurde von deutschen Lehrern betreut. Ballout ist trotz seiner deutschen Sozialisierung abgedriftet. Was sagt das über die Qualität der Sozialisierung? Über einen Elefanten im Raum.
Nach dem CSD-Attentat fragen die Medien nach einem möglichen Versagen der Behörden, zu diesem Zeitpunkt sicher zurecht. Aber das eigentliche Versagen lag vorher. Der Attentäter Abdul Ballout war Deutscher. Er sprach Deutsch. Er ist auf deutsche Schulen gegangen. Er wurde von deutschen Lehrern betreut. Deutsche Sozialarbeiter mögen sich mit ihm befasst haben.
Ballout ist trotz seiner deutschen Sozialisierung abgedriftet. Was sagt das über die Qualität der Sozialisierung? Was haben all jene falsch gemacht, die hätten agieren sollen, bevor Ballout zu einem Sicherheitsproblem wurde?
Noch in der Debatte über die Sicherheitsaspekte zeigt sich das Versagen der deutschen Gesellschaft vor dem Problem der Integration. Es ist übrigens auch eine Debatte, die die Problematik von der Gesellschaft auf die Regierung und den Staat verschiebt. Medien, Kirchen, Politiker machen es sich mit dieser Verschiebung einfach.
Vollends absurd ist eine Intervention wie die Niklas Maaks in der FAZ, der aus dem Problem eine städtebauliche Debatte macht. Er fragt drei Tage nach dem Anschlag, ob man die Poller, die deutsche Weihnachtsmärkte wie Monumente unserer Angst einfassen, eleganter gestalten könnte. Auch in diesem Ansatz zeigt sich, dass die deutsche Gesellschaft vor der Herausforderung durch den Extremismus schon kapituliert hat.
Wir geben Millionen für die Poller am Breitscheidplatz aus, aber wir verweigern die Debatte über die Frage, warum schon Mädchen unter 14 an deutschen Schulen Kopftuch tragen dürfen. Gewiss, man kann das Problem nicht auf die Lehrer und Lehrerinnen abwälzen, die sich im Alltag mit den Gewaltverhältnissen an den Schulen arrangieren müssen. Es ist ein Problem der ganzen Gesellschaft.
Infrage zu stellen wäre schon das wie ein religiöses Dogma wiederholte Mantra, dass der Islamismus mit dem Islam nichts zu tun habe. Umgekehrt wäre in der Tradition aufgeklärter Religionskritik zu fragen, ob nicht schon der Islam ein Islamismus ist - selbstverständlich ohne in Frage zu stellen, dass die übergroße Mehrheit der Muslime friedlich lebt und, wenn schon nicht unbedingt die Ideen, dann wenigstens die Regeln hiesiger Gesellschaften respektiert. Der Islam aber agierte seit je als eine Religion der Eroberung - und reagierte damit auch auf den Universalismus des in diesen Dingen keineswegs unschuldigen Christentums. Bis heute zeigen die unterworfenen, meist in die Berge geflüchteten Minderheiten in arabischen Ländern, die Gewalt dieser Kolonisierung. Wenige Gruppen wie die Jesiden konnten eine eigene Identität aufrechterhalten, mit welchen Opfern? Christen und Juden sind spätestens seit dem 20. Jahrhundert fast vollständig vertrieben. Der Prozess ist nicht zu Ende, wie die Verfolgungen der Christen in Nigeria zeigt.
Wer heute noch wiederholt, dass der Islamismus nichts mit dem Islam zu tun habe, beweist nur, dass ihm am Status Quo gelegen ist. In der Tat gibt es große Gruppen in der hiesigen Gesellschaft, die von einem Arrangement mit dem Islam - der heute in den meisten Fällen ein "politischer Islam" ist - profitieren. Parteien werben um muslimische Wähler, auch um den Preis eines israelbezogenen Antisemitismus, Kirchen unterstützen den Anspruch von Muslimen auf einen konfessionsgebundenen Religionsunterricht, weil sie um ihren eigenen Status fürchten, Medien, vor allem öffentlich-rechtliche, würden es niemals wagen, diese Konsense in Frage zu stellen. DissidentInnen des Islam wie Güner Balci, Ahmad Mansour, Necla Kelek und einige andere weisen seit Jahrzehnten auf diese Widersprüche hin. Es ist nicht so, dass ihre Stimmen nicht gehört werden - aber werden sie verstanden?
Die von der deutschen Politik lange umworbenen Islamverbände haben sich inzwischen in der üblichen Prosa vom Attentat auf den CSD distanziert. "Aber lest genau, was fehlt ", schreibtEren Güvercin zur Pressemitteilung des Koordinationsrats der Muslime auf Twitter: "Kein Wort darüber, wer angegriffen wurde - queere Menschen. Kein Wort zum Ort des Anschlags - der CSD. Kein Wort darüber, was das Motiv war - Islamismus. Solidarität, die weder das Ziel noch den Täter benennt, ist keine Solidarität. Sie ist eine Leerstelle."
Güvercin verlinkt auch die Reaktion des Vorsitzenden des Islamrats, Burhan Kesici, auf eine Werbekampagne des "Arbeitskreises Politischer Islam" (AK Polis). Diese Organisation steht humanistischen Netzwerken nahe. Sie hatte eine Plakatkampagne unter dem Motto "Ich bin Muslim/Ich bin Muslimin" lanciert, in der Integration gefeiert werden soll. Ein Plakat zeigt eine muslimische Frau, die sich für einen nicht muslimischen Partner entschieden hat, ein anderes ein schwules muslimisches Pärchen. Dazu sagte Kesici im ZDF: "Ich finde die Kampagne sehr schwach, vor allem die Themen, die ausgesucht wurden, sind problematisch. Ich finde Kampagnen sehr gut, damit man bestimmte Sachen darstellt, aber nicht in der Form, dass man Abnormalitäten als normal darstellt."
Plakatkampagne des AK Polis. Die Bilder wurden KI-generiert, weil keine konkreten Personen gefährdet werden sollten.
Ich glaube Kesici, dass er Gewalt gegen die deutsche Gesellschaft aus innerstem Herzen ablehnt, aber jene "Abnormalität", die er als Islamfunktionär empört von sich weist, ist genau jene mühsam erkämpfte sexuelle Freiheit demokratischer Gesellschaften, in die Ballout sein Auto steuerte mit der Absicht, möglichst viele Menschen umzubringen.
Die Übergänge sind fließend, wie in jedem politischen Extremismus. Nicht jeder Rechte ist ein Nazi und greift zum Baseballschläger, aber schon recht milde Rechtspopulisten glauben an die Idee des "großen Austauschs" oder andere Verschwörungstheorien. Nicht jeder Linke möchte die Israelis physisch aus Israel heraustreiben, aber das Existenzrecht Israels möchte er schon bestreiten dürfen. Wehret den Anfängen, kann man da nur rufen.
Es ist zu spät, den Streit erst zu suchen, wenn sich Sicherheitsfragen stellen. Dann lässt er sich kaum mehr auf zivilisierte Art führen. Demokratie ist institutionalisierter Streit. Wenn der Streit vermieden wird, steht er als Elefant im Raum. Zoologen bestätigen: Elefanten im Raum sind gefährlich.
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