Essay

402 Artikel - Seite 2 von 34

Wir dürfen nicht schweigen!

Essay 08.05.2025 Der Fall Boualem Sansal sollte auch die deutsche Öffentlichkeit aufstören. Er zeigt, wie ein Gewaltregime seine zerstörerische Wirkung auch in den europäischen Ländern des Exils entfaltet: Algerische Intellektuelle fühlen sich nicht nur in Algerien bedroht. Überdies zeigt der Fall, wie sich hier ein instrumentalisierter linker Diskurs mit dem Islamismus verbündet. Dieser "Islamogauchisme" ist ebenfalls eine Gefahr für die Länder der EU. Daher der Appell an die neue Bundesregierung: Setzen Sie ein Zeichen für Boualem Sansal! Von Naila Chikhi

Die Steigerung von Sterben

Essay 09.04.2025 Dass man das Nichtsein, Nichtmehrsein noch steigern kann, ist nicht nur evolutionsbiologisch abgründig. Es fängt damit an, dass die deutsche Sprache für die Steigerung von sterben nur ein Präfix bietet, dessen Substantivierung den Anschein eines Prozesses erweckt, der sich endlos hinzieht, statt eines Endzustands. Was ausstirbt, lebt noch, Grund zur Sorge zwar, für Rote Listen etwa, aber noch nicht zu spät. Eine Meditation über (uns) Endlinge. Von Daniele Dell'Agli

Ohne Freiheit keine Kunst

Essay 19.02.2025 Im Pariser Institut du Monde Arabe fand gestern ein Solidaritätsabend für Boualem Sansal statt. Der Schriftsteller Erik Orsenna gab seiner Enttäuschung Ausdruck, wie Algerien seine Befreiung in neue Unfreiheit eintauschte. Die heftigsten Angriffe gegen die algerischen Betonköpfe und ihre "postkolonialen" Komplizen, die Sansal selbst die Schuld an seiner Verhaftung zuschieben, fuhren Pascal Bruckner und Emmanuel Carrère auf. Europa muss vor dem Berliner Solidaritätsabend am 7. März seine Anstrengungen für die Freilassung des erkrankten Schriftstellers intensivieren. Von Claus Leggewie

Ein dummer und barbarischer Akt

Essay 13.01.2025 Boualem Sansal ist Opfer eines erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Chaos geworden, das zu entschlüsseln wäre. Die algerischen Machthaber haben einen renommierten Autor und alten Mann, um dessen Gesundheit man ernsthaft fürchten muss, zum Sündenbock gemacht. Mit der Stilisierung eines äußeren Feindes versuchen sie ihr verunsichertes Regime mit einer karikaturalen Neuauflage des Unabhängigkeitskrieges und der Entkolonialisierung zu stützen. Es wäre Zeit, dass auch die in Algerien gut angesehene Bundesregierung sich für den Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels stärker einsetzt. Von Claus Leggewie

Wenn du sprichst, wenn du schweigst

Essay 10.01.2025 Einen Trost hat Boualem Sansal: Er ist nicht allein. Seit Beginn des Hirak im Jahr 2019 haben die Festnahmen wegen Meinungsdelikten in Algerien stetig zugenommen. Bis heute werden mehr als 200 AktivistInnen, JournalistInnen, StudentInnen oder BloggerInnen der Anstiftung zur Gewalt, der Störung der öffentlichen Ordnung und/oder der Gefährdung der nationalen Einheit beschuldigt. Sansals Ansichten sind kühn, und seine Kritik am Islamismus ist kompromisslos. Westliche Linke, die ihn kritisieren, verkennen, dass der Islamismus für jede Laizistin und jeden Laizisten muslimischer Tradition eine reale Gefahr ist. Von Naila Chikhi

Die Fatwa als Handlungsmodell

Essay 09.01.2025 Niemand hätte heute mehr den Mut, die "Satanischen Verse" zu schreiben, geschweige denn zu publizieren. Zu machtvoll ist das mit der Fatwa wieder errichtete Tabu. Aber die Fatwa war auch inspirierend: Im Kleinen hat die westliche Linke nach 1989 das Modell der Fatwa immer  wieder kopiert und sich angeeignet. Die Fatwa  als neues Verfahren zur Einschüchterung der Mehrheit begründete das Bündnis zwischen westlicher Linker und dem Islamismus. Auszug aus dem Buch "Das verordnete Schweigen", das am Montag in Berlin vorgestellt wird. Von Thierry Chervel

Vertrauenskrise - Wohlstandskrise - Identitätskrise

Essay 17.12.2024 Das Jahr 2024 war ein Jahr der dramatischen Umbrüche, nicht nur wegen der Kriege, sondern auch wegen der politischen Krisen in den wichtigsten Ländern des Westens: In den USA und Frankreich ist diese Krise akut. Deutschland steht am selben Abgrund - wie weit entfernt, entscheiden die Bundestagswahlen. All diese Länder sind überdies von diskursiv kaum zu lösenden Polarisierungen gekennzeichnet, gegen die nur ein antitotalitärer Konsens und die Wiedergewinnung von Politik helfen. Von Ulrike Ackermann

Der Anti-Politiker schlechthin

Essay 29.11.2024 Rumänien findet sich selten in den deutschen Nachrichten. Vor 35 Jahren etwa, als es aus der Dunkelheit heraustrat. Nun treffen wieder verwirrte Blicke auf die flimmernden Bildflächen. Mit dem rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Călin Georgescu hatte niemand gerechnet. Er ist ein Politiker der Rache, ein Putin-Fanatiker, der Journalisten zurechtweist wie ein kommunistischer Rektor. Ein gefährlicher Mann in einem Land, das in den besagten 35 Jahren keine Zivilgesellschaft entwickelt hat. Von Luca Oprea-Calin

Reif für die Responsivität

Essay 20.09.2024 Demokratie im Test: Warum Menschen oft irrational, manchmal sogar gegen ihre eigenen Interessen wählen, ist immer noch nicht hinreichend erforscht. Mit "kognitiver Dissonanz" ist das Phänomen jedenfalls nicht zu erklären. Schon eher mit den Paradoxien einer verweigerten Responsivität bei Regierenden und Regierten gleichermaßen. Diese wiederum zeugt vor allem von einem - schon im Grundgesetz angelegten - Unverständnis für den experimentellen Charakter von Demokratie. Von Daniele Dell'Agli
⊲⊳
1|2|3|4|5|6|7|8|9|10|11|12